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Warum Kettwig den Kirchenkreis wechseln will und was das für die evangelische Kirche in Mülheim bedeutet

Wenn die Gemeinde Kettwig, wie jetzt bei der Synode beantragt, aus dem Kirchenkreis Mülheim nach Essen wechselt, verliert der Kirchenkreis An der Ruhr 6600 seiner 57.800 Mitglieder. Mit den Kettwiger Gemeindegliedern verliert der Kirchenkreis auch deren Kirchensteuern.


Den Netto-Verlust prognostiziert man beim Kirchenkreis auf rund 150.000 Euro pro Jahr. Dennoch zeigt Superintendent Helmut Hitzbleck Verständnis für den Kettwiger Wunsch, nach Essen zu wechseln und damit die kommunale Neuordnung der 70er Jahre nachzuvollziehen. „Die Stränge nach Essen sind in Kettwig einfach stärker“, räumt Hitzbleck ein.

Wenn die Frühjahrssynode 2013 den Wechsel beschließt, rechnet Hitzbleck mit dessen Vollzug für das Frühjahr 2014. Jetzt verhandeln die Kirchenkreise Mülheim und Essen über auf fünf Jahre gestaffelte Ausgleichszahlungen, die den finanziellen Verlust für die Mülheimer Seite erträglich machen sollen.

Natürlich wird der Kirchenkreis An der Ruhr mit dem Wechsel auch von den Personalkosten für die drei Kettwiger Pfarrstellen entlastet, die, einschließlich Sozialleistungen, mit jährlich je 90?000 Euro zu Buche schlagen.

Fakt bleibt: Aus acht werden ab 2014 sieben Gemeinden, die die gleichen Kosten für die Einrichtungen und das Personal des Kirchenkreises schultern müssen.

Derzeit zahlen die Kirchengemeinden 31,5 Prozent ihrer Kirchensteuereinnahmen als Umlage an den Kirchenkreis, um zum Beispiel übergemeindliche Einrichtungen, wie die Evangelische Familienbildungsstätte, das Diakonische Werk, diverse Beratungsstellen und die Ladenkirche zu finanzieren.

Wenn es nach dem Willen Hitzblecks geht, soll die bis Ende 2016 festgelegte Umlagequote bis dahin auch nicht erhöht werden. Danach aber muss neu über Aufgaben, Strukturen und Finanzen verhandelt werden.

Zurzeit profitiert der Kirchenkreis noch von einem stabilen Kirchensteueraufkommen, das entgegen der langfristigen Prognose nicht um jährlich ein Prozent sinkt. 2012 stehen dem Kirchenkreis und seinen Gemeinden Kirchensteuernettoeinnahmen von 6,5 Millionen Euro zur Verfügung. 2011 waren es nur 6,1 Millionen Euro.

Das Bruttovolumen der Kirchensteuereinnahmen lag zuletzt bei 17,6 Millionen Euro. Davon entfielen 1,4 Millionen Euro auf die Kirchengemeinde Kettwig.

Von den 17,6 Millionen Euro Kirchensteuern wurden 2,5 Millionen Euro in Pfarrstellen und 1,3 Millionen Euro in das Schließen sozialer Versorgungslücken investiert. Mit 1,2 Millionen Euro wurden Einrichtungen der Landeskirche und mit einer Million Euro die Einrichtungen der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) finanziert. 4,6 Millionen Euro flossen in den landeskirchlichen Finanzausgleich und 150?000 Euro in die kirchliche Entwicklungshilfe.

Von den Nettoeinnahmen des Kirchenkreises verblieben 4,3 Millionen Euro bei den Gemeinden, während 2,3 Millionen Euro an den Kirchenkreis und das Diakonische Werk flossen.

Trotz des absehbaren Schrumpfungsprozesses fürchtet Superintendent Helmut Hitzbleck nicht um die Existenz des 1870 gegründeten Kirchenkreises An der Ruhr, sondern will in Zukunft noch verstärkt auf eine Kooperation mit den Nachbarkirchenkreisen setzen.

Hintergrund:
329 evangelische Taufen und 59 Kircheneintritte standen 2011 607 Bestattungen und 292 Kirchenaustritte gegenüber. Vor 40 Jahren hatte Mülheim noch 190.000 Einwohner, von denen 106.000 Mitglied einer evangelischen Kirchengemeinde waren. Im Kirchenkreis An der Ruhr kamen noch 11.000 Gemeindemitglieder aus Kettwig hinzu.


Dieser Text erschien am 15. November 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG


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