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Poetischer Wandel

Wer hätte das gedacht. Ein Bischof bedient sich beim Jahresempfang seines Bistums des Zitates eines Ex-Kommunisten, der inzwischen sogar von der CSU zu ihrer Winterklausur in Wildbad Kreuth eingeladen worden ist. Hätte man das meiner katholischen Großmutter in den fünfziger Jahren erzählt, hätte sie es für ein Ding der Unmöglichkeit gehalten.

Doch was zeigt den Wandel der Zeit besser, als der wunderbare Satz des Lyrikers und Liedermachers Wolf Biermann: "Nur wer sich ändert, bleibt sich treu." Eben diesen Satz wandelte Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck beim Jahresempfang in der Katholischen Akademie in sein Jahresmotto um, das er gleich dem ganzen Ruhrgebiet ans Herz legte. "Nur wer sich treu bleibt, ändert sich." Offensichtlich wollte der Bischof dann doch nicht ganz den Biermann machen. Aber wie man es auch dreht und wendet. Beide Sätze sagen doch das eine: Gerade dann, wenn man sich Werten, Menschen und Botschaften verpflichtet fühlt, tut man gut daran, sich selbstkritisch zu fragen, ob und wie man sich wandeln muss, um das im Heute zu leben und zu sein, was einem wichtig ist und was man sein will, ohne dabei zum Abziehbild der eigenen Illusionen zu werden.

Insofern sind Overbecks und Biermanns Credo zwei Seiten der selben Medaille, die uns nicht nur an der Ruhr zeigen, das man mit der Zeit gehen muss, wenn man nicht gehen will mit der Zeit. Und auch wenn wir alle wissen, dass wir irgendwann das Zeitliche segnen und von dieser Erde gehen müssen, wollen wir doch nicht vor der Zeit den Bach hinuntergehen, weil uns das Wasser bis zum Halse steht und wir den Kopf hängen lassen. Auch da hilft uns eine Lied- und Gedicht-Zeile Wolf Biermanns, die der Ruhrbischof bei seinem nächsten Jahresempfang in der Wolfsburg zitieren könnte, wenn er wollte:

 "Du, laß dich nicht verhärten in dieser harten Zeit. Die allzu hart sind, 
brechen, die allzu spitz sind, stechen und brechen ab sogleich".


Dieser Text erschien am 16. Januar 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

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