Donnerstag, 23. Juni 2011

Mit einem Kirchendialog suchen auch Mülheims Katholiken einen Ausweg aus der Krise ihrer Kirche




Nicht zuletzt nach den Missbrauchsfällen in ihren Reihen steckt die katholische Kirche in einer Krise. Viele Menschen verlassen die Kirche, auch deshalb, weil sie sich in ihr nicht mehr verstanden und aufgehoben fühlen. Im Dialog mit den katholischen Laien und allen interessierten Menschen wollen die Bischöfe mit einem Kirchendialog Wege aus der Krise suchen. Auch in Mülheim, wo in diesem Jahr über 230 Katholiken und Protestanten ihrer Kirche den Rücken gekehrt haben, wird dieser Dialog stattfinden, bei dem kein Thema ausgespart werden soll. Dazu laden der Mülheimer Katholikenrat und der Diözesanrat des Bistums Essen am 28. Juni um 19 Uhr in die Dümptener Barbarakirche (Foto) am Schildberg 84 ein. Die Veranstaltung wird von dem aus Mülheim stammenden Vorsitzenden des Diözesanrates, Luidger Wolterhoff, moderiert.






Ihre Ergebnisse werden dokumentiert und fließen in einen Dialog mit Ruhrbischof Franz-Josef Overbeck und seinen Kollegen der Deutschen Bischofskonferenz ein. Deren Vorsitzender, Robert Zollitsch hatte den Kirchendialog 2010 angestoßen. In einem Aufruf des Diözesanrates, der auch in Mülheims Kirchen verlesen wurde, heißt es unter dem Motto: "Aufruhr-Bistum - Kirche gestalten. Jetzt!" unter anderem: "Unsere Kirche steckt in einer tiefen Krise. Wir sehen es in unseren Gemeinden und Verbänden. Wir werden weniger und weniger. Dafür gibt es viele Gründe. Viele wollen noch etwas von Kirche. Aber bei nicht wenigen hat die Strukturreform des Bistums in Hinblick auf die Veränderungen in den Pfarreien und Gemeinden einschließlich der Schließung von Kirchen viel Ärger, Ohnmacht und Verunsicherung ausgelöst...Wir möchten allen die Möglichkeit geben, sich am Prozess der Weiterentwicklung der Kirche in unserem Bistum aktiv zu beteiligen. Nehmen Sie die Chance der Beteiligung in unserer Kirche wahr. Sagen Sie uns Ihre Meinung. Und wir versprechen Ihnen: Wir werden Ihrer Stimme Gehör verschaffen."



Das Leben ist eine Baustelle, die Kirche auch. Weil Menschen die Kirche verlassen, aus der Region wegziehen oder sterben, schrumpfen auch die Kirchensteuermittel. Als Konsequenz aus dieser Entwicklung wurden aus 15 Pfarrgemeinden 2006 drei Großpfarreien. Ehrenstadtdechant Manfred von Schwartzenberg sieht langfristig sogar nur noch eine Großpfarrei. Der Gemeindeverband und das katholische Jugendamt wurden ebenso aufgelöst wie die Gemeinden St. Raphael und Heilig Kreuz. Deren Kirchen wurden als Caritaszentrum und als Urnenkirche umfunktioniert. Viele Katholiken haben ihre alte Heimat verloren und müssen sich jetzt in neuen Strukturen zurechtfinden. Hinzu kommen Glaubens- und Glaubwürdigkeitskrisen, die nicht nur durch die Missbrauchsfälle in der Kirche angefacht wurde. Was muss sich in der Kirche verändern, damit sie wieder mehr Menschen ansprechen und gewinnen kann? Darüber sprach ich für die NRZ mit aktiven Laien.




Der Katholikenratsvorsitzende Wolfgang Feldmann (59) sieht seine Kirche nach den Missbrauchsfällen und den Umstrukturierungen der letzten Jahre in einem defensiven Schockzustand. Wie kann man da raus kommen? Feldmann empfiehlt "eine konsequente Umsetzung des II. Vatikanischen Konzils", das unter anderem die Rolle der Laien in der Kirche gestärkt habe. Außerdem glaubt er: "Kirche muss stärker im Internet und in den Medien präsent sein." Als Vorbild hat er dabei die erfolgreiche Wahlkampagne Obamas im Jahr 2008 vor Augen. Nur wenn Kirche über ihre Angebote und Aktivitäten auch öffentlich spreche, ist Feldmann überzeugt, könne sie auch wieder mehr Menschen ansprechen.






Ebenso wie Feldmann wurde auch der 27-jährige Manuel Gatz durch das Vorbild und die Prägung seiner Familie zu einem aktiven katholischen Laien. Prägend waren für ihn vor allem die positiven Erfahrungen in der katholischen Jugendarbeit. Heute engagiert er sich als stellvertretender Vorsitzender des Pfarrgemeinderates von St. Mariae Himmelfahrt und im Förderverein der Selbecker Theresienkirche. Wie Feldmann sieht Gatz den Schlüssel zur Zukunft der Kirche in den Familien. "Wir brauchen Pastöre und Gemeindemitglieder, die auf junge Familien zugehen können. Sie sind der Schlüssel. Sonst stirbt der Laden aus", sagt Gatz und fügt hinzu: "Der persönliche Kontakt entscheidet." In seiner Gemeinde hat man gute Erfahrungen mit einem Besuchsdienst gemacht, mit dem Zugezogene in der Gemeinde willkommen geheißen werden. Gatz: "80 Prozent der Besuchten finden das toll."






Der 66-jährige Pfarrgemeinderatsvorsitzende von St. Mariae Himmelfahrt, Rolf Hohage , glaubt nicht, dass der Mülheimer Kirchen-Dialog in St. Barbara "die heilige Kirche reformieren wird." Als in Mülheim aktiver Laie hat er den Eindruck, "dass man es hier mit Geistlichen zu tun hat, mit denen man reden kann." Auf der lokalen Kirchenebene wünscht er sich mehr stadtkirchliche Aktivitäten und weniger Kirchturmsdenken. Vom Bistum würde er sich etwas mehr Kirchensteuergeld für diese stadtkirchlichen Aktivitäten wünschen, sei es etwa mit Blick auf die Ladenkirche oder den katholischen Stadtempfang.In der weltkirchlichen Perspektive hat Hohage keinen Zweifel daran, dass die Kirche mit dem Verzicht auf einen Pflichtzölibat "viele für das Priesteramt gewinnen würde, die das von ihrer Ausbildung her gut ausfüllen könnten." Kritisch sieht Hohage die Tatsache, dass die großen christlichen Kirchen oft nicht schaffen, was kleinen Freikirchen offenbar gelingt, nämlich eine persönliche Nähe zu ihren Mitgliedern herzustellen. "Wir müssen auf die Menschen zugehen und ihnen zeigen, dass wir uns über ihre Anwesenheit freuen. Denn Christ sein kann man nicht für sich allein. Kirche ist Gemeinschaft. Ich habe in dieser Gemeinschaft viele gute Leute kennen gelernt, die mir gezeigt haben, dass es sich lohnt dafür zu arbeiten", sagt Hohage.






Die Vorsitzende des Katholischen Deutschen Frauenbundes, Helmi Loewe (71), macht keinen Hehl daraus, dass sie mit der Stellung der Frau in der Amtskirche "gar nicht zufrieden" ist. "Die Zeit ist reif für das Diakonat der Frau", sagt sie. Loewe glaubt: "Die Kirche lässt eine Chance aus, wenn sie die seelsorgerischen Fähigkeiten der sozialen und kontaktfreudigen Frauen nicht nutzt." Als Gemeindemitglied wünscht sie sich nicht nur bessere, sondern auch am Alltag orientierte Predigten. Diese würde sie auch in der Kirche diskutieren und hinterfragen wollen. Um die religiöse Kompetenz in den Familien zu stärken, plädiert sie unter anderem für einen Kommunionsunterricht, an dem nicht nur Kinder, sondern auch ihre Eltern teilnehmen sollten. Damit sie sich weiterentwickelt und Zukunft hat, empfiehlt Loewe ihrer Kirche, die Dialog-Ergebnisse schnell und konsequent umzusetzen. Trotz aller Mängel in der Kirche aktiv zu sein, lohnt sich für Loewe, weil sie aus eigener Erfahrung weiß: "Glaube und Gemeinschaft in der Kirche geben Glück und Halt im Leben."






Christa Horn (65), die die Gemeinde-Caritas von St. Mariae Himmelfahrt leitet, hofft, "dass nicht nur Berufskatholiken zum Kirchendialog kommen, damit wir ein rundes Bild bekommen" und darauf, dass die Bischöfe ihr Wort halten und auf die Laien hören." Sie wünscht sich von ihrer Kirche unter anderem glaubwürdige Repräsentanten, eine Sprache, die auch die Jugend verstehen kann und einen barmherzigeren Umgang mit gläubigen Katholiken, die nicht mehr an der Kommunion teilnehmen können, weil sie nach einer Scheidung wieder geheiratet haben.






Auch die 47-jährige Susanne Gregel von der Gruppe Frauen aus St. Mariae Geburt weiß, "dass die Bibel ein spannendes Buch ist, wenn man sie aus den unterschiedlichen Blickwinkeln des eigenen Lebens betrachtet." Was die biblische Praxis in den Gemeinden angeht, wünscht sie sich, dass die Nächstenliebe nicht an der Kirchentür endet und die Menschen mehr miteinander sprechen und sich begegnen. Mit Blick auf das Priesteramt wünscht sie sich die Abschaffung des Pflichtzölibates, "um mehr Priester zu bekommen und die Arbeit auf mehr Schultern verteilen zu können" und eine Reform der Priesterausbildung, die die praktische Organisation von Gemeindeleben im Blick hat. "Gemeindemitglieder sollten Priester nicht als Übermenschen betrachten und Priester sollten keine Angst haben, vom Sockel gestoßen zu werden. Man braucht keine Angst haben, wenn man miteinander spricht", betont Gregel.






Auch wenn man mit Geld viel Gutes tun kann, zum Beispiel bei der Caritas, ist unsere Kirche vielleicht zu sehr zu einem Geschäftsbetrieb geworden, in dem sich zu viel um das Geld dreht", sagt der Gemeinderatsvorsitzende von St. Joseph in Heißen, Johannes Kretschmann. Der 59-Jährige wünscht sich für seine Kirche mehr engagierte Priester mit Herzblut und Zeit für Zuwendung. Der Schrumpfungsprozess, den seine Kirche derzeit durchmacht, birgt in seinen Augen auch die "Chance, die Kräfte zu bündeln und sich auf das Urchristentum zu besinnen." Dessen wichtigstes Credo sieht Kretschmann in dem Gebot: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst."






Der 71-jährige Ko-Vorsitzende des Kolping-Bezirksverbandes, Hans op ten Höfel , zeigt sich optimistisch, dass der Kirchen-Dialog "etwas gerade biegen kann, was schief gelaufen ist."Er selbst wünscht sich vor allem eine verstärkte Ökumene mit mehr gemeinsamen Gottesdiensten, in denen man vorerst auf ein gemeinsames Abendmahl verzichtet. "Wir Christen haben es heute schon schwer genug. Wir dürfen uns nicht auseinanderdividieren lassen", meint der Kolpingbruder und plädiert für eine Kirche mit weit offenen Fenstern und Herzen.






Dieser Text erschien am 21. Juni 2011 in der NRZ

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