Freitag, 4. März 2016

Wünsche wagen: Warum und wie sich der Saarner Peter Brill für ein ganz besonderes Projekt des Arbeitersamariterbundes engagiert und was er dabei für sein eigenes Leben lernt

Peter Brill engagiert sich als
ehrenamtlicher Begleiter des
ASB-Wünschewagens.
Ich habe vor allem mit Kindern und Jugendlichen gearbeitet“, erinnert sich der Sozialpädagoge und Psychotherapeut Peter Brill an sein Berufsleben bei der Arbeiterwohlfahrt.

Doch jetzt, wo er auf die 70 zugeht, möchte er gerne auch etwas mit und für ältere Menschen tun. Deshalb hat er 2015 mit seiner Hündin Leva beim Arbeitersamariterbund eine Ausbildung zum Besuchshundeführer gemacht. Doch inzwischen sorgen Brill und Leva nicht nur im Hospiz, in Altenheimen und Kindergärten für wohltuende und angstlösende Streicheleinheiten. Denn mittlerweile hat der Saarner, den viele Mülheimer auch durch sein Engagement für das Altenwohnprojekt Leben in Nachbarschaft Alternativ (Lina) kennen, durch das eine ein zweites Ehrenamt für sich entdeckt.

Er begleitet regelmäßig Menschen, denen mit Hilfe des Wünschewagens Wünsche erfüllt werden, die sie sich aufgrund ihrer gesundheitlichen Einschränkungen selbst nicht mehr erfüllen können.

So hat Brill zuletzt eine krebskranke Frau aus dem Krankenhaus nach Hause begleitet, wo sie sich noch einmal von ihrer Wohnung verabschieden konnte, ehe sie ins Hospiz ging. Außerdem begleitete er eine 85-jährige Frau zusammen mit einem Rettungssanitäter an Bord des Wünschewagens des Arbeitersamariterbundes nach Saarbrücken. Die Frau wollte dort noch einmal ihren langjährigen Lebensgefährten sehen, der dort nach einem Schlaganfall von seiner Tochter gepflegt wird.

„Wir haben einen sehr intensiven Tag erlebt, an dem mir die Frau ihre ganze Lebensgeschichte erzählte und ich ihr via Internetrecherche das Lieblingsgedicht ihres Vaters beschaffen konnte“, erinnert er sich an seine letzte Fahrt mit dem spendenfinanzierten Wünschewagen des Arbeitersamariterbundes. Andere Fahrgäste des für die Nutzer kostenfreien Wünschewagens lassen sich von Brill und seinen ehrenamtlichen ASB-Kollgen zu einem Fußballspiel, ans Meer, zu einem Musical oder auch ins Museum begleiten.

„Der Wünschewagen, den der ASB, vom niederländischen Vorbild inspiriert, 2014 gestartet hat, hilft Menschen jeden Alters, ganz persöBrill. Er selbst genießt die zeitliche Flexibilität und die menschliche Bereicherung seines Ehrenamtes, das er nach einer Wochenendschulung angetreten hat und nun nicht mehr missen möchte. „Man lernt, wie wichtig zwischenmenschliche Beziehungen für unser Leben sind und dass man im Leben nichts auf die lange Bank schieben sollte, was einem selbst wichtig und wünschenswert erscheint“, sagt er. Es sei vor allem die Tatsache, „dass ihnen jemand zuhört und ihre Gedanken aufgreift und weiterentwickelt“, die von den Fahrgästen jeden Alters als größtes Geschenk gerne angenommen werde. Und ganz nebenbei hat NRZ-Leser Brill, der über sich sagt: „Ich bin ja so alt, wie die NRZ“ als Begleiter in Wünschewagen gelernt, Themen, wie Krankheit, Vergänglichkeit und Tod nicht auszuweichen und ihnen so auch einen Teil ihres Schreckens zu nehmen. „Ich erlebe immer wieder, dass Menschen auch in schwierigsten Situationen das Leben genießen und lachen können“, freut sich Brill


Weitere Informationen bekommt man unter: www.wuenschewagen.com oder 0201/870010

nliche Wünsche zu erfüllen, die für sie alleine nicht mehr zu erreichen wären“, berichtet

Dieser Text erschien am 3. März 2016 in NRZ und WAZ

Mittwoch, 2. März 2016

Drei Fragen an: Wie Siemens in Dümpten Schule macht

Techniklehrer Thomas Raschczyk
unterrichtet an der Realschule
Mellinghofer Straße und betreut
dort die Zusammenarbeit
mit Siemens
Ein Schild am Portal dokumentiert es: Die Realschule Mellinghofer Straße ist Siemens-Partnerschule. Was das bedeutet, erklärt der Projektkoordinator und Techniklehrer Thomas Raschczyk.

Frage: Wie wird die Projektpartnerschaft konkret gestaltet?

Antwort: 16 Achtklässler arbeiten über acht Wochen in der sogenannten Siemens AG. Jenseits des Unterrichtes, arbeiten sie mittwochs von 15 bis 17 Uhr in der Ausbildungs-Werkstatt von Siemens mit und werden dabei zum Beispiel von Auszubildenden angeleitet. Zuletzt haben die Schüler dort eine Schubkarre gebaut. Außerdem macht der Infobus der Metall- und Elektroindustrie regelmäßig bei uns Station. Hier kann man auch ganz praktisch Berufsfelder aus der Metallindustrie entdecken und ausprobieren.

Frage: Was haben die Schüler davon?

Antwort: Sie bekommen einen frühen Einblick in die verschiedenen Berufsfelder der Metallindustrie, lernen zum Beispiel die Arbeitsplätze eines Industrie- oder Zerspanungsmechanikers kennen. Entweder sind sie danach begeistert und bewerben sich in der Klasse 9 bei Siemens für ein dreiwöchiges Betriebspraktikum. Oder sie wissen: Das ist nicht meins.

Frage: Was ist der Mehrwert für Siemens?

Antwort: Für Siemens geht es um Nachwuchsförderung, die einem Fachkräftemangel vorbeugen soll. Siemens nutzt die Chance, um Jugendlichen und ihren Eltern zu zeigen, dass eine technische Berufsausbildung und eine entsprechende Karriere auch ohne Abitur möglich ist.

Dieser Text erschien am 1. März 2016 in NRZ und WAZ

Dienstag, 1. März 2016

So gesehen: Hallo, wer spricht denn da?

Guten Morgen. Wie geht es Ihnen? Kann ich Ihnen helfen? Ich höre eine Stimme, die ich nicht zuordnen kann und die, wie ein Mix aus Mensch und Maschine klingt. Habe ich vielleicht einen Artikel zu viel geschrieben? Doch dann wird mir klar. Die Lautsprecherstimme kommt vom nahen Abgang in die Tiefgarage und gilt gar nicht mir. Denn ich habe ja noch nicht mal einen Führerschein, geschweige denn ein Auto, das ich im Mülheimer Untergrund parken könnte. Als Fußgänger und Fahrgast muss man eben ganz ohne diensteifrige Ansprache aus dem Lautsprecher durchs Leben kommen. Gott sei Dank, wenn man dann den Kompass einer eigenen inneren Stimme hat. 

Dieser Text erschien am 27. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 29. Februar 2016

Das Rhein-Ruhr-Zentrum ist sein Revier: Unterwegs mit dem Haustechniker Christian Wolff

Noch bevor die Geschäfte im Rhein-Ruhr-Zentrum öffnen, ist Haustechniker Christian Wolff dort schon unterwegs. Sein Arbeitstag beginnt um 7 Uhr.

Er läuft und läuft und läuft. Zunächst geht es von einem Aufzug zum nächsten. Ist jeder Lift fahrtüchtig? Funktioniert der Notruf? Die 70.000 Quadratmeter des Einkaufszentrums und die 200.000 Quadratmeter des Grundstücks kennt der gelernte Energieanlagenelektroniker nach über 25 Jahren, wie seine Westentasche. Bevor der gebürtige Mülheimer 1990 in seine Heimat zurückkam, arbeitete er als Haustechniker für eine deutsche Hotelkette in Kassel.

Was beim Rundgang durchs Einkaufszentrum überrascht, sind die kilomterlangen Wirtschafts- und Versorgungsgänge, die der normale Besucher des 1973 eröffneten Rhein-Ruhr-Zentrums nie zu sehen bekommt. Sie wirken, wie eine Mall hinter der Mall.

Manche Türen kann Wolff mit seinem Schlüssel öffnen. Andere öffnen sich nur, nachdem er einen bestimmt Tastencode eingegeben hat. Hinter den Türen im Backstage-Bereich des Rhein-Ruhr-Zentrums verbergen sich Technik- und Lagerräume der jeweiligen Geschäfte. Praktisch. Der Hintereingang der Läden ist nur wenige Schritte von der Eingangstür ihres Lagers entfernt.

In den technischen Räumen befinden sich Versorgungsanlagen und Leitungen, große Wasserpumpen, Reservetanks und Wasserbecken. Im Notfall sollen bis zu 120?000 Wassersprinkler dafür sorgen, dass im Rhein-Ruhr-Zentrum nichts anbrennt.

Zusammen mit einem Kollegen überprüft Wolff an diesem Tag die Funktionsfähigkeit und den Druck in den Wasserleitungen, die Wasserpumpen und Ventile, die im Notfall das Schlimmste verhindern sollen.

Stimmt der Druck in den Wasserleitungen? Haben die Stromleitungen die richtige Spannung? Das überprüft Wolf zum Beispiel mit Probeventilen und ihren Druckanzeigern oder mit seinem Spannungsmesser, der auf den Laien wie ein leuchtender Kugelschreiber wirkt. Auch welcher Schalter, welche Glasfaserleitung, oder welcher Leuchtknopf zu welcher Anlage gehört, erschließt sich nur dem technischen Profi, der im Zweifel auf Schaubilder und Lagepläne zurückgreifen kann.

Heizungs- und Lüftungsanlagen wollen ebenso gecheckt werden, wie Notstromaggregate und Brandmeldeanlagen oder die Lautsprechanlage. Unter einem der Glasdächer des Rhein-Ruhr-Zentrums müssen defekte LED-Leuchten ausgetauscht werden. Mit einem Hubwagen geht es in die Höhe. Gleich merkt sich Wolff die Leuchten für seine nächste Materialbestellung vor.

Aber auch am Boden der Mall muss der Haustechniker an einem Ladenlokal, dessen Fassade neu gestaltet wird, einen Blick darauf werfen, ob bei den Schleifarbeiten auch die Brandschutzbestimmungen eingehalten werden.

„Bis 2006 haben wir Haustechniker Ladenlokale auch schon mal selbst umgebaut. Doch das machen wir seitdem aus versicherungstechnischen Gründen nicht mehr“, erzählt Wolff.

Auch außerhalb des Rhein-Ruhr-Zentrums müssen Wolff und seine sechs Kollegen von der Haustechnik nach dem Rechten schauen. Vor allem in den Ladehöfen ist Seelenmassage und Augenmaß gefragt, damit jede Fracht möglichst schnell und reibungslos dort landet, wo sie hin muss. „Die Kraftfahrer stehen heute unter einem enormen Zeitdruck“, weiß Wolff. Und zwischendurch beantwortet er bei seinem Gang durch die Einkaufspassagen noch die eine oder andere Kundenfrage: „Wo ist hier die nächste Toilette? Und wo geht es bitte zur Nordsee?“

Ganz nebenbei prüft er noch einige Brandschutztüren, die völlig unauffällig wie Vorhänge an den Mallseiten eingelassen sind und im Notfall die Ausbreitung der Flammen stoppen können. An diesem Tag wird der Haustechniker Gott sei Dank von jedem Notfall verschont, muss weder Erste Hilfe leisten noch die Handhabung eines Feuerlöschers erklären und testen.

Dieser Text erschien am 20. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 28. Februar 2016

Unterwegs im Namen des Herrn: Ein Tag mit Pfarrerin Katrin Schirmer ist so bunt wie das Leben: Bürokratie am Morgen. Beisetzung am Mittag. Konfirmanden am Nachmittag und ein Taufgespräch am Abend


Pfarrerin Katrin Schirmer (rechts) hier im Haus der Evangelischen
Kirche an der Althofstraße bei einer Besprechnung mit der für
ihr Kirchengemeinde zuständigen Verwaltungsmitarbeiterin
Corinna Seven.
Beten, segnen, predigen – und noch viel mehr. Pfarrerin Katrin Schirmer ist seit 15 Jahren als Pfarrerin für den evangelischen Gemeindebezirk Speldorf Mitte und seine 2400 Kirchenmitglieder zuständig. Doch das beschreibt ihre Verantwortung nur zum Teil. Denn mit ihren Kollegen Matthias Göttert und Alexandra Cordes, teilt sich die 48-Jährige die Gesamtleitung der 5700 Mitglieder zählenden Gesamtgemeinde Speldorf. Wir haben sie eine Arbeitstag begleitet.
Um 10.30 Uhr beginnt er mit einer Besprechung in der evangelischen Kirchenverwaltung an der Althofstraße. Denn als dessen Vorsitzende muss Schirmer die konstituierende Sitzung des neuen Presbyteriums vorbereiten. Bevor es so weit ist, reicht ihr die zuständige Verwaltungsmitarbeiterin des Kirchenkreises, Corinna Seven, einen Aktenordner voller Schriftstücke, die sie als Pfarrerin und Presbyteriumsvorsitzende zu unterschreiben hat. Das Spektrum reicht von einer Urlaubsgenehmigung bis zur Handwerkerrechnung für die Erneuerung einer Schrankwand im Gemeindehaus. Dann geht es weiter mit der Tagesordnung der Presbyteriumssitzung.

Vorab muss noch ein Termin für die Begehung der gemeindeeigenen Immobilien gefunden werden. Wo besteht Reparaturbedarf? Außerdem wollen die Presbyter über den Sachstand beim geplanten Verkauf des aufgegebenen Gemeindezentrums am Brandenberg und über die laufende Generalüberholung der Orgel in der Lutherkirche informiert werden. „Ich verstehe mich als Seelsorgerin, die den Menschen Gottes frohe Botschaft verkünden möchte. Trotzdem verbringe ich mindestens ein Drittel meiner Arbeitszeit mit Verwaltungstätigkeit, für die ich gar nicht ausgebildet bin“, schildert Schirmer ihre Situation. Weil viele der Nicht-Theologen im Presbyterium beruflich eingespannt sind und keinen Freiraum für Vormittagstermine haben, bleibt der arbeitsintensive Presbyteriumsvorsitz meistens am Pfarrer oder an der Pfarrerin hängen.

"Es gibt in meinem Beruf keine Routine, aber meine Lebenserfahrung hilft mir!" sagt Katrin Schirmer


Von der Althofstraße fährt Schirmer zur Friedhofstraße. Ihr Talar liegt schon griffbereit im Kofferraum. Schirmer und die Hinterbliebenen begleiten eine 91-jährige Frau auf ihrem letzten Weg zur Beisetzung. Sohn und Enkelin tragen die Urne. Schirmer spricht an der Beisetzungsstätte das tröstende Jesu-Wort: „Wer an mich glaubt, der wird leben, auch wenn er stirbt.“
Auch wenn es bei der Trauer- und der in diesem Fall bereits vorangegangenen Krankenhausseelsorge für Schirmer keine Routine gibt, hat sie den Eindruck, dass ihre wachsende Lebenserfahrung bei der trauerpastoralen Arbeit hilft, den richtigen Ton zu treffen oder im richtigen Moment einfach nur zu schweigen und Trauer mit auszuhalten. „Wenn Sie die Mutter einer Konfirmandin beerdigen müssen, gibt es keinen Trost.“

Beim Zwischenstopp im Gemeindebüro, das Essen muss warten, nimmt die Pfarrerin noch schnell zwei Anfragen für ein Taufgespräch und einen Geburtstagsbesuch mit. Weiter geht es zum Konfirmandenunterricht. Mit 27 13- und 14-Jährigen probt Schirmer dort den Vorstellungsgottesdienst. 

„Bitte, etwas lauter und nicht so schnell sprechen und bevor ihr zur Seite abgeht noch einmal geradeaus auf die Gläubigen im Kirchenschiff schauen“, empfiehlt sie den Jugendlichen beim Vortragen der Fürbitten und eines kleinen Szenenspiels rund um das Thema Beten. Mit einer Seilwinde kurbeln die Konfirmanden einen Pappschlüssel in die Höhe. Er soll bei ihrem Vorstellungsgottesdienst die Gebetsanliegen in Form kleiner Klebezettel emportragen. 
Dann spricht sie noch mit Orgelbauer Stephan Oppel, der  auf der Empore an der Reinigung und Restaurierung der Orgel arbeitet. „Bis Ostern sind wir fertig“, versichert er. Schirmer ist sichtlich erleichtert. Abends fährt sie noch zu einem jungen Elternpaar, das seine Tochter und seinen Sohn taufen lassen will. Schirmer nimmt sich viel Zeit. Sie spricht mit dem Paar über Taufspruch, Taufkerze und Taufzeremonie, aber auch über bisherige Kirchenerfahrungen und das Gemeindeangebot für Kinder und Jugendliche. Um 21.30 Uhr geht ihr Arbeitstag zu Ende.

Dieser Text erschien am 27. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 27. Februar 2016

Menschen an ihr Ziel bringen: Unterwegs mit dem Texifahrer Axel Dupont

Ein Blick auf die Originalausgabe in der Mülheimer NRZ
6 Uhr in Mülheim. Axel Dupont ist schon eine Stunde auf den Beinen und wartet mit seinem Taxi am Hinterausgang des Forums und des Hotels Best Western. „An einem Morgen wollte mein erster Fahrgast gleich zum Flughafen Düsseldorf gebracht werden. Kaum war ich aus Düsseldorf zurück, stieg auch schon der nächste Hotel-Gast ein und wollte auch zum Flughafen nach Düsseldorf gebracht werden. Da hatte ich mit zwei Fahrten schon fast meinen Tagesumsatz geschafft“, erzählt der 53- Jährige von einem seiner erfolgreichsten Arbeitstage. Wie ein Sechser im Lotto Gerne erinnert er sich auch an einen Patienten aus Sachsen-Anhalt, der sich nach einer Behandlung im Evangelischen Krankenhaus von dem zweifachen Familienvater nach Hause bringen ließ. „Solche Fahrten sind wie ein Sechser im Lotto. So was erlebt man leider nicht jeden Tag“, sagt Dupont.

Dieser Arbeitstag lässt sich eher ruhig an. Zeit für einen Blick in die Tagezeitung und einen Schluck Kaffee aus der Thermoskanne. Doch dann piept es bei Dupont und das ist ein gutes Zeichen für den Taxifahrer. Denn der Piepton aus einem Minicomputer an seinem Amaturenbrett zeigt ihm an: Kundschaft wartet. In diesem Fall ist es eine Dame, die sich vom Eichenberg nach Saarn bringen 

Der Taxifahrer Axel Dupont, war in seinem ersten Berufsleben ein Mannesmann. Jetzt ist er fast täglich zwischen 6 und 15 Uhr auf Mülheims Straßen unterwegs. Als Taxifahrer muss Axel Dupont auch seelsorgerische Qualitäten beweisen und nicht nur offene Augen für den Straßenverkehr, sondern auch offene Ohren für seine Fahrgäste haben lässt, wo sie arbeitet. Hat sie vielleicht verschlafen und es deshalb besonders eilig, um noch rechtzeitig zu ihrem Arbeitsplatz zu kommen? Reine Spekulation. Der Taxifahrer fragt nicht. Er fährt. Nach der Rückkehr zum Taxenstand am Forum heißt es erst mal wieder warten. Als Taxifahrer kann man nichts erzwingen und muss Geduld haben.

Zeit für ein Bütterchen und einen kurzen Plausch mit dem Kollegen Horst. So lange, bis es wieder piept. Der nächste Fahrgast. Eine alte Dame aus Dümpten muss in die geriatrische Tagesklinik des Evangelischen Krankenhauses gebracht werden. „Keine Angst. Sie kommen nicht in den Playboy. Der junge Mann auf dem Rücksitz kommt von der NRZ“, stellt Dupont seinen Begleiter vor. „Ich weiß gar nicht, was ich da soll. Blut abnehmen, Kaffee trinken, Gymnastik und mit Bällchen spielen. Das bringt doch nichts“, erzählt die alte Dame mit Blick auf ihr Ziel. Der Taxifahrer hört sich ihre Geschichte geduldig an und weist sie freundlich darauf hin, dass ihre der Besuch in der Tagesklinik doch auch soziale Kontakte und Gespräche mit anderen Senioren ermögliche.

Ein guter Taxifahrer muss nicht nur geduldig, sondern auch einfühlsam und kommunikativ sein. Die meisten seiner Stadtfahrten, die immer wieder von längeren Wartepausen am Forum unterbrochen werden, sind an diesem Tag Patientenfahrten. Dupont hört sich nicht nur an diesem Tag viele Kranken- und Lebensgeschichten an. „Viele alte Menschen leben allein und sind froh, wenn sie ihr Herz mal ausschütten können.“ Zu ihnen zählt auch eine ältere Dame, die zu Duponts Stammgästen gehört, weil sie regelmäßig zur Dialyse gefahren werden muss. Der Gesprächston zwischen den Beiden ist vertraut und freundschaftlich. Dupont holt die auf einen Rollator angewiesene Seniorin an der Haustür ab, führt sie bis zum Wagen, wo er ihr die Türe aufhält, bis sie langsam, aber sicher eingestiegen ist und sich mit seiner Hilfe anschnallt. Dupont kennt ihre Krankengeschichte, weiß, dass ihr öfter die Beine wegsacken. Das Trinkgeld am Ende der Fahrt fällt großzügig aus. „Für den Ärger, den Sie vielleicht noch mit mir haben werden“, sagt die alte Dame mit einem Hauch von Galgenhumor, als sie aussteigt.

Auch eine alte Dame, die sich nach dem Einkauf und einem Friseurbesuch im Forum nach Hause bringen lässt, weiß Duponts Service zu schätzen. Er hilft ihr beim Aussteigen und trägt ihr die schweren Einkaufstaschen durch den Regen bis zur Wohnungstür. „Heute fahren vor allem ältere und alte Menschen mit dem Taxis. Junge Fahrgäste sind ganz selten“, erzählt Dupont. Doch an diesem Tag muss er nicht nur eine Seniorin, sondern auch einen jungen Mann im Rollstuhl vom Arzt ins Altenheim beziehungsweise vom Evangelischen Krankenhaus nach Hause fahren. Duponts Chef Klaus Dieter Fleskes hat schon vor Jahren viel Geld in die Hand genommen, um seine Fahrzeuge für den Rollator- und Rollstuhltransport umzurüsten. Über eine Rampe kann man auch von hinten in das Fahrzeug rollen und sich durch drei Spezialgurte sichern. Das zahlt sich in Zeiten des demografischen Wandels aus.

Jeder Fahrgast hat seine Geschichte Der junge Mann aus Saarn ist seit einem Autounfall querschnittsgelähmt und hat durch eine Diabetes-Erkrankung ein Bein verloren. Das sind Lebensschicksale, die Dupont auch mit in den Feierabend nimmt, wenn er sich zu Hause in Styrum auf seiner Couch entspannt. „Taxifahrern geht es wie Friseuren. Sie hören viel und müssen sich immer wieder auf neue Menschen und ihre Geschichte einstellen.“ Apropos Mensch. Auch an skurrile Fahrgäste kann sich der Ex-Mannesmann, der seit drei Jahren Taxi fährt, erinnern, zum Beispiel den Mann, den Dupont, mit einer Dauererktion zum Urologen bringen musste, weil der Fahrgast gleich mehrere Viagra-Pillen eingeworfen hatte. Manchmal sind Duponts Arbeitstage am Steuer eben auch filmreif.

Dieser Text erschien am 30. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Freitag, 26. Februar 2016

So gesehen: Lotto, Liebe und andere Leckerbissen

Sie haben gewonnen“, teilt mir der Inhaber der Lottoannahmestelle mit. Mir stockt der Atem.

Der letzte Gewinn, an den ich mich erinnern kann, ist ein grinsender Gartenzwerg, den ich einer Rosenmontagstombola zu verdanken habe. Er grinst mich bis heute aus meine Wohnzimmerschrank unverschämt gleichmütig an, während ich mich mit meinem Tagwerk herumschlage.

Und jetzt ein Lottogewinn am Aschermittwoch? Das ist ja, wie ein Wunder aus heiterem Himmel. Doch meine Euphorie wird vom Mann hinter der Lottoannahmetheke brutal ausgebremst. „15 Euro“, haut er mir meine Gewinnsumme um die Ohren und grinst dabei so gleichmütig wie mein Gartenzwerg. Bei meinem Pech im Lotto-Spiel muss ich ja demnächst eine unwahrscheinliches Glück in der Liebe haben. Bis es so weit ist, habe ich einen Teil meines Lottogewinns in wunderbare Waffeln investiert, die ich zusammen mit meiner lieben Mutter zum Kaffee verspeist habe. Dabei schmunzeln wir genüsslich vor uns hin und waren uns einig: Liebe geht eben auch durch den Magen.

Dieser Text erschien am 11. Februar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...