Samstag, 26. September 2009

Ein Stück gelebte Demokratie: Warum Ernst Henrich auch mit 80 Jahren noch als Wahlhelfer aktiv ist und keine Wahl verpasst


Wählen gehen oder nicht? Das ist für Ernst Henrich keine Frage. Er wird am morgigen Wahlsonntag in der Gustav-Heinemann-Schule nicht nur seine eigene Stimme abgeben, sondern auch die Stimmen der Mitbürger seines Wahlbezirks als Wahlvorsteher mit auszählen. Auch mit 80 Jahren lässt sich der ehemalige Polizeidirektor keine Wahl entgehen. Seit 1976 hat er jede Wahl in Mülheim als Wahlhelfer begleitet.

Ernst Henrich liebt die Natur. Das merkt der Besucher sofort, wenn der 80-Jährige ihm seinen wunderschönen Garten zeigt. In dieser grünen Oase, die man unweit der Aktienstraße gar nicht vermutet, genießen Henrich und seine Frau Renate so manchen schönen Sonnentag. Doch am am morgigen Sonntag kann das Wetter so schön werden wie es will. Dann wird Henrich seinen idyllischen Garten mit einem eher nüchternen Wahllokal in der Gustav-Heinemann-Schule an der Boverstraße eintauschen.

Denn Henrich wird dort bei der Kommunalwahl und später bei der Bundestagswahl nicht nur seine eigene Stimme abgeben, sondern auch die Stimmen seiner wahlberechtigten Nachbarn auszählen. Henrich ist Wahlhelfer und das schon seit mehr als 30 Jahren. Seit 1976 hat der 1989 pensionierte Polizeidirektor jede Wahl als Wahlhelfer begleitet. Weil er in Sachen Stimmenauszählung inzwischen ein alter Hase ist, ist er beim Wahlamt schon seit Jahrzehten immer wieder als Wahlvorsteher fest eingeplant.

Obwohl Henrich für sein Wahlvorsteheramt eine Entschädigung von 55 Euro pro Wahlsonntag erhält, sagt er: „Ich mache es gerne und würde es auch tun, wenn es dafür kein Geld gäbe." Und warum engagiert er sich auch mit 80 und „so lange man mich noch haben will" als Wahlhelfer. „Das sehe ich als meine Verpflichtung gegenüber unserem Gemeinwesen an", sagt Henrich und fügt hinzu: „Wenn das keiner macht, kann auch unsere Demokratie nicht funktionieren."
Sein Engagement als Wahlhelfer sieht Henrich aber nicht als idealistisch oder heldenhaft, sondern als selbstverständlich und unspektakulär an. Erinnert er sich an Anekdoten am Rande des Wahlaktes? Henrich muss nachdenken. Doch dann fällt ihm die betagte Dame ein, die sich von ihm im Wahllokal ihren Wahlzettel ausfüllen ließ: „Ich habe ihr alle Parteien auf dem Wahlzettel vorgelesen. Und bei einer bestimmten Partei hat sie dann genickt und da habe ich dann für sie das Kreuz gemacht." Ein anderes Mal musste der Wahlvorsteher auch einen Ehemann zurechtweisen, der seine Gattin bis in die Wahlkabine folgte und ihr vorschreiben wollte, wo sie ihr Kreuz zu machen habe. Einmal ist Henrich auch einer Wählerin buchstäblich hinterhergelaufen. „Auf den ersten Blick stand sie nicht im Wahlregister, so dass ich sie nicht wählen lassen konnte und nach Hause schicken musste. Doch später fanden wir ihren Namen in einem handschriftlichen Nachtrag zum Wahlregister. Und weil wir sie telefonisch nicht erreichen konnten, bin ich zu ihr nach Hause gegangen, um mich bei ihr zu entschuldigen und sie zu einem erneuten Gang ins Wahllokal zu bitten, so dass sie dann doch noch von ihrem Wahlrecht Gebrauch machen konnte," erzählt der Nestor der Mülheimer Wahlhelfer.

Sein eigenes Wahlrecht würde Henrich, der sich viele Jahre in der SPD und später bei den Grünen engagiert hat, nie ungenutzt lassen, obwohl er die politische und gesellschaftliche Realität durchaus kritisch und skeptisch betrachtet. Mit Sorge betrachtet er einen Trend zum Unpolitischen und zur Zerstreuung. Denn unsere Demokratie, davon ist Henrich überzeugt, kann nur dann funktionieren, wenn die Staatsbürger sich auch jenseits von Bild , Tagesschau und Talkshows eingehend mit Politik auseinandersetzen, um auf dieser Basis ihr Wahlrecht fundiert nutzen zu können.

Und obwohl auch er den Eindruck hat, dass die Politiker von heute weniger Profil haben als früher, empfindet er die ständige Politiker-Schelte doch „als nicht ganz fair, denn die Politiker kommen doch aus der Mitte unserer Gesellschaft." Haben wir am Ende die Politiker, die wir verdienen? „Wir haben die Politiker, die uns gemäß sind", glaubt Henrich.
In ihren Wahlversprechungen spiegeln sich für Henrich auch die Erwartungen von Bürgern, die bestimmte Dinge hören wollen und manchmal auch nicht urteilswillig und urteilsfähig genug sind, um Wunsch und Wirklichkeit realistisch genug voneinander trennen zu können. Da hilft uns am Ende doch nur Immanuel Kants Aufklärungscredo: „Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen."

Als Wähler hat sich Wahlhelfer Henrich längst von der Illusion verabschiedet, dass man nur die Partei oder den Politiker wählen könne, mit dem man 100-prozentig übereinstimmt. „51 oder 52 Prozent Übereinstimmung sind auch schon eine ganze Menge", findet er. Und obwohl Henrich den Nichtwählern, die sich nach der Wahl über eine geringe Wahlbeteiligung und fehlende demokratische Legitimation der der Gewählten beklagen, entgegenhält: „Ihr hättet ja auch hingehen und mit entscheiden können", wäre er doch gegen eine Wahlpflicht wie in Belgien.
„Die Entscheidung, zur Wahl zu gehen, muss dem freien Willen der Bürger überlassen bleiben", glaubt Henrich.

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