Dienstag, 25. Dezember 2012

Wie das eigentlich als Oma und Opa die Schulbank drückten? Ein Besuch im Historischen Klassenzimmer an der Schlägelstraße in Styrum

Marlies Pesch-Krebs kommt nicht von der Schule los. Fast 40 Jahre hat die heute 63-jährige Pädagogin als Lehrerin gearbeitet. Als Ruheständlerin kehrt sie an eine ihrer alten Wirkungsstätten zurück. Von 1992 bis 2002 leitete sie als Rektorin die damalige Grundschule an der Schlägel- und Meißelstraße. In dieser Zeit richtete sie zur 100-Jahr-Feier der Schule (1996) zusammen mit August Weilandt vom Styrumer Geschichtsgesprächskreis in einer ehemaligen Hausmeisterwohnung an der Schlägelstraße das Historische Klassenzimmer ein. 2012 hat sie die Leitung des kleinen, aber feinen Schulmuseums von ihrem inzwischen 95-jährigen Mitstreiter übernommen. Warum sie sich dazu entschlossen hat, erklärtz sie so:


Ich möchte seine Arbeit hier fortführen, weil das unser gemeinsames Kind ist und weil ich hier das tun kann, was ich immer gerne getan habe, nämlich mit Kindern arbeiten, natürlich in etwas anderer Form als früher.
Früher ist das richtige Stichwort. Wer das Historische Klassenzimmer an der Schlägelstraße betritt, fühlt sich gleich um 100 Jahre zurückversetzt. An der Tafel steht in Sütterlinschrift Ohne Fleiß kein Preis. Auf dem Lehrerpult steht eine schwere Glocke, mit der früher der Schulmeister oder das Fräulein Lehrerin zum Unterricht läuteten. Dahinter sieht man eine Buchstabentafel und einen großen Rechenschieber. An den Wänden hängen Landkarten und fotorealistische Darstellungen aus Flora und Fauna. Wer auf den Sitzbänken mit integriertem Schreibpult und Tintenfasshalter Platz nimmt, begreift sofort, was es bedeutet, die Schulbank zu drücken. Die Schulbänke, die noch aus dem Gründungsjahr der damaligen Volksschule an der Schlägelstraße stammen, zwingen zum Geradesitzen und erlauben nur den Blick nach vorn.

Als ich 1956 eingeschult wurde, habe ich noch auf solchen Schulbänken gesessen. Wir waren damals 64 Kinder in meiner Klasse,

erinnert sich Pesch-Krebs.

Was glaubt sie, können Schulkinder und Lehrer aus dem Schuljahr 2012/13 im Historischen Klassenzimmer lernen?
Sie können sehr anschaulich erleben, wie das Leben und die Schule früher waren. Und wenn sie das mit ihren heutigen Erfahrungen vergleichen, schafft das Geschichtsbewusstsein und die Grundlage für ein Gespräch mit Eltern und Großeltern, antwortet Pesch-Krebs und stellt fest: Kinder, die hier eine historische Schulstunde, wie vor 100 Jahren erleben, staunen immer wieder darüber, wie streng es früher in der Schule zuging. Sie wundern sich darüber, dass die Schüler morgens strammstehen und den Lehrer gemeinschaftlich begrüßen mussten. Sie wundern sich auch darüber, dass die Lehrer vor dem Unterricht die Sauberkeit von Händen und Ohren überprüften und das die Schüler immer wieder nachsprechen mussten, was ihnen die Lehrer vorsagten.

Auch wenn Pesch-Krebs ihr Lehrerleben 1974 in den Hochzeiten der antiautoritären Erziehung begann und sich damals vornahm,
anders, als in meiner Schulzeit soll kein Kind vor mir als Lehrerin Angst haben, weil Angst keine gute Lehrmeisterin ist,
kann sie der alten Schule auch Positives abgewinnen.
Die Kinder haben damals mit weniger Technik, aber dafür viel sinnlicher gelernt. Da wurden Lieder gesungen und Gedichte auswendig vorgetragen. Da ging man raus, um die Natur zu erkunden und Blätter zu sammeln oder Tiere zu beobachten. Auch gespielt wurde draußen auf der Straße. Das wäre heute undenkbar. Da hätten die meisten Eltern viel zu viel Angst um ihre Kinder.
Tatsächlich fällt im Historischen Klassenzimmer auf, dass die zur Verfügung stehenden Schulmaterialien ausgesprochen überschaubar sind.
Damals hatten die Kinder einen Griffel, ihre Schiefertafel und eine Fibel in ihrem Ranzen. Heute schleppen sie einen halben LKW mit sich rum, zieht die Lehrerin den Zeitvergleich zwischen den Schuljahren der Großeltern- und der Enkelgeneration.
Die Kinder begreifen beim Schulbesuch im Historischen Klassenzimmer, dass Schulmaterialien damals sehr begrenzt und deshalb auch sehr wertvoll waren und dass es beim Lernen nicht ohne Disziplin und Aufmerksamkeit geht,
berichtet Pesch-Krebs.

Zum Staunen bringen kann die Lehrerin ihre Zeitreisenden, die meistens aus den Klassen 1 bis 6 kommen, wenn sie davon berichtet, dass die meisten Kinder früher nur ein oder zwei Kleidungsstücke hatten und die Mädchen deshalb in der Schule eine Schürze tragen mussten, um ihre Alltagskleidung zu schonen, während die Jungs meistens eine robuste Lederhose anhatten, bei der es nicht so genau darauf ankam.

War die vermeintlich gute alte Zeit in der Schule besser als heute?
Sie war wohl nur anders, nicht besser,
glaubt Pesch-Krebs und weist beiläufig darauf hin, dass auf den alten Klassenfotos, die im Historischen Klassenzimmer neben alten Schulzeugnissen mit Fächern wie Schönschrift und Handarbeit hängen, keine lachenden Kinder zu sehen sind.

Auch wenn sie den Lärmpegel heutiger Schulklassen noch gut im Ohr hat und sich manchmal etwas mehr von der Disziplin der alten Schule wünscht, ist die Pädagogin auch mit Blick auf die Schule davon überzeugt,
dass man das Rad der Geschichte nicht zurückdrehen kann, weil Veränderung zum Leben dazugehört.
Und so findet sie es zum Beispiel ausgesprochen richtig,
dass Kinder heute schon frühzeitig lernen, mit Computer und Internet umzugehen oder im Sinne von Integration und Inklusion ganz selbstverständlich zusammen mit Klassenkameraden aus einem anderen Land oder mit einem Handicap zu lernen. Wir müssen viel mehr in Bildung investieren und lernen, alle Kinder mit ihren Möglichkeiten zu fördern, weil wir als Gesellschaft darauf angewiesen sind, dass möglichst alle Kinder einen guten Schulabschluss machen, um später mit ihrer Arbeit Geld verdienen und Steuern bezahlen zu können.
Als Vorbild sieht sie dabei das skandinavische Ganztags- und Gesamtschulsystem, das mit weniger Selektion, dafür aber mit mehr Binnendifferenzierung, mehr Lehrern, mehr Sozialarbeitern und vor allem mit kleineren Klassen arbeite.

Wir haben uns in Deutschland da erst sehr spät auf den Weg gemacht und haben es deshalb jetzt vor allem in finanzieller Hinsicht oft schwerer,
meint die Pädagogin.
Schon vor 100 Jahren wurden hier Arbeiterkinder aus Polen, den Niederlanden und Italien integriert, deren Eltern in der Styrumer Industrie arbeiteten,
 erinnert Pesch-Krebs. Dass es damals mit der sozialen Gleichberechtigung aber noch viel weniger weit her war, als heute, erklärt sie mit dem Hinweis darauf, dass damals nur eine kleine Minderheit das Abitur machen konnte und die allermeisten Kinder nicht über die achtjährige Volksschule hinauskamen.
Wenn Kinder im Historischen Klassenzimmer vergleichen können, wie sie heute in der Schule lernen und wie früher in der Schule gelernt wurde, werden sie vielleicht nachdenklich und hinterfragen auch ihre eigenen Verhaltensweisen, obwohl ich nicht glaube, dass sie allzu viel daran ändern werden,
 resümiert die Schulmeisterin aus dem Historischen Klassenzimmer.

Besuche im Historischen Klassenzimmer an der Schlägelstraße kann man mit Marlies Pesch-Krebs telefonisch unter der Rufnummer 0208/384177 vereinbaren.

Dieser Text erschien am 22. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

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