Dienstag, 17. Januar 2017

So gesehen: Wie Merkel in Mülheim

Kannst du dir nicht auch mal einen Job für jährlich 250.000 Euro besorgen? Das fragte mich meine Mutter gestern beim Frühstück. Da hatte sie schon den Bericht über die offensichtlich nicht nur gut gelaunten, sondern auch gut verdienenden Vorständen unserer neuen kommunalen Nahverkehrsgesellschaft gelesen.

Nachdem ich ihn gelesen hatte, musste ich ihr kleinlaut zugeben, dass ich mich mit meinem Einkommen in einer anderen Galaxie als die Chefs der neuen Nahverkehrsgesellschaft bewege. Sie stehen immerhin am Steuer eines großen Verkehrsunternehmens, während ich mit meinen Artikeln bestenfalls ein wenig die öffentliche Meinung steuern könnte, wobei ich mir im digitalen Smartphone-Zeitalter keinen Illusionen über die Reichweite des noch so gut formulierte und gedruckten Wortes mache.

Und was soll erst die Bundeskanzlerin sagen! Sie steuert ein ganzes Land und verdient trotzdem einen Tick weniger als unsere neuen Steuermänner.

Liebe Frau Merkel! Wenn Sie mal keine Lust mehr auf den Dienstverkehr mit Trump & Co.. Kommen Sie doch einfach mal nach Mülheim und setzen sie unseren Nahverkehr auf die richtige Schiene. Und wenn Sie nicht wissen, was Sie mit ihrem Gehaltszuschlag machen sollen, spenden Sie ihn einfach ihrem neuen Arbeitgeber und senken damit die Fahrpreise und verdichten die Taktzeiten. Dann werden Sie hier, wie Gott in Frankreich oder besser, wie Merkel in Mülheim leben und von den dankbaren Fahrgästen auf Händen getragen. Und wer soll dann Bundeskanzler werden? Wir da zwei Steuermänner, die auch mal etwas weniger verdienen dürften.


Dieser Text erschien am 14. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 16. Januar 2017

Eckhard Schwarz: Der Handwerker Gottes

„Eigentlich bräuchten wir heute mal wieder eine Reformation“, sagt der Eckhard Schwarz, Küster der Speldorfer Lutherkirche. Luthers Kampf gegen den Ablasshandel der katholischen Kirche anno 1517 ist für den Vater von zwei erwachsenen Töchtern auch heute noch aktuell. „Denn Luther hat damals klar gemacht, dass der Wert eines Menschen nicht von seinem Geldbeutel abhängig ist.“

Doch ganz ohne Geld geht es in diesem irdischen Leben eben auch nicht. So musste vor einigen Jahren der gelernte Elektroinstallateur nach einem neuen Arbeitsplatz suchen, nachdem er feststellen musste, dass er den Wechselschichtdienst in einem Werk, in dem er an der Herstellung von Elektroplatinen beteiligt war, gesundheitlich nicht mehr verkraftete. Einer Zeitungsanzeige sei Dank, fand er eine neue Stelle als Küster der Lutherkirche. Das war 2004. „Ich war Mitglied der evangelischen Kirche und habe mit meinen Töchtern alle christlichen Feste gefeiert. Aber ich war kein besonders frommer Kirchgänger“, erzählt Schwarz.

Doch durch seinen neuen Arbeitsplatz ist er schon von berufs wegen zum Kirchgänger geworden. Was mache ich Heiligabend und Silvester? Und wo gehe ich sonntags hin? Für Schwarz ist das keine Frage, natürlich in die Lutherkirche.

„Wenn man am Wochenende nicht bis in die Puppen feiern kann, kostet das auch schon mal die eine oder andere Freundschaft“, erzählt der Küster. Doch Schwarz hat durch seinen ganz handfesten und bodenständigen Job im Dienste des Herrn auch neue Freunde gewonnen. Zu seinen Aufgaben zählen Kirchenbänke, Tische und Stühle leimen, Kerzen besorgen und austauschen, defekte Heizungsventile reparieren, Bierzelt-Garnituren fürs Gemeindefest aufstellen, das Gemeindehaus aufschließen, fürs Kirchencafé und den Frühstückstreff einkaufen und eindecken oder dafür sorgen, dass die Mikrofonanlage und der Videobeamer bei der nächsten Veranstaltung im Gemeindehaus funktionieren.

Gerne stellt er zum Beispiel vor Weihnachten mit einigen Presbytern den sieben Meter hohen Christbaum in der Lutherkirche auf. „Das ist immer auch eine gesellige Angelegenheit, bei der wir auch das eine oder andere Glas Glühwein trinken“, erzählt Eckhard Schwarz.

„Mein heutiger Beruf hat mich offener und sensibeler gemacht“, sagt der 54-Jährige. Wenn er in der offenen Kirche an der Duisburger Straße zu tun hat, neue Kerzen aufstellt, die Licht- und Tontechnik wartet, Gesangbücher auslegt oder den Altar- und Kanzel-Schmuck erneuert, kommen auch schon mal Menschen in das 135 Jahre alte Gotteshaus, um mit ihm über ihr Leben zu sprechen und das, was sie beschwert. Natürlich verweist er dann auch immer an die Pfarrer der Gemeinde. „Ach, Sie sind doch der Küster“, hört er dann und hört erstmal zu. Das gilt natürlich auch für Menschen, die in die Kirche kommen, weil sie dort heiraten oder einen Trauergottesdienst abhalten möchten.

In Gesprächen mit Menschen außerhalb der Kirche merkt er immer wieder: „Für viele Leute ist die Religion heute bestenfalls zur Nebensache geworden.“ Wenn etwa in Kneipengesprächen schon mal die Sprache auf seinen Beruf kommt, hört er auch Sätze, wie: „Was? Du arbeitest für die Himmelskomiker?“

Er selbst hat die Kirche durch seinen Beruf anders und eben von innen kennen gelernt. Als er seinen Dienst antrat, setzte er sich auch intensiv mit der Bibel und der kirchlichen Liturgie auseinander. „Manchmal weiß ich auch nicht, was unsere Pfarrer noch tun sollen. Sie sind schon sehr modern, kümmern sich auch persönlich um Menschen und gehen zum Beispiel auch in unterschiedlichen Themengottesdienste auf ihre Anliegen und Lebenslagen ein“, sagt Schwarz.

Ob Seniorenmittagstisch, Adventsfeier, Spielenachmittag oder Kinoabend - wenn Schwarz mit Menschen ins Gespräch kommt, die ins Gemeindehaus an der Duisburger Straße kommen, das er vom Keller bis zum Dach in Schuss halten muss, merkt er immer wieder, dass Kirche für sie eine Oase der Gemeinschaft und der Sinnerfahrung ist.

Wenn der Küster nicht gerade in der Kirche oder im Gemeindehaus zu tun hat, gibt es für ihn vielleicht etwas im Gemeindekindergarten oder im Jugendhaus der Gemeinde zu reparieren oder er holt beim Kirchenamt im Altenhof die Gemeindepost ab und vergisst nicht die letzte Sonntagskollekte ordnungsgemäß bei der Bank einzuzahlen.

„Meine Arbeit ist sehr vielseitig. Ich kann relativ selbstständig arbeiten. Und ich komme mit vielen Menschen zusammen“, sagt der Küster während er die Grünflächen an der Lutherkirche auf Vordermann - und anschließen einen losen Pflasterstein auf dem Vorplatz der Kirche in Reih und Glied bringt. Und wenn man den Küster mal länger nicht im Umfeld der Lutherkirche sieht, dann ist er vielleicht mit seiner Partnerin in Urlaub, etwa auf Lanzarote oder zuletzt in St. Petersburg.


Dieser Text erschien am 14. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 15. Januar 2017

Die Katholische Stadtkirche zeichnet Hans-Theo Horn mit der Nikolaus-Groß-Medaille aus

Rolf Völker (von links) Bernhard Groß, Franz Grave, Ulrich Scholten
Hans-Theo Horn und Michael Janßen
Die katholische Stadtkirche hat den ehemaligen Kulturdezernenten der Stadt, Hans-Theo Horn, mit der Nikolaus-Groß-Medaille ausgezeichnet. Damit würdigt die 51.000 Mitglieder starke und in drei Pfarrgemeinden organisierte Stadtkirche das kirchliche Engagement des 75-Jährigen.

Der dreifache Familienvater war 19 Jahre lang Pfarrgemeinderat von St. Mariae Himmelfahrt und gehört bis heute dem Vorstand der Caritas an. Im Kulturhauptstadtjahr 2010 war Horn Mitglied in der Lenkungsgruppe für das Kulturprogramm des Bistums. Er hat eine Stiftung zur Unterstützung des katholischen Sozialverbandes und zum Erhalt des Klosters Saarn ins Leben gerufen. Sein Name verbindet sich mit der Restaurierung der Saarner Klosteranlage, die heute unter anderem als Bürgerbegegnungsstätte genutzt wird. Auch die über die Stadtgrenzen hinaus bekannte Konzertreihe "Musik im Kloster Saarn" wurde von Horn, Mitte der 80er Jahre, ebenso mit initiiert, wie das 2008 eröffnete Klostermuseum.

Mülheims Alt-Oberbürgermeisterin Dagmar Mühlenfeld bescheinigte Horn in ihrer Laudatio, sein von der heiligen Katharina von Siena stammendes Lebensmotto: "Nicht das Beginnen, sondern das Durchhalten wird belohnt" beherzigt und in die Tat umgesetzt zu haben.

Der Geehrte stellte fest: "Ich habe vor allem meiner Frau Christa und meiner Familie zu danken, die mein Engagement mitgetragen und mir den Rücken gestärkt haben. Ohne sie und viele andere Wegbegleiter, die mir vertraut und an mich geglaubt haben, hätte ich nicht leisten können, was ich geleistet habe."

Besonders viel Beifall bekam der emeritierte Weihbischof Franz Grave von den 140 Gästen des Neujahrsempfanges für eine starke und frei gehaltene Rede. "Wir müssen als Christen welttüchtig und nicht weltflüchtig sein", appellierte Grave und warnte die Christen an der Ruhr angesichts schwieriger Rahmenbedingungen von Rückzug in Lethargie und Depression. Am Beginn des Reformationsjahres forderte der als Seelsorger in St. Mariae Geburt engagierte Grave mutige Fortschritte in der Ökumene. "Es darf nicht beim gemeinsamen Feiern eines Jubiläums bleiben", betonte er.

Mit Blick auf das Jahr der Landtags- und der Bundestagswahl forderte Grave die christlichen Kirchen auf, "ihr politisches Gewicht gemeinsam in die Waagschale zu werfen." Gleichzeitig forderte er die Bürger dazu auf, ihr Wahlrecht verantwortungsvoll wahrzunehmen. Mit Blick auf die AFD stellte der Weihbischof fest: "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein Christ, der das Evangelium ernst nimmt, diese Partei wählen und die Flüchtlinge links liegen lassen kann."


Der Vorsitzende des Katholikenrates, Rolf Völker, nutzte den Neujahrsempfang im Altenhof, um auf die existenziellen Sorgen der katholischen Ladenkirche am Kohlenkamp hinzuweisen. Das Mitarbeiterteam der Ladenkirche, so Völker, sei dringend auf neue ehrenamtliche Helfer angewiesen. Außerdem sei die Miete nur noch bis zum September 2017 gesichert. Jetzt will man Fördermittel aus dem Innovationsfonds des Bistums beantragen.

Dieser Text erschien am 7. Januar 2017 im Neuen Ruhrwort

Freitag, 13. Januar 2017

Ein Zeitsprung am Löhberg

Der Löhberg 2017 und 1855: Das historische Foto stammt
aus dem Meduenzentrum der Stadt Mülheim.

Heute führt uns ein Foto aus dem Medienzentrum der Stadt in den Löhberg des Jahres 1955. Wir sehen Abrissarbeiten und schauen auf ein großes Gebäude, das auf der Fahrbahn der heutigen Leineweberstraße steht. Außerdem erkennt man den Turm der 1929 eingeweihten Kirche St. Mariae Geburt.

„Das große Gebäude auf der Leineweberstraße war das Lebensmittelgeschäft Künzel. Und weiter vorne auf der rechten Seite sieht man die Gaststätte Pils Lumma“, erinnert sich der Mülheimer Walter Neuhoff. Er war damals 19 Jahre jung und erlebte den stürmischen Wiederaufbau der vom Krieg gezeichneten Stadt.

Wie man auf dem Foto erkennt, war der untere Löhberg schon damals eine Straße voller kleiner Geschäfte. Auch heute findet man hier unter anderem drei Gaststätten, eine Buchhandlung, einen Augenoptiker und einen Juwelier sowie einen Massagesalon und ein Geschäft für Computerspiele und Handys. Mitte der 50er-Jahre war der Löhberg noch keine Fußgängerzone, zu der sie erst am Ende der 70er werden sollte. Mitte der 50er-Jahre erhielt die Leineweberstraße einen ganz neuen Verlauf und wurde, auch mit Blick auf den zunehmenden Autoverkehr, zur Ost-West-Achse ausgebaut.

Auch zehn Jahre nach Kriegsende musste die Innenstadt noch um- und wieder aufgebaut werden. Denn der große Luftangriff der Royal Air Force vom 22. und 23. Juni 1943 hatte 77 Prozent der innerstädtischen Gebäude entweder zerstört oder zumindest beschädigt. 44 Prozent aller innerstädtischen Wohnungen waren bei Kriegsende am 11. April 1945 zerstört.

Dieser Text erschien am 9. Januar 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 12. Januar 2017

So gesehen: Dünner Takt und dicker Hals

Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige. Gut, dass ich keiner bin. Den gestern kam ich unpünktlich zu einem wichtigen beruflichen Termin.

Denn auch meine Straßenbahn mit der ich rechtzeitig ans Ziel kommen wollte, war nicht nur nicht pünktlich. Sie kam einfach nicht.

Keine Anzeige, keine Durchsage. Selbst der Service-Mann vor Ort wusste von nichts und konnte nur auf die nächste Bahn verweisen, die dann immerhin pünktlich kam, so dass sich meine Verspätung noch in erträglichen Grenzen hielt. Dafür wurde ich dann auch gleich von zwei freundlichen Herrn kontrolliert und nach meinem Fahrausweis gefragt.

Da fragte ich mich als Fahrgast und König Kunde, wer eigentlich die Pünktlichkeit und das Preis-Leistungs-Verhältnis der Mülheimer Busse und Bahnen kontrolliert, deren Fahreise regelmäßig nach oben und deren Takt regelmäßig nach unten angepasst wird. Doch darauf konnten mir die freundlichen Kontrolleure der Mülheimer Verkehrsgesellschaft auch keine Antwort geben. In dem der Takt von Bussen und Bahnen ausgedünnt wird, wird der Hals der Fahrgäste dicker. Wer kann, steigt um, aufs Auto. Doch damit wird auch die Luft in unserer Stadt wieder dicker, einschließlich der Hälse der Autofahrer, die im Stau stehen. Operation gelungen. Patient tot.

Dieser Text erschien am 12. Januar 2017 in der Neuen Ruhr Zeitung

Mittwoch, 11. Januar 2017

Wolfgang Hausmann. Der Botschafter des guten Buches

Wolfgang Hausmann
In seinem Berufsleben war er Versicherungskaufmann.Doch seine Leidenschaft gehörte stets der Literatur. "Eugen Roth, Joachim Ringelnatz, Erich Kästner, Kurt Tucholsky, Eva Strittmatter oder Sarah Kirsch haben uns auch heute noch viel zu sagen, selbst wenn sie schon lange nicht mehr unter den Lebenden weilen", findet Wolfgang Hausmann. Warum? "Sie haben es verstanden, elementare Dinge des Lebens in ganz wendigen Sätzen auf den Punkt zu bringen", sagt der Mülheimer Rezitator, der auch in diesem Jahr, etwa im Heißener Kulturzentrum Fünte, aber auch im Bismarckturm oder im Krug zur Heimaterde die alten und doch modernen Meister der pointierten Literatur an den Mann und die Frau bringen wird.

Wer seine Lesungen miterlebt, begreift sofort wie aktuell die modernen Klassiker aus seinem Bücherschrank sind, zu denen er auch Wilhelm Busch zählt, der eben weit mehr zu zeichnen und zu erzählen wusste, als Max und Moritz.


Die hohe Kunst des guten und musikalisch begleiteten Vorlesens, das im Kopf des Zuhörers ein Kino in gang setzt, hat Hausmann bereits in den 70er Jahren beim Altmeister Lutz Görner und später bei dessen "Zauberlehrling" Oliver Steller kennen, schätzen und beherrschen gelernt. Dem Engagement Wolfgang Hausmanns, etwa als dem langjährigen Spiritus Rector des Freundeskreises der Kultur und Musik in der Heimaterde, haben die Mülheimer Literaturfreunde viele anregende Abende mit Görner und Steller zu  verdanken.

Jetzt startete Hausmann seine eigenen Literaturabende 2017 mit dem Münchener Lokaljournalisten und Schriftsteller Eugen Roth ("Ein Mensch"), der von 1895 bis 1976 gelebt und geschrieben hat.


Aha- und Wiederkennungseffekte sind auch für heutige und Zuhörer unvermeidlich. Zu Risiken, Nebenwirkungen und geistigem Mehrwert fragen sie Wolfgang Hausmann oder schauen Sie auf seine Internetseite www.wolfgang.hausmann-ruhr.de




Dienstag, 10. Januar 2017

Jüngster im Rat mischt politisch mit: Viel Arbeit, wenig Freizeit und einige neue Erfahrungen: So bilanziert Jan Vogelsang (20) sein erstes Jahr im Mülheimer Stadtrat

Jan Vogelsang
Jan Vogelsang sitzt fast jeden Tag vor seinem Computer und schaut ins Internet. Das ist für einen 20-Jährigen keine Seltenheit. Seltenheitswert hat es aber dann, wenn er im städtischen Archiv die Ratsvorlagen studiert. Dass dieser nicht immer leicht verdauliche Lesestoff sein tägliches Brot ist, hat damit zu tun, dass der Jurastudent Mülheims jüngster Stadtverordnete ist.

Als junger Sozialdemokrat rückte er im September 2015 für seinen Parteifreund und damals neu gewählten Oberbürgermeister Ulrich Scholten ins Stadtparlament nach. Wie hat sich sein Leben im ersten Ratsjahr 2016 verändert? „Ich habe wenig Freizeit und versuche mit maximal sieben Stunden Schlaf auszukommen“, sagt Vogelsang. Sein Leben zwischen Universität, Stadtrat, Parteigremien und einem der Studienfinanzierung geschuldeten Gelderwerb im Getränkemarkt, fordern ihren Zehn- bis Zwölf-Stunden-Tag.

Dennoch macht Vogelsang keinen gestressten, sondern einen in sich ruhenden Eindruck. „Ich bereue meinen Einzug in den Rat nicht, auch wenn er mich viel Zeit und Arbeit kostet, weil ich durch meine kommunalpolitische Mitarbeit sehr viele interessante Menschen und Institutionen meiner Stadt kennen lerne“, betont er.

Fraktionssitzungen, Ausschusssitzungen, Teilnahme an parteiinternen Themenforen, Präsenz an öffentlichen Infoständen sowie Teilnahme an Ortsvereins- und Unterbezirkssitzungen und nicht zu vergessen die regelmäßige Rückkopplung mit dem SPD-Nachwuchs der Jusos, bei denen Vogelsang schon vor seinem Einzug in den Rat aktiv war, zeigen dem parlamentarischen Novizen, „dass Kommunalpolitik viel Zeit und Ausdauer braucht“.

Doch das oft schwerfällige und langwierige Prozedere der Demokratie nervt den angehenden Juristen nicht so sehr, „wie die Tatsache, dass sich, wie zuletzt bei der Verabschiedung des Haushaltes, bestimmte Fraktionen, sich wider besseren Wissens nicht an die Absprachen halten, auf die man sich vorher nach langen Beratungen und auf einer gemeinsam festgestellten Faktenlage geeinigt hat.“

Doch Vogelsang schaut auch auf Erfolgserlebnisse in seinem ersten Ratsjahr zurück. Als solche sieht er, „dass ich mit entsprechender Überzeugungsarbeit daran mitarbeiten konnte, dass der Jugendstadtrat nun in allen Ratausschüssen beratend mit dabei ist und dass die Stadt die für das in seiner Existenz bedrohte und aus allen Nähten platzende Frauenhaus notwendigen Geldmittel bereitgestellt hat. Um dessen Arbeit zu unterstützen, trat er in den Förderverein ein.

Weil sich der Student schon als Schüler für Politik, Wirtschaft und Finanzen interessierte, lag es nahe, sich für eine Mitarbeit in den Ausschüssen für Finanzen, Wirtschaft, Bildung und Sport zu entscheiden.

Eine wichtige Erfahrung sei es, „von der Lebenserfahrung älterer Kollegen profitieren zu können und gleichzeitig als junger Kopf mit frischen Ideen ernst genommen und wertgeschätzt zu werden.“

Als derzeit wichtigste politische Aufgabe, sieht es Vogelsang „die finanzpolitische Fähigkeit der Stadt auch mit Hilfe des NRW-Stärkungspaktes zu sichern und langfristig durch konsequente Haushaltskonsolidierung wieder auszubauen.“ Daran müssten vor allem die jungen Mülheimer mehr interessiert sein als etwa am Nachtleben, „weil sie noch etliche Jahrzehnte in dieser Stadt leben und arbeiten müssen.

Wenn sich der Holthausener SPD-Stadtverordnete etwas für das neue Jahr wünschen dürfte, dann vor allem „eine bessere Verkehrsführung an der Oppspring-Kreuzung, dass die Stadt ihr wirtschaftliches Potenzial für neue Arbeitsplätze ausschöpft und „dass wir als Ratsmitglieder den Bürgern die Kommunalpolitik besser erklären können“.


Dieser Text erschien am 9. Januar 2017 in NRZ/WAZ

Leder, made in Mülheim

  Ende Juli wurde an der Lahnstraße Mülheims letzter Lederindustriebetrieb geschlossen. Damit ging eine wirtschaftliche Erfolgsgeschichte zu...