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"Wir mussten wieder bei Null anfangen": Walter Neuhoff erinnert sich an den Tag, als die D-Mark auch nach Mülheim kam

So sah es in einer von 80 Ausgabestellen aus, als die Mülheimer
am Sonntag, den 20. Juni 1948, ihre ersten D-Mark-Scheine in
Empfang nahmen. (Archivfoto: Sparkasse Mülheim an der Ruhr)
Walter Neuhoff holt einige D-Mark-Scheine aus einem Umschlag, die er bei der Währungsumstellung auf den Euro, 2002, zurückbehalten hat, als Erinnerung.
Mit seinen 82 Jahren gehört der Mülheimer zu jenen, die nicht nur das Ende, sondern auch den Beginn der D-Mark miterlebt haben.

„Morgens hat es geregnet. Aber mittags schien dann die Sonne. Nach dem Mittagessen bin ich dann zusammen mit meinen Eltern in den Altenhof gegangen, wo die neue Währung ausgegeben wurde“, erinnert sich Neuhoff an den 20. Juni 1948, den Tag der Währungsreform. Es war ein Sonntag. Das Foto, das er an diesem denkwürdigen Tag, als die D-Mark auch nach Mülheim kam, von seinen Eltern Wilhelm und Mathilde beim Sonntagsspaziergang zum Hauptfriedhof aufgenommen hat, hat er ebenso aufbewahrt, wie die alten D-Mark-Scheine. Auf seinem 70 Jahre alten Foto wirken Wilhelm und Mathilde Neuhoff ernst. „Jetzt müssen wir wieder bei Null anfangen und uns alle einschränken“, hatte der Vater gesagt, bevor die Familie im Altenhof das neue Geld gegen Vorlage ihrer Identitätsbescheinigung und der Abgabe eines Fingerabdrucks in Empfang nahmen.

„Im Altenhof wurden damals auch Gottesdienste gefeiert, weil die Petri- und die Marienkirche nach den Bombenangriffen des 2. Weltkrieges noch instandgesetzt werden mussten“, erinnert sich Neuhoff. Auch sein eigenes Elternhaus an der Tersteegenstraße musste damals instandgesetzt werden. „Immerhin bezahlte die Stadt den Abtransport der Bombentrümer“, erzählt Neuhoff. Vom Wirtschaftswunder, so erinnert er sich, sei damals noch nichts zu sehen gewesen. Das habe in Mülheim erst 1953 richtig Fahrt aufgenommen, nachdem der damalige NRW-Ministerpräsident Karl Arnold an der Friedrich-Ebert-Straße den neuen Kaufhof eröffnet habe.

Immerhin füllten sich nach der Währungsreform, die den Neuhoffs ein Startkapital von drei Mal 40 D-Mark einbrachten wieder die bis dahin leeren Geschäftsauslagen. Der an der Kaiserstraße betriebe Schwarzhandel verschwand aus dem Stadtbild. Dafür boten immer mehr Händler auf dem Rathausmarkt ihre Waren an. „Es waren plötzlich so viele Händler da, dass der eigentliche Marktplatz nicht ausreichte und auch an der Bahnstraße und am Löhberg Stände platziert wurden“, berichtet Walter Neuhoff.

Seine erste D-Mark, damals keine Münze, sondern eine Banknote, gab der zwölfjährige Schüler des staatlichen Gymnasiums, das wir seit 1974 als Otto-Pankok-Gymnasium kennen, für die Schulspeisung der amerikanischen Quäker aus. „Meistens bekamen wir eine Erbsensuppe, die wir in der ersten großen Pause aus unseren Henkelmännern löffelten“, berichtet Neuhoff.

Vor allem sein 1904 geborener Vater, so erinnert er sich, habe die Währungsreform 1948 mit der Verbitterung eines Menschen gesehen, der bereits die Geldentwertung der Hyperinflation 1923 am eigenen Sparbuch erlebt hatte.


Anders, als 1923, behielten die alten Reichsmark-Guthaben im neuen D-Mark-Zeitalter noch 
10 Prozent ihres ursprünglichen Wertes, so dass aus den 7000 Reichsmark, die die Neuhoffs 1948 auf ihrem Sparbuch hatten 700 D-Mark wurden. „Nach den dreimal 40 D-Mark vom 20. Juni 1948, erhielten wir am 1. November 1948 noch einmal 20 D-Mark pro Person. Über ihre abgewerteten Sparguthaben aus der Reichsmarkzeit konnten meine Eltern erst ab dem 1. Januar 1950 verfügen, schildert Zeitzeuge Neuhoff den weiteren Fortgang der Währungsreform. Sie war am 16. Juni 1948 im Stadtrat und via Rundfunkansprache vom damaligen Wirtschaftsdirektor Ludwig Erhard bekanntgegeben worden war. Die ersten 6,5 Millionen D-Mark, die am 20. Juni 1948 an 80 Ausgabestellen von 8 bis 18 Uhr unter das Mülheimer Volk gebracht wurden, sollten sich trotz anfänglicher Startschwierigkeiten und Klagen wegen Preiswuchers in der Ruckschau als Beginn des Wirtschaftswunders erweisen. Sein eigenes Wirtschaftwunder sollte Walter Neuhoff 1957 erleben. Damals erhielt der 21-Jährige sein erstes Gehalt als Mitarbeiter der Thyssen-Betriebskrankenkasse (260 D-Mark), von denen er 100 D-Mark in einen schicken blauen Anzug investierte, den er beim Herrenausstatter Pollmeier an der Ecke Schloßstraße/Löhberg erstand. Der heute 82-jährige Rentner hat sich damit abgefunden, dass er inzwischen keine D-Mark, sondern Euro in seinem Portemonnaie hat. Trotzdem erinnert er sich gerne an die D-Mark, die für ihn, mehr als der Euro, zum Symbol wirtschaftlicher Stabilität wurde. 

Die Währungsreform vom 20. Juni 1948 wurde notwendig, weil die Reichsmark nach dem Zweiten Weltkrieg ihren Wert verloren hatte. Aufgrund des akuten Metallmangels gab es anfangs keine Geldmünzen, sondern auch für kleine D-Mark-Beträge nur Banknoten, die bereits im Herbst 1947 in den USA gedruckt worden waren, Mit der D-Mark wurde in Westdeutschland die soziale Marktwirtschaft eingeführt. Die Währungsreform in West-Berlin wurde von der Sowjetunion Stalins mit der ein Jahr lang aufrechterhaltenen Land-Blockade West-Berlins beantwortet. Die Westalliierten antworteten ihrerseits mit eine Luftbrücke für die Bevölkerung in West-Berlin. 

Dieser Text erschien am 20. Juni 2018 in der Neuen Ruhr Zeitung

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