Direkt zum Hauptbereich

Aufgeräumte Ansichten

Man wünscht sich ein schönes Wochenende und wundert sich, was dann auf einen zukommen kann. Mein Wochenende wurde vom Ausräumen eines Kellers überschattet. Weil der Hauseigentümer In Kürze an einer tragenden Wand Hand anlegen muss, musste ich in unserem Kellerraum schon jetzt Hand anlegen und ihn räumen. Was da so alles an schon fast vergessenen Altlasten vom Dosenöffner über diverses  Spielzeug bis zu einem alten Schlitten aus Kindertagen, zum Vorschein, kam machte mich ebenso nachdenklich wie der Inhalt eines Kleiderschranks, aus dem ich längst und leider in alle Richtungen herausgewachsen bin. Vieles, von dem, was inzwischen als Sperrmüll Staub angesetzt hat, war einst Objekt des persönlichen Erwerbstriebes. Um das, was jetzt in Müllsäcken und auf dem Sperrmüll landet, zu bekommen, wurden vor Jahrzehnten Arbeit, Lebenszeit, Energie und Geld aufgewendet. Und jetzt sind die früheren Wertgegenstände zu Staubfängern geworden, die sich nur noch mit viel Zeit und Energie entsorgen oder im besten Falle verschenken lassen.

Die schweißtreibende Wochenendschicht als Kellerkind erinnerte mich an einen Satz, den ich schon von meinen Großeltern gehört habe: Das letzte Hemd hat keine Taschen. Wie wahr. Auch die materiellen Dinge, die wir heute heiß begehren, werden über kurz oder lang zur Altlast und zum Sperrmüll, der weggeräumt , entsorgt oder bestenfalls verschenkt werden muss. Das ist eine Anekdote zur Senkung der Kauflaune, die uns schon heute klug machen sollte, nicht zu viel Lebenszeit, Energie und Geld in Dinge zu investieren, deren Halbwertszeit begrenzter ist, als wir das wahrhaben wollen. Denken wir deshalb schon heute daran, dass die Lebenszeit und Energie, die wir in den Erwerb materieller Dinge investieren, uns davon abhalten Energie, Geld und Lebenszeit Augen in die Dinge zu investieren, die uns Lebensfreude bescheren und die dank unserer Erinnerung kein Verfallsdatum kennen und deshalb auf keinen Sperrmüllhaufen unserer Lebensgeschichte landen werden.

Dieser Text erschien am 15. Juli 2019 in der Neuen Ruhrzeitung

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Suchtfaktor Karneval

Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.
Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellsch…

Vom Untergang einer kleinen Geschäftswelt: Vor 30 Jahren wurden die Bahnbögen an der Bahnstraße geöffnet

Der 30. und 31. Januar ist in meinem Kalender rot angestrichen", erzählt Familienforscherin Bärbel Essers. Dass das so ist, hat mit der Geschichte ihrer Familie zu tun. Denn am 30. und 31. Januar 1981 wurde das Geschäft ihrer Eltern am Bahnbogen 19 abgerissen. Mit diesem Abriss ging vor 30 Jahren eine lange Geschäftstradition unter den Bahnbögen an der Bahnstraße zu Ende. Denn als Gerhard Essers 1955 dort sein Geschäft für Angler- und Campingbedarf eröffnete, war er nicht der einzige Geschäftsmann, der unter den 1865 errichteten und 1866 als Eisenbahntrasse in Betrieb genommenen Bahnbögen sein Quartier aufgeschlagen hatte.
Seine 1961 geborene Tochter erinnert sich nicht nur an eine legendäre Pommesbude, eine Eisdiele und den Löschbogen, der damals noch wirklich unter dem Bahnbogen Bier und mehr ausschenkte und die traditionelle Stammkneipe der Marktleute war.

Als Essers noch ein Kind war, handelten ihre Nachbarn unter den Bahnbögen zum Beispiel mit Lederwaren, Obst und Gemüse, Kart…