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Rückblick: Als die Zillertalbahn vor 40 Jahren an die Ruhr kam, waren nicht nur die Mülheimer begeistert

Wie bekommt man Leute in die Stadt und macht Mülheim über die Stadtgrenzen hinaus bekannt. Das ist eine gute Frage, mit der sich heute nicht nur die Stadtmarketing- und Tourismusgesellschaft MST beschäftigt. Eine Antwort lautet: „Man muss Anziehungspunkte schaffen, die Menschen begeistern.“ Genau das tat man vor 40 Jahren, als der Mülheimer Verkehrsverein im Mai 1971 die Zillertalbahn für zwei Wochen ins Ruhrtal holte. Oberbürgermeister Heinz Hager, Oberstadtdirektor Heinz Heiderhoff, Hauptamtsleiter Kurt Wickrath und Presseamtsleiter Günter Ader stießen mit ihrer Idee nicht nur auf Zustimmung. Kritiker befürchten ein Zuschussgeschäft.

Doch die Eisenbahnfans im Rathaus setzten sich durch und stießen beim Freundeskreis der Zillertalbahn und dem Fremdenverkehrsverband des Zillertales mit ihrer Idee auf Gegenliebe.Die Ruhrstädter hofften auf eisenbahnbegeisterte Touristen aus ganz Nordrhein-Westfalen und die Zillertaler auf Touristen aus dem Ruhrgebiet. Beide Seiten werden nicht enttäuscht.Zehntausende, unter ihnen auch viele Medienvertreter aus Nah- und Fern pilgerten ins Ruhrtal, um über die alte Dampflok (Baujahr 1900) zu berichten und diese zu bestaunen, die auf einer 600 Meter langen Trasse zwischen Schloßbrücke und Luisental pendelte.

Anziehende NostalgieKleine und große Eisenbahnnostalgiker kamen vom 1. bis 16. Mai 1971 voll auf ihre Kosten. Die NRZ schätzte die Zahl der Fahrgäste auf 75 000 Menschen. Doch die Zahl der schaulustigen Eisenbahnfans, die die alte Zillertalbahn an der Ruhr fahren sehen und bestaunen wollten, ging weit über diese Zahl hinaus. Allein an den ersten drei Tagen, an denen die Dampflok ihre drei „schokoladenbraunen Wagen“ durch die Ruhranlagen zog, schätzte man die Zahl der Besucher auf 100 000.„Wir machen es hier spannender als bei der englischen Königin“, scherzte Lokführer Hans Oberholzer damals angesichts des großen Aufsehens, dass er mit seiner gerade mal zehn km/h schnellen Zillertalbahn an der Ruhr erregte.

Die viereinhalbminütige Fahrt kostet e eine Mark. Kinder waren für die Hälfte dabei. Die Geschäftsleute der Innenstadt hatten bereits vorab einige 1000 Fahrkarten gekauft, die sie an ihre Kunden und deren Kinder verteilten. „Das ist die beste Werbeaktion, die wir je durchgeführt haben“, sagte Valentin Reicheneder vom Werbering Innenstadt damals der NRZ.Bei der Probefahrt mit Pressevertretern fühlte sich der NRZ-Reporter an den „feurigen Elias“ erinnert, eine Dampflok, die nach dem Krieg bei der Trümmerbeseitigung eingesetzt worden war. Sein Resümee: „Die Zillertalbahn absolvierte ihre Generalprobe mit viel Glanz und Dampf.“Der organisatorische und finanzielle Aufwand hatte sich gelohnt. Das zeigte schon der erste Tag, an dem die historische Zillertalbahn, die auch schon mal als „schwarzer Star aus Tirol“ beschrieben wurde, durch die Ruhranlagen schnaufte. Die NRZ schrieb damals: „Das hat es in Mülheim noch nicht gegeben, ein Volksfest in den Ruhranlagen. Die fröhliche Jungfernfahrt der Zillertalbahn brachte am Samstagnachmittag die gesamte Stadt auf die Beine. Von der Schloßbrücke bis zum Luisental, überall grenzenlose Begeisterung über die alte Schnauferlok.“

Oberbürgermeister Heinz Hager freute sich nach der ersten Fahrt mit der Zillertalbahn „über die erste Eisenbahnstrecke, die ich in meinem Leben eröffnen durfte.“ Und der Direktor des Fremdenverkehrsverbandes, Erich Heiß, fragte sich mit dem Ausblick auf die Weiße Flotte, „ob man im Zillertal nicht darüber nachdenken sollte, Urlaubsreisen ins Ruhrgebiet auszuschreiben.“

Die Zillertalbahnfahrten an der Ruhr wurden übrigens von der Post mit einem Sonderstempel gewürdigt und durch ein Festprogramm mit Musikkapellen, Chören und einem Tiroler Heimatabend mit Schuhplattlern und Jodlern flankiert.Am Tag, nachdem die Bahntrasse im Ruhrtal demontiert und die Dampflok aus dem Zillertal abtransportiert worden war, schrieb die NRZ fast wehmütig: „Das große Spiel der Kleinen und Großen mit der kleinen Eisenbahn ist aus. Den Mülheimern wird die Zillertalbahn ewig in heiterer Erinnerung bleiben. Viele haben versprochen, sie schon bald im Zillertal zu besuchen.“

Dieser Text erschien am 17. Mai 2011 in der NRZ

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