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Bei den Albertustagen 2012 zeigte sich die Styrumer Gemeinde St. Mariae Rosenkranz von ihrer internationalen Seite und lud zu einer geistlichen Entdeckungsreise ein

Styrum ist ein multikultureller Stadtteil, wie es viele im Ruhrbistum gibt. Und die Kirche St. Mariae Rosenkranz steht mittendrin. „Die Arbeit mit Zuwanderern hat sich für uns als Gemeinde aus diesen Rahmenbedingungen ergeben. Und wir haben daraus einen Gewinn gemacht“, sagt Pastor Norbert Dudek, dessen Vorfahren einst aus Polen zuwanderten.

Schon als der Industrielle August Thyssen 1894 half, die Marienkirche zu bauen, war Styrum eine durch Zuwanderung von Arbeitskräften aus aller Herren Länder geprägte Bürgermeisterei. Heute, so schätzt Gemeindemitglied Hans Hanisch, seien je ein Drittel der Einwohner katholisch und evangelisch oder muslimisch. „Für uns ist es wichtig, Weltkirche zu pflegen, wo man lebt und so selbst seinen Horizont zu erweitern und zu erfahren, wie man Glauben gemeinsam leben und feiern kann,“ unterstreicht Pastor Dudek.

Dass das in St. Mariae Rosenkranz keine leeren Worte sind, konnte man in der vergangenen Woche erleben, als sich bei den Albertustagen Vertreter der in Styrum beheimateten polnischen, kamerunischen und kroatischen Gemeinde vorstellten.

Schon der Veranstaltungsort, das Gemeindehaus der Filialkirche Albertus Magnus, die seit zwölf Jahren die geistliche Heimat der kroatischen Gemeinde ist, und das Veranstaltungsmotto: „Unsere Kirche ist irgendwie anders“ sprachen für sich.

„Mir ist noch einmal klar geworden, dass die Vielseitigkeit und Buntheit unserer Gemeinde eine erfrischende Stärke ist“, beschreibt der ehemalige Gemeinderatsvorsitzende Hanisch den wichtigsten Impuls, den er aus den Gesprächsrunden mit den katholischen Glaubensgeschwistern, die aus Polen, Kamerun und Kroatien kamen und jetzt im Ruhrgebiet zu Hause sind, mitgenommen hat. Für Gemeinderätin Marie-Luise Tebbe, die selbst mehrere Jahre als Lehrerin in Zimbabwe gearbeitet hat, war es vor allem interessant, „etwas über die historischen Hintergründe zu erfahren, die dazu geführt haben, dass die Menschen, die heute bei uns leben, zu uns gekommen sind.

Was den so unterschiedlichen Zuwanderern, wie der zur 5000 Mitglieder zählenden polnischen Gemeinde Essen/Mülheim gehörenden Theologin und Psychologin Eva Morawa, dem Ingenieur Mathias Tambe und der Sozialpädagogin Patience Atanga von der etwa 100-köpfigen kamerunischen Gemeinde oder dem kroatischen Pastoralreferenten Josef Vukadin und dem seinem Landsmann, dem inzwischen pensionierten Industriefacharbeiter Bozo Louric gemeinsam ist, war die politische oder wirtschaftliche Perspektivlosigkeit in ihren jeweiligen Heimatländern, die sie meist schon vor Jahrzehnten dazu veranlasste, ihr Glück im Ruhrgebiet zu suchen und meistens auch zu finden.

Denn in den Gesprächen der Styrumer Albertustage wird eines immer wieder deutlich, auch wenn die polnisch,- kroatisch- oder kamerunstämmigen Katholiken in ihren Gemeinden eine geistliche Heimat gefunden haben, fühlen sie sich auch in der deutschen Gemeinde zu Hause, fördert die eigene Gemeinde in der Gemeinde eher die Integration, als dass sie diese behindern würde. Da werden zwar nicht immer, aber doch regelmäßig gemeinsame zweisprachige Gottesdienste, Prozessionen oder Feste gefeiert. Da erleben die deutschen Katholiken in den internationalen Gemeinden eine zum Teil sehr viel emotionalere, lebhaftere und intensivere Glaubenspraxis. Auch über die Möglichkeit gemeinsamer Wallfahrten wurde übrigens bei den Albertustagen in Styrum nachgedacht. Während die polnische Gemeinde, die ihren Schwerpunkt in Essen hat und die kamerunische Gemeinde in Mülheim vor allem durch informelle Netzwerke getragen werden, scheint die aus rund 1500 Katholiken bestehende kroatische Gemeinde mit ihrer Kirche und einem Gemeindehaus in Styrum stärker institutionalisiert. Da gibt es nicht nur Gottesdienste und Gebetskreise, sondern auch Bildungsveranstaltungen, einen eigenen Fußballverein und einen kurzen Draht zur Caritas.

In den Vorträgen von Morawa und Vukadin wird deutlich wie sehr der polnische und kroatische Katholizismus durch die Erfahrung der kommunistischen Repression vor 1989 geprägt worden ist und die katholische Kirche hier über Jahrzehnte nicht nur eine religiöse, sondern auch eine politische, soziale und kulturelle Gemeinschaft darstellte.

Diese Prägung wirkt auch nach dem Ende der kommunistischen Herrschaft. Der Besuch des Sonntagsgottesdienstes und die regelmäßige Beichte sind für die Mitglieder der polnischen Gemeinde genauso selbstverständlich, wie der Zölibat und das den Männern vorbehaltene Priesteramt für die Kroaten. Und für die Kameruner versteht es sich von selbst, auch Gesang und Bewegung zum Gottesdienst gehören, der durchaus auch schon mal länger als 45 oder 60 Minuten gefeiert werden darf. Auch Applaus an der einen oder anderen Stelle ist nicht verboten.

Insgesamt fällt auf, dass die Autorität des Priesteramtes in den internationalen Gemeinden weniger in Frage gestellt wird als in der deutschen Kirche, wo man über akuten Priestermangel klagt und auch in Styrum darüber nachgedacht wird, ob nicht auch Priester aus den internationalen Gemeinden, in der Seelsorge für die deutsche Gemeinde eingesetzt werden könnten. Bemerkenswert auch, dass Kroaten und Kameruner Zeiten erlebt haben oder (in Kamerun) auch noch erleben, in denen Priester nicht aus Steuermitteln, sondern allein von den Spenden der Gemeindemitglieder bezahlt werden und mit einem entsprechen kärglichen Einkommen auskommen müssen. Tambe und Atanga erzählten, dass ein katholischer Priester in Kamerun im Monat mit 70 Euro auskommen müsse, während ein Arzt vielleicht 300 Euro verdienen könne. „Glauben leben hat mit Gemeinschaft zu tun“, sagt Patience Agant von der Kamerunischen Gemeinde trifft damit den Kern der Botschaft, die von den internationalen Gemeinde-Gesprächen dieser Albertustage in Styrum ausgeht: Der Glauben kann auch Menschen unterschiedlicher nationaler und kultureller Herkunft zu einer Gemeinschaft verbinden.

Dieser Text erschien am 24. November 2012 in der katholischen Wochenzeitung RUHRWORT

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