Direkt zum Hauptbereich

Ein Mann mit Aussicht: Dustin Radde

Dustin Radde ist ein angenehm entspannter Zeitgenosse. Seine Freundlichkeit ist nicht aufgesetzt, sondern kommt ganz natürlich rüber. Da ist es gleichgültig, ob er gerade mit dem Mann von der NRZ über seine Arbeit spricht oder zwischendurch mal eben kleine und große Badegäste mit Bällen, Schwimmbrettern oder Liegen versorgt.

Sein Arbeitsplatz ist das Naturbad in Styrum. Seit vier Jahren ist der gelernte Sport- und Fitnesskaufmann hier Schwimmmeister. „Es ist schon schön, hier arbeiten zu können“, sagt der 22-Jährige, während er von einem Holzturm aus seinen Blick über die rund 1000 Quadratmeter Wasserfläche schweifen lässt. Auch wenn hier zwischen planschenden Kindern und sich langsam füllenden Liegewiesen alles nach Urlaub aussieht, spürt man sofort, dass dieser bei Sonnenschein paradiesische Ort nur deshalb so angenehm ist, weil hier ganz irdisch engagierte Mitarbeiter ihre Augen überall haben und überall mit anpacken.

„Man muss einen Blick für Kleinigkeiten entwickeln und sehr konzentriert sein“, beschreibt Radde seine Arbeit auf dem Holzturm und am Beckenrand. Wohin läuft das von seinen Eltern unbeobachtete Kleinkind? Ist die kleine Rangelei da hinten ein fröhliches Spiel oder ein ernster Streit, in den man eingreifen muss. Wird auch niemand ins Schwimmbecken geschubst oder springt von der Seite rein? Und rutscht auf der Wasserrutsche wirklich jeder einzeln und nacheinander in die Fluten oder besteht Verletzungsgefahr?

„Wir mussten hier schon mal eine junge Frau aus dem Wasser holen, die beim Sprung vom 10 Meter-Turm auf dem Rücken aufkam, sich aber trotz anfänglich großer Schmerzen Gott sei Dank nicht verletzt hatte“, erinnert sich Radde an einen Einsatz. Ein anderes Mal musste er einen Jungen aus dem Sprungbecken holen, der vom Turm gesprungen war, obwohl er gar nicht schwimmen konnte. Oder er hat einen Mann verarztet, der versucht hatte, sein Eintrittsgeld zu sparen, in dem er über den Zaun des Naturbades kletterte und sich dabei den Arm aufriss.

„Kein Tag ist wie der andere und man kommt immer mit ganz unterschiedlichen Menschen zusammen“, erklärt Radde, was ihn an seiner Arbeit für die PIA-Stiftung fasziniert. Denn die Paritätische Initiative betreibt das völlig chlorfreie Naturbad im Auftrag des Mülheimer Sportservice (MSS). Ein Mitarbeiter der PIA, der regelmäßig das Mülheimer Fitnessstudio besuchte, in dem Radde früher lernte und arbeitete, war es auch, der ihn davon überzeugte vom überdachten Trainingsraum ins Freibad zu wechseln.

Radde, der erst mal einen Rettungsschwimmschein bei der Deutschen Lebensrettungsgesellschaft (DLRG) machen musste, hat diesen Wechsel nicht bereut. „Die Trainingsabläufe in einem Fitnessstudio sind auf die Dauer doch auch etwas monoton und man hat es in der Regel immer mit den Besuchern zu tun“, findet er. Das kann er von seinem heutigen Arbeitsplatz nicht unbedingt sagen. In der Schwimm-Saison zwischen Mai und September planschen hier Kinder und Jugendliche. Studenten und Rentner ziehen ihre Bahnen. Oder ganze Familien genießen zwischen Wasser und Wiese die Leichtigkeit des Seins.

„Ich weiß nicht, ob ich diese körperlich sehr fordernde Arbeit bis zur Rente machen kann, aber im Moment kann ich mir nichts schöneres vorstellen. Und alles andere entscheide ich, wenn es so weit ist“, sagt der Mann, dessen rotes T-Shirt den Schriftzug „Aufsicht“ trägt. Wenn der 22-Jährige keine Shorts, T-Shirt und Sonnenbrille trägt, sondern in ganz normalem Straßen-Zivil durch die Stadt geht, wird er öfter mal angesprochen: „Sie kenne ich doch, aber woher?“ Kein Wunder. Denn je nach Wetterlage kommen in einer Saison zwischen 36 000 und 50 000 Menschen zum Schwimmen, Entspannen oder Feiern ins Styrumer Naturbad.

Doch sie sehen nur, was Radde am Schwimmbecken oder auf seinem Holzturm tut. Das, was er als wirtschaftlicher Leiter des Naturbades in Sachen Buchhaltung, Statistik, Personalplanung und Materialbeschaffung leistet, wenn das Freibad um 19 oder 20 Uhr geschlossen hat, sehen sie nicht.

Auch wenn seine Kollegen und er morgens ab 5.30 Uhr die Schwimmbecken reinigen oder im Herbst und Winter diverse Reparaturen erledigen, ist kein Badegast dabei. In der Saison arbeitet Radde an sieben Tagen in der Woche. Dann hat er nur selten Zeit, um seine geliebten Großeltern zu besuchen oder mit seinem Großvater als Youngster in einer Alt-Herren-Mannschaft zu kicken. Auch der Urlaub kann nur im Herbst und Winter stattfinden. Zuletzt zog es ihn im letzten Dezember zum Bade- und Kultururlaub ins sonnige Mexiko. Und dort konnte er dann mal ganz entspannt am Wasser liegen, sich bedienen lassen und die Sonne genießen, ohne mal eben irgendwo eingreifen oder mit anfassen zu müssen.


Dieser Text erschien am 4. Juli in der Neuen Ruhr Zeitung

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Suchtfaktor Karneval

Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.
Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellsch…

Vom Untergang einer kleinen Geschäftswelt: Vor 30 Jahren wurden die Bahnbögen an der Bahnstraße geöffnet

Der 30. und 31. Januar ist in meinem Kalender rot angestrichen", erzählt Familienforscherin Bärbel Essers. Dass das so ist, hat mit der Geschichte ihrer Familie zu tun. Denn am 30. und 31. Januar 1981 wurde das Geschäft ihrer Eltern am Bahnbogen 19 abgerissen. Mit diesem Abriss ging vor 30 Jahren eine lange Geschäftstradition unter den Bahnbögen an der Bahnstraße zu Ende. Denn als Gerhard Essers 1955 dort sein Geschäft für Angler- und Campingbedarf eröffnete, war er nicht der einzige Geschäftsmann, der unter den 1865 errichteten und 1866 als Eisenbahntrasse in Betrieb genommenen Bahnbögen sein Quartier aufgeschlagen hatte.
Seine 1961 geborene Tochter erinnert sich nicht nur an eine legendäre Pommesbude, eine Eisdiele und den Löschbogen, der damals noch wirklich unter dem Bahnbogen Bier und mehr ausschenkte und die traditionelle Stammkneipe der Marktleute war.

Als Essers noch ein Kind war, handelten ihre Nachbarn unter den Bahnbögen zum Beispiel mit Lederwaren, Obst und Gemüse, Kart…