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Platz in der Herberge Die Speldorferin Imke Alers berichtet über ihre Erfahrungen als Gast-Mutter eines syrischen Flüchtlings

Imke Alers und ihre gastfreundliche Familie
Foto: privat
Imke Alers hält ein schönes Foto in Händen. Gemacht hat es der Fotograf der Duisburger Philharmoniker, bei denen die 56-jährige Speldorferin Oboe spielt. Es zeigt sie zusammen mit dem syrischen Mitt-Zwanziger Mustafa. Es zeigt zwei Menschen, die aus unterschiedlichen Welten kommen und doch vertraut miteinander sind.

Auf dem Foto, das Mustafa mit Rücksicht auf seine noch in Syrien lebenden Eltern ebenso wenig in der Zeitung sehen möchte, wie seinen richtigen Namen, zeigt einen jungen Mann mit freundlichen und ernsten Augen und eine reife Frau, der man ansieht, dass sie weiß, was sie will und wo es im Leben lang geht.

Die Vertrautheit der Beiden hat mit den vier Monaten (von August bis Dezember 2015) zu tun, in denen Mustafa nach seiner Flucht aus Syrien und einer Zwischenstation in Brandenburg bei der Familie Alers am Raffelberg und damit auch in seinem deutschen Exil ankam.

Dass der studierte Pharmazeut, der nicht in Assads Armee kämpfen wollte, drei Jahre nach seiner Ankunft in Deutschland auf dem besten Weg ist, eine pharmazeutische Berufszulassung für Deutschland zu bekommen, hat er nicht nur, aber auch ganz wesentlich der Tatkraft von Imke Alers und ihrer Familie (Ehemann/Vater und drei inzwischen erwachsene Söhne) zu tun.

Als sie mit ihrer Familie im Sommer 2015 im Fernsehen die Flüchtlingsbilder sah, sagte Imke Alers: „Wir haben doch schon oft Austauschschüler aufgenommen, warum nicht auch einen jungen Flüchtling?“ – „Warum eigentlich nicht?“ fand auch ihre Familie und gab ihre Telefonnummer an eine Bekannte weiter, die sich als ehrenamtliche Flüchtlingshelferin engagiert. Und schon eine Woche später wurde Mustafa angekündigt. Er hatte nach seiner Flucht zu Lande, in der Luft und auf dem Wasser den Weg nach Brandenburg gefunden und wollte nach seiner Anerkennung als Flüchtling ins Ruhrgebiet, weil seine Tante in Düsseldorf lebt.
„Dann soll er mal kommen“, sagte Imke Alers und holte ihn wenige Tage später am Hauptbahnhof ab.

Der aus einer Akademiker-Familie Familie in Aleppo stammende Mustafa sprach bereits wenige Worte deutsch und sehr gutes Englisch und zog bei Familie Alers ins Gästezimmer unter dem Dach ein. Doch mit Mustafa kamen nicht nur erhellende Einblicke in den syrischen Bürgerkrieg, den islamistischen Terror, das Schlepperwesen, in die arabische Kultur und in die Gemeinsamkeiten und Unterschiede der Weltreligionen Christentum und Islam, sondern auch viel Arbeit ins Haus.
Diese Arbeit, die Imke Alers viel Zeit, Nerven und auch Geld kostete, wurde nicht durch Mustafa, sondern die mit seiner Anwesenheit zu bewältigenden bürokratischen Hürden verursacht. Ein Papierkrieg brach aus. Anmeldung beim Ausländeramt und im Jobcenter der Sozialagentur. Anmeldung und Organisation eines Integrations- und mehrerer aufeinander aufbauender Sprachkurse, Übersetzung und Anerkennung von Mustafas syrischen Zeugnissen, Suche nach Praktika- und Arbeitsstellen, Verhandlungen und Gespräche mit der Apothekerkammer, Gespräche mit Botschaften und Konsulaten, um Mustafas inzwischen ebenfalls aus Syrien geflohener Schwester zu helfen, Bemühungen um ein Stipendium für Mustafa und schließlich (Ende 2015) Suche nach einer eigenen Wohnung für ihn.

„Wenn ich vorher gewusst hätte, was alles auf mich zukommt, hätte ich es vielleicht gar nicht gemacht. Aber heute bin ich froh, dass ich es gemacht habe und wir nicht nur viel an Lebenserfahrung, sondern auch einen syrischen Freund gewonnen haben“, sagt Ilke Alers heute.

Sie und ihre Familie haben durch die Begegnung mit Mustafa nicht nur die Vorzüge der gut gewürzten syrischen Küche und die Vorteile einer gut vernetzten Nachbarschaft und eines starken Freundeskreises kennengelernt. Sie wissen, dass man mehr hilfsbereite Menschen kennenlernt, als man glaubt, wenn man auf Menschen zu geht und mit ihnen spricht und sie fragt. Sie wissen nicht nur, wie man gemeinsam nicht mehr aus dem Lachen herauskommt, wenn man mit seinem syrischen Freund die Filmkomödie „Willkommen bei den Hartmanns“ anschaut und dabei erkennt: „Das ist ja genauso wie bei uns“ oder wie viel Freunde es macht, seinen syrischen Freund in die für ihn neue Welt der klassischen Konzerte einzuführen. Sie wissen aber auch, und das ist wohl die wichtigste Erkenntnis, aus ihrer neuen Freundschaft mit Mustafa, dass das vermeintlich Selbstverständliche alles andere als selbstverständlich und auf Ewigkeit garantiert ist, das Leben in Frieden, Freiheit und Wohlstand. Und wenn Imke Alers heute auf fremdenfeindliche Sprüche über vermeintlich „faule und kriminelle Flüchtlinge“ trifft, kann sie mit ihrem positiven Beispiel dagegenhalten. Dieses positive Beispiel, das Mut macht, wäre aus Alers Sicht perfekt, wenn Mustafa, der aktuell ein Fachseminar an der Universität Düsseldorf absolviert, danach in einer Apotheke eine Praktikumsstelle bekommen und sich so optimal auf die für seine deutsche Berufszulassung nötige Fachkenntnisprüfung bei der Apothekerkammer vorbereiten könnte Dabei macht sich Imke Alers keine Illusionen: „Natürlich kostet die Versorgung und Integration von Flüchtlingen viel Geld und nicht alle sind so fleißig, freundlich, hilfsbereit und integrationswillig wie Mustafa. Aber man darf Menschen nicht über einen Kamm scheren, sondern muss sie in ihrer Persönlichkeit betrachten“, sagt sie und schaut sich noch einmal das Foto an, auf dem sie und Mustafa zusammen stehen. 

Dieser Text erschien am 9. April 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

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