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Was wir heute noch vom jüdischen Rabbiner Otto Kaiser (1880-1925) lernen können: Ein Gespräch mit dem evangelischen Theologen und Buchautor Gerhard Bennertz

Am 9. November jährte sich die Reichspogromnacht, in der auch die Mülheimer Synagoge niedergebrannt wurde, zum 74. Mal. Auch auf dem Viktoriaplatz, der heute Synagogenplatz heißt, gedachte man dieser dunklen Stunde der Stadtgeschichte. Einen ganz anderen und sehr versöhnlich stimmenden Blick auf jüdisches Leben in Mülheim wirft jetzt der evangelische Theologe Gerhard Bennertz, der sich seit dreieinhalb Jahrzehnten mit der jüdischen Geschichte unserer Stadt beschäftigt, in seiner jüngsten Veröffentlichung über den Rabbiner Otto Kaiser (siehe Kasten), die als Zeitschrift des Geschichtsvereins erschienen ist.


Für die NRZ sprach ich mit Gerhard Bennertz darüber, was uns Otto Kaiser heute noch zu sagen hat.

Wie kamen Sie auf die Idee, etwas über Otto Kaiser zu schreiben?

Es ist mir wichtig, das Leben der Jüdischen Gemeinde auch einmal ohne den Holocaust und sozusagen in ganz normalen Friedenszeiten zu beleuchten, um zu zeigen, dass der Holocaust nur ein Teil des Jüdischen Lebens in Mülheim war. Denn ich habe schon in meiner Zeit als Lehrer am Berufskolleg Stadtmitte festgestellt, dass die Schüler immer wieder mit dem Thema Nationalsozialismus gefüttert werden und sich bei ihnen der Eindruck festsetzt, jüdisches Leben habe nur während des Nationalsozialismus stattgefunden.

Warum lohnt die Lektüre seiner Reden und seiner Biografie?

Bei der Transkription seiner handschriftlich verfassten Reden ist mir deutlich geworden, dass sie uns in einmaliger Weise, wie durch ein Fenster in den Alltag der Jüdischen Gemeinde blicken lassen. Er spricht in einer sehr guten und anschaulichen Diktion über Mülheim, über Leid, Glück und Jüdisches Denken, über Preußen und die deutschen Kaiser oder über den Frieden. Er hat sich für die Errichtung eines Kaiser-Friedrich-Denkmals eingesetzt. Er spricht aber auch über einen jüdischen Schüler, der ertrunken war und an dessen Tod die ganze Stadt Anteil nahm oder über den Antisemitismus, den auch er spürte, obwohl er davon ausging, dass sich das Thema schon bald erledigt haben werde, sobald Nichtjuden jüdische Mitbürger und ihr Leben kennenlernen würden.

Wie sind Sie auf Otto Kaiser gestoßen?

Seit Mitte der 70er Jahre habe ich bei meinen Nachforschungen über jüdisches Leben in unserer Stadt immer wieder ehemalige jüdische Mitbürger getroffen, die mich auf Otto Kaiser aufmerksam gemacht haben, weil sie bei ihm in die Schule gegangen und von seinem lebendigen Unterricht begeistert waren. Dazu gehören Siegfried Brender, Paul Kissmann, aber auch Werner Marx, der als Philosophieprofessor in Freiburg die Nachfolge von Martin Heideggers angetreten hatte. Später habe ich dann auch Otto Kaisers Tochter Hannah Mandelbaum in Jerusalem besucht, die mir von ihrem Vater erzählte und aus einem Schuhkarton seine Redemanuskripte hervorholte.

Was können wir heute aus dem Leben und den Reden Otto Kaisers lernen?

Seine Reden zeigen, wie gut die damals rund 700 Mitglieder zählende jüdischen Gemeindemitglieder in Mülheim integriert waren. Man kannte und akzeptierte sich. Man ging ganz selbstverständlich miteinander um. Viele jüdische Bürger waren etwa als Geschäftsleute, Einzelhändler, Bankiers oder Ärzte hoch geschätzt. Jüdische Kinder luden damals ihre christlichen Freunde in die Synagoge ein und umgekehrt luden christliche Kinder jüdische Freunde in den Gottesdienst ein. Auch die Erwachsenen besuchten sich oder luden sich ein. Der liberale Reform-Rabbiner Kaiser hat schon zu seiner Zeit mit den Geistlichen der katholischen und evangelischen Innenstadtgemeinden einen intensiven interreligiösen Dialog über die Bibel geführt. Sein Beispiel kann uns auch heute Mut machen, diesen interreligiösen und interkulturellen Dialog zu führen.

Dennoch gibt es auch heute bei uns Rechtsextremismus und Antisemitismus, wie jüngst eine Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung zeigte,

Es gibt sicher viele Gründe, die man verstehen, aber nicht billigen kann, aus denen Menschen rechtsextrem werden. Was Jahrhunderte lang auch durch die christlichen Kirchen über Juden verbreitet worden ist und sich bei den Menschen festgesetzt hat, ist nicht so einfach aus den Köpfen herauszubekommen. Denn das Umdenken ist immer schwieriger als das Festhalten an traditionellen Vorurteilen. Wenn man auch in diesem Buch nachlesen kann, wie jüdisches Leben wirklich aussieht und funktioniert, kann man sicher Vorurteile über Bord werfen und zu einem neuen Denken über das Judentum kommen.

Die Zeitschrift des Geschichtsvereins über Otto Kaiser ist für 5 Euro im Stadtarchiv, im Tersteegenhaus oder im Buchhandel erhältlich.

Wer war Otto Kaiser?

  Otto Kaiser (1880-1925) war Lehrer und Rabbiner. Er wuchs mit 7 Geschwistern in einer jüdischen Kaufmannsfamilie auf, die ihre Wurzeln in Mülheim hatte, aber auch in anderen Städten des Ruhrgebietes lebte und arbeitete. Nach einer ersten Anstellung als Lehrer und Kantor in Werl, unterrichtete er ab 1904 an der Dickswallschule, die er einst selbst als Schüler besucht hatte. Gleichzeitig leitete er als Rabbiner die Jüdische Gemeinde, die unter seiner Führung einen enormen Aufschwung erlebte und 1907 eine Synagoge am Viktoriaplatz errichten konnte. Während Otto Kaiser, der nach langer Krankheit im Gründungsjahr der Mülheimer NSDAP (1925) starb, den Holocaust nicht mehr erlebte, wurde seine Frau Eleonore Mond (1882-1944), wie rund 270 andere Mülheimer Juden von den Nazis ermordet. Die vier Kinder von Otto und Eleonore Kaiser überlebten den Holocaust.  

Dieser Text erschien am 11. Dezember 2012 in der NEUEN RUHR ZEITUNG

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