Mittwoch, 14. Dezember 2016

Ein Haus mit Geschichte: Ein Zeitsprung an der Bismarckstraße

Heute residiert die Zenit GmbH im Haus Urge
Es scheint, als sei die Zeit an der Bismarckstraße 28 stehen geblieben, wenn man die historische Aufnahme aus dem Stadtarchiv mit der aktuellen Fotografie vergleicht und doch liegen etwa 60 Jahre zwischen den beiden Bildern.

Im Kontrast zur äußeren Kontinuität hat die Villa, in der seit 2004 die Zenit GmbH und ihre Mitarbeiter Wirtschafts- und Innovationsberatung betreiben, eine wechselvolle Geschichte.
1913 ließ der Lederfabrikant Baptiste Coupienne die 1100 Quadratmeter große Villa als Wohnsitz für seine Familie errichten. Als Vorbild diente dem Architekten Franz Hagen das Elternhaus von Coupiennes Ehefrau Martha, das Haus Blegge in Paffrath bei Bergisch Gladbach. 1923 verkauften die Coupiennes ihr Haus an Gustav Stinnes, 1924 zogen hier der Industrielle Hugo Stinnes junior und seine Familie ein. Bis 1975 blieb das Haus im Besitz der Familie Stinnes, ehe es vom Max-Planck-Institut für Kohlenforschung als Gästehaus erworben wurde. Allerdings musste die Familie Stinnes ihr Wohnhaus zwischen 1945 und 1946 für die britische Militärregierung räumen. „Von meinen Eltern weiß ich, dass sich dort im Sommer 1945 auch die damaligen Chefs der britischen und amerikanischen Militärregierung, Bernhard Montgomery und Dwight D. Eisenhower zu einer Lagebesprechung trafen“, berichtet der 1936 geborene Walter Neuhoff. Auch andere prominente Zeitgenossen, wie Kurt Tucholsky, Wilhelm Furtwängler, Albert Schweitzer oder Willy Brandt waren im Laufe der Jahre in der Villa an der Bismarckstraße zu Gast.

Dieser Text erschien am 13. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 12. Dezember 2016

Gute Nachbarn machen das Leben schön: Das Centrum für bürgerschaftliches Engagement ist auf viele gute Beispiele gestoßen und wird diese im Medienhaus als vorbildlich präsentieren

Eine gute Nachbarschaft gibt es nicht nur an der Jägerhofstraße
Es gibt noch gute Nachrichten. Zum Beispiel die, dass es noch gut funktionierende Nachbarschaften gibt, in denen sich Menschen kennen und helfen. Das zeigt ein Aufruf des Centrums für bürgerschaftliches Engagement (CBE), Fotos und Texte zum Thema gute und engagierte Nachbarschaft einzureichen, die ab dem 19. Januar in eine Ausstellung im Medienhaus am Synagogenplatz einfließen sollen.

„Wir waren positiv überrascht, wie viele Bürger sich für ihre Nachbarn engagieren, ohne viel Aufhebens von ihrem Einsatz zu machen“, schildern CBE-Geschäftsführer Michael Schüring und Mitarbeiterin Anna Maria Allegrezza ihre Erfahrungen aus den Gesprächen. „Gute Nachbarschaften brauchen Zeit, um zu wachsen, und den Mut, aufeinander zuzugehen und sich kennen zu lernen“, betont Alexandra Tinovic von der Mülheimer Wohnungsbaugenossenschaft MWB. Sie unterstützt im Rahmen des MWB-Vereins Mülheimer Nachbarschaft seit sieben Jahren die Nachbarschaftsaktivitäten der rund 4800 MWB-Mitglieder und Mieter, etwa durch die Organisation von Nachbarschaftsfesten und gemeinsamen Ausflügen oder durch die beratende Moderation in Konfliktfällen.

Im Rahmen des CBE-Projektes „Engagierte Nachbarn“ stellte sie zum Beispiel Kontakte zu gut funktionierenden Nachbarschaften am Fünter Weg und an der Buggenbeck her.

Auch an der Jägerhofstraße, am Saarnberg, im Bereich Sternstraße, Mergelstraße und Lierberg, an der Hölterhöhe, am Bickenborn, an der Liverpoolstraße oder am Priestershof geben Menschen mit ihrem Miteinander ein Beispiel für gute Nachbarschaften ab.

Die Bandbreite der gelebten Nachbarschaft reichen von gemeinsamen Festen und regelmäßigen Nachbarschaftstreffen über Hilfestellungen in persönlichen Notlagen über Einkäufe für alte und immobile Nachbarn bis hin zum Baby-Sitting für Eltern, die sich mal einen schönen Abend ohne ihre Kinder machen möchten.

Da werden Nachbarn mal zu Kaffee und Kuchen eingeladen oder man nimmt sich einfach mal Zeit für ein Gespräch, engagiert sich gemeinsam für Flüchtlinge, hilft sich gegenseitig bei Reparaturen oder Renovierungen. Aber es werden auch Adventsfeiern und Hauskonzerte organisiert.
Dieser Text erschien am 10. Dezember 2016 in NRZ & WAZ

Freitag, 9. Dezember 2016

Die Willy-Brandt-Schule in Styrum feiert ihr 30-jähriges Bestehen

Ein Banner weist auf das
Schul-Jubiläum hin
30 Jahre Gesamtschule in Styrum. Das feiert die Willy-Brandt-Schule, so heißt sie seit 1993, eine ganze Woche lang. Bereits am Montag startete eine Projektwoche zum Schuljubiläum. Am Donnerstagabend werden geladene Gäste vom schuleigenen Catering bekocht und mit einem Bühnenprogramm gut unterhalten. Und am Freitag geht die Festwoche zwischen Oberhausener Straße, Augustastraße und Willy-Brandt-Platz von 15 bis 18 Uhr mit einem Schulfest zu Ende.
"Anfangs wollen viele Styrumer die neue Gesamtschule nicht. Sie versuchten vor Gericht den Erhalt der dort existierenden Hauptschule durchzusetzen", berichtet die heutige Schulleiterin Ingrid Lürig, aus den Analen der Schulgeschichte. Die Pädagogin hat 28 der 30 Schuljahre mit erlebt und gestaltet.

Bildung vor der Haustür

"Vor der Gründung der Gesamtschule mussten die Styrumer ihren Stadtteil verlassen, um einen weiterführenden Schulabschluss zu erlangen, der über den Hauptschulabschluss hinaus ging", erinnert Lürig, die die Leitung der Schule 2012 von deren Gründungsrektor Behrend Heeren übernommen hat.
Für Lürigs Stellvertreter Mathias Kocks ist der erste sozialdemokratische Bundeskanzler und Friedensnobelpreisträger Willy Brandt der beste Namens-Patron, den sich die von Anfang an multikulturell geprägte Gesamtschule wünschen kann, "weil er als Mensch und Politiker für soziale Gerechtigkeit, Chancengleichheit und Frieden stand." Nicht ohne Genugtuung berichten Kocks und Lürig von Kindern, die mit einer Hauptschulempfehlung von der Grundschule kamen und später an der Gesamtschule ein gutes Abitur gemacht haben.

"An unserer Schule wird Schülern nicht nur Wissen vermittelt. Wir erziehen sie auch und halten ihre Bildungslaufbahn lange offen, so dass auch Spätentwickler noch eine Chance bekommen, sich für die Oberstufe zu qualifizieren und dort ihr Abitur machen zu können", beschreibt Lürig den pädagogischen Markenkern, der Willy-Brandt-Schule, die vom ersten Tag an eine Ganztagsschule war. Dass die Schülerzahl in den letzten 30 Jahren von 86 auf 1000 angestiegen ist und heute rund 80 Prozent der Schüler aus dem Stadtteil Styrum kommen, zeigt, dass die jüngste von heute drei Mülheimer Gesamtschulen in Styrum angekommen ist.


Dass hier jeder Schüler, ob aus bildungsnahem oder bildungsfernem Elternhaus, hier genug Förderung und Zeit bekommt, um in seinem eigenen Tempo, das Potenzial zu entwickeln, das er hat, wird durch schuleigene Differenzierungssystem gewährleistet. Grund-, Erweiterungs- und Förderkurse, aber auch eine unverkürzte neunjährige Schulzeit bis zum Abitur sind die dafür notwendigen Bausteine. Mit dem Hinweis auf das Zentralabitur und die dokumentierten Prüfungsergebnisse treten Kocks und Lürig dem immer mal wieder zu hörenden Vorurteil entgegen, das Gesamtschul-Abitur sei weniger wert, als das an einem Gymnasium abgelegte Abitur.
Zum pädagogischen Fundament der Schule, die durch einen Um- und Ausbau 2012 auf den bautechnisch modernsten Stand gebracht werden konnte, zählt ihr Führungstandem auch die zahlreichen Kooperationen, etwa mit der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft RWW (Haus Ruhrnatur und Aquarius) oder der Styrumer Feldmann-Stiftung. Auch durch ihre Mitarbeit in der Stadtviertelkonferenz, bei Stadtteilfesten oder eine enge pädagogische Zusammenarbeit mit den Styrumer Grundschulen, konnte sich die Willy-Brandt-Schule, im Stadtteil zu einer gut verankerten Bildungs- und Kulturinstitution entwickeln. Dazu gehört auch, dass die Schulbücherei gleichzeitig als Stadtbibliothek genutzt wird.

Mehr Lehrer braucht die Schule

Dass ihre Schule aber auch im 30. Jahr ihres Bestehens eine Baustelle bleibt, obwohl sie inzwischen über beste bauliche und räumliche Rahmenbedingungen verfügt, machen Lürig und Kock mit Blick auf die jüngsten pädagogischen Herausforderungen deutlich, die der gemeinsame Unterricht von Kindern mit ohne Handicap sowie die Förderung der sogenannten Seiteneinsteiger mit sich gebracht haben. Derzeit werden insgesamt 30 Flüchtlingskinder- und Jugendliche mit unterschiedlichstem Bildungsniveau in zwei internationalen Vorbereitungsklassen an den Regelunterricht herangeführt. Außerdem nehmen jeweils bis zu fünf Schüler mit unterschiedlichsten Handicaps, von der extremen Sehbehinderung bis zur Lernschwäche, in neun inklusiven Klassen am gemeinsamen Unterricht teil. Auch hier geht es darum, dass alle Schüler gemeinsam, aber in ihrem jeweils individuellen Tempo lernen können. Doch Lürig und Kocks lassen keinen Zweifel daran, "dass wir derzeit für diese pädagogischen Aufgaben von Inklusion und Integration nicht die notwendige Zahl von Lehrern haben, um in diesen besonderen Klassen die dort sinnvolle pädagogische Doppelbesetzung zu gewährleisten." Einschließlich der Referendare arbeiten derzeit 100 Lehrkräfte an der Styrumer Gesamtschule. Weitere Informationen rund um die Willy-Brandt-Schule findet man im Internet unter: www.wbs-mh.de

Dieser Text erschien am 7. Dezember 2016 im Neuen Ruhrwort

Donnerstag, 8. Dezember 2016

So gesehen: Wir sind alle kleine Sünderlein

Die Zeit, in denen die Kinder Fracksausen bekamen, wenn der Nikolaus in seinem purpur-roten Bischofsgewand, seiner Mitra, seinem Ehrfurcht gebietenden weißen Bart und seinem Bischofsstab nahte, sind vorbei.

Das merkte ich gestern, als ich während einer Straßenbahnfahrt das Gespräch zwischen einem Kindergartenkind und seiner Erzieherin hörte. „Ich bin gestern Nacht aufgewacht und habe gesehen, dass vor meiner Zimmertür bereits ein gefüllter Nikolausstiefel stand. Da habe ich mir einfach ein Bonbon stibitzt, aber der Nikolaus hat nichts gemerkt“, ließ das kleine Zuckermäulchen seine perplexe Kindergartentante wissen. „Das kannst du doch nicht machen“, antwortete die Pädagogin mit gespielter Empörung. „Ich glaube schon. Denn ich hatte gerade Hunger und das Bonbon schmeckte wirklich gut“, meinte das kleine Nikolausfrüchtchen.

Ob sich der Nikolaus das in sein Goldenes Buch notiert oder sollte der heilige Mann auch schon mit einem Tablet-Computer unterwegs sein? Wahrscheinlich hat die kleine Naschkatze recht. Denn Sankt Nikolaus ist ja Gott sei Dank kein Erbsenzähler, sondern der Schutzheilige der Kinder und Seeleute. Er weiß, wie schnell gute Vorsätze ins Schwimmen geraten können und hat deshalb sicher auch ein Herz für voreilige kleine Naschkatzen.


Dieser Text erschien am 8. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 7. Dezember 2016

Zeitsprung am Rathausmarkt

Der Rathausmarkt im Dezember 2016
Auch für das Jahr 2017 hat der Mülheimer Burkhard Richter einen Kalender „Mülheim in alten Ansichten“ herausgegeben, der jetzt im örtlichen Buchhandel erhältlich ist. Das hier abgedruckte Foto schmückt das Kalenderblatt für den September des kommenden Jahres. Wir sehen den belebten Wochenmarkt auf dem Rathausmarkt in der Zeit um 1910. Damals stand dort noch das erste Mülheimer Rathaus, das Bürgermeister Christian Weuste 1842 dort hatte errichten lassen. Kurz nachdem diese historische Aufnahme aus der Sammlung Burkhard Richters entstand wurde mit dem Bau des heutigen Rathauses begonnen, das im Kriegsjahr 1916 vollendet werden sollte.

Als das historische Bild entstand, hatte Mülheim gerade erst die 100 000-Einwohner-Grenze überschritten und war damit offiziell zur Großstadt geworden. Vor dem alten Rathaus auf dem Rathausmarkt stand um 1910 auch noch das 1873 dort errichtete Mahnmal für die Mülheimer, die als Soldaten im Deutsch-Französischen Krieg von 1870/71 ihr Leben verloren hatten.

Die Tradition des Rathausmarktes, auf dem in besseren Zeit rund 30 Händler ihre Waren anboten reichte bis in die 1830er Jahre zurück, als es dort noch gar kein Rathaus gab. Zu dieser Zeit gab es auch noch einen Alten Markt auf dem Kirchenhügel.

In Folge der Ruhrbania-Bauarbeiten wechselten die Wochenmarkthändler 2009 vom Rathausmarkt auf die Schloßstraße. Hier bieten heute in der Regel zehn Händler ihre Waren an, derzeit zusammen mit ihren Nachbarn vom Weihnachtstreff.

Dieser Text erschien am 5. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 6. Dezember 2016

So gesehen: Wenn der Nikolaus keine Mütter hätter

Wie wir gestern an dieser Stelle lesen konnten, will Kollege Sesa nicht den Nikolaus geben, weil er ein aus seiner Kindheit herrührendes Weihnachtsmann-Trauma mit sich herumschleppt.

Da ist er in bester Gesellschaft. Schon manche Frau hat sich über einen Traumprinzen geärgert, der sich bei genauerer Betrachtung als Weihnachtsmann entpuppte, weil er ihr erst versprach, die Sterne vom Himmel zu holen und später zu träge war, den Müll herunterzubringen.

Auch für mich brach eine Welt zusammen, als ich im Kindergarten erfuhr, dass der Nikolaus schon lange tot sei. Wer, so fragte ich mich damals verzweifelt, sollte mir jetzt das Telefon schenken, das ich mir vom Nikolaus gewünscht hatte. Damals wurde mir klar, dass Frauen im Zweifel auch die besseren Weihnachmänner sein können. Denn meine Mutter sprang für den verhinderten Nikolaus in die Bresche und sorgte dafür, dass am 6. Dezember ein tolles Telefon mit Wählscheibe auf meinem Nikolausteller stand.


Dieser Teyt erschien am 6. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 5. Dezember 2016

Eine Frau teilt aus: DHL-Zustellerin Rebecca Kapelski und ihre 39 Mülheimer Kollegen verteilen vor Weihnachten täglich bis zu 9500 Pakete aus. An normalen Tagen sind es rund 7500: Online-Handel lässt Zustellzahlen steigen

Ein Blick auf den Artikel in der Mülheimer
NRZ-Lokalausgabe
Wer einen Menschen kennen lernen möchte, dem seine Arbeit offensichtlich Freude macht, sollte die DHL-Paketzustellerin Rebecca Kapelski auf ihrer Tour durch Winkhausen und Holthausen begleiten. Für jeden, den sie an der Haustür antrifft, hat die 26-Jährige ein freundliches Wort und ein bezauberndes Lächeln, das bei ihr kein bisschen aufgesetzt wirkt.

Die allermeisten Menschen in ihrem Paket-Revier kennt sie beim Namen. Kein Wunder, dass es ihr nicht schwerfällt, bei Bedarf auch einen Nachbarn zu finden, der die Paketsendung für den gerade abwesenden Empfänger entgegen nimmt. Dann muss dieser nicht den langen Weg zum Postbank-Center am Hauptbahnhof in die Stadt auf sich nehmen, um das Paket dort am nächsten Tag abzuholen.

Manchmal braucht Kapelski ihren Charme aber auch nicht bei Nachbarn spielen lassen, weil die Empfänger einen Ablagevertrag mit der DHL geschlossen hat. Dann weiß die Paketzustellerin, wo sie das Paket abzulegen hat, wenn der jeweilige Empfänger nicht zu Hause ist. Meistens handelt es sich um einen geschützten und nicht einsehbaren Platz auf dem Grundstück des jeweiligen Hauseigentümers.

Kapelski wirkt körperlich stabil, aber auch nicht gerade, wie die weibliche Antwort auf Arnold Schwarzenegger zu seinen besten Body-Builder-Zeiten. Dennoch hievt sie auch das schwere Paket mit der Aufschrift: „Vorsicht, Glas!“ gekonnt über die Straße und die Treppe hinauf bis zum Hauseingang. Schon das Zuschauen  verursacht Rückenschmerzen. Doch Kapelski geht mit Schwung an das nächste Paket heran. 150 bis 200 Pakete wollen zwischen 9 und 16 Uhr verteilt sein. Die junge Frau, die seit zwei Jahren als Paketzustellerin für die DHL arbeitet, hat einen schnellen Schritt.
Anfangs war es gewöhnungsbedürftig

Auch ihren bulligen Kastenwagen, der knapp 3,5 Tonnen Ladegewicht transportieren kann, steuert sie geschickt, durch die zum Teil engen und zugeparkten Straßen. „Das war anfangs aber schon gewöhnungsbedürftig“, gibt Kapelski zu. Wie man solch ein Spezialfahrzeug steuert und bei jedem Ein- und Ausstieg sachgerecht schließt, wie man Pakete hebt, ohne sich gleich das Kreuz zu ruinieren, wie man den kleinen Handscanner handhabt, der Empfänger-Unterschriften speichert oder Rechnungen und Benachrichtigungen für DHL-Kunden ausdruckt und was man als Paketzustellerin rechtlich darf und was nicht, hat sie  während einer zweijährigen Ausbildung gelernt.

Damals fuhr sie in dem Paketlieferwagen, den sie heute selbst steuert, als Auszubildende  auf dem Klappsitz mit, auf dem an diesem Tag ihr Begleiter von der NRZ Platz genommen hat.
„Ich mache meine Arbeit gerne, weil man sehr selbstständig arbeiten kann, viel an der frischen Luft unterwegs ist und viel mit Leuten zu tun hat“, sagt Kapelski, die als Paket-Zustellerin mit einem monatlichen Netto-Gehalt von 1400 Euro nach Hause kommt, wo ihr Hund, ihr Freund und dessen Katze auf sie warten.

Ihre natürliche Freundlichkeit wird von den Kunden gespiegelt. „Schön, dass Sie da sind. Sie strahlen ja mit der Sonne um die Wette“, sagt eine Dame. Eine andere Kundin schenkt ihr ein Stück Seife, weil sie findet, „dass sie ihre schwere Arbeit wirklich gut macht und dafür eigentlich viel mehr verdienen müsste“. Ein Mann scherzt: „Ich brauche eigentlich gar nichts mehr, aber ich bestelle immer wieder Pakete, damit Frau Kapelski bei mir vorbeikommt.“
In der Woche vor Weihnachten kommen Kapelski und ihre 40 Mülheimer DHL-Kollegen besonders häufig vorbei. Denn dann steigt die Zahl der  täglich von ihnen ausgelieferten Pakete von rund 7500 auf rund 9500 an. „Die Zahl der von uns zugestellten Pakete hat sich in den letzten fünf Jahren verdoppelt“, weiß DHL- und Post-Sprecher Dieter Pietruck zu berichten.

Wer Rebecca Kapelski morgens um 8.30 Uhr beobachtet, wie viele Pakete sie in ihren Lieferwagen packt und später von Haustür zu Haustür, treppauf, treppab, bergauf, bergab trägt, dem wird schwindelig. Und man bekommt plötzlich eine Ahnung davon, wie sehr der Online-Handel heute dem stationären Einzelhandel in der Stadtmitte und in den Stadtteilen zusetzt.
Regina Kapelski, die schon einmal als Schülerin bei einem anderen Kurierdienst gearbeitet hat, bei dem auch ihre Eltern damals tätig waren, kauft selbst gerne klassisch in Geschäften ein. Nur einmal hat sie einen Kratzbaum für die Katzen ihres Freundes im Internet gekauft und dann auch durch einen ihrer Kollegen als Paket zugestellt bekommen.

Und was macht die Paket-Zustellerin, wenn sie keine Pakete transportiert? „Wenn ich nach der Arbeit nach Hause komme, dann lege ich mich erst mal auf eine Wärmedecke, um meinen Rücken zu entspannen. Entspannen kann ich mich aber auch, wenn ich mit meinem Freund und meinem Hund spazieren gehe oder zuhause Heavy-Metal-Musik höre“, erzählt Rebecca Kapelski über ihr Leben jenseits ihrer Arbeit.      

Dieser Text erschien am 3. Dezember 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Leder, made in Mülheim

  Ende Juli wurde an der Lahnstraße Mülheims letzter Lederindustriebetrieb geschlossen. Damit ging eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte zu...