Montag, 2. August 2010

Spaziergänger statt Kohlenkähne: Vor 130 Jahren wird das Ruhrufer zum Naherholungsgebiet


An der Ruhr spazieren gehen. Auf diese Idee wären die alten Mölmschen nicht gekommen. Noch bis in die 1860er Jahre war die Ruhr vor allem eines, ein stark befahrener Transportweg für Kohlenschiffe. Doch dann kam die Eisenbahn und hängte die Kohlenkähne ab. Auch der Leinpfad war ursprünglich kein Gehweg, sondern Trampelpfad für die Pferde, die die Kohlenkähne die Ruhr hinauf ziehen mussten.

Doch bis zum Ende der 1870er Jahre kam die einst boomende Kohlenschifffahrt auf der Ruhr fast zum Erliegen. Jetzt mussten sich die Stadtväter etwas neues einfallen lassen. Der alte Hafen an der Ruhr wurde mit Erde aus einem Garten am Hingberg zugeschüttet. Und genau dort, wo die Stadt heute mit der Ruhrbania und seiner Ruhrpromenade ein neues Vorzeigequartier am Fluss schaffen will, begannen die neuen Ruhranlagen anno 1880 Gestalt anzunehmen. Um das Projekt voranzutreiben, gründete der Bürgermeister Karl von Bock und Polach einen Verschönerungsverein, dem bis zu seiner Auflösung im Jahr 1913 unter anderem so bekannte Mülheimer, wie August Thyssen und Hugo Stinnes angehören sollten.
Anfangs sahen viele Mölmsche den neuen Grünstreifen an der Ruhr skeptisch. Denn ihm musste der alte Gänseplatz weichen, an dem traditionelle Wäsche gebleicht wurde. Mühsam musste die Stadt private Grundstücke zusammenkaufen, um die Vision einer grünen Oase in der Stadtmitte Wirklichkeit werden zu lassen. Doch schon wenige Jahre später erfreuten sich die Ruhranlagen großer Beliebtheit.

Im Mai 1914 beschrieb die Mülheimer Zeitung die Bedeutung der gerade umgestalteten Ruhranlagen, wie folgt: "Der Zweck der Ruhranlagen ist ihrer Lage nach im am engsten bebauten Stadtteil und so ungefähr in der Mitte der Stadt zweifellos möglichst vielen Menschen Erholung durch Spaziergänge im Grünen und durch die Augenweide an gut gepflegten Rosen, schön gewachsenen Einzelbäumen, an blühenden Gehölzen und Blumen zu verschaffen." Und die Zeitung ließ auch keinen Zweifel daran, welchem Ziel diese Erholung im Grünen dienen sollte, nämlich: "dass man ungestört vom Straßenverkehr in Ruhe und Muße die Schönheit der Pflanzen auf sich einwirken lassen kann, hierdurch Erholung von getaner Arbeit und Stärkung zu neuer Arbeit sich holend."

Just am Vorabend des Ersten Weltkrieges hatten die Ostruhranlagen zwischen Eisenbahnbrücke und dem wenige Jahre zuvor mit Thyssen Hilfe gebauten Stadtbad, ein neues Bild bekommen, wie wir es noch bis zum Beginn der Bauarbeiten an der Ruhrpromenade (siehe Foto) in Teilen kannten oder zumindest erahnen konnten. Auch die Einmündung an der Delle bekam damals ihren heutigen Spazierwegcharakter. Hatten bis dahin vor allem Bäume und Rasenflächen die Ruhranlagen bestimmt, so versuchte man jetzt mit Rücksicht auf "Klima, Stadtbild und Geldmittel" eine zwar kleine und schmale, aber doch abwechslungsreiche Gartenlandschaft mit Rosengarten und Rosenbögen, Blumenbeeten, Hecken, Stauden und einem Kinderspielplatz zu schaffen. Auch an einen Konzertplatz am Stadtbad wurde gedacht. Denn schließlich war Mülheim damals noch eine Garnisonsstadt, in der die Militärmusiker gerne gehört wurden. Doch die kaiserlichen Soldaten des Infanterieregimentes 159 sollten später ebenso aus dem Stadtbild verschwinden, wie die in den Ostruhranlagen aufgestellte Büsten des ersten Reichskanzlers Bismarck, des ersten deutschen Kaisers Wilhelm I. und des Generalfeldmarschalls von Moltkes. Nur die Büste der vor 200 Jahren gestorbenen Königen Luise, die ursprünglich im Luisental stand, hat die Stürme der Zeit überlebt und ist zumindest als Büste ins Schloss Broich zurückgekehrt, wo die junge Prinzessin zu Mecklenbur-Strelitz 1787, 1789 und 1791 mit ihrer Großmutter Marie Luise Albertine von Hessen-Darmstadt einige Monate verlebt hatte.

Dieser Text erschien am 30. Juli 2010 in der NRZ

Sonntag, 1. August 2010

Wenn Kinder und Jugendliche ins Kloster gehen


„Tschüss Mama. Ich bin dann mal im Kloster.“ Unter diesem Motto lädt das Jugendpastorale Zentrum am Styrumer Marienplatz Jugendliche ab 16 vom 10. bis 13. Oktober zur Spiritour in die Benediktinerabtei Königsmünster im sauerländischen Meschede ein. Für 50 Euro ist man bei den Besinnungstagen im Kloster dabei. Anmelden können sich Interessierte noch bis zum 13. August bei Sigrid Geiger im Jugendpastoralen Zentrum unter 69 88 110 oder per E-Mail an: sigrid.geiger@bistum-essen.de

Ihre Klostertour hinter sich haben 15 Viertklässler der Grundschule am Steigerweg, die sich mit ihren Lehrern Rainer Endrigkeit und Heike Kahleyß von Wolfgang Geibert durch das Kloster Saarn und sein im Oktober 2008 eröffnetes Museum führen ließen. „Das ist ein Stück kulturelle Bildung. Die Kinder sollen ihren Heimatort und seine Geschichte kennen lernen, um später immer wieder auf Dinge zurückgreifen zu können, die nicht nur im Geschichtsunterricht immer mal wieder auftauchen werden“, erklärt Endrigkeit den pädagogischen Mehrwert der Zeitreise vor der eigenen Haustür.Und tatsächlich kommt die Zeitreise durch die Jahrhunderte von 1214 bis 1808, als in Saarn die Zisterzienserinnen beteten und arbeiteten, beim Nachwuchs gut an.

Die Kinder hören Klosterfreund Geibert aufmerksam zu und stellen gezielte Nachfragen. Besonders „cool“ finden sie die Aussicht, dass sie am Ende ihrer Führung im Klosterkeller, wie einst die Nonnen und Mönche im Scriptorium mit Gänsekiel und Tinte eine mittelalterlich anmutende Urkunde schreiben dürfen.Auch Geiberts Fangfrage, woraus den das früher zum Schreiben benutzte Pergamentpapier hergestellt worden sei, weiß ein Schüler genau zu beantworten: „Damals hatte man kein Papier oder Pappe. Da mussten Kälbern und Schafe das Fell abgezogen werden.“Ins Staunen geraten Schüler und Lehrer dann aber doch, als Geibert ihnen erzählt, dass 300 Kälber oder Schafe daran glauben mussten, um im Mittelalter das für eine Bibel notwendige Pergamentpapier herzustellen. Und für die Niederschrift des Buches der Bücher mussten die Klosterschreiber dann noch einmal ein Jahr lang mit Gänsekiel und Tinte, die zum Beispiel aus Holunderbeeren gewonnen wurde, zu Werke gehen.

„Ich war überrascht, wie viele Handwerke die Nonnen betrieben haben, weil sie ja nichts im Supermarkt kaufen konnten und deshalb fast alles selber gemacht haben“, schildert Schüler Christian Mehlem seinen wichtigsten Eindruck vom Besuch im Kloster. Und seine Mitschülerin Melina Weller kann sich mit dem Schweigegebot im Kloster nicht anfreunden: „Ich hätte nicht ins Kloster gehen können. Ich trinke doch jeden Tag Quasselwasser.“

Dieser Text erschien am 29. Juli 2010 in NRZ und WAZ

Samstag, 31. Juli 2010

Das Senioren-Theater Spätlese bringt seit 20 Jahren reife Schauspielkunst auf die Bühne


Reife Schauspielkunst. Dafür steht das Theater Spätlese. Wie hat sich das Theater der spätberufenen Schauspieler seit seiner Gründung entwickelt? Was und wen will es mit seinen Stücken erreichen? Darüber sprach ich für die NRZ mit dem Theaterleiter Eckhard Friedl (51) und den Ensemblemitgliedern Marlies Lönne (68) und Hans-Joachim Peters (74)


Wie kam es zur Gründung des Theaters?

Friedl: Der Gründungsimpuls ging vom damaligen Kulturamtsleiter Hans Georg Küppers aus, der bei der Leonhard-Stinnes-Stiftung Mittel für Seniorenkultur beantragt hatte. Und dann fragte er mich, ob ich nicht Lust hätte, das Projekt zu starten.


Hatten Sie Erfahrungen in diesem Bereich?

Friedl: Mit Seniorenarbeit hatte ich damals keine Erfahrung. Ich hatte zuvor in Bonn und Oberhausen Theaterarbeit mit Kindern und Jugendlichen gemacht.


Gab es für Sie damals eine Hemmschwelle, die es zu überwinden galt?

Friedl: Ich hatte zunächst schon Bedenken. Ausgehend von meinem damaligen Altenbild glaubte ich, dass man mit alten Menschen kaum zu brauchbaren theatralen Ergebnissen kommen kann. Glücklicherweise konnte ich damals an einer Fachtagung über Seniorentheater teilnehmen, die mich eines Besseren belehrt und mir Mut gemacht hat, zu sagen: Okay. Ich probiere es.


Wie hat sich das Ensemble formiert?

Friedl: Ich habe damals in Altentagesstätten, mit Handzetteln und in der Lokalpresse dafür geworben und ältere Leute gesucht, die Lust hatten, auf die Bühne zu gehen. Am 20. September 1990 fand ein erstes Informationstreffen mit 40 Teilnehmern im Kloster Saarn statt. Davon machten 21 weiter mit, mit denen wir in drei Projektgruppen gearbeitet haben. Und im Laufe der Zeit kamen dann immer wieder neue Schauspieler dazu.


Hat das Theater Spätlese seine gesellschaftskritischen Stücke von Anfang an selbst geschrieben?

Friedl: Schon beim ersten Treffen im Kloster Saarn habe ich diese Konzeption vorgestellt. Vom ersten Tag an haben wir uns immer wieder ein Thema gesucht, zu dem wir dann gemeinsam ein Stück entwickeln. Das war so erfolgreich, dass wir, abgesehen von einigen Ausflügen, bei denen wir mal was anderes ausprobiert haben, daran bis heute nichts geändert haben.Frage: Warum ist dieser Ansatz so erfolgreich?Antwort: Friedl: Wenn ich Seniorentheater als eine Form verstehe, in der die Sicht der älteren Generation zum Ausdruck kommen soll, muss man auch eine Form finden, in der sich diese Sicht formuliert. Und das ist bei der gemeinsamen Entwicklung der Stücke natürlich ganz gut gegeben.


Wie sind Sie als Schauspielerin zum Theater Spätlese gekommen?

Lönne: Ich wollte schon nach der Schule eine Schauspielausbildung machen und zum Theater. Doch in unserer Familie lernte man nur etwas „Anständiges“. So war das eben vor 50 Jahren. Doch nachdem ich mit 58 als Industriekauffrau in den Vorruhestand gegangen war und das Theater Spätlese auch schon über die Presse verfolgt hatte, schaute ich mir eine Vorstellung an, nach der man hinter den Kulissen auch mit den Schauspielern ins Gespräch kommen konnte. Bei dieser Gelegenheit sprach mich Eckhard Friedl an: Hätten Sie nicht Lust mitzuspielen? Ich habe noch ein Plätzchen frei. Und so habe ich an meinem ersten Theaterworkshop teilgenommen, ohne genau zu wissen, was auf mich zu kam. Gleich bei meinem ersten Auftritt musste ich einen langen Text sprechen.


Fällt Ihnen das Text lernen schwer?

Lönne: Wenn man längere Texte solo sprechen muss ist das schon erblich schwerer, als wenn man kurze Text zusammen mit anderen spricht. Es gibt viele Unwägbarkeiten. Wenn man eine Szene mit drei oder vier Leuten spielt, ist man ja auch auf das Stichwort angewiesen, um richtig einzusetzen. Und wenn das dann nicht kommt, weiß man oft gar nicht mehr, wie man heißt. Ich habe da aber inzwischen die Theaterweisheit verinnerlicht: Egal, was auf der Bühne passiert. Nur nicht aus der Rolle fallen. Und viele Versprecher werden von den Zuschauern ja gar nicht bemerkt.


Und wie sieht es mit dem Lampenfieber aus?

Lönne: Ich habe auch heute noch vor jeder Aufführung Lampenfieber. Aber man merkt es mir nicht mehr an.


Welche Rolle spielen Sie beim Theater Spätlese, Herr Peters?

Ich spiele eigentlich gar nicht. Ich kam als Seiteneinsteiger zur Spätlese, als Eckhard Friedl jemanden suchte, der die Bühnenscheinwerfer bedient, habe ich einmal zu viel aufgezeigt.


Standen Sie also selbst nie im Rampenlicht?

Peters: Doch einmal hat mich Friedel zu einer kleinen Rolle überredet, bei der ich einen Requisiteur spielte, der auf der Bühne Umbauarbeiten macht und ein Geschenk überreicht.


Warum trauen sich weniger Männer als Frauen auf die Bühne?

Peters: Am Textlernen kann es nicht liegen. Vielleicht sind Frauen freier als Männer, wenn es darum geht, auf der Bühne zu agieren und aus sich herauszugehen. Ich selbst weiß nicht, ob ich ohne die Technik zum Theater Spätlese gekommen wäre. Aber es gibt auch Männer, die schauspielerische Ambitionen haben und aus eigenem Entschluss zum Theater kamen, ohne dafür geworben worden zu sein.


Warum ist das Theater Spätlese zur Erfolgsgeschichte geworden?

Peters: Weil wir die Leute auch zum Nachdenken anregen. Die sitzen hier nicht, um sich berieseln zu lassen. Viele Zuschauer haben ein echtes Interesse daran, was hinter den Stücken steckt, die wir auf die Bühne bringen. Da sind auch welche dabei, die nach dem Stück darüber nachdenken und ihre Eindrücke in ihr persönliches Umfeld hineintragen.

Lönne: Nach unseren Aufführungen geht man nicht einfach nach Hause und sagt: Das war ja schön. Unsere gesellschaftskritischen Stücke bieten zwar keine Lösungen, liefern aber Anstöße, in dem sie Probleme bewusst machen und dafür genug Munition liefern, um darüber zu diskutieren.


Hat das Theater Spätlese das Altenbild in unserer Stadt verändert?

Lönne: Ich erlebe oft, dass jüngere Menschen mit einer völlig falschen Vorstellung in unsere Aufführungen kommen und denken: Da wird Klamauk gemacht. Doch nach der Aufführung sind sie von der Themenviefalt und von der Art unserer Inszenierung überrascht und sagen: Das war ja toll. Das hätte ich nicht gedacht.

Friedl: Das ist genau der Punkt. Wenn die Leute, die vorher sagen ‘Geh du mal ins Seniorentheater. Das wird schon nichts Gescheites sein’, wenn die nachher begeistert sind und mit strahlenden Gesichtern herausgehen, dann tragen die das auch in ihr Umfeld hinein und begegnen Vorurteilen, in dem sie aus ihrer Erfahrung heraus sagen können: Ich war im Seniorentheater und das war echt klasse. Und dann schlagen wir hier die ganz große Welle.


Dieses Gespräch erschien am 28. Juli 2010 in der NRZ

Freitag, 30. Juli 2010

Krisen und Kastastrophen: Was soll, was darf mein Kind sehen? Ein Erziehungsberater gibt Tipps



Ob in der Zeitung, im Fernsehen oder im Internet. Man kann derzeit den grausamen Bildern der Loveparade-Katastrophe nicht entgehen. Angesichts der Horrorszenarien, mit denen sie selbst in den Nachrichten konfrontiert werden, mögen sich manche Eltern bangen Herzens fragen, wie wirkt das auf meine Kinder? Was kann ich ihnen zumuten? Wovor muss ich sie schützen, um ihre Seelen vor Schaden zu bewahren?



Der Leiter der der Evangelischen Erziehungsberatungsstelle, Dr. Franz Maurer (52), Diplom-Psychologe und Vater eines zehnjährigen Sohnes, rät Eltern grundsätzlich, auf die Signale ihrer Kinder zu achten und immer gesprächsbereit zu sein, statt restriktiv auf Verbote zu setzen.Während er es für unrealistisch hält, Jugendliche von der zum Teil verstörenden Bilder- und Informationsflut ganz abzuschirmen, ist es aus seiner Sicht notwendig, Kinder vor allzu belastenden Bildern zu behüten und Informationen gezielt zu kanalisieren, zumal Kinder sehr viel emotionaler auf Katastrophenbilder reagierten als Erwachsene.Als ausgesprochen empfehlenswert sieht Maurer die Kindernachrichten Logo in der ARD und im Kinderkanal Kika, weil sie die Ereignisse in Duisburg und andere Katastrophen in der Welt altersgerecht aufbereitet haben.



Die Tagesschau und andere Fernsehnachrichten sollten sich Eltern nur gemeinsam mit ihren Kindern anschauen, um das Gesehene anschließend besprechen zu können.Kinder im Vorschulalter sollte nach Maurers Meinung nur Kindernachrichten anschauen und das auch nur zusammen mit ihren Eltern.„Eltern sind immer ein Modell für ihre Kinder“, sagt der Erziehungsberater sowohl mit Blick auf den Medienkonsum als auch auf den Umgang mit schockierenden Katastrophenbildern. „Man sollte Gefühle nicht wegreden, aber auch nicht in Panik verfallen.

Man sollte mit Kindern über Ängste reden, wenn sie fragen, ihnen aber auch kein Gespräch darüber aufdrängen“, rät Maurer und sieht vor allem den Elternteil als besonders geeigneten Gesprächspartner, der selbst die Ereignisse schon etwas besser verarbeitet hat.“ Es könne, so glaubt er, für Kinder auch etwas Beruhigendes haben, wenn sie sähen, dass zwar etwas Schreckliches geschehen sei, ihre Eltern aber gut damit umgehen könnten. Dass Kinder unter dem Eindruck von Katastrophenbildern Ängste entwickeln, ist aus Sicht des Erziehungsberater nicht besorgniserregend. Psychologischer Rat sollte erst dann gesucht werden, wenn diese Ängste über mehrere Wochen anhalten.

Bei Jugendlichen, die sich vor allem im Internet oft besser auskennen, als ihre Eltern, rät Mauerer Eltern, ihre Vorbildrolle mit dem eigenen Medienkonsum wahrzunehmen und mit ihren Kindern ganz offen darüber zu sprechen, dass es gerade im Internet Bilder und Filme gibt, die man sich auch als Erwachsener besser nicht anschauen sollte, weil sie zu verstörend sein könnten. Nur solche intensive Gespräche und das eigene Beispiel könnten Jugendlichen „ein kritisches Bewusstsein für den Umgang mit Medien vermitteln.“ Über seine eigene Medienentwicklung sagt Maurer: „Auch für mich gab es Bilder, die ich zu einer bestimmten Zeit besser nicht gesehen hätte.“

Die Evangelische Beratungsstelle für Erziehungs- Ehe- und Lebensfragen am Hagdorn 23 ist telefonisch unter der Rufnummer: 32014 erreichbar. Weitere Informationen im Internet unter: www.beratugstelle.kirche-muelheim.de

Dieser Text erschien am 27. Juli 2010 in der NRZ

Donnerstag, 29. Juli 2010

Wie würde in Mülheim der Krisen- oder Katastrophenfall gemanagt? Ein Gespräch mit Ordnungsdezernent Frank Steinfort

Im Angesicht der Loveparade-Katastrophe in Duisburg befragte ich für die NRZ den zuständigen Ordnungsdezernenten Frank Steinfort zum Mülheimer Sicherheits- und Krisenmanagement bei Großveranstaltungen und Katastrophen.

Wer sitzt mit am Tisch, wenn ein Sicherheits- oder Krisenbewältigungskonzept erarbeitet werden muss?
Bei Großveranstaltungen, wie dem Rosenmontagszug oder dem Reggae-Festival zeichnet der Führungsstab der Feuwehr für das Sicherheitskonzept verantwortlich. Geleitet wird dieser Führungsstab vom Feuerwehrchef Burkhard Klein oder seinem Stellvertreter Sven Werner. Neben der Feuerwehr sitzen dann auch andere Mülheimer Hilfsorganisationen, wie etwa die Johanniter Unfallhilfe, das Rote Kreuz, der Malteser Hilfsdienst oder das Technische Hilfswerk, die Polizei und das Ordnungsamt mit am Tisch.

Wie geht man mit möglichen Sicherheitsbedenken um?
Für alles, was sich im öffentlichen Raum abspielt, ist grundsätzlich das Ordnungsamt zuständig. Es muss nach Ortsbegehungen mit allen Beteiligten und in enger Abstimmung mit der Feuerwehr entscheiden, wo zum Beispiel welche Zufahrten für Feuerwehr und Rettungsdienste freizuhalten oder welche Absperrmaßnahmen vorzunehmen sind. Im Vorfeld des Reggae-Festivals gab es auch Einwände von einigen Einwohnern, die sich aber vor allem auf die Lärmbelastung bezogen. Grundsätzlich muss das Ordnungsamt zwischen den Belangen der Anwohner, der Veranstalter und dem öffentlichen Interesse an einer Veranstaltung abwägen. Macht es zum Beispiel Sinn, ein ganzes Wohnviertel abzusperren, um den Zufluss von Fremdparkern zu verhindern? Klar ist. Falschparker, die in Zufahrten für Feuerwehr und Rettungsdienste stehen, werden sofort abgeschleppt.

Musste in Mülheim auch schon mal ein Krisenstab gebildet werden?
Bei einer Großveranstaltung war das bisher noch nicht der Fall, aber bei der Vogelgrippe 2006, beim Orkan Kyrill im Januar 2007 und bei der Schweinegrippe 2009. Es geht bei der Bildung eines Krisenstabes ja nicht so sehr um die Zahl von Veranstaltungsteilnehmern, sondern um das zu erwartende Gefährdungspotenzial. Das wäre vielleicht bei einer großen Demonstration von Neo-Nazis gegeben, aber nicht beim Rosenmontagszug mit seinen bis zu 100 000 Besuchern. Dieses Risiko war aber sowohl bei den Verwüstungen durch Kyrill oder bei der Vogel- und Schweinegrippe gegeben, als wir fürchten mussten, dass der Erreger vom Tier auf den Menschen überspringt.

Wer gehört dem Krisenstab an?
Der Krisenstab wird von mir in meiner Funktion als Ordnungs- und Sicherheitsdezernent geleitet, damit die Oberbürgermeisterin im Krisenfall den Rücken frei hat, um Presseerklärungen abzugeben oder sich vor Ort ein Bild zu machen. Neben Feuerwehr, Polizei und Ordnungsamt, sitzen dann auch alle Fachbereiche mit am Tisch, die je nach Bedarf, involviert sind, zum Beispiel das Gesundheitsamt oder andere Dienste. Eine Schlüsselrolle spielt der ärztliche Leiter Rettungsdienst. Das ist für Mülheim der Arzt Thomas Franke, der jeweils zur Hälfte bei der Stadt beziehungsweise der Feuerwehr und beim Evangelischen Krankenhaus arbeitet. Mit am Tisch sitzt aber auch der für die Information der Öffentlichkeit verantwortliche Pressesprecher der Stadt.

Wie arbeitet der Krisenstab im Ernstfall?
Der Krisenstab tagt in der Hauptfeuerwache, zurzeit noch unter beengten Verhältnissen an der Aktienstraße und demnächst in der neuen Feuerwache an der Duisburger Straße. Im Ernstfall bilden Mitarbeiter der Feuerwehr ein Sekretariat für den Krisenstab, in dem die Lageberichte von Polizei und Rettungsdiensten eingehen und sofort beurteilt und in Entscheidungen umgesetzt werden können. Im Fall von Kyrill standen wir zum Beispiel vor der Frage, woher bekommen wir zusätzliche Motorsägen, um umgestürzte Bäume zu beseitigen. Im Fall von Vogelgrippe und Schweinepest mussten wir etwa die Frage beantworten, wie viel Impfstoff wir brauchen, wer zuerst geimpft werden sollte und wie die Versorgung der Bevölkerung sichergestellt werden könnte, wenn die Geschäfte wegen einer Epidemie geschlossen werden müssten. Bei einem massenhaften Anfall von Verletzten tritt ein Notfallplan in Kraft, der zurzeit überarbeitet wird. Die Rettungsdienste werden über eine Mobilfunkkette alarmiert. Der ärztliche Leiter Rettungsdienst muss sich vor Ort ein Bild machen, um zu entscheiden, wo ein Behandlungsplatz für Verletzte eingerichtet werden kann und wer wo mit welcher Priorität behandelt werden muss. Mit unseren eigenen Kräften vor Ort können wir bis zu 50 Verletzte versorgen. Käme es zu mehr Verletzten, müssen wir auswärtige Hilfe anfordern.

Wer hat im Ernstfall das letzte Wort und die Verantwortung?
Das bin ich in meiner Funktion als Leiter des Krisenstabs. Deshalb werden auch alle Entscheidungen des Krisenstabs protokolliert, damit sie im Falle einer Untersuchung nachzuvollziehen sind. Das bedeutet im Ernstfall, dass ich auch zum Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen werden könnte. Deshalb würde ich auch nie gegen einen begründeten Rat der Fachleute von Feuerwehr oder Polizei entscheiden. Dafür sind die Leute dort zu gut ausgebildet.

Kann man sich auf ein solches Krisenmanagement vorbereiten?
Wir haben alle zwei bis drei Jahre eine Übung des Krisenstabes, in der wir Krisenszenarien nachstellen. Einmal haben wir zum Beispiel den Absturz eines großen Passagierflugzeuges in der Stadtmitte simuliert. Da ging es ganz schön zur Sache.
Macht Sie diese Verantwortung für den Ernstfall manchmal schlaflos?
Nein. Dafür bin ich ausgebildet. Man muss damit umgehen können. Das ist eine Typfrage. Und ich weiß: Jeder kann immer nur sein Bestes tun.

Machen die Duisburger Ereignisse Sie nachdenklicher und skeptischer, wenn es darum geht, Großveranstaltungen nach Mülheim zu holen?
Ja. Sicher. Absolut.

Zur Person: Stadtdirektor Frank Steinfort (52) ist seit elf Jahren als Dezernent im Verwaltungsvorstand für die Bereiche Recht, Sicherheit, Ordnung, Personal und Organisation verantwortlich. Vor seiner Zeit in Mülheim war der gebürtige Duisburger zehn Jahre lang als Referent für die Bereiche kommunales Verfassungsrecht, Bauordnungs- und Planungsrecht beim Deutschen Städtetag in Köln tätig. Nach dem Abitur hatte Steinfort zunächst eine Banklehre bei der Dresdner Bank absolviert und anschließend an der Universität Bonn Rechtswissenschaft studiert. Zwischen seinem ersten und zweiten Staatsexamen schrieb Steinfort eine Doktorarbeit über die verfassungsrechtlichen Grundlagen der Veröffentlichungsfreiheit des Wissenschaftlers. Als Assistent an der Juristischen Fakultät Bonn und als Referendar beim Amtsgericht und der Staatsanwaltschaft Duisburg, bei der Stadtverwaltung Linz am Rhein und in Rechtsanwaltspraxen in Düsseldorf und Köln sammelte der Jurist erste Berufserfahrungen.
Der seit 1986 verheiratete und inzwischen zweifache Familienvater Frank Steinfort ist Mitglied der CDU.

Dieser Text erschien am 27. Juli 2010 in der NRZ

Ortstermin an der Hügelstraße: Anwohner bezweifeln die Bremswirkungen der dort aufgestellten Baken


Eigentlich wollte die Bezirksvertretung 2 den Anwohnern der Hügelstraße mit der Aufstellung von Baken, die die Fahrbahn einengen, und das Rasen unmöglich machen, einen Gefallen tun. Bürgerbeschwerden und anschließende Geschwindigkeitsmessungen führten im Oktober 2009 zu einem entsprechenden Beschluss, der jetzt in die Tat umgesetzt wurde.


„Doch die Situation ist seitdem eher schlechter als besser geworden“, betont Anwohner Siegfried Tromborg. Seine Nachbarin Käthe Schwechten beobachtet immer wieder Autofahrer, die angesichts der Baken, Gas geben statt zu bremsen, sobald die Fahrbahn frei ist, weil sie den Gegenverkehr fürchteten und nicht stehen bleiben wollten.Jürgen Schulmann und seine Frau Brigitte finden: „Das Geld hätte man sich sparen können.“ Außerdem bedauern sie den Wegfall von Parkbuchten und hätten sich eine frühzeitige Einbindung der Anwohner gewünscht.Statt der Baken kann sich Schwechten eine Fahrbahnmarkierung oder ein Tempo-30-Schild auf der Hügelstraße vorstellen.Doch Bezirksvertreter Roland Chrobok (CDU) und Helmut Voß vom Tiefbauamt sind sich einig, dass man das Raser-Problem eher durch Baken als durch Schilder oder Fahrbahnmarkierungen in den Griff bekommen kann.


„Wir wollen uns der Diskussion mit den Anwohnern nicht verschließen und müssen vielleicht darüber nachdenken, wie man sie noch besser einbinden kann“, sagt Chrobok, will den Anwohnern in der Sache aber keine Hoffnungen auf eine Revision des BV-Beschlusses machen. Er kann sich aber vorstellen, die rot-weiß-gestreiften Baken mit Baustellencharme durch schmucke Blumenkübel zu ersetzen. Seine BV-Kollegin Sabine Schweizerhof von WIR aus Mülheim, die seiner Zeit gegen die Aufstellung der Baken gestimmt hat, hat Verständnis für den Unmut der Anwohner und glaubt, dass sich Parkbuchten und Fahrbahnmarkierungen besser ins Straßenbild einfügen.


Jetzt sollen erneute Geschwindigkeitsmessungen die Bremswirkung der Baken überprüfen und Straßenplaner Voß ist davon überzeugt, dass die Baken an der Hügelstraße ebenso die Raser ausbremsen, wie sie das bereits auf anderen Straßen getan haben.


Dieser Text erschien am 23. Juli 2010 in der NRZ

Montag, 26. Juli 2010

Wie Realschüler von der Mellinghofer Straße ihre Kompetenzen für das Berufsleben checken ließen




Auch wenn sie jetzt ihre verdienten Sommerferien genießen, haben einige der Neuntklässler von der Realschule an der Mellinghofer Straße in diesen Wochen einen Termin mit Friedrich Mosch, sozusagen ein Nachspiel. Mosch ist Berufsberater bei der Agentur für Arbeit an der Kaiserstraße.In der letzten Woche des abgelaufenen Schuljahres schaute er im Rahmen einer Berufsorientierungswoche in der Dümptener Realschule vorbei, um die Kompetenzen der Neuntklässler zu testen. Das kam gerade recht. Denn die Neuntklässler müssen sich schon jetzt um ihre Bewerbung kümmern, wenn sie nach ihrem Abschluss in der Klasse 10 einen Ausbildungsplatz bekommen wollen.Doch welcher Beruf ist der Richtige?




„Es ist sehr schwer, sich selbst objektiv einzuschätzen“, findet nicht nur Nathalie Garbe. Ein Online-Kompetenzcheck, den die vom Land NRW und der Wirtschaft getragene Stiftung Partner für Schule entwickelt hat, geben ihr und ihren Mitschülern eine erste Orientierungshilfe. Unter www.komptenzcheck.de absolvieren sie im Computerraum ihrer Schule einen Test, der einem klassischen Einstellungstest nachempfunden ist.Da müssen zum Teil in Sekunden Schnelle mathematische Aufgaben gelöst werden. „Gar nicht so leicht, sich in vier Sekunden für die richtige Lösung zu entscheiden“, meint nicht nur Janina Bölefeld. Auch die anderen Aufgaben, bei denen zum Beispiel der Verlauf einer Zahnradreihe nachvollzogen werden oder im Vergleich von vier gedrehten und dreidimensionalen Buchstabenbildern das Ursprungsbild herausgefunden werden muss, haben es in sich.„Die Schüler sollen zu einer realistischen Selbsteinschätzung ihrer Leistungs- und Konzentrationsfähigkeit kommen“, erklärt Klassenlehrerin Gritt Freiberg-Scheidt das Testverfahrens, bei dem neben dem mathematischen und räumlichen Denken auch das Textverständnis und soziale Kompetenzen auf den Prüfstand kommen.




„Ich kann gut Kontakte knüpfen“, freut sich Nathalie Garbe nach der Auswertung ihres Tests, in dem sie bestimmte Alltagssituationen spontan und goldrichtig als eher kommunikativ oder informativ eingeschätzt hat. Nathalie möchte gerne im Büro arbeiten. Doch Berufsberater Mosch weist sie beim Auswertungsgespräch darauf hin, dass ihre Testergebnisse auch ein gutes technisches und räumliche Verständnis ausweisen.




In den Einzelgesprächen, die er während der Sommerferien vertiefen will, kämpft Mosch immer wieder gegen „Klischees im Kopf“ und dafür „bei der Berufswahl frei heranzugehen“ und auch Alternativen zum vermeintlich allein selig machenden Traumberuf in den Blick zu nehmen. Und so stellt sich etwas heraus, dass Nathalie schon oft ihrem Vater, einem Elektriker bei der Arbeit zugeschaut und assistiert hat. Vielleicht wäre eine technischer Beruf für sie ja auch ein sinnvoller Weg. Gesprächsstoff für einen persönlichen Beratungstermin in der Agentur für Arbeit.




Was den 60-jährigen Berufsberater überrascht, ist die Tatsache, dass er in Beratungsgesprächen immer noch und immer wieder auf geschlechtsspezifische Klischeevorstellungen trifft. „Viele Eltern können sich ihre Tochter eher als Bürokauffrau denn als Elektrikerin vorstellen.“ Gerne bittet Mosch deshalb auch die Eltern zu den Beratungsgesprächen in der Agentur dazu, um genau abzugleichen, wie sie ihre Kinder sehen und wie diese wiederum sich selbst und ihre Fähigkeiten einschätzen.Viel Aufklärungsarbeit muss Mosch auch leisten, wenn es darum geht, dass immer noch sehr traditionell begrenzte Spektrum der zur Auswahl stehenden Berufsbilder zu weiten. „Wenn jemand zum Beispiel gut mi Zahlen umgehen kann, muss er nicht automatisch Bankkauffrau oder Bankkaufmann werden, sondern kann auch im als Lagerfachkraft im Bereich Logistik Karriere machen“, betont Mosch. Aus der Berufsorientierungswoche an der Realschule Mellinghofer Straße hat der Berufsberater den Eindruck mitgenommen, „dass die Realschüler nicht schlechter als früher sind und mit ihrer praxisorientierten Schulausbildung eine guteBeufsperspektive haben“ Längst spürt Mosch bei den jungen Leute eine Trendwende, hin zu der Erkenntnis, dass Abitur und Studium auf dem heutigen Arbeitsmarkt kein Allheilmittel und kein Königsweg mehr sind.




Dieser Text erschien am 22. Juli 2010 in NRZ und WAZ

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...