Direkt zum Hauptbereich

Heiligabend 1944: Luftangriff auf die Flughafensiedlung

Weihnachten – das ist nicht überall ein Fest des Friedens. Bei Krieg denken wir heute zum Beispiel an Afghanistan oder den Irak. Vor 65 Jahren fand der Krieg vor der eigenen Haustür statt.

Während sich die Mülheimer auf den Heiligen Abend in einer bereits vom Bombenkrieg gezeichneten Stadt vorbereiten, geben die Sirenen um 14.08 Uhr Luftalarm. Nichts ungewöhnliches im letzten Kriegswinter. Allein im Dezember 1944 werden die Mülheimer 200 mal alarmiert. Seit US-Truppen im Oktober Aachen besetzt haben, ist das Ruhrgebiet zur Front geworden, wird die Stadt wieder verstärkt zum Ziel von Luftangriffen und Tieffliegern. Der Großangriff vom Juni 1943 ist noch in allen Köpfen.

Diesmal steuern 169 britische Bomber den Flughafen Essen-Mülheim an, der 1939 zum Fliegerhorst ausgebaut worden ist. Schon in den Wochen zuvor war der Flughafen immer wieder von Bomben getroffen worden. Damals war das Ziel der alliierten Angriffe aber vor allem die Nachbarstadt Essen Am 24. Detzember 1944 wollen die britischen Bomber vor allem die am Flughafen Essen/Mülheim stationierten Düsenjets vom Typ ME 262 ausschalten. Denn die greifen damals immer wieder in die deutsche Ardennen-Offensive ein. Deshalb sollen sie ausgeschaltet werden.

Um 14.21 Uhr beginnt der Angriff. Innerhalb von zehn Minuten werfen die Piloten der Royal Air Force Sprengbomben und Luftminen mit einer Gesamtlast von 760 Tonnen über der Flughafensiedlung in Raadt ab. Mehr als 200 Soldaten und Zivilisten verlieren ihr Leben.

Besonders tragisch: Eine 1000-Kilo-Bombe trifft einen Hochbunker an der Windmühlenstraße. Die Bombe durchschlägt dessen Betondecke und explodiert erst im Innenraum des Bunkers, in dem etwa 50 Menschen Schutz gesucht haben. Sie haben keine Chance, dem Inferno zu entkommen, und sterben einen qualvollen Tod. Zum Teil werden ganze Familien auf einen Schlag ausgelöscht. Die Druckwellen der Bomben sind so stark, dass auch noch einige Kilometer von der Flughafensiedlung entfernt Fenster zu Bruch gehen und Türen eingedrückt werden.

Glück im Unglück haben die kleinen Patienten, die im Haus Jugendgroschen behandelt werden, das damals als provisorisches Kinderkrankenhaus dient. Es wird am 24. Dezember 1944 von Bomben getroffen und zerstört. Doch die dort untergebrachten Kinder waren während des Luftangriffs in der Nachbarschaft zu einer Weihnachtsfeier eingeladen worden und entgehen so dem sicheren Tod. Sie haben an diesem Heilig-Abend-Tag offensichtlich gleich mehrere Schutzengel.

Ironie und Tragik der Geschichte: Ihr eigentliches Ziel, die deutschen Militärjets treffen die britischen Bomber nicht. Denn diese sind gut getarnt und so für die Piloten unsichtbar in einem Waldstück außerhalb des Flughafens versteckt worden. Der Krieg wird für Mülheim nach diesem verheerenden Luftangriff vom 24. Dezember 1944 noch fast vier Monate dauern. Erst mit dem Einmarsch amerikanischer Truppen hat der Wahsinn für die Mülheimer am 11. April 1945 ein Ende. Rund 4600 Mülheimer haben im Krieg ihr Leben verloren. 3100 gelten bei Kriegsende als vermisst.

Die Luftangriffe des Zweiten Weltkrieges hinterlassen in Mülheim nicht nur 800 000 Kubikmeter Trümmerschutt, der auf den Straßen lagert, sondern auch viele zerstörte Seelen. Doch acht Jahre nach Kriegsende schließen Mülheim und Darlington Städtefreundschaft und zeigen, dass nicht der Krieg, sondern der Frieden das letzte Wort hat.

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Suchtfaktor Karneval

Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.
Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellsch…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…