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Die Ruhe nach dem Sturm: Obwohl das Pfingstunwetter im öffentlichen Personennahverkehr auch am Tag danach zu chaotischen Verhältnissen geführt hatte, blieben die meisten Fahrgäste gelassen

Mal eben mit Bus und Bahn in die Nachbarstadt oder von einem Stadtteil in den nächsten fahren. Nicht an diesem Tag nach einem Unwetter, das bei vielen Fahrgästen am Hauptbahnhof Erinnerungen an den Orkan Kyrill weckt, der im Januar 2007 durchs Land wirbelte.

„Hier stand das Wasser bis zur zweiten Stufe der Rolltreppe. Erst ab acht Uhr konnte der erste Bus wieder fahren“, erinnert sich der Leiter des sechsköpfigen Serviceteams der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG), Frederik Wohlgehaben, an den Beginn seiner Dienstschicht am frühen Morgen. Feuerwehrleute mussten ab 21.45 Uhr anrücken, um die Abläufe des Busbahnhofes von Schlamm und Geäst zu befreien, um den Tunnel unter dem Kurt-Schumacher-Platz wieder passierbar zu machen. „Doch das war einer unserer kleineren von bisher über 1000 Einsätzen“, sagt Feuerwehrsprecher Thorsten Drewes am Mittag.

Da pendeln Servicemann Wohlgehaben und seine fünf Kollegen schon wieder zwischen U-Bahnhof und Busbahnhof. Sie beantworten nach eigener Einschätzung an diesem Tag fünf bis sechs Mal so viele Fragen wie an normalen Tagen. Die meist gestellte Frage lautet: „Wie komme ich nach Essen?“

In der Regel verweisen Wohlgehaben, Michel Reichinger und ihre Kollegen vom MVG-Serviceteam auf die Buslinie 132, die immerhin schon mal auf halber Strecke bis Heißen-Mitte fährt oder auf den Schienenersatzverkehr für die Straßenbahnlinie 104. So viel steht fest: Mit der Deutschen Bahn oder mit der U 18 geht an diesem chaotischen Tag in Richtung Essen nichts mehr. Wohlgehaben berichtet von einem ICE, der zwischen Montag 22 Uhr und Dienstag 11 Uhr im Hauptbahnhof eine Zwangspause einlegen musste, weil es einfach nicht mehr weiterging. „Wir sind gut gelaunt und Gott ergeben. Das ist höhere Gewalt. Dafür kann ja keiner was“, versichern Musikstudent Max Wehner und Rentner Karl Walgenbach, die an der bahnhofsnahen Kaiserplatzkreuzung auf die Ersatzbusse für die 104 nach Essen und für die 112 nach Oberhausen warten.

Informatikstudent Farzad AzizKhani, der eigentlich auch nach Essen wollte, hat inzwischen seine Vorlesung an der dortigen Uni verpasst. „Ich habe nach einem Taxi gefragt, aber keines bekommen. Deshalb habe ich die Zeit genutzt, um etwas einzukaufen. Und wenn gleich die 901 kommt, fahre ich wieder zu meinem Studentenwohnheim an der Duisburger Straße“, berichtet er. „Wir wollen nur noch ins Hotel“, erzählen die Stuttgarter Radtouristen Heidi und Wilhelm Burger, die ebenfalls auf die 901 warten und ihre Radtour abgebrochen haben, „weil einfach zu viele Bäume umgestürzt und zu viele Straßen gesperrt sind.“

Maren Schäfer, die es mit dem 124er von Broich zum Hauptbahnhof geschafft hat und jetzt mit ihrem kleinen Sohn Alex zum Kinderarzt nach Dümpten muss, ist schon kurz davor, den Termin per Handy abzusagen, als gegen 14.30 Uhr doch noch eine 102 unter dem Hauptbahnhof einfährt. „Die Informationen am laufenden Band reichen mir nicht aus. Es könnten ruhig mehr Lautsprecherdurchsagen kommen“, findet Helga Kohl mit Blick auf die elektronische Anzeigetafel. Sie weist darauf hin, dass die 102 heute nur bis Aktienstraße fährt und Reisende in Richtung Dümpten wegen der sturmbedingten Oberleitungsschäden dort in einen Ersatzbus umsteigen müssen. „Wenn man die Wirbelstürme in Amerika kennt, weiß man, dass das hier noch glimpflich abgegangen ist und man froh sein kann, wenn man noch alle Ziegel auf dem Dach hat“, findet Brigitte Walder, die nach einem Arzttermin in der Innenstadt auf die 102 wartet.

„Das war ein Gefühl, als ob die Welt unterginge. Ich habe riesige Wassermulden und ganz normale Bürger gesehen, die sich eine Warnweste anzogen, um Kreuzungen mit einem Warndreieck zu sperren und mit eine Motorsäge hantierten, um umgestürzte Bäume von der Straße zu bekommen“, erinnert sich SPD-Ratsherr Sascha Jurczyk an seine nächtliche Unwetterfahrt durch Saarn und Menden, während er im Busbahnhof auf den 752er nach Saarn wartet. Und während eine MVG-Kollegin am Lautsprecher verkündet, welche Buslinien aktuell nicht fahren und wo Busse Bahnen ersetzen, resümiert Servicemann Wohlgehaben: „Die meisten Fahrgäste sind verständnisvoll und gelassen. Nur eine junge Frau war aufgelöst, weil sie nicht rechtzeitig zur Arbeit kam und ihr Chef ihr den Lohn abziehen will. Doch das ist wohl ein Fall für den Betriebsrat.“

Dieser Text erschien am 11. Juni 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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