Montag, 6. Juni 2016

1271 Menschen suchten 2015 die Schulden- und Insolvenzberatung der Arbeiterwohlfahrt

Lothar Fink (linsks) und
Carsten Welp vor der
neuen Beratungsstelle
1271 Männer und Frauen suchten im vergangenen Jahr Hilfe bei der Awo-Schulden- und Insolvenzberatung. 812 von ihnen suchten zum ersten Mal die Hilfe der Arbeiterwohlfahrt und ihrer insgesamt vier Schuldenberater. Durch deren Beratung konnten am Ende des Jahres in 2442 Beratungsgesprächen Schulden in einer Gesamthöhe von 4,8 Millionen Euro reguliert werden, sei es durch einen Vergleich mit den Gläubigern oder durch eine private Insolvenz.
"Damit sind unsere Fallzahlen leicht zurückgegangen, bewegen sich aber, wie schon in den vergangenen Jahren zwischen 1200 und 1300 Klienten pro Jahr", erklärte der Leiter der Beratungsstelle, Carsten Welp, jetzt bei der Vorstellung des Arbeitsberichtes. Im Jahr zuvor hatten noch 1362 Männer und Frauen in 2621 Beratungsgesprächen die Hilfe der Awo-Schulden- und Insolvenzberatung gesucht. Dass die Beratungszahlen seines Verbandes leicht rückläufig sind, führt Awo-Geschäftsführer Lothar Fink vor allem darauf zurück, dass die Arbeitsmarktlage aktuell vergleichsweise gut sei.

Neue Beratungsstelle

Für das laufende Jahr gehen Welp und seine drei Kolleginnen, die jetzt nicht mehr im Awo-Haus an der Bahnstraße 18, sondern in einem MWB-Haus an der Friedrich-Ebert-Straße 4 zu finden sind, von ähnlichen Beratungszahlen aus. Als Hauptursache für Verschuldung und private Insolvenz erleben die Awo-Berater den Verlust des Arbeitsplatzes. Aber auch Glücksspiel,- Alkohol- oder Drogensucht oder Scheidung, Trennung und psychische Erkrankungen lassen Menschen jeden Alters und jeder Herkunft in die Schuldenfalle geraten. Immer öfter haben es Carsten Welp und seine Kolleginnen, die ihren von Land, Stadt und Sparkasse mit jährlich insgesamt 290.000 Euro finanzierten Rat kostenfrei an ihre Klienten weitergeben, mit Selbstständigen zu tun, denen die Insolvenz droht, weil ihre Kunden ihre Rechnungen nicht bezahlen. In zehn Prozent aller Fälle sind es junge Leute unter 25, die in die Schuldenberatung der Awo kommen, weil sie die Kosten ihrer ersten eigenen Wohnung oder ihres Handyvertrages unterschätzt haben.

Früher kommen

"Wir würden uns freuen, wenn die Klienten schon zu uns kommen, wenn sich eine Schuldenproblematik anbahnt und nicht erst dann, wenn der Strom abgestellt ist und die Zwangsräumung der Wohnung kurz bevorsteht", betont Welp. Vor allem bei den Männern, so hört man, sei die Hemmung besonders groß, die Schulden- und Insolvenzberatung der Awo aufzusuchen und damit die eigene Notsituation zu offenbaren.
Die für Ratsuchende kostenfreie Schulden- und Insolvenzberatungsstelle der Awo (Friedrich-Ebert-Straße 4/2. Etage) ist unter der Rufnummer 0208/439631310 erreichbar. Sie bietet dienstags (9-12 Uhr) und donnerstags (14-18 Uhr) eine offene Beratung an. Ratsuchende, die auf einen Aufzug angewiesen sind, sollten sich vorab telefonisch anmelden. Sie haben dann die Möglichkeit, mit dem Aufzug der MWB-Geschäftsstelle an der Friedrich-Ebert-Straße 2 die Schulden- und Insolvenzberatung der Arbeiterwohlfahrt im Nachbarhaus zu erreichen. Die Räume ihrer ehemaligen Schuldenberatungsstelle an der Bahnstraße 18 nutzt due Awo jetzt übrigens für ihre Flüchtlings- und Migranten-Beratung.

Dieser Text erschien am 4. Juni 2016 in der Mülheimer Woche

Sonntag, 5. Juni 2016

Die Fatih-Moschee an der Sandstraße konnte nach 13 Jahren vollendet werden

Die stellvertretende Geminede-
Vorsitzende Nasibe Arikan und
Gemeindesekretär Bilal Abdullah
vor der Fatih-Moschee an der
Sandstraße.
Ganz ohne Kirchensteuern, dafür aber mit Geld und Sachspenden, hat die Fatih-Moschee-Gemeinde an der Sandstraße in den vergangenen 13. Jahren ihr Gotteshaus vollendet. Für die Planung des Gotteshauses konnte die Gemeinde den Architekten Oylar Saguner. Die Baukosten schätzen die stellvertretende Gemeindevorsitzende Nasibe Arikan und Gemeindesekretär Bilal Abdullah auf rund eine Million Euro. Das völlig neu umgebaute Gotteshaus war einst eine Gerberei.


"Wir haben viel gearbeitet. Jetzt dürfen wir feiern", freut sich Abdulah auf den 5. Juni, wenn an der Sandstraße 126 ab 11 Uhr gefeiert wird. Um 12 Uhr beginnt ein buntes Programm. Zu den Ehrengästen gehören unter anderem Oberbürgermeister Ulrich Scholten und NRW-Justizminister Thomas Kutschaty. "Der 5. Juni, ein Sonntag, ist für uns diesmal gleich in zweifacher Hinsicht ein Grund zum Feiern. Denn am Abend des Tages beginnt der islamische Fastenmonat Ramadan", berichtet Arikan.

Der Fatih-Moschee-Gemeinde gehören aktuell 450 Familien mit insgesamt rund 1500 Personen an. Die meisten Gemeindemitglieder haben türkische Wurzeln. In der Fatih-Moschee beten aber auch deutschstämmige Muslime und Muslime, die vom Balkan nach Mülheim gekommen sind. "Unsere Moschee ist eine Zentralmoschee. Das heißt, wir haben oft auch Gäste aus den Nachbarstädten. Hinzu kommt, dass sich unter der Moschee Räume befinden, in denen Verstorbene gewaschen und aufgebahrt werden, ehe man sie zu einem der Mülheimer Friedhöfe oder zurück in ihr Heimatland bringt", berichtet der Gemeindesekretär.

24 Meter hohes Minarett

Die Fatih-Moschee, die durch ihr 24 Meter hohes Minarett und ihre 18 Meter hohe große Kuppel bereits vom weitem zu sehen ist, hat nicht nur einen Gottedienst- und Gebetsraum, in dem Frauen und Männer jeweils ihren eigenen, voneinander getrennten Bereich haben. Wer die Moschee unter einem Banner mit der deutschen und türkischen Aufschrift "Willkommen" betritt, tritt in eine große Teestube ein. Hier werden auch Besucher mit einem Glas Tee herzlich willkommen geheißen.

Teestube und Jugendraum

An die Teestube schließt ein großzügiger Jugendraum an, in dem Kinder und Jugendliche zum Beispiel Tischtennis oder Kicker spielen oder in einer Fernsehecke gemeinsam Fußballspiele anschauen. "Die Moschee ist für uns nicht nur ein Ort des Gebetes, sondern auch ein sozialer Treffpunkt. Hier ist eigentlich immer was los. Und wir sind eine sehr junge Gemeinde", betont die stellvertretende Vorsitzende.

Der mit Teppichen ausgelegte und mit arabischen Schriftzeichen kunstvoll gestaltete Gottesdienst- und Gebetsraum der Moschee erstreckt sich über zwei Etagen. Im Obergeschoss beten die Frauen, im Untergeschoss die Männer. Auf beiden Etagen findet man auch Wasch- und Sozialräume, die von den Männern und Frauen der Gemeinde für ihre Treffen und Aktionen sowie für ihre rituelle Waschungen genutzt werden.

Was für Christen der Sonntag, ist für gläubige Muslime der Freitag. Doch nicht nur an diesem Tag kommen Gemeindemitglieder in die Moschee, um ihre fünf Tagesgebete zu verrichten. Auch ein Kindergartenraum, in dem zwei Erzieherinnen drei- bis sechsjährige Kinder betreuen, gehört zur Moschee. Dort sind interessierte Gäste nicht nur am 5. Juni, sondern unter anderem auch während des gesamten Ramadans willkommen. Denn dann lädt die Gemeinde zum Fastenbrechen ein.

Während des Ramadans dürfen gläubige Muslime tagsüber weder essen noch trinken. Erst, wenn in diesem Monat (der in diesem Jahr am 5. Juli endet) gegen 21.30 Uhr die Sonne untergeht, dürfen sie ein Festmahl halten. Nur kranke und schwer arbeitende Muslime sind vom Fastengebot befreit.

Dieser Text erschien im Mai 2016 in der Mülheimer Woche und im Mülheimer Lokalkompass

Samstag, 4. Juni 2016

Mitläufer oder weißer Rabe? Vor 80 Jahren trat Edwin Hasenjaeger sein Amt als Oberbürgermeister an: Sein Beispiel zeigt, wohin politischer Extremismus führen kann und wie er Menschen in ein moralisches Dilemma stürzen kann

Edwin Hasenjaeger
Foto: Stadtarchiv Mülheim
In welche Katastrophe politischer Extremismus führen kann, wie er Menschen in ein unauflösliches moralisches Dilemma stürzen kann, dafür ist Edwin Hasenjaeger ein Beispiel.

Der aus Pommern stammende Jurist trat vor 80 Jahren sein Amt als Oberbürgermeister an. Der damals 48-Jährige wurde am 2. Juni 1936 nicht in sein Amt gewählt, sondern mit Zustimmung des preußischen Innenministeriums und des Regierungspräsidenten ernannt. Als Hasenjaeger Oberbürgermeister wurde und seinen der NSDAP angehörenden Vorgänger Wilhelm Maerz ablöste, war Mülheim hoch verschuldet.
Deshalb hatten die Industriellen Fritz Thyssen und Emil Kirdorf, die zu Hitlers frühen Förderern gehörten, mit Zustimmung der NS-Gauleitung dafür gesorgt, dass Mülheim mit Hasenjaeger einen ausgewiesenen Verwaltungs- und Finanzfachmann als Verwaltungschef bekam, um im Rathaus aufzuräumen.


Konservativer Monarchist


Hasenjaeger, der bis 1933 der Deutschnationalen Volkspartei angehörte, verstand sich selbst als konservativen Monarchisten. Bevor er nach Mülheim kam, hatte er bereits als Oberbürgermeister in Stolp und Rheydt kommunalpolitische Erfahrung gesammelt. Seine Ernennung zum Mülheimer Oberbürgermeister kam einer politischen Rehabilitation gleich. Denn im April 1933 war er als Oberbürgermeister in Rheydt zwangspensioniert worden, nachdem er die SA daran gehindert hatte, jüdische Geschäfte zu besetzen und zu zerstören.

Doch Hasenjaeger, der die Kommunalfinanzen mit preußischer Sparsamkeit rasch in Ordnung brachte und während des Krieges, durch seine guten Verbindungen und sein Organisationstalent für eine vergleichsweise gute Versorgungslage in Mülheim sorgte, war kein Widerstandskämpfer.

Als er 1937 von der NSDAP zum Parteieintritt gedrängt wurde, gab er dem Drängen nach, um sein Amt behalten zu können. Er selbst rechtfertigte seinen Schritt später so: „Doch ließe sich sehr wohl fragen, ob nicht diejenigen die Märtyrer waren, die gezwungen waren, mit der NSDAP zusammenzuarbeiten, um von unserem Rechts- und Kulturstaat wenigstens einige Überreste zu retten.“

Die Tatsache, dass Hasenjaeger als Oberbürgermeister die auch in Mülheim begangenen Verbrechen der Nazis nicht verhindern konnte, entlarvt seine Selbstrechtfertigung als Selbstbetrug.
Doch es spricht auch für sich, dass Hasenjaeger Werke des von den Nazis mit Berufsverbot belegten Künstlers Otto Pankok für das städtische Kunstmuseum ankaufte, obwohl Pankok den Nazis als „entarteter“ Künstler  galt. Auch der vom Regime bedrängte Schriftsteller Herbert Burgmüller fand durch Hasenjaeger eine Anstellung in der Stadtbücherei, die ihm das Überleben sicherte.
Otto Pankok war es, der sich zusammen mit dem sozialdemokratischen Beigeordneten Ernst Tommes und dem katholischen Pfarrer Johannes Heinrichsbauer bei der britischen Militärregierung für Hasenjaegers Rehabilitierung einsetzte. Während des Entnazifizierungsverfahrens bezeichnete Pankok Hasenjaeger „als einen weißen Raben im braunen Beamtenapparat“, der auf keinen Fall „mit dem Gros der Halunken in einen Topf geworfen“ werden dürfe.

Obwohl Hasenjaeger nach Kriegsende zwischenzeitlich verhaftet und interniert wurde, hatten seine Fürsprecher Erfolg. Die für Mülheim zuständige britische Militärregierung stufte Hasenjaeger als „unbelastet“ ein und ernannte ihn im Oktober 1945 zum Oberbürgermeister. Als die Briten eine neue Kommunalverfassung mit einer Arbeitsteilung zwischen dem ehrenamtlichen Oberbürgermeister und dem hauptamtlichen Verwaltungschef einführte, war der OB Hasenjaeger auch als Oberstadtdirektor im Gespräch.

Seine Zeit war abgelaufen

Doch seine Ernennung stieß bei SPD und KPD auf massiven Widerstand. Sie sahen in Hasenjaeger nicht nur den Mann, der unter den Nazis Oberbürgermeister gewesen war. Sie lehnten auch seine konservative Grundhaltung und sein Eintreten für die Wiedereinführung von Konfessionsschulen als für nicht mehr zeitgemäß ab.
Hasenjaeger selbst erkannte, dass seine Zeit abgelaufen war und zog sich Ende April 1946 in den Ruhestand zurück. Der Pensionär arbeitete zwischenzeitlich noch als Wirtschaftsberater und starb am 5. Juni 1972 in seiner Wahlheimat Mülheim.


Mülheim unter dem Hakenkreuz


1933: Die NSDAP wird bei den Kommunalwahlen stärkste Kraft im Rat und stellt mit dem Eisenbahninspektor Wilhelm Maerz den Oberbürgermeister. Reichskanzler Adolf Hitler und Reichspräsident Paul von Hindenburg werden Ehrenbürger. Die NSDAP organisiert einen Boykott gegen jüdische Geschäfte und sorgt dafür, dass jüdische Unternehmen keine städtischen Aufträge mehr bekommen.

1938: In der Pogromnacht vom 9. auf den 10. November wird auch die Synagoge am Viktoriaplatz, dem heutigen Synagogenplatz, niedergebrannt. Jüdische Geschäfte und Wohnungen werden demoliert und jüdische Mitbürger misshandelt.

1941: Auch in Mülheim werden jüdische Mitbürger in Judenhäusern interniert und später mit Zügen in die Vernichtungslager gebracht, wo rund 270 jüdische Mülheimer ermordet wurde. 1933 hatte die Jüdische Gemeinde rund 600 Mitglieder.

1943: Allein beim größten von insgesamt 160 Luftangriffen auf Mülheim kommen am 23. Juni 500 Menschen ums Leben. Bis 1945 verlieren 1100 Mülheimer durch den Luftkrieg ihr Leben. 3500 Mülheimer kommen als Soldaten ums Leben.

1944/45: Der Offizier Günther Smend und die ehemaligen Ratsherrn  Otto Gaudig, Fritz Terres und Wilhelm Müller werden als Widerstandskämpfer ermordet.

Dieser Text erschien am 2. Juni 2016 in NRZ und WAZ

Freitag, 3. Juni 2016

So gesehen: Selbstversuch am Backofen

Willst du eine Pizza? Da sag ich nicht  Nein. Mein Pizzabäcker am Eck freut sich. Doch jetzt wollte ich es mal selbst versuchen, ganz ohne ihn, mir eine Pizza Margherita aufs Ofenblech zu zaubern. Der Küchenzauber mit Hefe, Salz, Mehl und Wasser ließ ganz gut an, einmal glatt gewalzt, Käse und Tomatensauce drauf und der Teig sah auch schon nach einer echten Pizza aus.

Doch irgendwie vertrugen sich mein Teig und mein auf 250 Grad begrenzter Ofen nicht. Nach zehn Minuten in der Backröhre konnte sich meine Pizza Margherita noch nicht recht entscheiden, ob sie nun verzehrfertig oder doch noch backbedürftig sein wollte. Meine Pizza sah interessant, aber nicht wirklich so aus, wie ich mir vorgestellt hatte. An manchen Stellen schon zu dunkel und zu hart, war sie an anderen Stellen noch ganz hell und weich.  Und die starke Salznote im Hefeteig ließ den Käse- und Tomatengeschmack vergessen.

Der Geschmack war außergewöhnlich, aber er war nicht wirklich mit Pizza zu vergleichen. Um es kurz zu machen, an diesem Abend gab es Butterbrot und die bittere Einsicht, dass die nächste Pizza wieder vom Profi an der Ecke kommt. Der muss schließlich auch von etwas leben. Am Ende, wenn sich alle am privaten Ofen als Bäcker profilierten, ging für ihn noch der Ofen aus, was nach meinem missratenen Versuch eine wahre Horrorvision wäre. Und vor lauter Schreck besorgte ich mir  zum Nachtisch noch ein Eis, damit es auch dem Eismann gut geht.

Dieser Text erschien am 30. Mai 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 2. Juni 2016

Grün, frei oder versiegelt und verbaut? Zahlen und Fakten rund um die Grünanteile der Mülheimer Stastfläche

Folgt man den Angaben der Stadtverwaltung, ergibt sich aktuell folgendes Bild: Grünanlagen und Parks machen mit 2329 Hektar rund 25 Prozent der Stadtfläche (9129 Hektar) aus.
5659 Hektar (62 Prozent) der Stadtfläche sind Freiflächen und 38 Prozent (4369 Hektar) sind durch Bebauung versiegelt.

Bei ihrer aktuellen  Satellitenbild -Auswertung bescheinigt die Berliner Morgenpost Mülheim einen Grünflächenanteil von 73 Prozent. Dieser Wert ist aber ungenau, da er auch private Grundstücke mit einbezieht, die aufgrund ihres Baumbewuchses von oben oft als eine durchgängige Grünfläche erscheinen, tatsächlich aber zum Teil bebaut sind.

Aktuell investiert die Stadt pro Jahr 2,466 Millionen Euro in die Pflege ihrer öffentlichen Grünflächen. Je nach Pflegeklasse kostet die öffentliche Grünpflege zwischen 83 Cent und 1,33 Euro pro Quadratmeter und Jahr.

Grünflächenpflege wird in Mülheim von privaten Dienstleistern im Auftrag des Amtes für Grünflächenmanagement, des städtischen Immobilienservice, des Landesbetriebes Straßen NRW und der Mülheimer Entsorgungsgesellschaft ausgeführt.

Dieser Text erschien am 24. Mai 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 1. Juni 2016

Grün- und Freiflächen sind lebensnotwendig Naturschützer fordern ein Grünflächenordnungskonzept, um den schleichenden Naturverlust langfristig zu verhindern

Elke Brandt vom Naturschutzbund
Nabu
Peter Keil vom Bund Umwelt und Naturschutz (Bund), Elke Brandt vom Naturschutzbund Nabu und Bernd Landfermann vom Förderverein des Raffelbergparks engagieren sich seit vielen Jahren dafür, dass Mülheim eine grüne Stadt bleibt.

Wenn man sich mit ihnen über die Natur im Mülheim 2025 unterhält, wird deutlich, dass sie einen Grünflächenverlust zu Gunsten neuer Wohnbebauung befürchten.

„Die Stadt frisst sich immer weiter ins Grüne“, klagt Elke Brandt und nennt beispielhaft Projekte an der Tilsiter und Kölner Straße. „Werden wir noch in einer grünen Stadt leben, wenn jeder ein Häuschen im Grünen haben will?“ fragte Bernd Landfermann. Für Peter Keil, der dem Mülheimer Landschaftsbeirat vorsitzt und die Biologische Station Westliches Ruhrgebiet leitet, steht fest: „Wir brauchen ein Grünordnungskonzept, das festlegt, welche Flächen bebaut werden dürfen und welche Freiflächen auf jeden Fall erhalten bleiben sollen!“

Mit Sorge sieht er den Verlust von Ackerflächen und naturbelassenen Grünflächen, weil damit auch die Artenvielfalt schwinde. Kiebitze, Klatschmohn und Kornblumen sieht er auf der Kippe. „Wenn die Freiflächen und die Artenvielfalt verloren gehen, hat das auch eine Auswirkung auf die Lebensqualität der Menschen“, unterstreicht der Botanik-Geograf Keil.
Angesichts des Klimawandels warnt er vor einer unerträglichen Aufheizung der Stadt. Natürliche Frei- und Grünflächen seien als Sauerstofflieferanten und Frischluftschneisen für das Leben in der Stadt absolut notwendig. Außerdem helfe der Blick ins Grüne „auch dabei, Stress abzubauen und damit die seelische Gesundheit zu erhalten.“

Brandt und Keil hoffen, das Mülheim 2027 im Rahmen der Internationalen Gartenausstellung ein Umweltbildungszentrum bekommen wird. Als Standort käme der Witthausbusch in Frage.
Und Landfermann würde sich darüber freuen, „wenn es bald in Mülheim eine öffentliche Grünpflege aus einer Hand geben würde.“

Ob Vogelzählung, Streuobstwiese oder Pflege von Grünflächen. Vor dem Hintergrund der Aktivitäten des Nabus weiß Brandt, dass die Natur in Mülheim vielen Bürgern so wichtig ist, dass sie auch bereit sind, sich dafür zu engagieren. Voraussetzung für dieses Engagement sei aber die durch Umweltbildung geschaffene Sensibilisierung für die Abhängigkeiten zwischen Flora, Fauna und Mensch.
„Auch wenn wir in Sachen Natur in Mülheim vergleichsweise gut aufgestellt sind, sollten wir uns auf dem Erreichten nicht ausruhen“, meint Peter Keil.

Dieser Text erschien am 24. Mai 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 31. Mai 2016

Substanzverluste verhindern Im Gespräch mit der NRZ erklärt der Referent des Umweltdezernenten, Klaus Beisiegel, wie Mülheim mit pflegeleichten Gründflächen und Flächenrecycling auch zukünftig grün bleiben kann

Klaus Beisiegel
Warum ist es in Mülheim so schön?  Weil es so grün ist. Gerade erst hat es uns die Berliner Morgenpost in einem bundesweiten Grünflächen-Ranking bestätigt: Nach Bottrop ist Mülheim die zweitgrünste Großstadt des Ruhrgebietes. Im Deutschlandvergleich landet Mülheim unter 79 Großstädten immerhin auf Platz 33 der Liste. Klaus Beisiegel, Referent des für Bauen, Planen und Umwelt zuständigen Beigeordneten Peter Vermeulen erläutert die Ausgangslage für Mülheims grüne Zukunft.

Ist der Grünflächenanteil in den letzten Jahren zurückgegangen und wird er auch in den kommenden Jahren zurückgehen, weil Mülheim eine beliebte Wohnstadt ist?

Der Versiegelungsgrad steigt noch immer, aber deutlich langsamer als noch vor zehn Jahren. Dabei geht das fast nie zu ungunsten von Grünflächen, sondern eher zu Lasten von Landwirtschaftsflächen, Höfen und Gärten. Parks und Grünanlagen sind im Grundsatz tabu, Natur- und Landschaftsschutzgebiete sowieso.

Setzt die Stadt auf Wohnraumverdichtung, um den Verbrauch von Grünflächen zu minimieren?

Ein Ansatz ist in der Tat, weniger „Frischflächenverbrauch“ zu planen und mehr Innenraumverdichtung vorzunehmen. Dies ist aber kleinklimatisch und sozial oft auch nicht sinnvoll. Ein immer wichtigerer Ansatz ist das Flächenrecycling, was an Bedeutung gewinnt und in den letzten Jahren häufiger als öffentlich wahrgenommen planerisch umgesetzt wurde, etwa an der Sellerbeckstraße oder an der Pilgerstraße in Dümpten, am Klöttschen  in Eppinghofen oder beim Bau der Hochschule Ruhr-West und der Neuen Feuerwache auf dem ehemaligen Broicher Bahngelände. Hier wurden Neubauten ohne zusätzliche Flächenversiegelung realisiert.

Muss die Stadt aufgrund ihrer Finanzanlage künftig an der öffentlichen Grünpflege sparen?

Die Finanzlage erfordert einen restriktiven und verantwortlichen Umgang mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln. Deshalb schreibt das Grünflächenamt sämtliche Pflege – und Unterhaltungsarbeiten aus. Grundlage sind die von den politischen Gremien beschlossenen Pflegestandards für die Grünflächen. Hier befinden wir uns bereits auf einem sehr niedrigen Niveau. Der Status Quo der Anlagen wird gehalten. Bisher ist es uns durch die langjährige Ausschreibung der Pflege und Unterhaltungsarbeiten gelungen, die Kosten stabil zu halten. Trotzdem muss weiter gespart werden. Oft werden nur noch Verkehrssicherungsarbeiten vorgenommen, auf Dauer führt dies zu weiteren  Substanzverlusten.
Wären vor diesem Hintergrund künftig auch Bürgerpatenschaften im Bereich der öffentlichen Grünpflege denkbar und wünschenswert?
Pflegepatenschaften bestehen bereits. Dabei handelt es sich aber meist um kleine Flächen, wie Baumscheiben vor der Haustür des Pflegepaten. Umfangreichere Patenschaften wurden mit Unternehmern für größere Rasenflächen entlang von Hauptverkehrsstraßen geschlossen. Es geht hier aber nicht nur um die „eigentliche Pflege“, die findet statt. Wichtig sind Investitionen in die Substanz der Grünflächen. Und es muss im Anschluss sichergestellt werden, dass ausreichende finanzielle Mittel für eine sach- und fachgerechte Pflege und Unterhaltung zur Verfügung stehen.

Müssen öffentliche Gründflächen aus  Kostengründen zurückgebaut oder sich selbst überlassen bleiben?

Seit mehreren Jahren wandeln wir nicht mehr pflegbare Gehölzflächen im Straßenraum in Rasenflächen um, oder legen bei Neuanlagen Flächen mit geringem Pflegeaufwand an, um mit den zur Verfügung stehenden Mitteln auszukommen. Grünflächen werden nicht sich selbst überlassen. Verkehrssicherungsarbeiten müssen und finden immer statt. Dies deckt sich natürlich nicht mit den Wünschen der Bürgerschaft. 

Wie sieht Mülheims Natur 2030 aus, wenn es gut läuft?

Wenn es gut läuft, dann wird die Internationale Gartenbauausstellung IGA 2027 einen ähnlichen Effekt auf die Stadt ausüben, wie die Landesgartenschau von 1992. Und mit den Fördermitteln für die IGA wird es möglich sein, Park- und Grünflächen zu überarbeiten, zeitgemäß zu entwickeln und zu ergänzen. Grün- Spiel- und Naturflächen sind gut mit Fuß- und Radwegen vernetzt. Der Masterplan Spielen und Bewegen konnte zu 80 Prozent  umgesetzt werden und im Witthausbusch hat das Umweltbildungszentrum den Betrieb aufgenommen. 

Und wenn es schlecht läuft?

Wenn es schlecht läuft, werden die Grünflächen nicht an Fläche, aber an Substanz verlieren. Dies wird sich in einer steigenden Anzahl  schlecht nutzbarer oder geschlossener Wegen, fehlender Bänke und Papierkörben, gesperrter oder fehlender Spielgeräte sowie einer zunehmenden Vermüllung äußern. Immer mehr nicht pflegbare Flächen werden dann umgewandelt werden müssen, gärtnerische Gestaltung, ursprüngliche Planungsinhalte, die Attraktivität von Grünflächen gehen verloren und damit auch die Wohnqualität der Stadt.

Dieser Text erschien am 24. Mai 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...