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Eine Stadt - Zwei Welten

Ich gehe durch die Stadt und höre Klagen. Menschen klagen wie schlecht es ihnen geht und wie viel schlechter es ihnen aller Voraussicht nach gehen wird in der Zukunft. Früher sei alles besser gewesen und man habe mehr vom Leben gehabt, höre ich. Mein Gott. Unsere Stadt scheint ein Jammertal zu sein. Doch dann sehe ich die gleichen Menschen in den Cafés und Restaurants sitzen: Dort berichten sie ihren Tischgenossen vom neuen Auto und vom Urlaub.  Und auf manchen Gehwegen ist für den eingeborenen Fußgänger kaum ein Durchkommen, weil dort ein wuchtiger Geländewagen nach dem anderen auf seinen Fahrer wartet. Der shoppt gerade und beschwert sich an der Kasse über die unverschämten Parkgebühren, die ihm den Einkaufsspaß vermiesen und demnächst dazu zwingen zuhause im Internet einzukaufen und dann am Küchen- oder Stammtisch darüber zu klagen, dass es in der Innenstadt nichts mehr zu kaufen gebe. Doch ich gehe weiter durch die Stadt und treffe auf die alleinerziehende Mutter, die sich und ihre Kinder mit mehreren Minijobs über Wasser hält und sich über das preiswerte Kleidungsstück aus der Secondhand-Boutique freut. Ich treffe die alte Trümmer-Frau, die als Flaschensammlerin ihre Mini-Rente aufbessert, aber nicht klagen und auch nicht zur Sozialagentur gehen will. Ich staune über den Elan des Händlers, der allen Unkenrufen zum Trotz jeden Morgen sein Geschäft aufsperrt oder seinen Marktstand aufschlägt. Er legt sich jeden Tag aufs neue unverdrossen ins Zeug, um seine noch fußläufigen Kunden bei der Stange zu halten, damit er seine Ladenmiete, seine Standgebühr und seine Steuern zahlen kann. Und ich freue mich mit dem Zuwanderer aus dem Bürgerkriegsland, der mir strahlend und stolz von seiner Arbeit als Busfahrer erzählt, mit der er jetzt seine Familie ohne Arbeitslosengeld 2 ernähren kann. Ich gehe durch eine Stadt und bewege mich durch zwei Welten. Schade, dass manche Nachbarn so nah- und doch so fern voneinander sind. Würden sie mal miteinander sprechen, sähen sie ihr Leben in unserer Stadt vielleicht mit ganz neuen Augen.

Dieser Text erschien am 8. Januar 2019 in der Neuen Ruhr Zeitung

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