Sonntag, 24. Juni 2018

Mahnung für die Zukunft: Vor 75 Jahren erlebten und erlitten die Menschen an Rhein und Ruhr den Luftkrieg als blutigen Preis für Hitlers Politik

Ein Blick auf das kriegszertstörte Mülheim an der Ruhr
im Jahre 1945
Ein Foto aus dem Stadtarchiv Mülheim an der Ruhr
www.stadtarchiv-mh.de
Vor 75 Jahren ist das Ruhrgebiet die Rüstungsschmiede Hitlers und damit ein zentrales Angriffsziel der alliierten Luftstreitkräfte. Luftmarschall Arthur Harris, genannt „Bomber-Harris“, Chef der Royal Air Force, will im vierten Kriegsjahr mit seinen Flächenbombardements nicht nur die deutsche Rüstungsindustrie, sondern auch die zivile Infrastruktur Nazi-Deutschlands zerstören und damit die Kriegsmoral der Deutschen brechen.
Der Krieg, der am 1. September 1939 mit dem Überfall auf Polen von Deutschland ausgegangen ist, kommt jetzt wie ein Bumerang zurück. Die Zivilbevölkerung muss den Preis für Hitlers politischen Größenwahn bezahlen. Der Chef der deutschen Luftwaffe, Hermann Göring, wird im Sommer 1943 hinter vorgehaltener Hand Hermann Meier genannt. Denn er hat bei Kriegsbeginn getönt, er wolle Meier heißen, wenn auch nur ein feindliches Flugzeug die Reichsgrenze überfliegen sollte.

Den Menschen an Rhein und Ruhr ist  ihren Luftschutzkellern und in ihren ausgebombten Häusern, die in Ruinen-Städten stehen, ist das Lachen vergangen. Was sie im Luftkrieg erleben und erleiden, verbrähmt die NS-Propaganda als „Feuertaufe“. Purer Hohn angesichts der grausamen Tatsachen.
In Essen werfen 442 alliierte Kampfjets am späten Abend des 5. März 1943 innerhalb einer Stunde 360 Bomben über der Stadt ab. 457 Menschen finden den Tod. 3000 Häuser werden zerstört und machen ihre Bewohner obdachlos. Die Stadtmitte wird zu 90 Prozent zerstört.

Genauso ergeht es den Mülheimer Nachbarn. In der Nacht vom 22. auf den 23. Juni 1943 entladen 550 britische und amerikanische Bomber ihre tödliche Fracht über der Stadt. Mehr als 500 Menschen finden den Tod. Nach dem Angriff ist die Innenstadt zu 64 Prozent zerstört.

Duisburg, ebenso wie Mülheim, durch das industrielle Erbe August Thyssens geprägt, wird vor 75 Jahren fast täglich von Luftangriffen getroffen. 311 Luftangriffe der Alliierten, die von der NS-Propaganda als „Terrorangriffe“ verdammt werden, zerstören 80 Prozent der Wohnungen. Alleine in der Nacht vom 12. auf den 13. Mai 1943 treffen 1599 alliierte Bomben die Innenstadt und machen dort 96 000 Menschen obdachlos.
Bereits in der Osternacht vom 26. auf den 27. April 1943 haben 120 britische Bomber ihre Tod bringende Last über 
Oberhausen abgeworfen. 70 Luftminen, 275 Sprengbomben, 7000 Phosphorgranaten und 45000 Stabbrandbomben beschädigen und zerstören damals 7000 Häuser, elf Kirchen und 26 Schulen. Sie töten 244 Menschen und verletzen weitere 550. 

Doch nicht nur die Menschen im Industriegebiet an der Ruhr werden vor 75 Jahren zu Opfern des Luftkriegs. Auch die Regierungsstadt Düsseldorf, der Schreibtisch des Ruhrgebietes, wird hart getroffen. Am 12. Juni 1943, es ist Pfingsten, fallen während eines 80-minütigen Luftangriffs 1.300 Spreng- und 225.000 Brandbomben auf die Stadt am Rhein. Sie töten mehr als 600 Menschen und verletzen über 3000. Mehrere 1000 Wohnungen, 28 Schulen, 16 Kirchen und 13 Krankenhäuser werden beschädigt oder zerstört. Besonders hart werden Derendorf, die Innenstadt und die Südstadt getroffen, wo nach dem Angriff über 9000 Brände zu löschen sind. „Dieser Luftangriff hat die Überlegenheit der britischen Luftwaffe schlagend vor Augen geführt“, sagt der britische Premierminister Winston Churchill, über den Pfingst-Samstags-Angriff auf Düsseldorf, als ihm am 30. Juni 1943 die Ehrenbürgerschaft von London verliehen wird. Unter dem Eindurck der Flächenbombadements der Alliierten werden viele Kinder aus den Großstädten an Rhein und Ruhr aufs Land verschickt.
Dass es heute in den Innenstädten an Rhein und Ruhr nur wenige alte Häuser gibt und regelmäßig Bomben entschärft werden müssen, führt uns bis heute das Erbe des Zweiten Weltkrieges vor Augen. Dieses Erbe mahnt uns, wohin politischer Extremismus, Populismus und Rassismus am Ende führen können und das die 15 Jahre nach diesen Luftangriffen entstandene  Europäische Union nicht von ungefähr im Jahr 2012 mit dem Friedensnobelpreis ausgezeichnet worden ist.

Eine besondere Ironie und Logik der Geschichte besteht darin, dass Kohle und Stahl, die im Zweiten Weltkrieg zur tödlichen Waffe wurden, 1951, in Gestalt der Europäischen Gemeinschaft für Kohle und Stahl zur Grundlage der europäischen Einigung wurden. Diese Einigung ehemaliger Feinde, die zu Freunden wurden, manifestiert sich heute nicht nur an Rhein und Ruhr in zahlreichen deutsch-englischen und deutsch-französischen Städtepartnerschaften.

Der Krieg am Niederrhein


Auch die Städte und Menschen am Niederrhein bleiben vom Luftkrieg nicht verschont, nachdem die Alliierten im Somer 1944 das von Deutschland besetzte Frankreich befreit haben und jetzt weiter nach Osten marschieren, wodurch der Niederrhein zunehmend zur Front wird.

Emmerich wird durch einen alliierten Luftangriff am 7. Oktober 1944 zu 91 Prozent zerstört. Nach dem Krieg wird Emmerich ein Teil der Niederlande und erst 1963 wieder eine bundesdeutsche Stadt.

Im Klever Reichswald tobt vom 7. bis zum 22. Februar eine Schlacht, bei der auf beiden Seiten 10.000 Soldaten ihr Leben verlieren. Nach der Schlacht, an die heute ein Ehrenfriedhof im Reichswald erinnert, bringen die Allierten das westliche Rheinufer zwischen Wesel und Emmerich unter ihre   Kontrolle. 50 000 deutsche Soldaten gehen in Gefangenschaft.

Wesel wird im Zuge des alliierten Vormrasches auf das Ruhrgebiet im Februar und März zu 97 Prozent zerstört. Mehr als 600 Zivilisten werden getötet. Bei Kriegsende leben nur noch 1900 der vormals 25 000 Weselaner in ihrer Stadt. 

Dinslaken wird am Tag vor seiner Einnahme durch US-Truppen am 23. März 1945 von einem Luftangriff getroffene, bei dem 511 Menschen, darunter auch 40 Zwangsarbeiter ihr Leben verlieren. Die Stadt wird zu mehr als 80 Prozent zerstört. Während des Krieges sterben in Dinslaken 739 Zivilisten und 165 Zwangsarbeiter.

Dieser Text erschien am 23. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

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