Donnerstag, 29. Mai 2014

Späte Ansichten einer Wahl: Warum Menschen erst in letzter Minute wählen gehen und was danach mit ihren Stimmen passiert: Einblick in ein Mülheimer Wahllokal


Normalerweise werden in der Cafeteria des Karl-Ziegler-Gymnasiums Schüler und Lehrer versorgt. Doch an diesem Sonntag bleibt dort die Küche kalt. Stattdessen bekommt die Demokratie ihre wichtigste Nahrung, die Stimmen der Bürger. Denn am Wahltag der Europa- und Kommunalwahl wird die Cafeteria zum Wahllokal für den Stadtmitte-Stimmbezirk 012. Nur Wasserflaschen sind zu sehen, die sich die acht Wahlhelfer zur Erfrischung mitgebracht haben.

„Kurz vor Toresschluss kommt immer noch ein ganzer Schwung von Leuten,“ weiß Wahlvorsteherin Kerstin Braun. Die Frau vom Grünflächenamt muss es wissen. Denn seit sie 18 war, hat sie jede Wahl als Wahlhelferin begleitet. Und sie behält recht. Zwischen 17.30 Uhr und 18 Uhr wählen rund 40 Frauen und Männer in letzter Minute, darunter auch ein Briefwähler, der vergessen hatte seinen Wahlbrief rechtzeitig einzuwerfen und eine ältere Dame mit Rollator, der Braun über die Stufen ins Wahllokal hinein und später wieder hinaus hilft.

Wie und warum wird man zum späten Wähler? „Ich habe mir heute einen schönen Wellnesstag mit Waldlauf und Freiluftsauna gegönnt“, begründet der 48-jährige Eventmanager Carsten Kroll seinen späten Wahlgang. Er glaubt, „dass das schöne Wetter viele Wahlfaule davon abgehalten haben wird, ins Wahllokal zu kommen.“

Der späte Wähler und Jurastudent Christoph Götz hat vor dem Gang ins Wahllokal noch einmal den Internet-Wahlomaten der Bundeszentrale für politische Bildung bemüht, „damit ich nicht alle Wahlprogramme durchlesen muss.“ Obwohl der 29-Jährige einräumt, dass die Wahlentscheidung für ihn keine leichte war, betont er: „Ich habe noch keine Wahl verpasst, weil das für mich zum Engagement für die Demokratie einfach dazugehört.“

Auch für die beiden Mittsiebziger Anni und Günther Müller ist das Wahlrecht eine „Bürgerpflicht“, die sie nach einem Sportnachmittag vor dem Fernsehen selbstverständlich gerne erfüllen, „weil wir keine Stimme zu verschenken haben.“ Während die Müllers, die zur Gruppe der Stammwähler gehören, zugeben, dass ihnen der Durchblick bei zwölf Parteien und Wählerbündnissen auf den Kommunalwahlzetteln schwerfällt, begrüßt der 37-jährige Künstler Patrick Gerhard die neue Vielfalt auf dem Stimmzettel. „Da ist bestimmt für jeden was dabei und ich bin ohnehin dafür, dass es mehr Bürgerentscheide und Bürgerbefragungen gibt“, sagt er. Trotzdem kommt er erst spät zur Wahl: „Weil ich diesmal eigentlich gar nicht wählen gehen wollte, mich aber von einer Freundin habe überzeugen lassen.“

„Wenn man das Wahlrecht hat, sollte es auch nutzen“, erklärt er 41-jähriger Einzelhandelskaufmann, warum er spät aber nicht zu spät zur Wahl kommt. Besonders wichtig ist ihm, der darüber nachdenkt nach Spanien auszuwandern, die Wahl des Europäischen Parlaments. Doch um 18 Uhr ist es so weit. „Ich erkläre den Wahlgang für geschlossen“, sagt Wahlvorsteherin Braun. Nur eine junge Frau die gerade erst aus der Wahlkabine kommt, darf ihre drei Wahlzettel noch in die Urne werfen.

Dann fängt das große Zählen an, bei dem die acht Wahlhelfer nicht nur von der NRZ, sondern auch von der AfD-Ratskandidatin Eva Viljoen beobachtet werden. Die Kandidatin will darauf achten, dass bei der Stimmenauszählung alles mit rechten Dingen zugeht. Schon bald kommt es fast zum Eklat, als die AfD-Bewerberin mit Hinweis auf die Europawahlordnung darauf bestehen will, dass jede gezählte Stimme laut vorgelesen werden soll. „Wenn wir das machen, sind wir noch um 24 Uhr hier. Und wenn jeder hier seine Stimmen laut vorlesen würde, würden wir uns am Ende verzählen und bräuchten für jeden Wahlhelfer einen eigenen Raum“, weist sie Braun zurecht.

Danach wird friedlich und flottgezählt, zunächst die grauen Stimmzettel für die Europawahl, dann die grünen für die Stadtratswahl und zuletzt die roten für die Wahl der Bezirksvertretung. „Wir sind ein eingespieltes Team“, sagt Braun. Kein Wunder. Ihre Wahlhelfer kommen alle aus der Familie. Ihr beim Tiefbauamt arbeitender Mann Ralf und ihre Tochter Charlotte zählen ebenso mit, wie ein Schwager, die beiden Neffen Merlin und Yanik, sowie Charlottes Freund Christian Howahl und ihre Tante Silke Stöhr. „Wir wählen gerne und fühlen uns mit der Stadt und der Demokratie verbunden. Deshalb wollen wir ihr etwas zurückgeben und unseren Beitrag dazu leisten, dass alles auch so weiter läuft“, sind sich Tante und Nichte einig.

„Wo habt ihr die CDU? Zwei Kreuze auf einem Zettel? Das ist doch ungültig. Ich habe hier eine Stimme für die Familienpartei.“ Alle Stimmen werden sicherheitshalber dreimal durchgezählt. Und kurz nach 19 Uhr kann Charlotte Braun per Handy Ergebnisse ans Wahlamt durchgeben. Anschließend wird das Wahlergebnis protokolliert und von allen Wahlhelfern unterschrieben. Und zum guten Schluss heißt es dann noch mal:“Einpacken!“ Alle Stimmen werden nach Wahlgang und Partei sortiert in große Umschläge gesteckt, die versiegelt später ans Wahlamt gehen. Um 19.50 Uhr verlassen Kerstin und Ralf Braun nach 13 freiwilligen Arbeitsstunden als Letzte das Wahllokal.

 

Bei der Europa- und Kommunalwahl wurden im Stadtmittestimmbezirk 012 insgesamt 444 Stimmen abgegeben, davon drei ungültig. Das entsprach eine Wahlbeteiligung von 35 Prozent.

Bei der Europawahl erhielt die SPD 153, die CDU 110, die Grünen 60, die FDP und die Linke jeweils 21, die AFD 39 und die Piraten 12 Stimmen. Jeweils 3 Stimmen entfielen auf die Tierschutzpartei, Die Partei und auf Pro NRW. Jeweils 2 Stimmen bekamen die Familienpartei, die Christliche Mitte, die Freien Wähler und die Partei Bibeltreuer Christen. Jeweils eine Stimme erhielten, die NPD, das Bürgerkommitee Solidarität, die Ökologisch Demokratische Partei und die Bayernpartei.

Bei der Kommunalwahl für Rat und Bezirksvertretung 1 entschieden sich 113 Wähler für die SPD, 114 für die CDU, 47 für die MBI, 66 für die FDP, 36 für die AFD, 31 für die Grünen, 11 für die Linke, 10 für die Piraten, 6 für das Bündnis für Bildung, 4 für WIR, 2 für AUF, 2 für das Bündnis für Bürger.
 
Dieser Text erschien am 26. Mai 2014 in der Neuen Ruhr Zeitung

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