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Ein Mann räumt auf: Olaf Vier

MEG-Mitarbeiter Olaf Vier
"Eigentlich ist das hier ein schöner Arbeitsplatz“, sagt Olaf Vier mit Blick auf das Hafenbecken und die Ruhrpromenade. Doch an diesem Vormittag, an dem der Straßenreiniger die Mülleimer im neuen Ruhrquartier leert, ist es nicht schön. Es regnet, nicht zu vergleichen mit einem Sonnenaufgang in der Frühschicht an der Ruhr. „Wenn es regnet, sind vor allem Papierabfälle viel schwieriger aufzunehmen, weil sie sich mit Wasser vollsaugen und manchmal richtig auf der Straße kleben“, erzählt der Mann von der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft (MEG).

Als er die Plane lüftet, offenbart sich auf der Ladefläche des Kleinlasters die Ausbeute eines halben Arbeitstages. Da ist nicht nur der Inhalt aus diversen öffentlichen Abfallbehältern, sondern sind auch ein Fensterrahmen, ein Staubsauger, alte Kissen und diverse Lebensmittel zu sehen. „Es gibt einfach nichts, was die Leute nicht wegwerfen“, sagt der 45-Jährige. Er selbst hat auch schon mal Müllsäcke mit toten Hühnern und einem toten Hund aufladen müssen.

Den meisten Müll sammeln Vier und die sechs Kollegen der von ihm geleiteten Arbeitsgruppe nicht auf der Straße, sondern an den 30 Wertstoff-Containern, die sie täglich anfahren. Rund um die Container bilden sich immer wieder wilde Müllkippen. Auch die Abfalleimer an den Straßen quillen regelmäßig über. „Manchmal fühlt man sich wie König Sisyphus“, findet Vier. Kaum haben seine Kollegen eine Stelle blitzeblank gesäubert, sehen sie dort auch schon die nächsten Müllablagerungen, wenn sie vielleicht eine halbe Stunde später dort noch einmal vorbeikommen. Ohne, dass er das zahlenmäßig belegen könnte, hat Vier den Eindruck, dass die Menschen heute immer mehr Müll achtlos wegwerfen. Das fängt schon mit der Pizza-Pappe oder dem Karton an, die die Leute nicht kleinreißen, um sie in den Abfalleimer oder in einen Altpapiercontainer zu stecken, sondern einfach auf die Straße werfen oder so in einen Mülleimer stopfen, dass dieser für weiteren Abfall blockiert ist. Vor allem montags, wenn sich Cola-Dosen, Bierflaschen und Pizzapappen als dreckiger Rest vom Wochenendfest auf den Straßen häufen, haben Vier und seine Kollegen mehr als gut zu tun. „Es sind einfach Bequemlichkeit und Gedankenlosigkeit“, glaubt der Straßenreiniger, wenn man ihn nach den Ursachen der allseits beklagten Vermüllung des öffentlichen Raumes fragt. Vor allem mit den wilden Müllbergen an den Wertstoffcontainerstandorten wird Vier nicht nur als Straßenreiniger, sondern auch als sozialdemokratisches Mitglied der für Styrum, Dümpten und Winkhausen zuständigen Bezirksvertretung 2 konfrontiert. „Wie man dieses Problem lösen kann, weiß ich auch nicht. Ich weiß nur, dass dort, wo es so etwas, wie soziale Kontrolle gibt, auch weniger Müll einfach auf die Straße geworfen wird“, sagt der kommunalpolitisch engagierte Familienvater.

„Manchmal werfen Leute sogar vor unseren Augen Müll auf die Straße. Da muss man schon mal an sich halten und auch wenn man sie auf ihr Verhalten anspricht, sind nur wenige einsichtig“, berichtet Vier aus seinem Arbeitsalltag, der seine Kollegen und ihn immer wieder durch die Stadtmitte, Dümpten und Styrum führt. Auch wenn der gelernte Dreher, der 1993 von Mannesmann zur Müllabfuhr wechselte, weil er sich in den Werkshallen wie in einem Gefängnis eingesperrt fühlte, seine Arbeit gerne macht, mit der er eine vierköpfige Familie ernährt, ärgert er sich über ihre mangelnde Anerkennung. „Nur ganz selten sagen Leute: Gut, dass ihr da seid und das hier macht. Viel öfter wird unsere Arbeit mit Füßen getreten, wobei viele vergessen, dass mit dem Müll, den sie auf die Straße werfen, auch ihre Müllgebühren zwangsläufig steigen.“ Auf der anderen Seite weiß der Straßenreiniger, der sich nach Feierabend gerne im Fitness-Studio „auspowert, entspannt und den Kopf frei macht“, dass sein Arbeitsplatz auch deshalb relativ sicher ist, weil es dort, wo es Menschen gibt, auch immer Müll geben wird, der entsorgt werden muss.

Dieser Text erschien am 27. Juni 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

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