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Aller Anfang ist schwer oder: Noch fahren nicht alle Styrumer auf den Bürgerbus ab: Eine gute Idee will entdeckt werden

Simone Hofrath und ihr Sohn Luis schauen auf den Fahrplan des Styrumer Bürgerbusses am Sültenfuß. „Toll, dass es ihn gibt. Ich selbst bin noch nicht mitgefahren. Aber meine Oma nutzt ihn, um von der Herwarthstraße zum Einkaufen zur Oberhausener Straße, zur Friesenstraße oder zur Heidestraße zu fahren“, berichtet die junge Frau.


Die Schilderung deckt sich mit den Erfahrungen von Klaus Bernhard. „Wir haben vor allem ältere Fahrgäste und ich habe seit dem Start des Bürgerbusses am 29. Oktober noch keine einzige Kinderfahrkarte verkauft“, erzählt der 62-jährige Pensionär, der bis vor kurzem noch als Bezirksfahrdienstleiter bei der Deutschen Bahn gearbeitet hat. Jetzt ist er einer von 23 ehrenamtlichen Fahrern, die den Bürgerbus montags bis samstags (9-15 Uhr) im Stundentakt durch Styrum steuern. „Man hat eine Aufgabe und kann sich nützlich machen“, beschreibt er seine Motivation. Mindestens einmal pro Woche setzt er sich für drei Stunden unentgeltlich hinter das Steuer des Bürgerbusses, der acht Fahrgästen Platz bietet. Im November fuhren pro Tag durchschnittlich acht Fahrgäste mit.

Doch am Dienstag bleiben die meisten Sitze zwischen 12 und 15 Uhr unbesetzt. „Das macht keinen Spaß, wenn man mit dem leeren Bus durch Styrum fahren muss“, gibt Bernhard zu. Margot Boidoll (86) und Karlheinz Engels (74) sorgen dafür, dass Bernhard in seiner Schicht nicht ganz ohne Fahrgäste bleibt. „Das ist eine echte Annehmlichkeit, die dafür sorgt, dass ich mobil sein kann und meine Einkaufstaschen nicht den ganzen Weg nach Hause schleppen muss“, erklärt die Seniorin. Die 1,50 Euro für eine Fahrkarte lohnen sich für sie, wenn sie von der Doktor-Türk-Straße mit dem Bürgerbus zur Einkaufstour ins Styrumer Zentrum und an der Friesenstraße startet. Auch Engels nutzt den Bürgerbus gerne, um von der Wörthstraße schnell und sicher zum Schloss Styrum zu kommen, um in der dortigen Altentagesstätte Billard zu spielen. „Im Sommer fahre ich mit dem Fahrrad. Aber jetzt ist mir der Bürgerbus lieber.“ Nicht nur von ihm bekommen Bernhard und seine Fahrerkollegen die Klage zu hören, dass der Bürgerbus zurzeit nur bis 15 Uhr fährt. „So muss ich mir etwas anderes einfallen lassen, wenn ich abends wieder nach Hause kommen will“, bedauert Engels.

Bernhard weist darauf hin, dass der Bürgerbus nicht nur mehr Fahrgäste, sondern auch mehr ehrenamtliche Fahrer bräuchte, um das zu sein, was er sein wolle, nämlich „eine sinnvolle Ergänzung des Nahverkehrs, die sich im Bewusstsein der Styrumer verankert hat.“

Bis dahin müssen die Mitglieder des Bürgerbusvereins um Knut Binnewerg und Rainer Lamberti noch kräftig die Werbetrommel rühren. Deshalb haben sie heute zwischen 14 und 15 Uhr mit Bezirksbürgermeisterin Heike Rechlin-Wrede einen prominenten und spendablen Fahrgast gewonnen, der im Interesse der guten Sache dafür sorgt, dass alle Fahrgäste, die heute mit dem Styrumer Bürgerbus zwischen Sültenfuß, Union, Schloss Styrum und Römerstraße in den Styrumer Straßen jenseits der Hauptverkehrsachsen Oberhausener- und Hauskampstraße unterwegs sein wollen, keine Fahrkarte lösen müssen.

Bürgerbusfan Engels muss sie nicht mehr überzeugen. Für ihn ist der Bürgerbus, der die Styrumer Nebenstraßen jenseits des MVG-Netzes an den Nahverkehr anbindet schon deshalb unentbehrlich geworden, weil viele Senioren sonst kaum noch zum Einkaufen kämen. „Heute gibt es doch immer weniger kleine Einzelhandelsgeschäfte und nur noch wenige große Märkte“, beklagt er.

Auskünfte zum Bürgerbus gibt Knut Binnewerg unter der Rufnummer 0208/402257 Weitere Informationen im Internet unter: www.buergerbus-styrum.de

Dieser Text erschien am 19. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG


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