Dienstag, 3. Juni 2014

So gesehen: Die Evolution geht weiter


Wenn alles gut geht, hat ein Mensch zwei Augen, um nach vorne zu schauen, zwei Beine um nach vorne zu gehen und zwei Ohren, um sich umzuhören. Über Jahrmillionen hat sich der Mensch zu dem aufrecht gehenden Lebewesen entwickelt, das in der Lage ist, sich in seiner Umwelt zu bewegen, zu orientieren und mit anderen menschlichen Lebewesen zu kommunizieren.

Diese Entwicklung nennt man wohl Evolution. Ein solcher Evolutionsschritt scheint auch derzeit wieder im Gange zu sein. Denn immer öfter begegnet man jetzt Menschen, die seltsam gebeugt sitzen oder gehen und denen Hören und Sehen vergangen zu sein scheint. Sie haben keinen Blick und kein Ohr mehr für ihre Mitmenschen, die immer öfter gezwungen sind, ihnen auszuweichen, um nicht mit ihnen zu kollidieren oder aber sie massiv anzusprechen und aufzurütteln, wenn sie mit ihnen ins Gespräch kommen wollen. Denn diese Menschen haben ein neues Körperteil bekommen, das nicht nur ihre Aufmerksamkeit fesselt, sondern auch ihre Kommunikation bestimmt. Sie kommunizieren aber nicht mit ihrer leibhaftigen Umwelt und ihren Mitmenschen, die sie im Zweifel über den Haufen rennen oder einfach ignorieren, sondern mit virtuellen Partnern in einer virtuellen Welt. Ihr neues Körperteil verlangt ihre ganze Energie und wir ahnen. Diesen Evolutionssprung kann sich weder Gott Vater noch Mutter Natur ausgedacht haben. Ihnen wäre wohl etwas besseres, als dieses elektronische Körperteil namens Smartphone eingefallen. Dieses Wunderwerk der Technik, das zweifellos spannende Möglichkeiten der mobilen Kommunikation, der Alltagsorganisation und der Orientierung bietet, ist natürlich Menschenwerk. Bleibt nur zu hoffen, dass diese elektronische Evolution und Revolution nicht irgendwann ihre Kinder frisst, weil sie ihnen den Blick für das Wesentliche, nämlich für ihre Mitmenschen und ihre Umwelt raubt, denen sie im analogen Hier und Jetzt begegnen können. Auch das kann spannend sein. Denn bei allem technischen Fortschritt sollten wir nicht vergessen. Der Irrtum ist und bleibt die menschlichste aller Eigenschaften.
 
Dieser Text erschien am 2. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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