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Das Gedächtnis der Stadt im Wandel der Zeit: Von der Heimatbücherei über das Stadtarchiv zum Haus der Geschichte

In regelmäßigen Abständen lesen Sie an dieser Stelle Beiträge zur Stadtgeschichte. Vielleicht haben Sie sich bei der Lektüre schon einmal gefragt: „Woher weiß der Autor das alles?“ Die Antwort findet sich im Stadtarchiv an der Aktienstraße 85, das heute selbst zum Gegenstand einer historischen Betrachtung wird. Denn am 9. Juni 1980, also auf den Tag genau vor 30 Jahren wurde das Stadtarchiv eröffnet.Eröffnet ist in diesem Zusammenhang nicht ganz der richtige Ausdruck.

Denn die ersten Besucher, die der damalige Archivleiter Kurt Ortmanns, durch die für 400 000 Mark umgebauten Räume einer ehemaligen Grundschule führte, waren geladene Gäste. Es handelte sich dabei um Vertreter aus Rat und Verwaltung sowie vom Geschichtsverein und der Arbeitsgemeinschaft heimatkundlicher Vereine, des Hauptstaatsarchivs Düsseldorf, des Landschaftsverbands Rheinland und der Firma Thyssen. Eine öffentliche Nutzung erschien Chefarchivar Ortmanns aufgrund des akuten Personalmangels nicht denkbar. Sein Mitarbeiterstab bestand anfangs aus zwei Bibliothekarinnen. Weitere Archivare, Magazinverwalter und Restaurateure kamen erst später in das „Haus der Stadtgeschichte“, das heute elf Mitarbeiter hat und seit 2008 von dem Historiker Kai Rawe geleitet wird.

Noch im April 1981 klagte die NRZ: „Das Stadtarchiv ist immer noch nicht zugänglich. Wann kommt die Öffnung für die Bürger?“ Erst im September 1981 konnte die Zeitung ihre Leser darauf hinweisen, dass das neue Archiv jetzt nicht nur montags, sondern auch donnerstags von 10 bis 16 Uhr für interessierte Bürger zugänglich sei. Möglich wurde das von Anfang an auch durch eine Kooperation mit dem Geschichtsverein, der bis heute ehrenamtliche Aufsichtskräfte für den Benutzerraum stellt. Inzwischen ist denn auch der lange Dienstag von von 9 bis 18 Uhr als dritter Nutzertag hinzugekommen.

„Früher gab es sehr wenig Öffentlichkeitsarbeit. Die haben wir erst in den letzten zehn Jahren ausgeweitet“, berichtet Johannes Fricke. Der Diplom-Archivar kam nach seiner Ausbildung 1982 ins Mülheimer Archiv.Neben der normalen Archivarbeit gehören heute auch Führungen, Workshops und Vorträge zur Stadtgeschichte zum selbstverständlichen Angebot des Stadtarchivs. Sein heutiger Leiter geht davon aus, dass dieser öffentlichkeitswirksame Bereich in Zukunft noch gestärkt werden kann, wenn das Stadtarchiv, voraussichtlich im Sommer 2011 von der Aktienstraße in die alte, 1907 eröffnete, Augenklinik an der Von-Graefe-Straße umziehen wird. Denn dort wird das Stadtarchiv nicht nur mehr Magazin- sondern auch Vortrags- und Seminarräume nutzen und darüber hinaus auch einige Computerarbeitsplätze für Archivnutzer anbieten können.

Welch ein Unterschied zu den Anfängen des Mülheimer Stadtarchivs, die sich Anfang der 70er Jahre im zweiten Obergeschoss der damaligen Stadtbücherei am Rathausmarkt abspielten. Als der Historiker Kurt Ortmanns 1972 als erster Stadtarchivar seinen Dienst antrat, war sein Wirkungskreis eine bessere Heimatbücherei mit wenigen Regalmetern. Heute reihen sich die Bestände des Stadtarchivs auf rund sechs Regalkilometer, die nicht nur im Backsteingebäude an der Aktienstraße, sondern auch in einer Halle im Hafen lagern.Archivar Fricke, der selbst noch im Karteikartenzeitalter groß geworden ist, kann sich vorstellen, dass der Kollege Computer den Archivalltag auch in Zukunft noch weiter verändern wird, wenn man nicht nur Findbücher, sondern auch einige Bestände, wie Postkarten und alte Pläne via Computer in digitalisierter Form wird abrufen und anschauen können.Auch wenn sich die technischen Möglichkeiten und Formen der Archivarbeit im neuen Haus der Geschichte, das auch auch zum neuen Haus der Musikschule werden soll, weiter verändern werden.Es bleibt der Auftrag des Stadtarchivs, der sich am Tag der nach Archiveröffnung am 9. Juni 1980 in der NRZ-Schlagzeile: „Erfassen, erhalten, erziehen“ niederschlug.

Dieser Text erschien am 9. Juni 2010 in der NRZ

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