Erdogans Wahlsieg kam nicht überraschend: Drei Fragen an die Vorsitzende des Mülheimer Integrationsrates, Emine Arslan

Hat Sie der Wahlsieg Erdogans überrascht?

Emine Arslan: Nein. Damit war zu rechnen. Erdogan hat während seiner 15-jährigen Amtszeit die Inflation gesenkt und viel in die soziale und wirtschaftliche Infrastruktur des Landes investiert. Das sehen auch viele in Deutschland lebende Türken so und wählen ihn.

Wird Erdogans autoritäre Politik, die viele Regierungsgegner um ihre Arbeitsplätze, vor Gericht und ins Gefängnis bringt, nicht auch kritisch gesehen?

Arslan: Erdogan wird für seine Innenpolitik in der Türkei und auch in der deutsch-türkischen Gemeinschaft kritisiert. Aber für mich ist es im Einzelfall schwer nachvollziehbar, warum Regierungskritiker in der Türkei vor Gericht oder ins Gefängnis kommen. Wenn der Vorsitzende der prokurdischen HDP im Gefängnis sitzt, weil er für die Terroristen der verbotenen kurdischen PKK und ihren inhaftierten Führer geworben hat, haben viele Türken dafür Verständnis.

Wie erklären Sie sich, dass zwei Drittel der in Deutschland wahlberechtigten Türken für Erdogan gestimmt haben?

Arslan: Viele der in Deutschland lebenden Türken haben bei der freien und demokratischen Wahl, bei hoher Wahlbeteiligung und im Wahlkampf mit den Oppositionsparteien, die auch antreten durften, vielleicht für Erdogan gestimmt, weil sie in Deutschland kein kommunales Wahlrecht haben, obwohl sie hier seit Jahrzehnten leben, arbeiten und Steuern zahlen, ohne dafür im Alltag mit Chancengleichheit belohnt zu werden. 

Dieser Text erschien am 27. Juni in der Neuen Ruhr Zeitung

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