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Ist die Kirche eine Moralagentur und soll sie es sein?: Eindrücke eine Veranstaltung im Essener Medienforum

Im Gespräch: Der Religionssoziologe Hans Joas, der Leiter des Seelsorgeamtes
Dr. Michael Dörnemann und die Leiterin des Medienforums Vera Steinkamp
Ist die Kirche eine Moralagentur? Soll sie es sein? Diese Frage, die ihn zu einem seiner aktuellen Bücher inspirierte, diskutierte der Münchener Soziologe und Sozialphilosoph, Hans Joas, (69) jetzt im Medienform mit dem Leiter des bischöflichen Seelsorgeamtes Dr. Michael Dörnemann (48).

"Moral ist nicht der Kern vom Religion", stellte Joas fest. Vielmehr müsse es den christlichen Kirchen um Sinnstiftung, Orientierung und praktizierte Nächstenliebe gehen. Den Grund dafür, dass Kirche in der Öffentlichkeit immer wieder als moralinsaure Institution wahrgenommen werde, "die den Menschen alles verbietet, was Spaß macht", besteht aus Dörnemanns Sicht vor allem darin, dass bestimmte Medien oft ins Groteske verzerrten Kirchenbild zeichneten.

Joas und einige Zuhörer sahen das etwas anders und wiesen unter anderem auf die 1968 von Papst Paul VI. veröffentlichte Enzyklika Humanae Vitae hin. "Sie formuliert ein wunderbares Ethos der Liebe, aber am Ende bleibt das Verbot der künstlichen Verhütung hängen", sagte eine Dame aus dem Publikum. Joas sieht Humanae Vitae als Paradebeispiel dafür, "wie die Kirche ihre eigene moralische Autorität zersetzt, in dem sie Verbote formuliert, die an der Lebenswirklichkeit der Menschen vorbeigehen und deshalb auch von überzeugten katholischen Christen im Alltag ignoriert werden." Die Kirche, so betonte Joas, solle zwar für eheliche Treue und personale Liebe eintreten. Sie müsse aber realistischer weise auch bereit sein, jungen Menschen, auf dem Weg zur großen Liebe des Lebens, sexuelle Experimente zu erlauben.

Zu oft besteht aus der Perspektive des Religionssoziologen eine krasse Kluft zwischen dem Anspruch des christlichen Liebesethos und der rigorosen kirchlichen Praxis im Umgang mit Andersdenkenden. Obwohl Joas betonte: "Ein Rassist kann kein Christ sein", warnte er die Vertreter der christlichen Kirchen davor, sich moralisch über Menschen zu erheben, die den Flüchtlingszustrom in unser Land mit großer Sorge betrachteten. "Die christlichen Kirchen, die für eine liberale Flüchtlingspolitik werben, müssen sich in der öffentlichen Debatte immer auch in die Position der Andersdenkenden hineinversetzen und dürfen deshalb nicht ausschließen, dass auch die Anderen Recht haben könnten."

Pastoraldezernent Dörnemann sieht die christlichen Kirchen von der Gesellschaft als "Moralagenturen gefordert, wenn es um den sozialen Kitt und die Grundwerte unserer Gesellschaft geht." Mit Blick auf die aktuelle Diskussion über verkaufsoffene Samstage im Advent sagte Dörnemann: "Für uns geht es als Kirche dabei nicht um ein Einkaufsverbot, sondern um die Frage nach dem grundsätzlichen Sinn verkaufsoffener Sonntage, die das Familienleben der Mitarbeiter im Einzelhandel massiv beeinträchtigen, obwohl faktisch niemand dazu gezwungen ist nach sechs Werktagen in der Woche ausgerechnet am Sonntag einkaufen zu müssen."

Dieser Text erschien am 9. Dezember 2017 im Neuen Ruhrwort

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