Samstag, 14. Oktober 2017

Die lange Leidensgeschichte der Homosexuellen 123 Jahre war Homosexualität strafbar: Jürgen Müller beleuchtete jetzt die Verfolgung während der NS-Zeit

Dr. Jürgen Müller
Foto: privat
Seit dem 1. Oktober können homosexuelle Paare auch Ehepaare werden. Kaum zu glauben, dass Homosexualität 123 Jahre lang (bis 1994) unter dem „Unzuchts“-Paragfen 175 im Strafgesetzbuch kriminalisiert wurde. Im Haus der Stadtgeschichte beleuchtete Jürgen Müller von der NS-Dokumentationsstelle in Köln jetzt die Verfolgung, die schwule Männer auch in Mülheim während des Dritten Reiches erlitten.

Die Nazis verschärften den Paragrafen 175 im Jahr 1935 dahingehend, dass nicht nur „beischlafähnliche“ Homosexualität“, sondern auch schon „ein wollüstiger Kuß zwischen Männern“ mit mehrmonatigen Gefängnisstrafen geahndet wurde. Viele Männer verloren ihre Existenz, wie etwa Müllers Beispiel eines Juristen zeigte, dem seine Antwaltszulassung entzogen wurde und der aus der Not heraus fortan als Portier arbeiten musste. Die von Müller recherchierte Aktenlage des in Düsseldorf ansässigen Homosexuellen-Referates der Geheimen Staatspolizei, zeigt, dass sich viele homosexuelle Männer in den großen Nachbarstädten Essen und Duisburg trafen. Bevorzugte Treffpunkte waren die Hauptbahnhöfe, öffntliche Toiletten, Parks, Badeanstalten und einschlägige Lokale. Wer unter dem Verdacht der Homosexualität von der Gestapo verhaftet wurde, musste damit rechnen, gefoltert zu werden.

Noch schlimmer erging es männlichen Prostituierten. Wurden sie von der Gestapo zweimal wegen homosexueller Prostitution verhaftet, wurden sie sofort in ein Konzentrationslager eingeliefert oder sogar zum Tode verurteilt. Jürgen Müller hat interessanterweise herausgefunden, dass lesbische Frauen, anders alls schwule Männer, von den Nazis nicht verfolgt wurden.
Seine Erklärung dafür lautet: „Das lag daran, dass die Nazis Frauen keine eigenständige Sexualität zubilligten und auch lesbische Frauen weiterhin Kinder gebären konnten.“ Lesbische Frauen wurden allerdings öffentlich als „asozial“ gebrandmarkt und konnten ihre Liebe nur heimlich leben.

Dieser Text erschien am 14. Oktober 2017 in NRZ/WAZ

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