Ein Mann für jede Tonart: Otto Spindler ist Musiker mit Leib und Seele, ob als Jazztrompeter auf der Club-Bühne, im Tanzlokal oder als Wachtmeister mit Pickelhabe an der Drehorgel

Otto Spindler in Aktion
Zweimal im Monat, meistens montags und mittwochs steht Otto Spindler mit seiner Drehorgel auf der Schloßstraße oder am Kurt-Schumacher-Platz.

„Ich habe mich für diese Tage entschieden, weil ich dann den Markthändlern nicht in die Quere komme“, erzählt der 79-Jährige. Mit seiner Drehorgel und seiner Trompete tourt er regelmäßig durch die Städte an Rhein und Ruhr, um seine Rente aufzubessern. „Bräuchte ich das Geld nicht, würde ich trotzdem hier stehen und spielen. Denn ich bin Musiker und das macht mir hier einfach Freude“, sagt Spindler.

Wenn der Reisende in Sachen Musik mit seiner in Dinkelsbühl gebauten 26-Pfeifen-Drehorgel oder an seiner Trompete los legt, kommt nicht nur bei ihm Freude auf. Menschen aller Generationen bleiben stehen und lassen einen Euro oder 50 Cent in die kleine Schale fallen, die Spindler neben  einem Plüschaffen auf seiner Drehorgel stehen hat.
Ein kleines Mädchen lässt er bei „Alle Vögel sind schon da!“ einige Takte mitkurbeln. 300 Lieder hat Spindler im  Repertoire. Da ist für jeden Geschmack und jede Jahreszeit etwas dabei. Das kleine Mädchen strahlt über das ganze Gesicht und auch Spindler hat sichtlich seinen Spaß.
Ein Ehepaar mittleren Alters bleibt stehen und hört sich „Das gab’s nur einmal. Das kommt nicht wieder.“ an. „Das hat einfach was Anheimelndes an sich und erinnert einen an die gute alte Zeit“, sagt der Mann. Nicht nur Lieder, wie: „Davon geht die Welt nicht unter. Sie wird ja noch gebraucht“, stimmen eine nostalgische Note an. Auch Zindlers Outfit, die kaiserblaue Uniform eines kaiserlich-königlichen Polizeibeamten (samt Pickelhaube) entführen seine Zuhörer und Zuschauer für einen Augenblick aus ihrer geschäftigen Umtriebigkeit in eine vermeintlich gute alte Zeit, in der alles etwas ruhiger vonstatten ging.

Wenn Spindler zu seiner Trompete greift, merkt man: Der Mann kann auch swingen. Kein Wunder. Seit 55 Jahren jazzt er, der in Berlin geboren wurde, in Hamburg aufwuchs, dort mit Uwe Seeler in einer Jugendmannschaft des HSVs kickte und in den 60er Jahren der Liebe wegen nach Düsseldorf kam, durch die Region. „Entweder trete ich mit meiner Drehorgel und meiner Uniform auf, die ich in einem Kostümverleih in Korschenbroich erworben habe oder ich spiele mit meiner Band Jazz mit Schmackes in Clubs und bei anderen Gelegenheiten“, erzählt Spindler.
Vor der großen Disco-Welle war der gelernte Industriekaufmann in den 60er und frühen 70er Jahren mit einem großen Tanzorchester unterwegs. „Damals hatten wir sogar Monatsverträge  mit den entsprechenden Cafes, Restaurants und Hotels“, erinnert sich Spindler an seine gute alte Musiker-Zeit, in der er seinen ungeliebten kaufmännischen Job bei einem großen Ölkonzern hinter sich gelassen hatte.

Auch wenn das seinen Rentenansprüchen nicht gut getan hat, bereut er diese Lebenswende nicht. Heute hangelt sich der glücklich verheiratete Mann an der Orgel und mit der Trompete von einem Auftritt zum nächsten. Ein Erfolgserlebnis ist es für ihn, wenn er, wie an diesem sonnigen Oktobertag in der Mülheimer City nicht nur manchen Euro einspielen kann, sondern auch von Leuten angesprochen wird, die ihn für eine Weihnachtsfeier, einen Geburtstag oder eine Hochzeit buchen wollen. Da swingt das Herz des alten Jazz-Musikers.

„Wenn ich heute im Lotto gewinnen würde, würde ich trotzdem als Straßen- und Bandmusiker weitermachen. Denn mit Musik kann man Menschen glücklich machen und das macht mich selbst glücklich, weil ich bei Musizieren nur von gut gelaunten Menschen umgeben bin“, betont Spindler.

Würde er denn auch als musizierender Lotto-Millionär um eine milde Gabe des wohlwollenden Publikums bitten?

„Na, klar. Dann würde ich eben eine Spendendose für die Diakonie oder das Deutsche Rote Kreuz aufstellen“, sagt der freundliche Herr in der preußischen Polizeiuniform und erinnert seinen Zuhörer daran: „Es dauert noch ein paar Jahre. Und dann sind wir die gute alte Zeit!“

Dieser Text erschien am 21. Oktober 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

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