Mittwoch, 30. September 2009

Wie war das, als der Krieg begann? Zwei Zeutzeugen erinnern sich





Mit dem deutschen Überfall auf Polen, begann vor 70 Jahren am 1. September 1939 der Zweite Weltkrieg. Ich hatte die Gelegenheit, mich im Haus Auf dem Bruch, einem Altenheim der Mülheimer Sozialholding, mit zwei Zeitzeugen über ihre Erinnerungen an den Kriegsausbruch zu sprechen. Für Ilse Glowczewski und Heinz Oosterbroek ist der 1. September 1939 ein Teil ihrer Lebensgeschichte. Ihr Lebensweg, der sie ins Haus Auf dem Bruch geführt hat, war sehr unterschiedlich.


Ilse Glowczewski wurde als Ilse Trepzik 1931 in Danzig geboren, wo sie im Hause ihrer Großeltern aufwuchs. Auf dessen Dach beobachtete sie am 1. September 1939 das Geschützfeuer der Schleswig Holstein und die Luftangriffe, mit denen die deutsche Wehrmacht an der Danziger Westerplatte den Krieg begann. Von den fingierten Überfällen auf deutsche Grenzstationen und den Sender Gleiwitz, die Hitler als Vorwand für den Kriegsbeginn dienten, ahnte sie als Neunjährige nichts. Über Politik wurde im Hause ihrer Großeltern nicht gesprochen. "Das gibt Krieg", sagten ihr die Großeltern, als sie mit ihrer Enkelin das Artilleriefeuer und die Bombardements der deutschen Luftwaffe aus der Ferne beobachteten. "Wir hatten Angst", sagt Glowczewski lakonisch. Was der Krieg bringen würde, das konnte sie sich damals noch nicht vorstellen. Trotz Krieg blieb ihr Alltag in Danzig, das vor dem deutschen Überfall auf Polen seit dem Versailler Friedensvertrag von 1919 unter dem Mandat des Völkerbundes stand, vergleichsweise friedlich. In der Schule sagte man nicht "Guten Morgen", sondern "Heil Hitler", sprach aber nicht über den aktuellen Kriegsverlauf. Nur die Lebensmittelkarten erinnerten die Menschen daran, dass Krieg war, ehe dieser 1944 durch Luftangriffe nach Danzig zurückkehrte. "Und dann kam der Russe. Und wir mussten raus", sagt Glowczewski ohne großes Wehklagen, aber doch mit hörbarer Verbitterung. "Wir sind als Deutsche geboren und wollen auch als Deutsche sterben", sagten ihr die Großeltern, ehe sie ihr Haus in Danzig verließen, den Schlüssel in den Gulli warfen und mit Ilse und ihrer Schwester Brigitte über Mecklenburg ins Ruhrgebiet flohen. Erst als sie Danzig verließ, so sagt Glowczewski, wurde ihre die verbrecherische Dimension des von Hitler entfesselten Krieges bewusst. Da bekam sie ein schlechtes Gewissen, dass sie "diesem blöden Affen, der uns alle ins Unglück geführt hat", die Hand gegeben hatte, als Hitler noch vor Kriegsbeginn Danzig besucht hatte und alle "Heil" schrien.


Heinz Oosterboek hat Hitler nicht die Hand gegeben, dafür aber sein Vater. Der Bergmann wurde vor dem Krieg beim militärischen Ausbau des Flughafens eingesetzt und gab Hitler die Hand, als dieser den Flughafen besichtigte, der zum Fliegerhorst werden sollte. "Wäscht du dir jetzt den ganzen Tag die Hand nicht mehr", hatte der Sohn damals seinen Vater gefragt. Den 1. September 1939 erlebte Oosterbroek, der fast sein ganzes Leben in Dümpten verbracht hat, vor dem Volksempfänger seiner Eltern. Als er Hitlers hysterische Stimme: "Seit 5.45 Uhr wird jetzt zurückgeschossen", wusste der damals Zwölfjährige: "Jetzt ist Krieg." Was das bedeutete, sollte Oosterbroek schon bald am eigenen Leib erfahren. Die Lebensmittelkarten waren auch in Dümpten dessen erste Booten. Und später kamen die Bomben. Ab 1942 musste Oosterbroek mit seinen Eltern regelmäßig in den Bunker, der sich unweit des Altenheimes befand, in dem er heute seinen Lebensabend verbringt. "Man durfte nicht alles sagen, was man dachte", beschreibt er das geistige Klima in der damaligen Diktatur. Sein Onkel, der sich abfällig über die Nazis geäußert hatte, als er zur Wehrmacht eingezogen werden sollte, wurde verhaftet, vor ein Kriegsgericht gestellt und hingerichtet. Oosterbroek und sein Vater waren gewarnt, als sie selbst zu den Soldaten mussten. Oosterbroek selbst musste noch kurz vor Weihnachten 1944 einrücken, um gegen die vorrückenden US-Truppen zu kämpfen. Als er in amerikanische Kriegsgefangenschaft geriet, wusste er, dass die Goebbels-Reden vom "totalen Krieg", der zum "Endsieg" führen werde, nichts mit der Wirklichkeit an der Front zu hatten, die inzwischen längst zur Heimatfront geworden war. Erst da begann er zu begreifen, "dass der Krieg verbrecherisch und verloren war." Bis dahin hatte er Hitler noch immer als den Mann gesehen, der in der großen Wirtschaftskrise die Autobahn gebaut und die Leute von der Straße geholt hatte Seine Dümptener Heimat sollte Oosterbroek erst im Juli 1946 wiedersehen. Kaum aus der amerikanischen Kriegsgefangenschaft entlassen, wurde er von der britischen Militärregierung in Mülheim, wenn auch nur kurzfristig, interniert, "weil ich keine Papiere hatte." Nach dem Krieg begann für ihn der harte Wiederaufbau, den er zunächst als Bergmann auf der Zeche Kronprinz und später als Arbeiter bei den heutigen Mannesmann Röhrenwerken erlebte.


Der Krieg hatte auch in Mülheim seine Spuren hinter lassen: 800 000 Kubikmeter Trümmersschutt lagen auf den Straßen der Stadt. Fast ein Drittel aller Wohnhäuser war zerstört. Rund 4600 Mülheimer waren im Krieg als Soldaten oder als Zivilisten ums Leben gekommen. Rund 3100 galten als vermisst. Ab Sommer 1940 wurde Mülheim immer wieder von Luftangriffen getroffen. Im Juni 1943 erlebte die Stadt ihren schrecklichsten Luftangriff, der ihr Anlitz für immer verändern sollte. Doch über die Opfer des Krieges oder das jeweils aktuelle Frontgeschehen wurde in der von den Nazis gleichgeschalteten Lokalpresse nicht berichtet. Schon die Titelschlagzeile der Mülheimer Zeitung vom 1. September 1939 sprach für sich: "Deutschland macht Friedensvorschlag, aber Polen will nicht." Schon vor dem 1. September 1939 hatte das Blatt die Mülheimer ganz im Sinne der braunen Machthaber durch Berichte über polnische Übegriffe auf Deutsche auf den Krieg eingestimmt. "Wer in Polen Deutsch spricht, wird niedergeschlagen", hieß es zum Beispiel am 23. August 1939 in der Mülheimer Zeitung. Allein im Jahr 1939 musste die Stadt 595 000 Reichsmark für die finanzielle Unterstützung von Soldatenfrauen zahlen, deren Männer ihre Arbeitsplätze in Richtung Front verlassen mussten. Und im November 1939 wurde sie aufgefordert, einen finanziellen Kriegsbeitrag in Höhe von 256 000 Reichsmark zu leisten

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