Sonntag, 4. Dezember 2016

Stark trotz Handicap: Nicht nur in der Woche der Menschen mit Behinderung wirbt die Agentur für Arbeit um die Einstellung von Menschen mit Behinderung: Ein Erfolgsbeispiel

Restaurant-Inhaber Marcus Prünte (von links) Mitarbeiter Dominik Welzel, Personalleiterin
Ellen Patzwall, der Chef der örtlihen Arbeitsagentur, Jürgen Koch und Anett Schwoy,
die sich bei der Agentur für Arbeit speziell um Arbeitsplätzte für Menschen mit
Behinderung kümmert.
Heute ist der Welttag der Menschen mit Behinderung. Dominik Welzel (23) ist einer von ihnen. Er hat Epilepsie, kann also Krampfanfälle erleiden. „Doch diese Gefahr besteht jetzt nicht mehr, weil ich medizinisch richtig eingestellt bin“, freut sich Welzel.

Das war nicht immer so und führte dazu, dass er seine Berufsausbildung als Schumacher und Orthopädie-Mechaniker nicht beenden konnte. Eine weitere Arbeitsstelle in der Produktion eines Gebäckherstellers musste er aufgeben, weil das menschliche Umfeld nicht stimmte. Doch jetzt stimmt für ihn alles. Seit dem 1. August arbeitet er an der Grillstation eines McDonalds-Restaurants in Dümpten. Inhaber Marcus Prünte und seine Personalleiterin Ellen Patzwall gaben ihm nach einem dreimonatigen Probepraktikum eine Festanstellung.

„Ich bin glücklich, weil ich hier gebraucht werde und das Betriebsklima sehr familiär ist“, sagt Welzer nach vier Monaten im neuen Job. Der Chef der Agentur für Arbeit, Jürgen Koch, kennt die Vorurteile, die viele Arbeitgeber gegenüber Menschen mit Behinderung haben: „Die sind nicht leistungsfähig. Die sind öfter krank. Und die werde ich nie wieder los.“ Koch weist darauf hin, „dass aktuell 409 Pflichtstellen für Menschen mit Behinderung noch unbesetzt sind.“ Pflichtstellen sind die Stellen, die Arbeitgeber mit Schwerbehinderten besetzen müssen, um den gesetzlich vorgeschriebenen Fünf-Prozent-Anteil von Mitarbeitern mit Behinderung zu erreichen und keine Ausgleichabgabe bezahlen zu müssen. Nach Angaben der Agentur für Mülheim haben derzeit rund 2000 von 17.600 Mülheimern mit Behinderung eine sozialversicherte Vollzeit-Stelle, während 385 eine solche noch suchen. Gegenwärtig gibt es in der Ruhrstadt insgesamt rund 58.000 sozialversicherte Vollzeit-Beschäftigte.

Marcus Prünte, der insgesamt 16 Mitarbeiter mit Handicap beschäftigt und sich zur „sozialen Verantwortung der Unternehmer“ bekennt, bestätigt aus seiner praktischen Erfahrung die Einschätzung von Agentur-Chef Koch: „Arbeitnehmer mit Behinderung wissen den Wert eines Arbeitsplatzes und die damit verbundene soziale Teilhabe besonders zu schätzen und sind deshalb auch sehr motiviert.“

Anett Schwoy, die sich bei der Agentur für Arbeit um die Vermittlung von Arbeitssuchenden kümmert, die eine Behinderung haben oder aus einer Rehabilitationsmaßnahme zurück auf den ersten Arbeitsmarkt kommen, sieht in den letzten Jahren eine steigende Bereitschaft der Arbeitgeber, Menschen mit Handicap einzustellen. „Wir stellen die Fähigkeiten und nicht die Behinderung des Arbeitssuchenden in den Vordergrund und beraten Arbeitgeber auch mit Blick auf mögliche Zuschüsse“, erklärt Schwoy. Nicht nur Lohnkosten, sondern auch die barrierefreie Umgestaltung eines Arbeitsplatzes kann von der Agentur für Arbeit finanziell unterstützt werden. Personalleiterin Ellen Patzwall empfiehlt Arbeitnehmern mit Handicap dazu, offen mit ihrer Behinderung umzugehen, damit Hilfsmittel rechtzeitig installiert werden und Missverständnisse vermieden werden könnten.


Dieser Text erschien am 3. Dezember 2016 in NRZ/WAZ

Freitag, 2. Dezember 2016

64 Jahre nach ihrem ersten Arbeitstag verlässt Schwester Ingeborg das St. Marien-Hospital



Schwester Ingeborg bei ihrer Verabschliedung in der
Kapelle des St. Marien-Hospitals, hier flankiert vom
Stadtdechanten Michael Janßen (rechts), Elke Tieze und dem
Geschäftsführer des St. Marien-Hospitals, Hubert Brams.
"Niemals geht man so ganz", zitiert der Geschäftsführer des zur Contilia-Gruppe gehörenden St. Marien-Hospitals ein Lied von Trude Herr. Er sagt es mit Blick auf die Elisabeth-Schwester Ingeborg, die 64 Jahre lang als Kinderkrankenschwester, als Oberin und als Seelsorgerin im 1887 eröffneten Katholischen Krankenhaus gelebt und gearbeitet hat.

"Mein Herz wird immer für das St. Marien-Hospital schlagen", versichert die 86-jährige Ordensfrau, die ihren Alterssitz jetzt im Essener Emaus-Haus der Elisabeth-Schwestern nehmen wird. Als die aus Schernbeck am Niederrhein stammende Kinderkrankenschwester 1952 in St. Marien-Hospital kam und acht Jahre später der Ordensgemeinschaft der Elisabeth-Schwestern beitrat, waren im katholischen Krankenhaus 48 Ordensfrauen tätig. Heute verlässt Schwester Ingeborg als letzte Elisabeth-Schwester das Krankenhaus.

"Die Zeiten ändern sich, aber eines bleibt, die Patienten brauchen Krankenschwestern und Krankenpfleger brauchen, die sie liebevoll und mit einem Lächeln betreuen und pflegen", sagt die Nestorin des Marien-Hospitals. Und nicht nur dessen Geschäftsführer, Hubert Brams, bescheinigt ihr: "Sie haben immer gute Laune ins Krankenhaus gebracht!"

Natürlich hat Schwester Ingeborg, die in ihrer aktiven Zeit als Kinderkrankenschwester mehr als 20.000 Mülheimer auf die Welt geholt hat, auch schwere Zeiten im St. Marien-Hospital erlebt. Noch heute kommen ihr fast die Tränen, wenn sie an die frühen 60er Jahre zurückdenkt, in denen der Contergan-Skandal um ein Schlaf- und Beruhigungsmittel für Schwangere viele körperbehinderte Kinder zur Welt kommen ließ und nicht nur die betroffenen Eltern in die Verzweifelung trieb.

"Nicht nur in dieser schweren Zeit hat mich mein Glaube und die starke Gemeinschaft meiner Mitschwestern immer getragen", betont Schwester Ingeborg, die jetzt zusammen mit 31 Mitschwestern (zwischen 62 und 93 Jahren) im Essener Emaus-Haus ihrer Ordensgemeinschaft wohnen wird. Dort wird die Ordensfrau, die als aktive Kinderkrankenschwester sieben Tage in der Woche aktiv war und ihren ersten freien Nachmittag im November 1988 nahm, viel Zeit haben, um Bücher zu lesen und Spaziergänge zu unternehmen. Zurzeit liest sie eine Biografie über Papst Franziskus.

Dieser Text erschien am 19. November 2016 im Neuen Ruhrwort

Donnerstag, 1. Dezember 2016

Ein Meister der Formensprache: Der Bildhauer Ernst Rasche konnte jetzt seinen 90. Geburtstag feiern

Ernst Rasche in seinem Atelier
Das Kreuz-Relief an seiner Haustür zeigt, was Ernst Rasche trägt, der am 24. November seinen 90. Geburtstag feiert. Sein christlicher Glaube hat ihn von Kindesbeinen geprägt. Nicht nur in seiner Heimatstadt hat er Kirchen und öffentliche Räume gestaltet. Wer auf die von ihm geschaffene Chorwand der Stadtkirche St. Mariae Geburt schaut und das Himmlische Jerusalem erkennt, aus dem ein warmer (göttlicher) Lichtstrahl auf die Erde hernieder kommt, der spürt etwas von seiner christlichen Lebenszuversicht.
Gleich gegenüber der Chorwand kann man am Eingangsportal der Marienkirche sein in den 60er Jahren geschaffenes Kreuzweg-Relief erkennen. Als Mitglied der Kriegesgeneration musste Rasche so manchen Kreuzweg gehen. „Wir mussten und heimlich in der Krypta unter dem Altarraum von St. Mariae Geburt treffen“, erinnert sich Rasche an die Nazi-Zeit, als er in der katholischen Jugend aktiv war. Als Soldat musste er eine schwere Schulterverletzung und die sowjetische Kriegsgefangenschaft überleben, ehe er ab 1947 bei Lehrern, wie Ewald Mataré und Ferdinand Enseling, an der Kunstakademie Düsseldorf Bildhauerei studieren konnte.
Mit seiner Frau Elisabeth, einer Goldschmiedin, fand er 1954 eine Frau fürs Leben, mit der er (bis zu ihrem Tod 2009) seine künstlerische Kreativität teilen konnte. „Ich habe meinem Vater Heinrich schon als kleiner Junge bei seiner Arbeit als Steinbildhauer zugeschaut und die Freunde an Formen und Gestaltung entdecken dürfen“, erinnert sich Rasche an seine frühe Prägung. Mit Wohlwollen sieht er heute, dass seine Söhne Christoph und Gereon, als Bühnenbildner und als Architekt, ebenfalls kreative Berufe ergriffen haben.
Sein Sohn Christoph und seine Schwiegertochter Astrid haben, mit finanzieller Unterstützung von Evonik, jetzt eine zweibändige Dokumentation seines Lebenswerkes erstellt, die am 24. November bei einer Matinee im Duisburger Lehmnruck-Museum vorgestellt wird.
Ernst Rasche, der in seiner Heimatstadt Mülheim auch mehrere Brunnenlandschaften, ein Mahnmal für den Jüdischen Friedhof und den Altarraum der evangelischen Petrikirche gestaltet hat, ist davon überzeugt: „Gerade in einer Zeit des rasanten technischen Fortschritts brauchen wir als Menschen Halt, Orientierung und Visionen. Deshalb müssen wir auch die Kunst und die Geisteswissenschaften fördern, um die technische und wirtschaftliche Entwicklung kreativ, sozial und ethisch zu begleiten.“

Dieser Text erschien am 26. November 2016 im Neuen Ruhrwort

Dienstag, 29. November 2016

Als die Bahnbögen noch voller Leben waren: Ein Zeitsprung an der Bahnstraße

Ein Blick auf die heutigen Bahnbögen
Ein Foto aus den frühen 1970er Jahren lässt uns staunen. Das aus dem Stadtarchiv stammende Foto zeigt unter den Bahnbögen an der Bahnstraße eine lebendige Geschäftszeile. Heute schauen wir dort nur noch durch die nackten Rundbögen, die in den 1860er Jahren als Unterbau für die Rheinische Eisenbahnstrecke errichtet wurden, hindurch auf die parallel verlaufende Heinrich-Melzer-Straße, benannt nach dem ersten Nachkriegs-Vorsitzenden des DGB in Mülheim. Dort fanden sich noch in den 70er Jahren kleine Geschäfte, Lagerräume und Wohnungen. Erst Anfang der 1980er Jahre verschwanden die Geschäfte in den Bahnbögen zugunsten eines reinen Durchgangs und Durchblicks. Dabei ließe sich heute unter der ehemaligen Eisenbahnstrecke viel besser kaufen, verkaufen und wohnen. Denn inzwischen verläuft dort der Ruhr-Rad-Schnellweg - mit Stadtbalkon.

Die kleine Geschäftswelt unter den Bahnbögen, die sich bis in die 1890er Jahre zurückverfolgen lässt, und die im Zuge des westdeutschen Wirtschaftswunders in den 1950er Jahren wieder belebt wurde, schien den Stadtplanern am Beginn der 1980er Jahre nicht mehr zeitgemäß. Die Geschäfte unter den Bahnbögen passten damals nicht mehr in die schöne neue Einkaufswelt der Fußgängerzonen und Einkaufsstraßen. Auch die Idee, die Freiräume unter den Bahnbögen für Künstlerateliers zu nutzen, wurde nicht realisiert. Stattdessen fuhr nach der Öffnung der Bahnbögen die Straßenbahnlinie 102 an der Bahnstraße entlang, bevor sie ab 1998 durch den Ruhrtunnel geführt wurde. 


Dieser Text erschien am 28. November 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 28. November 2016

Die Netzwerkerin: Als Stadtteilkoordinatorin ist die Erziehungswissenschaftlerin Sabine Gronek in Styrum unterwegs, um Menschen zu einer starken Gemeinschaft starker Persönlichkeiten zu bilden

Sabine Gronek
Wenn die heute 34-jährige Sabine Gronek als Teenager in Styrum unterwegs war, dann vor allem, weil es sie ins Freibad zog. Als ihr Mann Stephan und sie 2013 überlegten, wo sie sich das Ja-Wort für das gemeinsame Leben geben wollten, fiel ihre Wahl auf das Schloss Styrum. „Die Atmosphäre dort gefiel mir einfach gut“, erinnert sich die studierte Erziehungswissenschaftlerin, die in Speldorf geboren wurde und am Gymnasium Broich ihr Abitur gemacht hat.

Dass sie schon bald in und für Styrum arbeiten würde, hätte die Geisteswissenschaftlerin, die schon diverse befristete Arbeitsverhältnisse als wissenschaftliche Mitarbeiterin, Projektmanagerin und zuletzt als Gleichstellungsbeauftragte der Hochschule Ruhr-West hinter sich gebracht hat, damals nicht träumen lassen. Doch im Juli 2015 ergab sich die Chance, als für Styrum eine Bildungsnetzwerkerin gesucht wurde.

Bis dahin kannte sie vor allem die gängigen Styrum-Klischees, über den Stadtteil in dem „viele Ausländer leben und in dem es viele soziale Probleme gibt“. Seit sie nun regelmäßig im Stadtteil unterwegs ist, um zusammen mit Kindertagesstätten, Grundschulen, Sportvereinen, Eltern und anderen sozialen Akteuren, gleichermaßen niederschwellige und wirksame Bildungsprojekte auf die Beine zu stellen, hat sie gelernt, „dass dieser Stadtteil, in dem etwa ein Viertel der Menschen eine Zuwanderungsgeschichte hat, viel vielschichtiger ist, als er von außen oft wahrgenommen wird.“

Was ihr bei ihrer Arbeit, die sich etwa zur Hälfte in ihrem Büro in der Feldmannvilla an der Augustastraße und zur Hälfte überall dort in Styrum abspielt, wo sie gemeinsam mit Styrumern Projekte schmiedet, positiv auffällt, ist die Tatsache, „dass es hier unvergleichlich viele Menschen gibt, die sich gerne für ihren Stadtteil engagieren und dabei offen für neue Ideen sind.“

Das merkt Gronek, wenn sie im Ruhrstadion ein Eltern-Kind-Fußballturnier organisiert, Väter und ihre Kinder zu einem Tagesausflug einlädt, zusammen mit Vereinen, Grundschulen und Familienzentren einen Sporttag für kleine Leute auf die Beine stellt oder in der Küche der benachbarten Willy-Brandt-Schule, Styrumer aus allen Generationen und Nationen nicht nur zum gemeinsamen Kochen und Essen, sondern auch miteinander ins Gespräch bringt.

Obwohl ihre Arbeitszeiten keine geregelten Grenzen, aber viele Abendtermine kennen, empfindet sie das berufliche Unterwegssein im Stadtteil nicht als Ochsentour, sondern als belebend und inspirierend, weil sie die Teilnehmer und Zielgruppen ihrer Projekte vom Elternabend über „das liebevolle Grenzen setzen“ über das Mut-Café für Mütter bis hin zum gemeinsamen und generationsübergreifenden Beackern der Oase Unperfekt, einem öffentlichen Garten an der A40, nicht überreden und überzeugen muss, mitzumachen.

„Irgendwie und irgendwo findet sich immer jemand, der zusammen mit mir überlegt: ,Wie können wir diese oder jene Idee Wirklichkeit werden lassen.’“ freut sich die Stadtteil-Koordinatorin. Ihren ersten Mitmacher und Türöffner fand die Styrum-Novizin nach ihrem Einstieg in den Stadtteil in Person ihres Büro-Nachbarn in der Feldmannvilla. „Max Schürmann kennt wirklich jeden und alles in Styrum“, lobt Gronek den langjährigen Leiter der Feldmannstiftung.Die Bürgerbegegnungsstätte erlebt Gronek auch als einen Bildungsort, „weil er vom Puppentheater bis zum Mal- und Geschichtsgesprächskreis spielerisch Bildung ermöglicht und Menschen jeden Alters Freiräume verschafft, in denen sie gemeinsam aktiv werden und sich persönlich weiterentwickeln können.“

Und letztlich ist Gronek auch dann für die Bildungsförderung in Styrum unterwegs, wenn sie an ihrem Schreibtisch in der Feldmannvilla sitzt und zum Beispiel mit potenziellen Sponsoren telefoniert oder Projektkonzepte und Projektberichte schreibt.

Welches Potenzial der bunte und sozial wie kulturell vielfältige Stadtteil hat, wurde der Mutter einer dreijährigen Tochter klar, als sie bei einem Schreib- und Vorlesetag zum Thema Lebensträume mit einer neunjährigen Grundschülerin sprach, die Deutsch, Englisch, Albanisch und Türkisch sprechen konnte und ihr ganz stolz erzählte, dass sie unbedingt Tierärztin werden wolle.

Mit Blick in ihr eigene berufliche Zukunft als Bildungsnetzwerkerin und Stadtteilkoordinatorin sieht Gronek vor allem in den Bereichen Gesundheit und Ernährung ein wichtiges Handlungsfeld. Wie lange sie Bildungsarbeit in Styrum leisten kann, weiß die Erziehungswissenschaftlerin, die ihre Examensarbeit über Frauen in prekären Arbeitsverhältnissen geschrieben hat, nicht, weil ihre jetzige Stelle zunächst nur bis zum Juli 2018 befristet ist. Doch nach ihren positiven Erfahrungen in den letzten eineinhalb Jahren würde sie gerne auch über den Sommer 2018 hinaus in und für Styrum arbeiten, statt wieder unterwegs zu sein, zur nächsten Arbeitsstelle auf Zeit. „Irgendwann möchte man auch mal ankommen“, sagt Sabine Gronek.


Dieser Text erschien am 26. November 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 27. November 2016

So gesehen: Auch Maschinen können irren

Früher hielt ich elektrische Schreibmaschinen mit Zeilenspeicher und Fax-Geräte für die Spitze des technischen Fortschritts. Heute schreibe ich meine Texte mit einem Computer und versende sie per E-Mail. Die Zeiten, in denen man als Journalist Texte auf einer Schreibmaschine tippte und sie per Fax verschickte, damit sie am anderen Ende der Leitung von Mitarbeitern einer Drucksatzstelle ins rechte Zeitungsmaß gebracht werden konnten, scheinen Lichtjahre entfernt. Das nennt man Rationalisierung.

Da beschleicht den Journalisten, der noch im analogen Zeitalter mit Manuskriptpapier aufgewachsen ist, die  Angst, wie so mancher Kollege in der industriellen Massenfertigung in nicht allzu ferner Zukunft durch einen Schreib-Roboter ersetzt zu werden. In Japan werden Roboter jetzt auch schon in der Altenpflege eingesetzt. Elektronische statt menschliche Zuwendung im Alter? Ob man das noch erleben möchte? Doch es gibt noch Hoffnung für die Schöpfung Mensch.

Denn als ich jüngst an einer Haltestelle auf meine Bahn wartete, weil mir die computergesteuerte elektronische Anzeigetafel ihre Ankunft in fünf Minuten ankündigte, ich selbst aber mit eigenen Augen feststellen konnte, dass sie bereits eingefahren war, wusste ich: Auch Maschinen können irren. Gott, sei Dank.

Dieser Text erschien am 26. November 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 26. November 2016

Ein gut eingespieltes Team: Die Notfallseelsorger der Evangelischen Kirche und ihre Fahrer vom Deutschen Roten Kreuz



Kurt Sallner (links) und Guido Möller
Rund 100 Mal im Jahr werden Pfarrer Guido Möller und seine 54 Kollegen aus dem Notfallseelsorger-Team des evangelischen Kirchenkreises an der Ruhr zu einem Notfall gerufen. Ein Mensch ist plötzlich gestorben. Ein
anderer hat sich das Leben genommen oder droht mit einem Suizid. Auf der Autobahn sind Menschen bei einem Unfall schwer verletzt oder getötet worden. Angehörige, Unfallopfer oder Unfallbeteiligte und Unfallverursacher stehen unter Schock. „Zu diesem Schock kommt oft die quälende Frage nach der persönlichen Schuld. Hätten wir, hätte ich das verhindern können“, weiß Möller.
Der 54-jährige Theologe, der in seinem früheren Berufsleben auch als Krankenpfleger gearbeitet hat, gehört seit 2002 zum Team der Notfallseelsorger, das er seit 2007 leitet. Wenn Möller zum Einsatz gerufen wird, ist in der Regel Kurt Sallner als Fahrer und Rettungshelfer in der Not an seiner Seite. Der 47-jährige Bundesbeamte und seine 39 Kollegen aus dem Notfallseelsorgedienst des Deutschen Roten Kreuzes arbeiten ehrenamtlich, neben ihrem Beruf.

Sallner schätzt seinen jährlichen Zeiteinsatz als Fahrer und
Rettungshelfer auf 1500 bis 2500 Stunden. Lange hat er im
Rettungsdienst des Roten Kreuzes mitgearbeitet. Aber irgendwann machte sein Rücken nicht mehr mit. Jetzt leitet er seit 2009 den Arbeitskreis für den Notfallseelsorgedienst. „Mit Kirche habe ich eigentlich nicht viel am Hut. Aber der Einsatz und das Einfühlungsvermögen der Notfallseelsorger haben mich sehr beeindruckt. Ich selbst bin durch meine Mitarbeit im Notfallseelsorgedienst freundlicher und sensibler geworden, achte nicht mehr nur auf mich, sondern auch auf meine Mitmenschen“, erzählt Sallner.
Guido Möller möchte Sallner und seine DRK-Kollegen bei keinem Einsatz missen. „Sie sind für uns Notfallseelsorger, wie unsere rechte und linke Hand, die uns im Ernstfall den Rücken freihält und bei Bedarf weitere Hilfskräfte anfordert“, sagt er. Dass er auf die gut eingespielten und ausgebildeten Strukturen des Notfallseelsorgedienstes zurückgreifen kann, gibt dem Pfarrer im Einsatz die nötige Freiheit und Sicherheit, um sich voll und ganz auf seine Arbeit konzentrieren zu können. Waren die Notfallseelsorger und ihre Begleiter vom DRK, Ende der 90er Jahre, noch mit einem VW-Golf  unterwegs, so steht ihnen heute für ihre Einsätze ein Mercedes-Kleinbus zur Verfügung. Mit seiner gemütlichen Sitzecke und seinen abgedunkelten Scheiben bietet dieses Fahrzeug auch bei einem Autounfall auf der Autobahn oder nach einem Hausbrand einen wichtigen Rückzugsort für die Betroffenen. Auch wenn es plötzlich zu gesundheitlichen Komplikationen kommt, weil ein Hinterbliebener plötzlich hyperventiliert oder Anzeichen eines Herzversagens zeigt, haben Sallner und seine Kollegen alle notwendigen Rettungsmittel vom Infusionsbesteck über den Beatmungsbeutel bis zum Automatischen Elektronischen Defibrillator an Bord. Was macht man als Notfallseelsorger in einem Notfall? „Da gibt es keine Routine.

Denn jeder Fall und jede Situation ist wieder anders“,
sagt Guido Möller. Aber im Laufe der Jahre hat er ein Bauchgefühl entwickelt, auf das er sich meistens verlassen kann. „Man muss einfach erspüren, was der Betroffene braucht. Manchmal ist es das Gespräch, manchmal das reine Zuhören oder das gemeinsame Schweigen. Und manchmal hilft es auch, wenn ich uns erst mal eine Tasse Kaffee koche“, erzählt Möller aus seinem Seelsorger-Alltag. Manchmal ist dann auch gleich Kurt Sallner gefordert, etwa, wenn es darum geht, den oder die Betroffenen zu Verwandten zu bringen oder aber Verwandte an den Unglücksort zu holen. Seite an Seite gehen der Notfallseelsorger und sein Begleiter vom Notfallseelsorgedienst durch Dick und dünn. „Da entstehen natürlich auch freundschaftliche Bande, die dazu führen, dass man sich auch ohne viele Worte versteht, auch wenn es gut tut, nach einem gemeinsamen Einsatz bei einer Tasse Kaffee oder einer Portion Pommes noch einmal über das Erlebte zu sprechen.“
Doch Sallner und Möller lassen auch keinen Hehl daran, dass es, trotz allem Austausch und gegenseitiger Hilfe, immer wieder Situationen gibt, an denen sie mehr als einen Tag zu knacken haben. Möller erinnert sich zum Beispiel daran, dass ihm nach seinem Einsatz bei der Duisburger Love-Parade-Katastrophe mehrere Tage die Stimme wegblieb.

Auch Sallner kennt posttraumatische Belastungsstörungen, die das Leben nach einem schweren Einsatz aus dem Takt bringen können. Doch er weiß auch, dass diese Störungen, eine normale Reaktion der Seele sind, die in der Regel nach wenigen Tagen wieder verschwindet, wenn man das auslösende traumatische Erlebnis in Gesprächen mit den Notfallseelsorgern oder mit erfahrenen Kollegen reflektiert und aufgearbeitet hat. Diese eigenen Erfahrungen und Erkenntnisse im Rahmen der Fortbildung und der Einsatznachsorge auch an junge Kollegen des Notfallseelsorgedienstes weiterzugeben, um sie so langfristig zu stabilisieren und zu entlasten, versteht dessen Leiter als „Teil meiner Fürsorgepflicht.“
Doch auch wenn ihre gemeinsame Arbeit mit und für Menschen in Lebenskrisen und emotionalen Extremsituationen oft seelisch belastend ist, sehen Kurt Sallner und Guido Möller ihren persönlichen Beitrag „zu dieser gesellschaftlich wichtigen und hoch relevanten Aufgabe“ als unverzichtbar, aber auch als persönlich befriedigend an, weil sie in ihren Einsätzen immer wieder erfahren, „wie sinnvoll unsere Arbeit ist, mit der wir dort sind, wo es brennt und wo wir als Menschen mit unserer ganzen Menschlichkeit gebraucht werden.“

Dieser Text erschien in der Ausgabe 4/2016 des DRK-Magazins

Leder, made in Mülheim

  Ende Juli wurde an der Lahnstraße Mülheims letzter Lederindustriebetrieb geschlossen. Damit ging eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte zu...