Dienstag, 31. Januar 2017

Karnevalszug verschärft gesichert: Rosenmontag werden mehrere hundert Ordner und Sicherheitskräfte mitlaufen - Polizei setzt mehr Personal ein - 15 Fahrzeuge sollen Sperren bilden

Beim Rosenmontagszug, der am 27. Februar ab 14 Uhr mit rund 1000 aktiven Teilnehmern vor schätzungsweise 50?000 Schaulustigen durch die Mülheimer Innenstadt rollen wird, geht es nicht nur um Spaß an der Freude, sondern auch um Sicherheit.

„Nicht erst seit der Loveparade-Katastrophe von 2010 oder dem Terroranschlag von Berlin im Dezember 2016, haben sich die Mülheimer Karnevalisten in vorbildlicher Weise um die Sicherheit des Rosenmontagszuges gekümmert“, betont der Leiter des Ordnungsamtes, Bernd Otto.

„Die Karnevalsgesellschaften stellen 160 Ordner und finanzieren zusätzlich den Einsatz von 80 Sicherheitskräften der Vollmer-Gruppe“, erklärt der Geschäftsführer des Hauptausschusses Groß-Mülheimer Karneval, Hans Klingels. Jeder der gut 30 Rosenmontagswagen werde von acht Ordnern mit Absperrseilen begleitet. Hinzu kämen Absperrmaßnahmen durch das Technische Hilfswerk (THW) und Einsatzkräfte von Polizei und Ordnungsamt, so Hans Klingels.

Doch in Zeiten des Terrors – wie bei dem Lkw-Anschlag in Berlin – denkt man jetzt auch mit Blick auf den hiesigen Rosenmontagszug über Fahrzeuge nach, die als mobile Sicherheitssperren eingesetzt werden sollen. „Diese mobilen Sperren haben den Vorteil, dass sie beweglich sind und schnell zurückgenommen werden können, wenn im Ernstfall der Weg für Rettungsfahrzeuge von Feuerwehr und Rotem Kreuz freigemacht werden muss“, unterstreicht Otto.

Er ist froh darüber, dass ihm Vertreter der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft (MEG), des THW, des Deutschen Roten Kreuzes und der Feuerwehr bei einer Lagebesprechung im Rathaus zugesagt haben, Fahrzeuge aus ihrem Bestand als bewegliche Sicherheits-Barrieren zur Verfügung zu stellen. „Eine Anfrage bei der MVG steht noch aus. Aber auch hier bin ich zuversichtlich“, sagt Otto. Hinzu kommt, dass der Vizepräsident des Hauptausschusses, Markus Uferkamp, eine Fahrzeugreserve aus dem Fuhrpark seiner eigenen Gerüstbaufirma bereitstellt.

Der Leiter des Ordnungsamtes schätzt, dass am Rosenmontag etwa 15 Fahrzeuge auf den Haupt- und Seitenstraßen der Zugroute zwischen Kaiserstraße und Schloßbrücke als bewegliche Sicherheitssperren zum Einsatz kommen.

Außerdem werden sämtliche Mitarbeiter des Zentralen Außendienstes des Ordnungsamtes am Rosenmontag auf der Straße sein. Hinzu kommen 50 Einsatzkräfte des THW. Wichtig ist Otto aber auch, „dass wir den Karneval feiern und den Rosenmontagszug mit unseren Sicherheitsmaßnahmen nicht ersticken.“ Mit dem Karnevalisten Hans Klingels, ist sich Otto einig, „dass es in einer freien Gesellschaft niemals eine hundertprozentige Sicherheit geben kann, dass wir uns aber auf keinen Fall verstecken wollen und dürfen“.

Ein Sprecher der Polizei Essen-Mülheim bestätigt auf Anfrage: „Wir haben derzeit nur eine allgemeine, aber keine konkrete Terrorgefahr. Wir beobachten die Sicherheitslage und werden sie mit Blick auf den Rosenmontagszug regelmäßig mit allen Beteiligten besprechen.“ Danach will die Polizei mit mehr uniformierten und zivilen Personal als in den Vorjahren beim Rosenmontagszug präsent sein. Die genaue Einsatzstärke soll allerdings aus einsatztaktischen Gründen nicht bekanntgegeben werden.

Wichtig ist für Hans Klingels, dass die zusätzlichen Sicherheitsmaßnahmen für den Rosenmontagszug „nicht mit zusätzlichen Kosten für die Karnevalsgesellschaften verbunden sein werden“.


Dieser Text erschien am 30. Januar 2017 in NRZ & WAZ

Montag, 30. Januar 2017

Der Engel von der Apotheke am Kirchplatz: Unterwegs mit Martina Henrich

Martina Henrich
Wenn man Martina Henrich hinter der Theke der Apotheke am Kirchplatz sieht, wie sie ein Medikament heraussucht und der älteren Kundin zuhört, die ihr vom Studium ihrer Enkelin erzählt, könnte man auf die Idee kommen, dass sie mehr steht, als geht. Doch der erste Eindruck täuscht. Eigentlich ist die 47-jährige Mitarbeiterin der Dümptener Apotheke am Kirchplatz fast immer in Bewegung, entweder innerhalb der Apotheke oder auch mal außerhalb.

Mittags und abends ist sie zusammen mit ihrem Mann Rolf im Lieferwagen der Apotheke unterwegs, um betagten und in ihrer Mobilität eingeschränkten Kunden die von ihnen telefonisch bestellten Medikamente ins Haus zu bringen. Nicht nur in der Apotheke, sondern auch bei solchen Hausbesuchen hört sie viele Lebens- und Krankengeschichten. Auch jüngere Patienten, die zum Beispiel an Krebs oder einer Muskelerkrankung leiden sind unter ihren Kunden. „Man sieht in diesem Beruf vieles, was man nicht so einfach wegstecken kann. Aber das gehört dazu. Und ich nehme mir auch die Zeit, um zuzuhören oder zu trösten und zu ermuntern. Denn der Kontakt zu den Menschen ist mir wichtig“, erzählt Henrich.

Der Austausch mit ihrem Mann Rolf, der in der ebenfalls vom Mülheimer Apotheker Patrick Marx betriebenen Barbara-Apotheke an der Aktienstraße arbeitet, ist ihr wichtig. Die Beiden verstehen sich offensichtlich gut. Das Ehepaar „lebt seinen Beruf“, wie Martina Henrich sagt. Und man glaubt der pharmazeutisch-kaufmännischen Angestellten, wenn sie mit einem charmanten Lächeln betont: „Ich arbeite einfach gerne!“

Wie es der Zufall will, fährt sie heute auch zu ihrem früheren Arbeitgeber, einem Medikamenten-Großhändler in der Nachbarstadt Duisburg. Dort muss eine Kiste mit Medikamenten abgeholt werden, die in der Apotheke an Kirchplatz dringend erwartet wird, aber vom Fahrer des Großhändlers auf seiner Tour vergessen worden ist. Martina Henrich betritt eine andere Welt. Die Lagerhalle ist etwa so groß, wie sechs Fußballfelder. In haushohen Regalwänden lagern insgesamt rund 100.000 Medikamente. „Die Medikamente sind hier alphabetisch sortiert. Für jeden Buchstaben gibt es ein eigenes Regal“, weiß Henrich aus ihrem beruflichen Intermezzo in der Warenausgangskontrolle des Medikamenten-Großhandels, das gerade mal ein halbes Jahr dauerte, ehe sie wieder zurück in die Apotheke ging. „Das war nicht mein Ding. Der Kontakt zu den Kunden hat mir gefehlt“, sagt Henrich.

Den hat die pharmazeutisch-kaufmännische Angestellte, die ihren Beruf schon seit 28 Jahren ausübt, in der Apotheke am Kirchplatz reichlich. Dort hört sie natürlich nicht nur bedrückende Geschichten von Krankheit und Tod, sondern kann sich auch mit Kunden freuen, denen die Medikamente aus der Apotheke ihres Vertrauens geholfen haben, wieder gesund zu werden. Natürlich liefert hier auch der ganz normale Alltag mit Kind und Kegel viel Gesprächsstoff zwischen den Beratungs- und Verkaufsgesprächen rund um die etwa 8000 Medikamente, die die räumlich überschaubare Apotheke, zwischen dem Haus Dümpten und der Barbarakirche erstaunlicher Weise auf Lager hat.
Ein computergesteuertes Kommissionierungssystem, das dem Prinzip nach, wie eine gute alte Rohrpost funktioniert, macht es möglich. Martina Henrich nimmt das Rezept eines Kunden entgegen und scannt es ein. Sofort kann sie auf dem Bildschirm ihrer Computerkasse erkennen, ob das gewünschte Präparat vorrätig ist oder beim Großhändler bestellt werden muss, der fünfmal täglich seine Fahrer mit neuen Medikamenten vorbeischickt.

Ist das vom Kunden benötigte Medikament auf Lager, reicht ein Knopfdruck und ein computergesteuerter Arm setzt sich im Apotheken-Lager, gleich hinter der Verkaufstheke in Bewegung, und greift zielsicher das gewünschte Medikament aus dem entsprechenden Regalfach und schickt es per Rohrpost direkt in die schubladenähnliche Ablage neben Henrichs Kassen-Computer. Das geht sekundenschnell. „Bis 2005 mussten wir bei der Medikamentenlagerung und der Medikamentenbestellung noch mit Lochkarten, einem Telefonmodem und mikrofilmähnlichen Folien arbeiten. Das war alles um ein vielfaches zeitaufwendiger. Mit der Digitalisierung unserer Vorrats- und Bestellsystems haben wir Zeit gewonnen, Zeit, die wir für die Kunden übrig haben.
Diese Zeit und Zuwendung wird nicht nur von älteren Kunden geschätzt. Die alte Dame, die am Nachmittag einfach nur vorbeischaut und Henrich nach ihrem Wohlbefinden fragt und vom bevorstehenden Besuch ihrer Kinder erzählt, zeigt das die Apotheke im Dümptener Dorf nicht nur ein Gesundheitsdienstleister, sondern auch eine Kommunikationsbörse ist.

Dazu gehört auch der Sozialarbeiter eines Mülheimer Pflegedienstes, der vorbeischaut, um mit Apothekenkunden über das Thema häusliche Pflege und Patientenverfügung zu sprechen. „Der soziale Aspekt meines Berufs gefällt mir gut, weil hier jeder jeden kennt und das meist schon über mehrere Generationen. Das schafft Vertrauen und eine familiäre Atmosphäre“, sagt Henrich, als sie um 18.30 Uhr die Apotheke am Kirchplatz abschließt und mit Ehemann Rolf zur letzten Tour des Tages aufbricht, um noch einigen Kunden ihre bestellten Medikamente nach Hause zu bringen.

Die Henrichs selbst sind am Rande des Hexbachtals zu Hause und genießen auch in dieser Jahreszeit den Blick ins Grüne und ihren gemütlichen Feierabend auf der Couch.

Dieser Text erschien am 28. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 29. Januar 2017

Nur Bildung, Begegnung und Dialog können Frieden bringen: Der Mülheimer Lutz Gierig hat sich künstlerisch mit dem Krieg in Aleppo und mit dem Terror in Berlin auseinandergesetzt

Lutz Gierig vor seinen Bildern über den Krieg in Syrien und den
Zerroranschlag in Berlin
Als Psychiater am St. Marien-Hospital beschäftigt sich Lutz Gierig mit der menschlichen Seele. Als Künstler versucht er das, was er in seinem Alltag erlebt, ins Bild zu setzen und so zu verarbeiten und auch zu kommentieren.

Der 59-Jährige, der mit seinen in den letzten zehn Jahren entstandenen Arbeiten, etwa durch Ausstellungen im Bismarkturm, in der Evangelischen Ladenkirche, in der Ruhr-Galerie oder in der Galerie Art 73 ein interessiertes Publikum angesprochen hat, hat jetzt mit zwei Acrylbildern seine Ohnmacht und sein Entsetzen über menschliche Tragödien der Kriegsgräuel im syrischen Aleppo und des Terroranschlages in Berlin ins Bild gesetzt. „Wäre ich ein Journalist, hätte ich vielleicht einen Artikel geschrieben oder einen Film gedreht. Wäre ich ein Politiker, würde ich vielleicht versuchen, eine Friedensinitiative zu ergreifen. Wäre ich ein Schriftsteller, würde ich vielleicht einen Roman darüber schreiben, was nicht nur mich, sondern uns alle bewegt. Da ich nun aber male, habe ich eben meine Empfindungen in Bildern ausgedrückt.“

Auf einem schwarzen Hintergrund sieht man einen hell erleuchteten Ausschnitt, in den ein Blutstrahl hineinfährt. Im Licht erahnt man menschliche Silhouetten. So sieht der Künstler den Terroranschlag auf einen Berliner Weihnachtsmarkt. Das von weißen, Hoffnung verheißenden Tönen, durchstreifte Schwarz dominiert auch Gierigs Gemälde, das nach dem Fall von Aleppo entstanden ist. Lichtstrahlen, die nicht von ungefähr an die Scheinwerfer einer Flugabwehrkanone erinnern, beleuchten das dominierende Schwarz und das ebenfalls als Symbol für das vergossene Blut zu erkennende Rot.

Den Krieg in Syrien und die Terroranschläge in Frankreich und Deutschland sieht der Künstler als eine Zäsur und als „Angriff auf unsere durch die Freiheit und das Christentum geprägte Kultur.“ Als Psychiater und Psychologe sieht Gierig die tieferen Ursachen des Terrors „einen Schrei nach Anerkennung“ einer sozial deklassierten und ausgegrenzten Jugend, die die Religion instrumentalisiert und pervertiert, um die eigene Ohnmacht und Bedeutungslosigkeit durch terroristische Gewalt in eine scheinbare Allmacht zu verwandeln.“ Dagegen helfen nach Gierigs Ansicht nur Bildung, Begegnung und Dialog.


Dieser Text erschien am 30. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 28. Januar 2017

So gesehen: Und ewig grüßt der Osterhase

Kaum zu glauben, aber wahr. Als ich durch die Innenstadt schlenderte, habe ich ihn gesehen, den Osterhasen. Er lächelte mich verträumt von Tassen und Servietten an, die vorausschauend auf Ostern in einem Schaufenster dekorativ ausgebreitet worden waren. Einen Moment lang fröstelte ich und das lag nicht an der winterlichen Kälte. Ehrlich gesagt.

Ich bin noch dabei, die letzten Spekulatiuskekse und Stollenstücke, die von Weihnachten übrig geblieben sind, zu verdrücken. Zu Risiken und Nebenwirkungen frage ich meine Waage erst gar nicht und ziehe mir einen schönen großen Pullover in Weihnachtsrot über meinen Bauchansatz. Da begegnet mir der Osterhase.

Darauf war ich zu dieser Zeit nicht gefasst. Ich hinke wohl meiner Zeit hoffnungslos hinterher. Das wurde mir spätestens klar, als ich beim Einkauf meiner Frühstückseier auch schon auf die ersten gefärbten Eier in der Auslage schaute. Ich weiß ja nicht, wie es dem Osterhasen geht. Aber ich bin als Mensch nun mal ein Gewohnheitstier, das für diese kalte Jahreszeit seine Zeit braucht.


Dieser Text erschien am 24. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung  

Freitag, 27. Januar 2017

Dunkle Wolken über der Einkaufslandschaft in der Stadtmitte: Ein Zeitsprung

Ein Blick auf das Schlosscenter und seine Ausläufer
an der Schloßstraße/Ecke Eppinghofer Straße
Wo heute ein Augenoptiker seine Dienstleistung anbietet, gingen die Mülheimer bis zum September 2007 einkaufen. „Mein Foto aus dem Januar 1996 zeigt den Schätzlein-Markt an seinem letzten Verkaufstag, ehe aus Schätzlein Extra wurde“, berichtet der 1936 geborene Mülheimer Walter Neuhoff. Der Extra-Markt bot auf einer Verkaufsfläche von rund 850 Quadratmetern Lebensmittel an und beschäftigte zuletzt 15 Mitarbeiter. Nur der damalige Filialleiter und sein Stellvertreter blieben nach der Schließung des Marktes an der Schnittstelle zwischen Schloß- und Eppinghofer Straße in den Diensten der Supermarkt-Kette. Ihre Kollegen bekamen zwar eine Abfindung, wurden aber im Oktober 2007 arbeitslos. Schon damals wurde in der Lokalpresse der zunehmende Mangel an Supermärkten in der Innenstadt beklagt. Denn kurz vor dem Extra-Markt waren auch die Plus-Filialen an der Leineweberstraße und am Löhberg geschlossen worden. Fünf Jahre später, im Sommer 2012 sollte auch der Tengelmann-Markt an der Leineweberstraße für immer seine Türen schließen. 2012, wie 2007 wurde die Schließung mit der zu geringen Verkaufsfläche begründet. Seitdem halten nur noch Aldi und Edeka mit ihren Märkten im Forum die Stellung. Extra und Schätzlein waren mit einem Teil der Verkaufsfläche Mieter im 1969 errichteten Schloss-Centers, in dem Geschäfte, Lokale, Arztpraxen Quartier nahmen. Nach der Schließung des Extra-Marktes wurden seine zusammengesetzten Verkaufsflächen wieder getrennt. Die ehemalige Extra-Fläche nutzt heute der Textil-Anbieter KIK.

Dieser Text erschien am 23. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 25. Januar 2017

Das Alte Postamt an der Düsseldorfer Straße: Ein Zeitsprung

Das alte Postamt an der Düsseldorfer Straße 102
steht seit 1967 unter Denkmalschutz.
Dem Klinkerbau an der Düsseldorfer Straße 102 sieht man seinen dienstlichen Charakter noch an. Der Schriftzug Postamt und der Reichsadler im Mauer Relief lassen erahnen, dass hier einst die Post abging, wo es sich heute Kinder der Kindertagesstätte Kichererbsen und die Gäste des Cafè Menzen gut gehen lassen.

Das alte, 1928 errichtete Postamt im Saarner Dorf, war nicht das Erste im Stadtteil. Fast gegenüber, wurde 1894 an der Düsseldorfer Straße 101 das erste Saarner Postamt eingerichtet. In diesem Haus betreibt die Familie Kessler seit Mitte der 50er Jahre einen Tapetenmarkt und eine Malerwerkstatt.

Es war Mathias Krabb, der anno 1798 als erster Postverwalter dafür sorgte, dass auch in Mülheim die Post abging. Doch die Saarner weigerten sich 1830 sich ihre Post von irgend einem Landbriefträger ihre Post abnehmen und nach Mülheim bringen zu lassen. Sie beharrten noch über viele Jahre darauf, dass ihre aus Saarn stammende Bootenfrau eben diese Aufgabe übernehmen sollte. Apropos Saarner Post. Es war der Saarner Postsekretär und spätere Postdirektor Joseph Allekotte, der Mülheim während der 20er Jahre als Reichstagsabgeordneter der Zentrumspartei in Berlin vertrat.

Nach dem das Mülheimer Postamt zunächst an der heutigen Friedrich-Ebert-Straße ansässig war, wurde 1897 an damaligen Viktoriaplatz, dem heutigen Synagogenplatz, ein großes und vor allem repräsentatives Postamt errichtet. Seit 1994 wird dieses alte Postamt als städtisches Kunstmuseum genutzt, während die Post seit 1982 in einem damals neu errichteten Gebäudekomplex am Hauptbahnhof abgeht. 

Dieser Beitrag erschien am 16. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 23. Januar 2017

Ein Mann macht den Weg frei: Unterwegs mit Olaf Vier

MEG-Mitarbeiter Olaf Vier
Normalerweise kehrt Olaf Vier von der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft (MEG) die Straßen und leert Abfallbehälter. Doch jetzt ist der 47-Jährige in Sachen Streudienst unterwegs. Wenn das Thermometer auf unter Null Grad sinkt und Glätte auf Straßen und Brücken droht, hat der Familienvater Bereitschaft. Dann beginnt sein Dienst morgens um 3 statt um 7 Uhr.

An eiskalten Wintertagen lässt er seinen Kehrwagen an der Pilgerstraße stehen und betankt einen Spezialcontainer an einem Silo auf dem MEG-Gelände mit Streusalz und Sole. Der Container, der etwa sechs Kubikmeter Streugut fasst, wird auf die Karosserie eines Müllladers montiert, der an weniger eisigen Tagen Großraumcontainer für den Hausmüll trägt.

Auch wenn Vier einräumt, dass die winterbedingte Frühschicht zwischen 3 und 11 Uhr seinem Bio-Rhythmus zusetzt, „weil ich einfach nicht einschlafen kann, wenn ich vor 22 Uhr ins Bett gehe“, reizt ihn die anspruchsvolle und lebensnotwendige Aufgabe des Winterdienstes. Ab 3 Uhr steuert Vier seinen, samt Streugut, 20 Tonnen schweren Koloss über die vereisten, manchmal auch schneebedeckten Hauptstraßen und Brücken der Rechts-Ruhr-Stadtteile Stadtmitte, Heißen, Heimaterde, Styrum, Dümpten und Winkhausen, damit der ab 6 Uhr einsetzende Berufsverkehr ins Rollen kommen kann.

„Das ist schon Abenteuer pur“, sagt Vier über seine nächtliche Fahrt über glattem Grund. Dabei muss er nicht nur beim Lenken, Gegenlenken und Kuppeln seine ganze Fahrkunst aufbieten, um den MEG-Laster in der Spur zu halten, sondern auch den am Fahrzeugkühler montierten, Schneeflug und den Verteilteller steuern, der am Heck, je nach Straßenzustand 5 bis 40 Gramm pro Quadratmeter Streugut auf die Fahrbahn wirft. „Manchmal wundere ich mich, wenn ich auf eisglatter Straßenfläche von nächtlichen Verkehrsteilnehmern mit 80 oder 90 km/h rechts überholt werde“, berichtet Vier.

Er fährt nie schneller als 60 km/h. Vor Jahren hatten er sich einmal bei einem Streueinsatz mit einer abschüssigen Kurve vertan und dabei ein am Straßenrand parkendes Auto beschädigt. Das war ihm eine Lehre. Vorsicht ist die Mutter des Winterdienstes. „Wenn ich abschüssige Straßen streuen muss, fahre ich sie heute rückwärts hoch und wenn es auf einer Straße eng wird, die an beiden Seiten beparkt wird, klingele ich im Zweifel den Fahrzeughalter aus dem Schlaf“, berichtet Vier.

Wenn es besonders eisig wird und zum Glatteis auch noch Schnee kommt, muss Vier auch schon mal zum MEG-Hauptquartier an der Pilgerstraße zurückkehren, um wieder neues Streugut aufzunehmen. Und an Tagen mit extremer Eis- und Schneelage, wie etwa Heiligabend 2010 können Vier und sein für die Linksruhr-Stadtteile zuständiger Kollege auch bis zu 14 Kollegen und sechs Fahrzeuge aus der Bereitschaftsreserve anfordern. Doch mit solchen Winterwetterlagen, bei denen das Streugut knapp werden kann, werden die Streudienstleute der MEG nur selten konfrontiert. „Nachdem wir 2010 eine solche Situation schon mal erleben mussten, haben wir unsere Lagerbestände jetzt verdreifacht, so dass wir drei Wochen mit Eis und Schnee durchhalten können, ohne bei unserem Lieferanten nachbestellen zu müssen“, erklärt Viers Vorgesetzter, Jörg Smet, die Streugutlage.

Da alle Streugutfahrzeuge mit GPS ausgestattet sind, kann Smet auch am PC in seinem Büro verfolgen, wie, wo und wer im Auftrag der MEG eisglatte Straßen befahrbar macht. „Das hat weniger mit der Kontrolle der Fahrer als damit zu tun, dass wir einen auch gerichtsverwertbaren Beweis haben, wenn uns Bürger belangen und Schadenersatz fordern, weil wir angeblich an einer bestimmten Stelle nicht gestreut haben sollen. Dann kann ich genau belegen, wann wir wo gestreut haben.“ Und natürlich hat der MEG-Disponent per Handy, SMS und E-Mail in diesen Wintertagen einen kurzen Draht zum Wetterdienst, der ihm stündliche Prognosen liefert und damit die Entscheidungsgrundlage liefert, ob Olaf Vier oder seine Kollegen auf die nächtliche Eispiste müssen.

Um dort fit und sicher unterwegs sein zu können, trainieren Vier und seine Kollegen aus dem Winterdienst regelmäßig am Nürburgring das Fahren auf eisglatten und verschneiten Flächen. Dabei stellen sie immer wieder fest: „Dass man beim Winterdienst an einem nicht sparen darf, an den Allwetterreifen.“ Auch an Ruhephasen spart Vier nach Dienstschluss, nicht. „Um die wichtige Arbeit, die wir für die Bürger auf Mülheims Straßen leisten, tun zu können, muss man immer wieder seine Akkus auftanken, um fit zu bleiben“, sagt Vier, der früher im Fitnessstudio und heute daheim auf der Couch mit einer guten Tasse Tee entspannt.


Dieser Text erschien am 21. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...