Donnerstag, 8. September 2016

Menschen. die uns Mut machen: Peter Brill und Eva Gerhardy engagieren sich ehrenamtlich im Saarner Flüchtlingsdorf

Eva Gerhardy und Peter Brill im Saarner
Flüchtlingsdorf des Deutschen Roten Kreuzes
65 Millionen Menschen sind derzeit weltweit als Flüchtlinge unterwegs. 2500 von ihnen sind bei uns in Mülheim angekommen. Allein 450 Flüchtlinge aus Afghanistan, Syrien, Irak, Iran, Albanien und Eritrea haben ein Obdach im Flüchtlingsdorf des Deutschen Roten Kreuzes an der Mintarder Straße gefunden.
Damit ihnen das Dach nicht auf den Kopf fällt, während sie auf die Anerkennung ihres Asylanspruchs warten, sorgen unter anderem 200 ehrenamtliche Helfer dafür, dass sie sinnvoll beschäftigt werden. Zwei von ihnen sind der 70-jährige Peter Brill und die 48-jährige Eva Gerhardy. Beide kommen, wie der stellvertretende Vorsitzende des DRKs, Frank Langer, aus der Saarner Nachbarschaft des Flüchtlingscamps. Beide haben sich von ihm für eine ehrenamtliche Mitarbeit in der Flüchtlingshilfe des Roten Kreuzes gewinnen lassen und es bis heute nicht bereut.
„Ich habe hier viele interessante Menschen kennen gelernt, die mit mir auf einer Wellenlänge sind“, erzählt Eva Gerhardy. Mit ihrem Vorbild hat sie inzwischen auch ihren 18-jährigen Sohn für die ehrenamtliche Mitarbeit im Camp an der Mintarder Straße begeistern können. „Helfen verbindet und erweitert den persönlichen Horizont“, beschreibt Peter Brill seine Erfahrung im Ehrenamt. Während sich der pensionierte Sozialarbeiter und Psychotherapeut zusammen mit acht anderen Männern in einer Fahrradgruppe engagiert, arbeitet Eva Gerhardy als eine von 50 Sprachpaten im DRK-Dorf.
„Wir können hier als Ehrenamtler sehr entspannt ans Werk gehen, weil wir hier in gut funktionierende hauptamtliche Strukturen eingebunden sind“, sind sich Brill und Gerhardy einig. Beide kommen zwei bis dreimal für zwei bis drei Stunden ins Flüchtlingsdorf, so wie es ihre anderweitigen Verpflichtungen erlauben. Gerhardy erarbeitet in Kleingruppen mit je drei bis fünf Flüchtlingen das kleine Einmaleins der deutschen Sprache. Ihr Lehrmaterial hat sich die Mutter und Hausfrau aus dem Internet besorgt. „Die Flüchtlinge sind sehr dankbar für jedes Angebot, dass ihre schwierige Lebenssituation erleichtert und ihnen hilft, hier bei uns anzukommen“, unterstreicht Eva Gerhardy.
„Sprich deutsch“, sagen mir die Flüchtlinge immer wieder, wenn wir bei unseren Radtouren Mülheim entdecken“, erzählt Brill. Sie lieben, so hört man auch von seiner Kollegin Gerhardy, die so grüne, hügelige und friedliche Stadt Mülheim. Dabei stellt der Name Mülheim für viele Flüchtlinge einen echten Angang dar, da sie aus ihren Sprachen keine üs, äs oder ös kennen. „Wenn wir durch die Stadt radeln, sprechen mir die Flüchtlinge Sätze nach, die ich ihnen vorspreche. Es sind Sätze, die sich spontan aus der jeweiligen Situation ergeben. Sätze, wie etwa: „Da sehe ich eine Frau mit Hut“ oder: „Da kommt ein Mann mit einem Hund.“ Auch Verkehrsschilder oder Busfahrpläne sind auf den Touren zum Entenfang, zum Auberg oder nach Kettwig beliebte, weil anschauliche Lernobjekte. In der Regel sind dabei 15 bis 20 Radfahrer mit von der Partie. Die Räder, auf denen man unterwegs ist und die auch schon mal gemeinsam repariert werden, sind übrigens alle von Mülheimer Bürgern gespendet worden, die sich von Brill und seinen ehrenamtlichen Kollegen aus der Fahrradgruppe ansprechen ließen.
„Wenn man mit den Lebens- und Leidensgeschichten der Flüchtlinge konfrontiert wird, begreift man schnell, dass viele Probleme, über die wir uns in unserer Wohlstandsgesellschaft aufregen („Warum kommt der Bus schon wieder zu spät?“) eigentlich keine Probleme sind“, schildert Brill seine Erfahrung. Auch Sprachpatin Gerhardy hat durch ihre Arbeit im Flüchtlingsdorf gelernt, „dass im Leben nichts selbstverständlich ist, auch nicht, sicher in einer friedlichen Stadt zu leben.“ Brill und Gerhardy empfehlen allen Mülheimern, die Angst vor den Flüchtlingen haben, einfach mal ins DRK-Dorf zu kommen, um zu erleben, „dass sie Menschen wie wir sind.“
„Man begegnet sich hier als Mensch auf Augenhöhe und überwindet damit mögliche Berührungsängste“, berichtet Gerhardy, die inzwischen auch schon mal den gemeinsamen Einkauf oder das gemeinsame Kochen in ihren Sprachunterricht einbezogen hat. Schließlich wollen auch Äpfel und Birnen nicht miteinander verwechselt werdeDer leitende Sozialarbeiter des DRK-Flüchtlingsdorfes, Marc Gronenberg, sieht Brill und Gerhardy als zwei von vielen Beispielen dafür, „mit welcher Energie sich die Ehrenamtlichen hier einbringen und sich auch nicht von dem einen oder anderen Problem davon abhalten lassen, immer wieder dran zu bleiben."

Dieser Text erschien im August 2016 im Magazin des Deutschen Roten Kreuzes

Dienstag, 6. September 2016

Zwischen Funkturm, Aussichtsturm und Atelier: Ein Zeitsprung am Bismarckturm


Heute springen wir mit einem Foto-Paar des Mülheimer Fotografen Heiner Schmitz in die frühen 50er-Jahre und landen am Bismarckturm. Die historische Aufnahme hat der zehnjährige Heiner am Tag seiner heiligen Erstkommunion im April 1950 gemacht. Denn er hatte damals eine Retina 6x6 Kamera geschenkt bekommen.

Wie man auf dem alten Foto erkennen kann, war der Bismarckturm damals eine Funkstation der britischen Rheinarmee, vor dem oft Militärlaster geparkt wurden. Nach dem Kriegsende war  Mülheim seit Juni 1945 Teil der britischen Besatzungszone. Die Funknachrichten, die bis 1956 im Bismarckturm eingingen, wurde sofort an das Kommando der Signaltroup Six Highland Brigade weitegeleitet.

Als Kommandantur diente das nur wenige Meter entfernte Haus Urge, in dem heute Zenit residiert. Nach dem Abzug der Briten gab es in Mülheim 1956 eine heftige Kontroverse darüber, ob man den Bismarckturm abreißen und an seiner Stelle neue Wohnungsbauten errichten sollte.

Doch diese Pläne scheiterten am Widerstand der geschichtsbewussten Mülheimer. Stattdessen blieb der 1909 errichtete und in den 70er-Jahren restaurierte Turm stehen und bietet eine 27 Meter hohe Aussichtsplattform mit bester Aussicht auf die Stadt.
Seit 1996 wird der Bismarkturm vom Künstler Jochen Leyendecker als Atelier genutzt. Er öffnet die Türen des Bismarckturms, der einst zum Gedenken an den ersten deutschen Reichskanzler erbaut wurde, regelmäßig für Kunstausstellungen.

Dieser Text erschien am 5. September 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Montag, 5. September 2016

So gesehen: Warte nur ein Weilchen


Manchmal erinnert das Leben an eine Warteschleife. Die Schlange vor der Supermarkt-Kasse, an der man gerade ansteht, ist mit Sicherheit die längste. Ist man pünktlich an der Haltestelle, lässt der Bus auf sich warten. Ist man aber selbst knapp in der Zeit, war er überpünktlich. Also muss man auf den nächsten warten.

Und ein Anruf bei so mancher Service-Hotline „Unsere Mitarbeiter sind leider gerade alle im Gespräch“ ist oft alles andere als ein wohltuendes Dienstleistungserlebnis, sondern ein Geduldspiel.

Doch gestern war ich pünktlich, bekam meinen Bus und war rechtzeitig bei einer Abendveranstaltung. Das dachte ich zumindest, bis ich feststellte, dass der Veranstaltungssaal verschlossen war. Ein Blick auf die Einladung brachte Klarheit. Ich war ausnahmsweise mal vor meiner Zeit. Also warten und Zeitunglesen. Wenn Geduld, der Weg zur Glückseligkeit sein sollte, kann mir nichts mehr passieren. Doch ich fürchte, wenn ich mal das Zeitliche segne, wird mir Petrus mit Blick auf meine Warteschleifen auf dieser Welt und die eine oder andere Sünde wohl noch die eine oder andere Warterunde im Fegefeuer verpassen. Aber dann habe ich ja schon eine Engelsgeduld und Übung in der Warteschleife.

Dieser Text erschien am 3. September 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Eine Frau für jede Tonart: Wer Chorleiterin Christiane Böckeler begleitet, merkt, wie viel Leidenschaft man braucht, wenn man die Musik zum Beruf macht

Christiane Böckeler gibt bei der Chorprobe den Ton an.
Ihr Tag beginnt um 9 Uhr. Nach dem Frühstück heißt es: üben! Erst Klavier- und Orgelspiel. Dann geht Christiane Böckeler zum Dirigieren über. Musik macht der 50-jährigen Kirchenmusikerin Freude, aber auch Arbeit. Am Nachmittag steht noch eine Probe mit dem Projektchor ihrer Gemeinde auf dem Programm, mit dem sie eine lateinamerikanische Messe einstudiert.

An anderen Tagen würde sie vielleicht noch ein Seminar an der Düsseldorfer Musikhochschule besuchen, wo sie sich auf ihr Examen als Kirchenmusikerin vorbereitet.

Auch private Klavierstunden gehören für die studierte Klavierpädagogin normalerweise zu ihrem täglichen Brot, doch die lässt sie aufgrund ihrer aktuellen Studienverpflichtungen derzeit ruhen.

Weiter gehen für die Chorleiterin allerdings ihre abendlichen Proben mit den modernen A-Capella-Chören, den Silk-O-phonics und dem Ruhrschrei. An diesem Abend warten zehn der 17 Ruhrschrei-Sänger im evangelischen Gemeindehaus an der Witthausstraße auf sie. Der erste Blick in den Saal überrascht positiv. Von Überalterung keine Spur. In diesem Chor reicht das Altersspektrum von 25 bis 60, von der Studentin bis zum Vorruheständler.

Warum ist das so? Ein Blick ins Proben-Repertoire lässt es erahnen. Robbie Williams „Angles“, „Every Breath You Take“ von The Police und „Das Beste“ von Silbermond stehen auf dem Programm.

„Solche Lieder entsprechen heute eher den Hörgewohnheiten und dem Lebensgefühl der Menschen. Außerdem wirken populäre A-Capella-Chöre, wie Basta, Maybe Bob oder die Wise Guys sehr inspirierend“, erklärt sich Christiane Böckeler die Anziehungskraft solcher und ähnlicher Pop- und Rocksongs. Bernd, 52, Handwerksmeister, stimmt ihr zu: „Ich habe 30 Jahre in einem Männergesangverein gesungen, bevor ich zum 2009 gegründeten Ruhrschrei kam. Hier kommt mit der Musik einfach mehr Lebensfreude auf.Und das hat auch mit dem Einfühlungsvermögen und dem emotionalen Gespür für Menschen zu tun, das Christiane Böckeler einfach mitbringt.“

Die Mutter eines erwachsenen Sohnes, die seit ihrem 19. Lebensjahr Chöre leitet, Klavierunterricht gibt und Kirchenmusik macht und jetzt spätberufen auf ein Kirchenmusik-Examen zusteuert, weiß: „Als Chorleiterin muss man die Begeisterung für die Musik vermitteln und die Sänger zum Grooven bringen.“ Böckeler ist davon überzeugt: „Musik ist eine Sprache, die jeder verstehen und die alles ausdrücken kann, was sonst unsagbar wäre, egal, ob es sich um ein Volkslied, ein Oratorium oder einen Popsong handelt.“

Dass guter Gesang etwas mit einem guten Körpergefühl zu tun hat, merkt man, wenn Böckeler die Damen und Herrn des Ruhrschreis zum Auftakt der Probe aufstehen und sich recken, strecken und lockern lässt. Und bevor sie mit ihrer Chor-Crew an „I sit and wait, does an angel contemplate my fate“, „Every breath you take. Every move you make“ und: „Du bist das Beste, was mir je passiert ist. Es tut so gut wie du mich liebst“ herangeht, begleitet sie auf dem Klavier erst mal einige Sprach- und Gesangsübungen, a la „Si, si, si, si, sie“ und: „Ti, Ti, Ti, r, Ti.“ Nach dem Mundmuskulatur und Stimmbänder so geschmeidig gemacht worden sind, geht es ans eigentliche Chorwerk.

Der Laie im Hintergrund staunt darüber, wie lange und intensiv man drei Liebeslieder proben kann, die der Ruhrschrei demnächst bei einer Hochzeit singen wird. Die Chorleiterin nimmt jeden zweiten bis dritten Takt auseinander. Immer wieder wird unterbrochen und neu angesetzt, wenn sie im Halbkreis ihrer Sänger eine stimmliche Unebenheit herausgehört hat: „Hier müsst ihr den Ton etwas besser führen und höher halten.“ „Das ist ein schöner Akkord. Der passt aber nicht an diese Stelle.“ Oder: „Denkt dran: Ihr müsst hier verliebter klingen.“

Was positiv überrascht, ist der Umstand, dass Böckler es versteht, ihre kontinuierlichen Korrekturen so freundlich und charmant an die Frau und den Mann zu bringen, dass keine angestrengte und stressige Stimmung aufkommt. Wenn Christiane Böckeler bei den Proben mit ihrem Klavierspiel die Tonalität und den Rhythmus ihres Mülheimer A-Capella-Chores unterstützt, alternativ mit den Fingern schnipst und sich zur Melodie in den Hüften wiegt oder diese mit ihren Handbewegungen in der Luft nachzeichnet, scheint die Chorleiterin zur Chorschwester zu werden, die mit ihrem Ensemble verschmilzt.

Kurz nach 22 Uhr beendet Christane Böckler dann mit einem „so, das reicht für heute“ die Chorprobe und handelt mit ihrem Ensemble noch einen Ersatztermin für die nächste Probe aus. Denn in der kommenden Woche muss sie zur üblichen Zeit an eine Workshop in der Düsseldorfer Musikhochschule teilnehmen, damit aus der schon lange praktizierenden demnächst auch eine examinierte Kirchenmusikerin werden kann. 


Dieser Text erschien am 3. September 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 3. September 2016

Die Rohrinspektoren: Wer mit den RWW-Technikern Frank May und Frank Kurkowski unterwegs ist, staunt über den massiven Einsatz von Mensch und Material, der notwendig ist, um das Wasserrohrnetz dicht zu halten

Frank May (links) und seine Kollege Frank Kurkowski im Einsatz
Frank May und Frank Kurkowski sind in ihren sonnengelben Overalls nicht zu übersehen. Das kann auch an sonnigen Sommertagen nicht schaden. Denn die beiden Rohrinspektoren der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft RWW arbeiten auf der Straße und gehen doch auch mit ihren Gerätschaften unter die Erde. Denn sie fahnden nach Wasserrohrbrüchen. „Unsere Arbeit hat was von Detektiv und Sisyphos“, finden sie. Zusammen mit sechs weiteren Koellgen der RWW-Rohrinspektion und einer vierköpfigen Reparatur-Crew sind sie für ein 3000 Kilometer langes Versorgungsnetz zuständig, das von Borken bis Breitscheid reicht. Darüber hinaus nutzen auch Industrie und Privatkunden das Know-How der RWW-Rohrinspektoren. Besonders gerne erinnern sich May und Kurkowski an die glücklichen Gesichter in einem Kleingartenverein, dem sie helfen konnten, einen Rohrbruch aufzuspüren und zu reparieren und so Wasserverluste von 100 Kubikmeter pro Jahr zu beseitigen.

An diesem Tag prüfen sie einen zwei Kilometer langen Netzabschnitt in Styrum. Die beiden Fahrzeuge, mit denen sie unterwegs sind, muten wie Lieferwagen an. Doch der größere „Lieferwagen“ hat es in sich. Wenn seine Heck- und Seitentüren geöffnet werden, kommt hochwertige Mess- Computer- und Mikrofontechnik zum Vorschein. „Wenn Sie mich vor zehn Jahren gefragt hätten, ob ich mal mit Computertechnik arbeiten würde, hätte ich sicher nein gesagt. Doch heute geht nichts mehr ohne“, beschreibt der 47-jährige Frank May den Wandel. Doch neben Computer- und Mikrofontechnik kommt auch Handarbeit zum Einsatz. Erst wird mit einem kleinen Hammerschlag, der das Fingerspitzengefühl des Profis verrät, die Bodenkappe geöffnet. „Heute sind unsere Schieberschlüssel Gott sei Dank nicht mehr aus bleischwerem Eisen, sondern aus erheblich leichterem Carbon. Das geht nicht mehr so stark aufs Kreuz“, erklärt Frank Kurkowski, während er den Schieber-Verschluss des Wasserrohres zur Überprüfung erst öffnet und dann wieder schließt und dann zwei schwere Standrohre auf zwei nebeneinander liegende Hydranten montiert. Sie werden mit zwei zehn Meter langen Trinkwasserschläuchen verbunden, deren anderes Ende durch einen Rohrkopf zur Messtechnik im RWW-Hightechmobil führt. Das Wasser wird dort nur durchgeleitet und über einen zweiten Schlauch zurück in den Ersatzwasserkreislauf geführt. Denn ohne dass die Anwohner, in diesem Fall zwischen Lohberg, Stockhecke, Friesenstraße und Neickmannsfeld, an diesem Vormittag etwas davon merken, haben die Rohrinspektoren ihre Wasserrohre mit Hilfe eines Belüftungsventils geleert und ihr Wasser durch ihr provisorisches Rohrnetz und seine Messtechnik umgeleitet. Das machen May und Kurkowski so lange, bis ihnen die am Computerbildschirm dargestellten Messergebnisse anzeigen, dass ein Nullverbrauchswert erreicht werden konnte, der Wasserdruck bewegt sich mit sechs bis sieben Bar im grünen Bereich. Würde kein Nullverbrauchswert erreicht und der Wasserdruck wäre erheblich geringer, wäre das ein Hinweis auf einen Rohrbruch.

Wo die so gewonnenen Messergebnisse keine absolute Sicherheit bringen, setzen May und Kurkowski Mikrofon und Sendetechnik ein, die mit einem Radius von 150 bis 300 Meter ins Rohrnetz hineinhorchen und Geräusche oder Frequenzen zu Tage fördern. Extrem laute Fließgeräusche oder extreme Frequenzausschläge zeigen den Rohrinspektoren an, dass ein Wasserrohr nicht ganz dicht ist.

„2015 konnten wir in den etwa 1000 Kilometern des Mülheimer RWW-Rohrnetzes Wasserverluste von 250 Kubikmetern aufspüren und durch Rohrreparaturen beseitigen. Gleichzeitig konnten wir die Schäden an Hydranten, Bodenkappen, Schiebern oder Be- und Entlüftungsventilen in den vergangenen Jahren um 50 Prozent senken“, erinnert sich Frank May.

Oft müssen May und Kurkowski auch nachts arbeiten. Zur Notbereitschaft, bei der auch schon mal um zwei Uhr nachts das Telefon klingelt, wenn ein Rohrbruch ruft, kommen die Rohrnetzwartungen in großen Netzbereichen und an starkbefahrenen Straßen. „Das können Sie heute nur noch nachts machen“, sagt Kurkowski mit Blick auf den Verkehrslärm, der dort tagsüber das Aushorchen des Rohrnetzes unmöglich machen würde. Das ist nicht gerade familienfreundlich. Frank May, Ehemann und Vater von drei Kindern, musste auch schon mal einen Familienausflug verschieben, als ihm ein großer Rohrbruch dazwischen kam. „Unsere Arbeit kann man nur mit viel Interesse und vollem Einsatz machen und das auch nur, wenn die Familie dahinter steht“, betont May.

Trotz mancher Härten bereuen es der 47-jährige May, der früher als Betriebsschlosser im Bergbau gearbeitet hat uns sein 43-jähriger Kollege Kurkowski, der in seinem ersten Arbeitsleben Installateur war, nicht, dass sie ihr Berufsweg zur Rohrinspektion der RWW geführt hat. „Wir sind ein gutes Team, können selbstständig arbeiten und unsere Arbeit ist jeden Tag neu“, sagen sie. Und sie sind zurecht stolz darauf, dass sie mit ihrer Arbeit dazu beitragen, dass man in Deutschland den Wasserhahn gefahrlos aufdrehen kann, um zu trinken, sich die Zähne zu putzen oder Kaffee zu kochen.


Dieser Text erschien am 27. August 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung 

Freitag, 2. September 2016

Zeitsprung an der Wolfsburg in Speldorf

Die parkseitige Jugendstilfassade der Wolfsburg im August 2016
Wir springen in das frühe 20. Jahrhundert zurück und schauen auf die 1906 errichtete Wolfsburg am Falkenweg in Speldorf. Damals noch Kurhotel des 1909 eröffneten Solbades Raffelberg und Ausflugslokal, ist die Wohlburg seit 1960 Sitz der katholischen Akademie des Bistums Essen. Im alten Kurhaus gab es nicht nur Kaffee und Kuchen, sondern auch Kurkonzerte in einem Parkpavillon. Der Name Wolfsburg stammt aus dem frühen 19. Jahrhundert, als in dem Wald auf dem Speldorfer Wolfsberg noch Wölfe gelebt haben sollen. Im Zweiten Weltkrieg diente das alte Kurhotel eine Flak-Stellung. Nach dem Krieg zog hier die britische Militärregierung ein, ehe es zum Ausflugslokal wurde. Dort kehrte 1959 auch der erste Ruhrbischof Franz Hengsbach ein und wurde mit dem verkaufsbereiten Eigentümer handelseinig, so dass am 9. Juli 1960 das Haus der Erwachsenenbildung für das 1958 gegründete  Ruhrbistum Essen eröffnet werden konnte. Getreu der Vorgabe Hengsbachs: 

„Ihr sollt kein katholisches Ghetto sein“, diskutieren hier jährlich rund 30 000 Tagungsgäste heute über Gott und die Welt. Michael Schlagheck, der die in  den 60er und 90er Jahren modernisierte und erweiterte katholische Akademie seit 1992 leitet, hat ihre Aufgabe einmal so beschrieben: „Sie ist eine Grenzgängerin zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen, die von einer klaren christlichen Position auf andere zugehen kann.“

Anfang der 90er Jahre war die Katholische Akademie auch einmal Drehort für einen Tatort-Krimi mit Götz George, alias Kommissar Schimanski.

Dieser Text erschien am 30. August 2016 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 1. September 2016

Schön war's in der Freilichtbühne:: Regler Produktion sucht Fundstücke von Anno Dazumal




Die Regler an ihrer Wirkungsstätte in der Freilichtbühne

Peter Michael Schüttler, Peter Szabowski und Susanne Beckers sitzen im klienen Büro der Regler-Produktion und schauen sich alte Fotos an. Da sieht man Winnetou und Old Shatterhand auf der Freilichtbühne und über die Schloßstraße reiten. Ein anderes altes Foto zeigt das Gelände der Freilichtbühne noch vor seiner Herrichtung als Steinbruch.
Solche und ähnliche historischen Fundstücke aus der 80-jährigen Geschichte der Freilichtbühne suchen die Regler. Denn am 2. September wollen sie an der Dimbeck mit ihren Freunden und Gästen den runden Geburtstag feiern.

„Wir planen eine bunte Gala mit Musik von Klassik bis Rock und Lichtkunst. Aber wir wollen auch Zeitdokumente und Zeitzeugen aus den letzten acht Jahrzehnten präsentieren“, erzählt Ur-Regler Peter Michael Schüttler, der als junger Statist 1971 bei den Karl-May-Festspielen auf der Freilichtbühne stand. Aus dieser Zeit stammt auch das Programmheft „Das Geheimnis der Bonanza“, das sein Regler-Kollege Peter Szabowski beim damaligen Veranstalter erworben hat.

Für Susanne Beckers sind die ersten School’s out-Partys der späten 70er Jahre unvergessen, als dort ein gewisser Helge Schneider am Keyboard mit der Band The New auftrat, „Wir konnten hier ungestört Freunde treffen und uns einfach frei fühlen“, erinnert sich Beckers. „Die große Wiese im Park der Freilichtbühne galt damals unter Jugendlichen als Liebesinsel. Hier konnte man ungestört knutschen, Gitarre spielen und rauchen“, schwelgt Szabowski in seinen Jugend-Erinnerungen an die Flower-Power Jahre der schwungvollen Siebziger.

Am 2. September wird gefeiert

Solche, ähnliche und vielleicht auch ganz andere Erinnerungen und Fundstücke aus 80 Jahren Freilichtbühne suchen die Regler. Alte Fotos und Filme sind ihnen ebenso willkommen, wie schriftliche oder gesprochene Zeitzeugen-Geschichten. Auch Videoaufnahmen von Interviewpartnern wären möglich. Es können aber auch Eintrittskarten, Programmhefte, Plakate oder Filmaufnahmen sein, die die unterschiedlichsten Facetten der Freilichtbühne beleuchten. Wie fühlte sich die Operrettenseligkeit der 50er Jahre mit „Carmen“ oder dem „Schwarzwaldmädel“ an. Oder wie spannend war es, als der BC Ringfrei Mülheim seine Meisterschaftskämpfe noch in der Freilichtbühne austrug?

Es gibt viele Geschichten über die Freilichtbühne zu erzählen. Das wollen die Regler nicht nur am Jubiläusabend des 2. Septembers tun. Peter Michael Schüttler plant den Aufbau eines Freilichtbühnenarchivs und möchte eine Dokumentation über das Mülheimer Freilufttheater erstellen, das im Sommer 1936 mit Shakespeares „Sommernachtstraum“ eröffnet wurde, später aber auch Propaganda-Aufmärsche der NSDAP erlebte.

Bitte, melden oder gleich vorbeikommen!

Wer den Reglern Zeitzeugnisse aller Art zur Verfügung stellen kann, sollte sich unter der Rufnummer 0177-7643993 an Peter Michael Schüttler wenden, eine E-Mail an: info@regler-produktion.de senden oder dienstags ab 19 Uhr und mittwochs ab 16.30 Uhr persönlich vorbeikommen, wenn die Regler ganz persönlich in der Freilichtbühne an der Dimbeck 2 anzutreffen sind.

Dieser Text erschien am 4. August 2016 in der Mülheimer Woche und im Lokalkompass

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...