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Mülheim mediteran

Ich kann mich noch daran erinnern, dass wir unsere Nachbarn im Süden Europas immer etwas mitleidig und herablassend belächelt haben. Siesta war das Schlüsselwort. Für uns Wirtschaftswunder-Deutsche Arbeitstiere war es immer etwas seltsam, dass es Menschen gab, die Lebensfroh und ohne schlechtes Gewissen existieren konnten, obwohl sie sich eine mehrstündige Mittagspause gönnten und stattdessen abends länger arbeiteten. „Abends werden die Faulen fleißig“, sagt ein Sprichwort. Doch ein anderes weiß es besser. Es mahnt den Spötter: „Beurteile einen Menschen erst, wenn du einige Kilometer in seinen Schuhen gelaufen bist.“ Apropos laufen. An den heißen Tagen, die wir jetzt erlebten, war selbst die natürlichste Form der Fortbewegung zuweilen eine Zumutung. Da blieb man lieber im Schatten sitzen, wenn man ihn denn fand und tat am liebsten nichts. Und plötzlich entdeckt man in seiner arbeitswütigen deutschen Seele so etwas wie Reue und Verständnis, ob das eigenen Hochmutes vergangener Tage , als man 40 Grad im Schatten nur vom Hörensagen her kannte. Jetzt müssen wir auf unserem heimischen Teutonengrill unseren südlichen Nachbarn Abbitte tun und es ihnen gleichttun, um über den heißen Tag zu kommen. Das fiel mir auch am Samstag auf, als ich eine Familie sah, die ein Eis vom Italiener schleckte und ihre heißen Füße im feuchten Nass des Rasche-Brunnens auf der Schlossstraße abkühlten. Sage noch einer, Kunst im öffentlichen Raum sei Geldverschwendung und habe keinen Mehrwert für den Alltag. Dem seligen Mülheimer Bildhauer Ernst Rasche, der sich auch von seinen italienischen Kollegen inspirieren ließ,  sei Dank. Vergelte es ihm Gott. Möge seine edle Seele an einem wohltemperierten Ort jenseits von Zeit und Raum die ewige Glückseligkeit genießen und zuweilen auf seinen seinen Brunnen an der Schloßstraße schauen und sich über dessen handfesten Mehrwert freuen.

Dieser Text erschien am 29. Juli 2019 in der Neuen Ruhrzeitung

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