Mittwoch, 29. März 2017

Pflege daheim: Zum Schluss bleibt die Dankbarkeit Helga Terwint erzählt, wie sie ihren demenzkranken Ehemann Friedel daheim gepflegt hat: Obwohl sie als gelernte Altenpflegerin vom Fach war, führte sie diese Herausforderung an ihre persönlichen Grenzen

Helga Terwint
Alzheimer und Demenz. Es gibt wohl weinige Worte, die in unserer alternden Gesellschaft so angstbesetzt sind, wie eben diese Diagnosen. Das Demenz-Service-Zentrum Westliches Ruhrgebiet geht davon aus, dass derzeit 3000 Mülheimer an Demenz erkrankt sind. Wie verändert es das eigene Leben, wenn der über Jahrzehnte vertraute Partner nicht  mehr derselbe ist und  rund um die Uhr betreut werden muss? Wie kann man sich in dieser extremen Situation als pflegender Angehöriger helfen und  helfen lassen?
Ein Gespräch mit der 83-jährigen Helga Terwint, die ihren demenzerkrankten Mann Friedel von 2008 bis zu seinem Tod 2011 zu Hause in Styrum gepflegt hat, bringt aufschlussreiche Einblicke.

Wann haben Sie gemerkt, dass mit ihrem Mann etwas nicht stimmt?

Terwint: Als er eines Tages neben mir im Bett lag und weinte und plötzlich sagte: Ich vergesse alles. Ich hatte zuvor auch schon bemerkt, dass er immer öfter Dinge vergaß oder Sachen verlegte und nicht mehr wusste, wohin er sie verlegt hatte.
Wie haben Sie reagiert?
 In dieser Situation habe ich ihm einfach gesagt: Ich denke jetzt für dich mit.

Sind Sie zu einem Arzt gegangen?

Ja. Der hat versucht, mit meinem Mann einen entsprechenden Diagnosetest zu machen, bei dem er bestimmte Dinge zeichnen sollte. Doch das hat mein Man einfach nicht mitgemacht. Ich war mir trotzdem über seine Krankheit im Klaren, da ich als Einsatzleiterin für einen ambulanten Pflegedienst gearbeitet habe. Deshalb wusste ich um die Symptome einer demenziellen Veränderung.

Wie sah Ihr Alltag aus?

 Mein Mann und ich haben eine gute Ehe geführt. Aber jetzt wurde alles anders und es wurde immer schlimmer?

Was bedeutet schlimmer?

Es gab Situationen, in denen mein Mann mich und unseren Sohn oder unsere Freunde nicht mehr wiedererkannte und dann auch aggressiv wurde.

Wie sahen diese aggressiven Verwirrungszustände aus?

Dann griff mich mein Mann plötzlich am Arm und stieß mich weg, was er sonst nie gemacht hatte. Oder er sagte: „Verlassen Sie meine Wohnung oder ich rufe die Polizei!“ Und wenn ich ihm dann sagte: „Wir sind doch verheiratet“, antwortete er mir: „Nein. Mit Ihnen bin ich nicht verheiratet. Sie sind ja eine alte Frau!“ Auch gemeinsame Freunde, die wir eingeladen hatten,  warf er mit den Worten: „Habt ihr keine eigene Wohnung?“ hinaus.

Was haben Sie in solchen Situationen gemacht?

Aus meiner beruflichen Erfahrung, wusste ich, dass es keinen Sinn macht, demenziell veränderten Menschen zu widersprechen, wenn sie in ihre eigene Welt abgetaucht sind. Ich habe deshalb dann einfach mitgemacht, meinen Mantel angezogen und die Wohnung verlassen. Anfangs habe  ich immer im Keller abgewartet, bis sich mein Mann wieder beruhigt hatte. 

Später durfte ich dann in der Wohnung unserer Hausnachbarn und Mieter abwarten. Und wenn ich dann nach einiger Zeit wieder in unsere Wohnung ging, kam mir mein Man entgegen, als sei nicht gewesen und meinte: „Da bist du ja endlich. Ich habe schon auf dich gewartet.“

Konnte Ihr Sohn Ihnen helfen?

Nur in Grenzen, weil er als berufstätiger und alleinerziehender Vater in Mannheim lebt.

Wo fanden Sie Hilfe?

Zunächst hat mir eine befreundete Sozialarbeiterin geholfen, Pflegegeld zu beantragen. Und dann kam einmal pro Woche die Mitarbeiterin eines ambulanten Pflegedienstes ins Haus. Sie kümmerte sich dann für einige Stunden um meinen Mann, so dass ich mal einen Stadtbummel machen und ein Café besuchen oder mich einfach nur mal ausschlafen konnte. Über den Pflegedienst bekam ich auch Kontakt zur örtlichen Alzheimergesellschaft und zu Demenz-Cafés, zu denen ich mit meinem Mann gehen und dort Menschen treffen  konnte, die mich verstanden, weil es ihnen genauso erging, wie mir.

Auch die Tipps der Pflegedienst-Mitarbeiterin haben mir sehr geholfen. Sie riet mir, zum Beispiel unser Hochzeitsfoto aus dem Jahr 1955 und andere alte Fotos in unserer Wohnung aufzustellen. Das hat meinen Mann sehr beruhigt. Indem wir uns gemeinsam an unsere Hochzeit, an Reisen und Familienfeste erinnerten, hatten wir gemeinsame Erinnerungen und damit gemeinsame Gesprächsthemen. Auch wenn wir gemeinsam unser Stammlokal besuchten und er vom Wirt, der sehr einfühlsam auf ihn einging, sein Lieblingsgericht – Schweine-Filet mit Paprika-Gemüse – bekam, war für meinen Mann und mich die Welt für einige Zeit wieder in Ordnung.

Und wie haben Sie Ihren normalen Alltag bewältigt?

Ich habe meinen Mann überall hin mitgenommen und begleitet. Einmal hatte ich beim Friseur den Kopf unter Wasser, als es ihm zu lange dauerte und er plötzlich in unser Auto stieg und weg fuhr. Ich habe natürlich einen Schrecken bekommen. Doch nach einiger Zeit kam er wieder und brachte zwei Hosen mit, die er sich in der Stadt gekauft hatte. Manchmal hatte er ja auch in seiner Krankheit geistig helle Momente.

Wie schauen Sie auf die letzten Jahre mit Ihrem Mann zurück?

Ich bin dankbar dafür, dass mein Mann und ich eine glückliche Ehe mit schönen Erlebnissen führen durften und das ich ihm in seinen letzten Jahren helfen konnte.

Haben Sie selbst Angst davor, an Alzheimer zu erkranken?

Nein. Ich habe gute Gene und will noch sehr alt werden. Ich bin in einem Sportverein aktiv, engagiere mich in einem Demenz-Café für Kranke und ihre Angehörige und habe mir gerade erst ein neues Auto gekauft. Denn ich bin noch neugierig auf das Leben.

Wertvolle Hinweise und Informationen zum Thema bietet die Internetseite der Alzheimer-Gesellschaft Mülheim unter: www.alzheimer-muelheim.de

Dieser Text erschien am 29. März 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

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