Wenn Erich Oesterwind auf dem Rathausturm seinen Blick über Mülheim schweifen lässt, entdeckt er wohl keinen Flecken, an dem er nicht schon einmal seine Füße stehen hatte. „Er ist schon seit Menschengedenken bei uns“, sagt eine seiner Mitarbeiterinnen beim Ordnungsamt über den Leiter des Zentralen Außendienstes.
„Sie kenne ich doch. Sie sind doch beim Ordnungsamt. Können Sie da nicht mal was machen?“ So wird Oesterwind auch am Wochenende angesprochen, wenn er mit seiner Frau Anja einkaufen oder joggen geht und seine Dienstweste mit der großformatigen Rückenaufschrift „Ordnungsamt“ zu Hause gelassen hat.
Ob in der Dienst- oder in der Freizeit, es sind immer wieder die selben Probleme, die Leute auf die Palme und danach zu Oesterwind bringen. Zugeparkte Einfahrten und Bürgersteige, überquellende Müllcontainer, Grünflächen voller Hundekot, notorische Falschparker und Raser. „Können Sie da nicht mal eine Geschwindigkeitsmessung durchführen lassen.“
Dann notiert sich Oesterwind meist schnell das Anliegen und verspricht: „Ich kümmere mich drum.“ Der Hinweis: „Ich habe jetzt frei und bin nicht zuständig“, käme ihm nie in den Sinn. „Ich kenne viele Leute und viele Leute kennen mich. Und es ist doch auch schön, wenn die Leute auf einen zu kommen, weil sie Vertrauen haben“, sagt Oesterwind. Seiner Frau Anja ist er ausgesprochen dankbar, dass sie seine beiläufigen Dienstgespräche in der Freizeit geduldig erträgt, „weil sie meine Arbeit kennt und schätzt.“
Wenn man sich mit Oesterwind unterhält, spürt man, dass seine gut funktionierende Partnerschaft ein wichtiger Kraftquell ist, der ihm die Ruhe und die Kraft verschafft, die er braucht, um auch in schwierigen Gesprächen die Ruhe zu bewahren.
Wenn sich etwa jemand zu Unrecht mit einem Knöllchen bedacht sieht oder ein Fahrzeug stillgelegt werden muss, weil der Halter seinen Führerschein abgeben musste oder seine KFZ-Steuer nicht gezahlt hat, ist ebenso Ärger angesagt, wie bei Gewerbe,- Geschwindigkeits- oder Alkoholkontrollen.
„Man darf nicht vergessen, dass 95 Prozent der Dinge, mit denen wir auf Menschen zukommen oder mit denen sie auf uns zukommen, eher unangenehm sind und das für jeden Bürger sein Anliegen immer das Wichtigste ist“, beschreibt Oesterwind seine Grundhaltung, mit der er seine tägliche Krisenkommunikation meistert.
„Meine Lebenserfahrung hilft mir, genau einzuschätzen, wie ich auf welche Menschen zugehen muss, um mit ihnen auch in schwierigen Situationen respektvoll und vor allem auf Augenhöhe sprechen zu können“, sagt Oesterwind.
Mit zunehmender Berufs- und Lebenserfahrung hat Oesterwind auch begriffen, „dass wir nicht alle Probleme in unserer Gesellschaft mit Kontrollen oder Bußgeldern regeln können.“
Das wurde ihm zuletzt deutlich, als ihn besorgte Bürger auf Landstreicher aus Südosteuropa hinwiesen, die regelmäßig in der Müga oder unter der Konrad-Adenauer-Brücke kampieren. „Wir haben uns um die Leute gekümmert und festgestellt, dass sie ganz friedlich sind und ihre Sachen sofort zusammenpacken, wenn man sie auffordert, einen Platz zu räumen. Aber leider haben wir es nicht geschafft, diese Menschen über die Wohnungsfachstelle in regulären Wohnungen unterzubringen, weil sie das einfach nicht wollten“, erzählt der Leiter des Zentralen Außendienstes, der nach seinem Geschmack inzwischen zu viel Zeit an seinem Schreibtisch im dritten Stockwerk des Rathauses und zu wenig Zeit im prallen Menschen-Leben auf der Straße zubringt.
„Dass ich an keinem Tag genau weiß, was und wer heute auf mich zukommt, und dass ich mich jeden Tag mit neuen Menschen und Situationen auseinandersetzen muss“, macht seinen Beruf für Oesterwind aber auch nach mehr als 25 Jahren beim Ordnungsamt spannend und befriedigend. „Ich könnte in zwei Jahren in Rente gehen. Aber sich glaube, dass ich noch zwei Jahre dranhängen werde“, sagt er und lächelt.
Dieser Text erschien am 7. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Samstag, 21. März 2015
Montag, 16. März 2015
Knut Binnewerg: Der Mann am Steuer
„Wenn man bekannt und beliebt werden will, muss man eine Bürgerbuslinie ins Leben
rufen“, sagt Knut Binnewerg und lacht. Der Mann muss es wissen, hat er doch im
Oktober 2012 mit 30 anderen ehrenamtlichen Fahrerkollegen den Styrumer Bürgerbus
ins Rollen gebracht. Ein bis zweimal pro Woche sitzt er für jeweils drei Stunden hinter
dem Steuer und fährt vor allem ältere und behinderte Bürger durch den Stadtteil.
Meistens geht es zum Arzt oder zum Einkaufen. „Obwohl es in Styrum zwei Bus- und
zwei Straßenbahnlinien gibt, haben wir hier viele Wohnquartiere, die nicht optimal an
den öffentlichen Personennahverkehr der Mülheimer Verkehrsgesellschaft
angebunden sind, weil der Fußweg zur nächsten Haltestelle für viele Leute zu weit
wäre“, erklärt Binnewerg, warum sich seine Mitstreiter und er 2012 in das Abenteuer
Bürgerbus stürzten. Fahrgäste, wie Ursula Reich (62) und ihr gehbehinderter Mann
Willi (68) sind für Binnewerg der beste Beweis, dass der Bürgerbus in Styrum
gebraucht wird. „Seit es den Bürgerbus gibt, haben wir an Mobilität gewonnen und
mein Mann kann jetzt zur Not auch mal allein zum Marktcenter an der
Steinkampstraße fahren und dort einen Kaffee trinken“, freut sich Ursula Reich. „Die
sind außerdem immer sehr freundlich und hilfsbereit“, lobt sie Binnewerg und die
anderen Bürgerbusfahrer.
Tante Emma auf vier Rädern
Tatsächlich bleibt der Bürgerbusfahrer auf seiner Tour nicht stur hinter seinem
Lenkrad sitzen und kassiert die 1,50 Euro für die einfache Fahrt oder notiert, ob ein
Fahrgast mit Schwerbehindertenausweis freie Fahrt hat und die Kosten von der
Bezirksregierung erstattet werden.
Immer wieder steht er auf, hilft Fahrgästen bei Bedarf aus oder in den achtsitzigen Kleinbus. Auch wenn Rollatoren oder Einkaufstaschen hinein oder hinaus zu bugsieren sind, ist Binnewerg ein Mann der Tat. Der 66-Jährige muss nicht um Hilfe gebeten werden. Er sieht, wenn jemand Unterstützung braucht und packt mit an. Auch die zweite oder dritte Krankengeschichte des Tages hört er sich geduldig an und ist nie um einen Scherz oder ein aufmunterndes Wort für seine Fahrgäste verlegen. Und wenn es der Fahrplan des im Stundentakt durch Styrum pendelenden Bürgerbusses erlaubt, dann wird auch schnell mal eine schwere Einkaufstasche bis zur Haustür getragen. „Wir sind hier so was, wie ein rollender Tante-Emma-Laden“, beschreibt Binnewerg die charmante Mischung aus Nahverkehr, Nahversorgung und menschlicher Nähe.
„Obwohl ich schon über 40 Jahre in Styrum lebe, staune ich immer wieder darüber, dass sich dieser von der Industrie geprägte Ort, einen dörflichen Charakter bewahrt hat. Hier kennt jeder jeden und jeder spricht mit jedem“, erzählt der pensionierte Hauptschullehrer, der früher die Schüler der Hexbachtalschule auf den richtigen Weg gebracht hat, auch wenn dafür schon mal Umwege nötig waren. „Da musste man manchmal nicht nur Lehrer, sondern auch Vater und Sozialarbeiter sein“, erinnert sich Binnewerg an sein pädagogisches Berufsleben, das er 2013 abgeschlossen hat. Seine kommunikative Art und sein pädagogisches Fingerspitzengefühl, das spürt man auch bei der Fahrt durch den Stadtteil, hat sich Binnewerg bewahrt.
Seine Fähigkeit, Dinge in die richtige Richtung zu steuern, in dem er beherzt auf Menschen zugeht, sie ansprechen und zum Mitmachen zu motivieren, hat er auch schon in seiner Zeit als Bezirksvertreter und Bezirksbürgermeister genutzt. Und er nutzt sie heute nicht nur als Vorsitzender des Bürgerbusvereins, sondern auch als Schiedsmann, der in seinem Stadtteil Nachbarschaftsstreitigkeiten schlichtet. „Ich freue mich, wie Bolle, dass das mit dem Bürgerbus funktioniert“, sagt Binnewerg mit Blick auf die 700 Fahrgäste, die jeden Monat mit dem Bürgerbus fahren, der seit seiner ersten Fahrt im Herbst 2012 immerhin schon 92 000 Kilometer zurückgelegt hat. Tatsächlich sind Sätze, wie: „Das ist schon klasse, dass es so was gibt“ bei der Fahrt mit dem Bürgerbus öfter zu hören. „Man ist einfach mittendrin und sieht, dass das, was man macht auch Sinn macht und den Leuten ganz konkret hilft“, beschreibt Binnewerg seine ganz persönliche Motivation. Deshalb setzt er sich auch als Ruheständler nicht nur hinter das Lenkrad des Bürgerbusses, sondern als Vorsitzender des Bürgerbusvereins auch täglich an seinen heimischen Schreibtisch, um organisatorische Fragen zu klären: Haben wir genug Fahrer und genug Werbepartner für unseren Bus? Und muss das Fahrzeug mal wieder zur Inspektion oder in die Waschstraße?
Dabei lässt Binnewerg keinen Zweifel daran, dass der Erfolg des Styrumer Bürgerbusses keine One-Man-Show ist, sondern am Lenkrad, wie am Vereinssteuer im Vorstandsteam viele Väter und Mütter hat, die wie Binnewerg unentgeltlich viel Zeit und Energie investieren, um Bürger mit dem Bürgerbus im besten Sinne des Wortes zu bewegen und mobil zu machen. Für Knut Binnewerg steht fest, dass er auch in seinem Ruhestand weiter am Steuer des Bürgerbusses bleiben will, so lange die Gesundheit mitmacht. „Denn“, so sagt der Pensionär der auch politisch aktiv is: „Ich habe mich einfach daran gewöhnt, mich ehrenamtlich zu engagieren und will damit nicht aufhören. Denn beim Bürgerbus stellen sich die Erfolgserlebnisse, anders als in meiner Zeit als ehrenamtlicher Kommunalpolitiker, einfach schneller ein.“
Dieser Text erschien am 7. Februar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Immer wieder steht er auf, hilft Fahrgästen bei Bedarf aus oder in den achtsitzigen Kleinbus. Auch wenn Rollatoren oder Einkaufstaschen hinein oder hinaus zu bugsieren sind, ist Binnewerg ein Mann der Tat. Der 66-Jährige muss nicht um Hilfe gebeten werden. Er sieht, wenn jemand Unterstützung braucht und packt mit an. Auch die zweite oder dritte Krankengeschichte des Tages hört er sich geduldig an und ist nie um einen Scherz oder ein aufmunterndes Wort für seine Fahrgäste verlegen. Und wenn es der Fahrplan des im Stundentakt durch Styrum pendelenden Bürgerbusses erlaubt, dann wird auch schnell mal eine schwere Einkaufstasche bis zur Haustür getragen. „Wir sind hier so was, wie ein rollender Tante-Emma-Laden“, beschreibt Binnewerg die charmante Mischung aus Nahverkehr, Nahversorgung und menschlicher Nähe.
„Obwohl ich schon über 40 Jahre in Styrum lebe, staune ich immer wieder darüber, dass sich dieser von der Industrie geprägte Ort, einen dörflichen Charakter bewahrt hat. Hier kennt jeder jeden und jeder spricht mit jedem“, erzählt der pensionierte Hauptschullehrer, der früher die Schüler der Hexbachtalschule auf den richtigen Weg gebracht hat, auch wenn dafür schon mal Umwege nötig waren. „Da musste man manchmal nicht nur Lehrer, sondern auch Vater und Sozialarbeiter sein“, erinnert sich Binnewerg an sein pädagogisches Berufsleben, das er 2013 abgeschlossen hat. Seine kommunikative Art und sein pädagogisches Fingerspitzengefühl, das spürt man auch bei der Fahrt durch den Stadtteil, hat sich Binnewerg bewahrt.
Seine Fähigkeit, Dinge in die richtige Richtung zu steuern, in dem er beherzt auf Menschen zugeht, sie ansprechen und zum Mitmachen zu motivieren, hat er auch schon in seiner Zeit als Bezirksvertreter und Bezirksbürgermeister genutzt. Und er nutzt sie heute nicht nur als Vorsitzender des Bürgerbusvereins, sondern auch als Schiedsmann, der in seinem Stadtteil Nachbarschaftsstreitigkeiten schlichtet. „Ich freue mich, wie Bolle, dass das mit dem Bürgerbus funktioniert“, sagt Binnewerg mit Blick auf die 700 Fahrgäste, die jeden Monat mit dem Bürgerbus fahren, der seit seiner ersten Fahrt im Herbst 2012 immerhin schon 92 000 Kilometer zurückgelegt hat. Tatsächlich sind Sätze, wie: „Das ist schon klasse, dass es so was gibt“ bei der Fahrt mit dem Bürgerbus öfter zu hören. „Man ist einfach mittendrin und sieht, dass das, was man macht auch Sinn macht und den Leuten ganz konkret hilft“, beschreibt Binnewerg seine ganz persönliche Motivation. Deshalb setzt er sich auch als Ruheständler nicht nur hinter das Lenkrad des Bürgerbusses, sondern als Vorsitzender des Bürgerbusvereins auch täglich an seinen heimischen Schreibtisch, um organisatorische Fragen zu klären: Haben wir genug Fahrer und genug Werbepartner für unseren Bus? Und muss das Fahrzeug mal wieder zur Inspektion oder in die Waschstraße?
Dabei lässt Binnewerg keinen Zweifel daran, dass der Erfolg des Styrumer Bürgerbusses keine One-Man-Show ist, sondern am Lenkrad, wie am Vereinssteuer im Vorstandsteam viele Väter und Mütter hat, die wie Binnewerg unentgeltlich viel Zeit und Energie investieren, um Bürger mit dem Bürgerbus im besten Sinne des Wortes zu bewegen und mobil zu machen. Für Knut Binnewerg steht fest, dass er auch in seinem Ruhestand weiter am Steuer des Bürgerbusses bleiben will, so lange die Gesundheit mitmacht. „Denn“, so sagt der Pensionär der auch politisch aktiv is: „Ich habe mich einfach daran gewöhnt, mich ehrenamtlich zu engagieren und will damit nicht aufhören. Denn beim Bürgerbus stellen sich die Erfolgserlebnisse, anders als in meiner Zeit als ehrenamtlicher Kommunalpolitiker, einfach schneller ein.“
Dieser Text erschien am 7. Februar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Sonntag, 15. März 2015
Helge Rademacher: Der Mann mit Fisch und Familiensinn
Gar nicht so leicht, sich mit Helge Rademacher an seinem Fischwagen auf der Schloßstraße zu unterhalten. Der 44-jährige Markthändler hat alle Hände voll zu tun. Eigentlich wollte er gerade den Krabben-Cocktail fertig machen. Aber die Kunden, die sich mit Backfisch, Lachs, Rollmops, Scholle, Hering und Co eindecken wollen, kommen Schlag auf Schlag. Die meisten kennt er mit Namen. Und die Gespräche an der Fischtheke zeigen, dass er von vielen auch mehr weiß, als den Namen. Hier geht es nicht nur um Heringssalat oder Forelle, sondern auch um die eine oder andere Familien- und Krankengeschichte. „Einige Familien kaufen seit Generationen ihren Fisch bei uns“, erzählt Rademacher.
Er selbst stellt die vierte Generation einer Mülheimer Fischhändlerfamilie dar. „Schon mein Urgroßvater hat Fisch verkauft, aber nach mir ist Schluss“, sagt er. Denn Umsätze und Rahmenbedingungen sind in den letzten Jahren eher schlechter als besser geworden. Und das hat nicht nur mit dem bröckelnden Branchenmix in der Innenstadt zu tun.
Ab 1967 verkauften seine Eltern Elvira und Heinz ihren Fisch auf dem Rathausmarkt, der vor einigen Jahren auf die Schloßstraße verlegt wurde. Davor brachten die Rademachers ihre Fische mit einem Handkarren und später in einem Geschäft in Styrum an die Frau und den Mann. „Fisch, vor allem Hering, galt mal als Arme-Leute-Essen. Das ist heute ganz anders. Fisch ist teuer geworden, weil sich viele Länder nicht an ihre Fangquoten halten und die Meere leergefischt werden, um eine durch die großen Handelsketten gewachsene Nachfrage zu befriedigen“, beschreibt der Markthändler den Wandel im Fischgeschäft.
„Wir stehen jeden Tag auf dem Markt, ob bei Hitze, Kälte, Eis oder Schnee. Meine Eltern waren 40 Jahre lang nicht in Urlaub, damit das Geschäft funktioniert“, macht Rademacher deutlich, was es bedeutet als Markthändler seine Brötchen zu verdienen. Er selbst gönnt sich maximal 14 Tage Urlaub, aber auch nicht in jedem Jahr. Doch einen Urlaub, den er 2004 auf Gran Canaria machte, möchte er auf keinen Fall vermissen. Denn damals lernte er dort seine spätere Frau Anja kennen. Seit zweieinhalb Jahren ist er stolzer Vater von Töchterchen Lia.
„Meine Familie gibt mir die Kraft immer wieder weiterzumachen“, sagt Helge Rademacher. Weil er ein Familienmensch ist, war es für ihn trotz seiner Ausbildung zum Zahntechniker auch klar, in das Familiengeschäft einzusteigen, als er Mitte der 90er Jahre erkannte, dass es seinen Eltern zunehmend schwerer fiel, den anstrengenden Fischhandel (eine Fischkiste wiegt locker 35 Kilo) alleine zu bewältigen. „Ich hätte es mir nie verziehen, wenn sich meine Eltern eines Tages übernommen hätten, weil ich ihnen nicht geholfen habe“, sagt er. Neben seiner „Bomben-Kraft“ Alexandra Weck steht ihm an diesem Tag auf der Schloßstraße seine 77-jährige Mutter Elvira zur Seite. Der zwei Jahre ältere Vater Heinz musste sich vor wenigen Jahren gesundheitsbedingt aus dem Geschäft zurückziehen.
Wenn man Helge Rademacher nach den prägenden Erlebnissen in seinem Leben fragt, erzählt er vom Zusammenhalt seiner Eltern, der auch in schwierigen Zeiten nie gebröckelt sei. Daraus hat er für sein eigenes Leben gelernt, wie aus seiner Zivildienstzeit in einem Altenheim. „Ich habe dort die Menschen getroffen, die Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut und zu dem gemacht haben, was es heute ist“, betont er. Wenn er heute mit seinen Eltern und alten Menschen spricht, ist er immer wieder von ihrer Lebensleistung beeindruckt, davon, dass sie auch in Kriegs- und Nachkriegsjahren angepackt und den Lebensmut nicht verloren haben. „Alte Menschen müssten in unserer Gesellschaft viel mehr hofiert und nicht einfach links liegen gelassen werden“, findet er.
Dieser Text erschien am 21. Februar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Er selbst stellt die vierte Generation einer Mülheimer Fischhändlerfamilie dar. „Schon mein Urgroßvater hat Fisch verkauft, aber nach mir ist Schluss“, sagt er. Denn Umsätze und Rahmenbedingungen sind in den letzten Jahren eher schlechter als besser geworden. Und das hat nicht nur mit dem bröckelnden Branchenmix in der Innenstadt zu tun.
Ab 1967 verkauften seine Eltern Elvira und Heinz ihren Fisch auf dem Rathausmarkt, der vor einigen Jahren auf die Schloßstraße verlegt wurde. Davor brachten die Rademachers ihre Fische mit einem Handkarren und später in einem Geschäft in Styrum an die Frau und den Mann. „Fisch, vor allem Hering, galt mal als Arme-Leute-Essen. Das ist heute ganz anders. Fisch ist teuer geworden, weil sich viele Länder nicht an ihre Fangquoten halten und die Meere leergefischt werden, um eine durch die großen Handelsketten gewachsene Nachfrage zu befriedigen“, beschreibt der Markthändler den Wandel im Fischgeschäft.
Sein Fisch, den er dienstags, donnerstags und freitags auf der Schloßstraße und mittwochs sowie samstags auf dem Pastor-Luhr-Platz in Saarn anbietet, kommt aus dem Nordost-Atlantik über einen Fisch-Großhändler in Bremerhaven nach Mülheim.
Noch während Rademacher nach Marktschluss am frühen Nachmittag seinen Fischwagen ausräumt und den nicht verkauften Fisch im Kühlwagen verstaut, ordert er bei seinem Lieferanten bereits für den nächsten Markttag. Der beginnt zwischen 6 und 7 Uhr. Spätestens um 4.45 Uhr klingelt der Wecker. Denn der Marktwagen will vom Abstellplatz geholt und rechtzeitig bestückt sein, ehe die ersten Kunden kommen. Die Salatkreationen der Rademachers werden täglich frisch und ohne Konservierungsstoffe zubereitet.„Wir stehen jeden Tag auf dem Markt, ob bei Hitze, Kälte, Eis oder Schnee. Meine Eltern waren 40 Jahre lang nicht in Urlaub, damit das Geschäft funktioniert“, macht Rademacher deutlich, was es bedeutet als Markthändler seine Brötchen zu verdienen. Er selbst gönnt sich maximal 14 Tage Urlaub, aber auch nicht in jedem Jahr. Doch einen Urlaub, den er 2004 auf Gran Canaria machte, möchte er auf keinen Fall vermissen. Denn damals lernte er dort seine spätere Frau Anja kennen. Seit zweieinhalb Jahren ist er stolzer Vater von Töchterchen Lia.
„Meine Familie gibt mir die Kraft immer wieder weiterzumachen“, sagt Helge Rademacher. Weil er ein Familienmensch ist, war es für ihn trotz seiner Ausbildung zum Zahntechniker auch klar, in das Familiengeschäft einzusteigen, als er Mitte der 90er Jahre erkannte, dass es seinen Eltern zunehmend schwerer fiel, den anstrengenden Fischhandel (eine Fischkiste wiegt locker 35 Kilo) alleine zu bewältigen. „Ich hätte es mir nie verziehen, wenn sich meine Eltern eines Tages übernommen hätten, weil ich ihnen nicht geholfen habe“, sagt er. Neben seiner „Bomben-Kraft“ Alexandra Weck steht ihm an diesem Tag auf der Schloßstraße seine 77-jährige Mutter Elvira zur Seite. Der zwei Jahre ältere Vater Heinz musste sich vor wenigen Jahren gesundheitsbedingt aus dem Geschäft zurückziehen.
Wenn man Helge Rademacher nach den prägenden Erlebnissen in seinem Leben fragt, erzählt er vom Zusammenhalt seiner Eltern, der auch in schwierigen Zeiten nie gebröckelt sei. Daraus hat er für sein eigenes Leben gelernt, wie aus seiner Zivildienstzeit in einem Altenheim. „Ich habe dort die Menschen getroffen, die Deutschland nach dem Krieg wieder aufgebaut und zu dem gemacht haben, was es heute ist“, betont er. Wenn er heute mit seinen Eltern und alten Menschen spricht, ist er immer wieder von ihrer Lebensleistung beeindruckt, davon, dass sie auch in Kriegs- und Nachkriegsjahren angepackt und den Lebensmut nicht verloren haben. „Alte Menschen müssten in unserer Gesellschaft viel mehr hofiert und nicht einfach links liegen gelassen werden“, findet er.
Dieser Text erschien am 21. Februar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Donnerstag, 12. März 2015
Stefan Karbach: Der Mann, der verbindet
Wenn man sich mit Stefan Karbach unterhält, hat man das Gefühl einem Menschen gegenüberzusitzen, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann. Auch das Zuhören und geduldige Beantworten von Fragen fällt ihm nicht schwer. Damit ist der 37-jährige Diplom-Verwaltungswirt wohl eine Idealbesetzung für die Bürgeragentur. Denn hier hat er es täglich mit Menschen zu tun, die sich über etwas geärgert haben und deshalb in die Bürgeragentur an der Schollenstraße kommen, dort anrufen oder sich per E-Mail melden.
Warum ist der Bauantrag immer noch nicht genehmigt? Warum tut die Stadt nichts gegen Hundehaufen und wilde Müllkippen? Warum machen öffentliche Grünflächen einen so ungepflegten Eindruck? Können Stadt und Polizei an dieser oder jener Ecke nicht etwas gegen Raser tun oder eine Tempo-30-Zone einrichten? Warum ist die defekte Straßenbeleuchtung oder das angefahrene Straßenschild noch nicht repariert? Und könnte man an dieser oder jener Kreuzung mit einer neuen Ampel nicht für mehr Verkehrssicherheit sorgen?
Mit solchen und ähnlichen Fragen wird Karbach täglich konfrontiert. "Man braucht hier schon Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl", sagt Karbach. Gerade wenn besonders erboste Bürger auf ihn zukommen und diese dann im Eifer des Gefechtes auch schon mal etwas lauter werden, lässt er sie erst mal ausreden und bietet ihnen vielleicht auch ein Glas Wasser an, "damit sie herunterkommen können."
Nach sieben Jahren in der Bürgeragentur weiß er, wie wichtig "unsere Arbeit als Bindeglied zwischen Bürgern, Politikern und Verwaltung ist." Denn immer wieder macht er die Erfahrung, "dass auch Bürger, die am Ende mit ihrem Anliegen vielleicht doch nicht zum Zuge kommen, zufrieden nach Hause gehen können, wenn man ihnen erklären kann, warum etwas geht oder nicht geht und sie begreifen, dass sie nicht Opfer irgendeiner Verwaltungswillkür geworden sind."
Auch wenn sich Karbach und seine Kollegen von verbitterten Bürgern schon mal Sätze, wie: "Ihr Beamte seid ja eh faul und tut nichts", anhören müssen, kann er solche Sätze locker wegstecken, weil die positiven Erlebnisse mit Menschen, "die erkennen, dass wir ihnen hier helfen wollen und sich dafür auch bedanken" überwiegen. Gerne erinnert er sich zum Beispiel daran, dass er einem Mann in Not und einer alleinstehenden alten Dame "wieder mehr Luft zum Atmen" verschaffen konnte, indem er ihnen den Kontakt zur Sozialagentur und zur Seniorenberatung vermittelte.
Und mit einem Augenzwinkern denkt er auch gerne an die Dame zurück, die sich um eine Ziege im Tiergehege Witthausbusch sorgte, weil ihre Euter viel zu lang waren und einen entzündeten Eindruck auf sie machten. "Wir haben dann im Tiergehege nachgefragt und konnten der Dame später mitteilen, dass die betreffende Ziege gesund und munter sei, weil diese Euter ein angeborenes Merkmal ihrer Rasse seien.
Dieser Text erschien am 24. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Warum ist der Bauantrag immer noch nicht genehmigt? Warum tut die Stadt nichts gegen Hundehaufen und wilde Müllkippen? Warum machen öffentliche Grünflächen einen so ungepflegten Eindruck? Können Stadt und Polizei an dieser oder jener Ecke nicht etwas gegen Raser tun oder eine Tempo-30-Zone einrichten? Warum ist die defekte Straßenbeleuchtung oder das angefahrene Straßenschild noch nicht repariert? Und könnte man an dieser oder jener Kreuzung mit einer neuen Ampel nicht für mehr Verkehrssicherheit sorgen?
Mit solchen und ähnlichen Fragen wird Karbach täglich konfrontiert. "Man braucht hier schon Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl", sagt Karbach. Gerade wenn besonders erboste Bürger auf ihn zukommen und diese dann im Eifer des Gefechtes auch schon mal etwas lauter werden, lässt er sie erst mal ausreden und bietet ihnen vielleicht auch ein Glas Wasser an, "damit sie herunterkommen können."
Nach sieben Jahren in der Bürgeragentur weiß er, wie wichtig "unsere Arbeit als Bindeglied zwischen Bürgern, Politikern und Verwaltung ist." Denn immer wieder macht er die Erfahrung, "dass auch Bürger, die am Ende mit ihrem Anliegen vielleicht doch nicht zum Zuge kommen, zufrieden nach Hause gehen können, wenn man ihnen erklären kann, warum etwas geht oder nicht geht und sie begreifen, dass sie nicht Opfer irgendeiner Verwaltungswillkür geworden sind."
Gerade der Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen und die Herausforderung, sich jeden Tag von jetzt auf gleich in ganz unterschiedliche Themenfelder hineinversetzen und einarbeiten zu müssen, findet er spannend. Per E-Mail und Telefon macht er den kurzen Dienstweg frei, um Bürgern in ihrem Anliegen weiterhelfen zu können.
Bei Bedarf werden dann auch schon mal Gesprächstermine mit der Oberbürgermeisterin oder den Bezirksbürgermeistern vereinbart, wenn etwas nicht auf dem kurzen Dienstweg und über die Stellungnahme des zuständigen Fachbereichs im Rathaus geklärt werden kann. "Ich versuche, dass jeder Bürger, der sich mit einem Anliegen an mich wendet, innerhalb einer Woche eine konkrete Antwort bekommt", betont Karbach. Auch wenn sich ein Anliegen im Detail als komplexer erweist und vielleicht noch Unterlagen herbeigeschafft werden müssen, sorgt Karbach mit einem kurzen Zwischenstand dafür, dass der Bürger in seiner Angelegenheit auf dem Laufenden bleibt.Die großformatigen Kunstwerke mit Merksätzen vom Ollen Hansen aus der Feder des Mülheimer Künstlers Peter Torsten Schulz: "Raus mit der Sprache", "Jeder hat eine Aufgabe" und: "Auch du kannst Probleme haben, wenn du nur willst" hat er als ständige Inspirationsquelle vor Augen.
"Früher stand mein Schreibtisch im Rathaus, heute in einem Ladenlokal", sagt Karbach mit einem Augenzwinkern. Das Ladenlokal, in dem jeder und jede mit seinen Anliegen ankommen und angehört werden kann, ohne von einem Amt zum anderen geschickt zu werden, empfindet er als eine "niederschwellige Anlaufstelle, die man erfinden müsste, wenn es sie nicht schon seit 2003 gäbe, weil sie auch zur Akzeptanz und Stabilität unserer Demokratie beiträgt."Auch wenn sich Karbach und seine Kollegen von verbitterten Bürgern schon mal Sätze, wie: "Ihr Beamte seid ja eh faul und tut nichts", anhören müssen, kann er solche Sätze locker wegstecken, weil die positiven Erlebnisse mit Menschen, "die erkennen, dass wir ihnen hier helfen wollen und sich dafür auch bedanken" überwiegen. Gerne erinnert er sich zum Beispiel daran, dass er einem Mann in Not und einer alleinstehenden alten Dame "wieder mehr Luft zum Atmen" verschaffen konnte, indem er ihnen den Kontakt zur Sozialagentur und zur Seniorenberatung vermittelte.
Und mit einem Augenzwinkern denkt er auch gerne an die Dame zurück, die sich um eine Ziege im Tiergehege Witthausbusch sorgte, weil ihre Euter viel zu lang waren und einen entzündeten Eindruck auf sie machten. "Wir haben dann im Tiergehege nachgefragt und konnten der Dame später mitteilen, dass die betreffende Ziege gesund und munter sei, weil diese Euter ein angeborenes Merkmal ihrer Rasse seien.
Dieser Text erschien am 24. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Montag, 9. März 2015
Ein Stück charmantes Mülheim: Dorothea Schaaf
„Kommen Sie zwischen 13 und 14 Uhr. Dann habe ich am meisten Zeit“, sagt Dorothea Schaaf. Doch Zeit ist für die Zeitungshändlerin relativ. Denn in ihrem Kiosk an der unteren Schloßstraße verkauft sie nicht nur Zeitungen und Zeitschriften, sondern unterhält sich mit ihren Stammkunden auch über Gott und die Welt. Mal dreht sich das Gespräch um Krankheiten. Mal geht es um den letzten Urlaub oder um den Arbeitsalltag. Und dann wieder, das bleibt beim Ausblick auf den leerstehenden Kaufhof nicht aus, redet man auch darüber, dass sich die Innenstadt in den letzten 40 Jahren zu ihrem Nachteil entwickelt hat.
Dorothea Schaaf hat diese 40 Jahre miterlebt. Oft war ihr Kiosk, den sie 1975 von ihren Eltern Gerhard und Agnes Scholl übernahm, Teil einer Baustelle. Mal wurde an der Tiefgarage, mal am U-Bahn-Tunnel, mal an der zentralen Haltestelle gebaut. Letztere will die heute 58-Jährige nicht missen, weil sie ihr, allen Leerständen in der Innenstadt zum Trotz, viele Kunden bringt. „Hier muss jeder vorbei, der mit Bus oder Bahn in die Innenstadt kommt“, freut sich Schaaf.
Noch mehr würde sie sich aber freuen, „wenn es mit meinem Mülheim, das ich über alles liebe und auf das ich nichts kommen lasse, mal wieder aufwärts ginge und mehr Leute in der Innenstadt einkaufen würden statt sie schlecht zu reden und im Internet zu bestellen.“
Natürlich hofft auch Schaaf auf einen sinnvollen Branchenmix, „der uns nicht das fünfte Café und den fünften Brillenladen beschert.“ Doch sie beharrt auch darauf, „dass man in der Innenstadt weiterhin vieles finden und einkaufen kann, wenn man sich als Kunde nicht rausreden will, sondern einfach mal hinschaut und hingeht.“
Und nach wie vor ist sie davon überzeugt, dass ein Kaufhaus, wie der Kaufhof mit dem Geschäftsmodell 1000fach alles unter einem Dach auch heute seine Kunden finden könnte.
Dass demnächst aus dem alten Kaufhof eine Seniorenresidenz mit Gastronomie und Einzelhandel werden soll, sieht sie vorerst mit Skepsis: „Es wird viel geredet und Papier ist geduldig. Ich glaube es erst, wenn ich den ersten Spatenstich sehe“, sagt sie.
Eigentlich hält es Dorothea Schaaf ja mit ihrem Vater, der die Lizenz für seinen 1949 eröffneten Kiosk noch von der britischen Militärregierung bekommen hat: „Das ist ein Zeitungskiosk und keine Trinkhalle, weil Lebensmittel und Druckerschwärze nicht zusammengehören“, zitiert sie sein Credo. Doch als Vater und Mutter Scholl ihre neun Kinder noch mit einem Zeitungskiosk ernährten, kannte die Welt noch kein Internet und auch das Fernsehen musste erst aus den Kinderschuhen herauswachsen. „Nach dem Krieg war der Informationshunger der Leute sehr groß und es gab sehr viel mehr politische und kirchliche Zeitungen und Zeitschriften als heute“, weiß Schaaf. Inzwischen gibt es eben weniger Leser, die sich mit einem sozialen Milieu oder einer politischen Partei verbunden fühlen und entsprechend informiert werden wollen.
Deshalb verkauft Schaaf seit gut 20 Jahren nicht mehr nur Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch Zigaretten, Süßigkeiten, Fahr- und Handykarten. Auch einen Kaffee oder ein alkoholfreies Erfrischungsgetränk kann man bei ihr bekommen.
Allerdings stellt Schaaf auch immer wieder fest, „dass viele Kunden ihre Zeitung nicht missen wollen und Zeitungen vor allem dann verstärkt gekauft werden, wenn etwas in der Welt passiert und die Leute die Fakten noch mal genau nachlesen wollen.“
Dieser Text erschien am 10. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Dorothea Schaaf hat diese 40 Jahre miterlebt. Oft war ihr Kiosk, den sie 1975 von ihren Eltern Gerhard und Agnes Scholl übernahm, Teil einer Baustelle. Mal wurde an der Tiefgarage, mal am U-Bahn-Tunnel, mal an der zentralen Haltestelle gebaut. Letztere will die heute 58-Jährige nicht missen, weil sie ihr, allen Leerständen in der Innenstadt zum Trotz, viele Kunden bringt. „Hier muss jeder vorbei, der mit Bus oder Bahn in die Innenstadt kommt“, freut sich Schaaf.
Noch mehr würde sie sich aber freuen, „wenn es mit meinem Mülheim, das ich über alles liebe und auf das ich nichts kommen lasse, mal wieder aufwärts ginge und mehr Leute in der Innenstadt einkaufen würden statt sie schlecht zu reden und im Internet zu bestellen.“
Natürlich hofft auch Schaaf auf einen sinnvollen Branchenmix, „der uns nicht das fünfte Café und den fünften Brillenladen beschert.“ Doch sie beharrt auch darauf, „dass man in der Innenstadt weiterhin vieles finden und einkaufen kann, wenn man sich als Kunde nicht rausreden will, sondern einfach mal hinschaut und hingeht.“
Und nach wie vor ist sie davon überzeugt, dass ein Kaufhaus, wie der Kaufhof mit dem Geschäftsmodell 1000fach alles unter einem Dach auch heute seine Kunden finden könnte.
Dass demnächst aus dem alten Kaufhof eine Seniorenresidenz mit Gastronomie und Einzelhandel werden soll, sieht sie vorerst mit Skepsis: „Es wird viel geredet und Papier ist geduldig. Ich glaube es erst, wenn ich den ersten Spatenstich sehe“, sagt sie.
Ihre Stammkunden, die sie schon von weiten sieht, halten sich gerne länger als nötig an ihrem Kiosk auf. „Den persönlichen Kontakt, den man hier erlebt, erinnert mich auf angenehme Weise an einen Tante-Emma-Laden. Das ist im vollautomatisierten Smartphone-Zeitalter ein echtes Kleinod“, findet Bürgeramtsleiter Reinhard Kleibrink. Für Rolf Fabri, dem Schaaf die Zeitung seiner Wahl bereits herauslegt, bevor er den Kiosk erreicht hat, ist ihr Tante-Emma-Zeitungsladen „ein charmantes Stück Mülheim.“ Und auch Gymnasiast Jan Hoeppner meint: „Man kennt sich und spricht ein paar Worte miteinander. Das ist einfach nicht so anonym, wie anderswo, wo alles nur wortlos über den Scanner gezogen wird.“
Eigentlich hält es Dorothea Schaaf ja mit ihrem Vater, der die Lizenz für seinen 1949 eröffneten Kiosk noch von der britischen Militärregierung bekommen hat: „Das ist ein Zeitungskiosk und keine Trinkhalle, weil Lebensmittel und Druckerschwärze nicht zusammengehören“, zitiert sie sein Credo. Doch als Vater und Mutter Scholl ihre neun Kinder noch mit einem Zeitungskiosk ernährten, kannte die Welt noch kein Internet und auch das Fernsehen musste erst aus den Kinderschuhen herauswachsen. „Nach dem Krieg war der Informationshunger der Leute sehr groß und es gab sehr viel mehr politische und kirchliche Zeitungen und Zeitschriften als heute“, weiß Schaaf. Inzwischen gibt es eben weniger Leser, die sich mit einem sozialen Milieu oder einer politischen Partei verbunden fühlen und entsprechend informiert werden wollen.
Deshalb verkauft Schaaf seit gut 20 Jahren nicht mehr nur Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch Zigaretten, Süßigkeiten, Fahr- und Handykarten. Auch einen Kaffee oder ein alkoholfreies Erfrischungsgetränk kann man bei ihr bekommen.
Allerdings stellt Schaaf auch immer wieder fest, „dass viele Kunden ihre Zeitung nicht missen wollen und Zeitungen vor allem dann verstärkt gekauft werden, wenn etwas in der Welt passiert und die Leute die Fakten noch mal genau nachlesen wollen.“
Dieser Text erschien am 10. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Sonntag, 8. März 2015
Der kreative Kopf: Kiki Paffendorf
„Alleine
Erfolg zu haben, macht nicht so viel Spaß, wie gemeinsam ein Ziel zu erreichen
und die Freude darüber mit anderen zu teilen,“ sagt Kiki Paffendorf. Eigentlich heißt
die 46-jährige Bürokauffrau, die für ein Tochterunternehmen der Sparkasse
arbeitet, Christiane. Doch den Spitznamen Kiki hat sie aus ihrer Kindheit mit
ins Erwachsenenleben genommen. So viel Narrenfreiheit gönnt sie sich auch im
Alltag nach Aschermittwoch. Als Kind schrieb sie Phantasiegeschichten. Heute
bringt sie als Trainerin, Choreographin und Kostümschneiderin der Ruhrgarde
phantasievolle Tanzshows auf die Bühne. „Ich mache das nicht allein“, betont Paffendorf und weist auf ihre
Kolleginnen Silvia Heibel, Gisela Claus und Yvonne Wustlich hin.
Mit ihnen investiert sie nach Feierabend und am Wochenende hunderte Stunden Arbeit, damit die 25 Tänzerinnen der Ruhrgarde gut aussehen. Wie man als Gardetänzerin oder Karnevalsprinzessin auf der Bühne gut aussehen kann, weiß Paffendorf aus eigner Erfahrung. Jetzt arbeitet sie als Trainerin und Kostümschneiderin hinter den Kulissen. „Alles hat seine Zeit“, sagt sie. Auch wenn ihr Hobby viel Zeit kostet, möchte sie es als kreativen Ausgleich zum Beruf nicht missen. „Es fasziniert mich zu sehen, wie aus Stoffbahnen Kostüme werden“, erzählt Paffendorf von der gemeinsamen Arbeit mit Elastanstoffen, Pailletten, Strasssteinen, Federboas und Lackstoff.
Nach der Musikauswahl und der Inspiration durch Fernsehen, Zeitschriften und andere Shows kommt der gemeinsame Stoffeinkauf und die anschließende Arbeit mit Nadel, Nähmaschine und elektrischer Schere. „Dabei nähen wir immer erst einen Prototyp und stellen das Kostüm den Mädchen vor, denn sie müssen es ja auch auf der Bühne anziehen“, berichtet Paffendorf. Und da sich die Damen der Ruhrgarde in einer Show viermal umziehen, müssen für jede Show 100 Kostüme geschneidert werden. Kein Wunder, dass die Ruhrgarde nur alle zwei Jahre eine neue Show auf die Bühne bringt. „Wenn die Leute im Saal dann aber mitgehen, weiß man, dass sich die gemeinsame Arbeit gelohnt hat“, freut sich Paffendorf. Sie ahnt: „Frauen schauen bei einer Show aufs Detail, Männer auf das Gesamtkunstwerk.“
Mit ihnen investiert sie nach Feierabend und am Wochenende hunderte Stunden Arbeit, damit die 25 Tänzerinnen der Ruhrgarde gut aussehen. Wie man als Gardetänzerin oder Karnevalsprinzessin auf der Bühne gut aussehen kann, weiß Paffendorf aus eigner Erfahrung. Jetzt arbeitet sie als Trainerin und Kostümschneiderin hinter den Kulissen. „Alles hat seine Zeit“, sagt sie. Auch wenn ihr Hobby viel Zeit kostet, möchte sie es als kreativen Ausgleich zum Beruf nicht missen. „Es fasziniert mich zu sehen, wie aus Stoffbahnen Kostüme werden“, erzählt Paffendorf von der gemeinsamen Arbeit mit Elastanstoffen, Pailletten, Strasssteinen, Federboas und Lackstoff.
Nach der Musikauswahl und der Inspiration durch Fernsehen, Zeitschriften und andere Shows kommt der gemeinsame Stoffeinkauf und die anschließende Arbeit mit Nadel, Nähmaschine und elektrischer Schere. „Dabei nähen wir immer erst einen Prototyp und stellen das Kostüm den Mädchen vor, denn sie müssen es ja auch auf der Bühne anziehen“, berichtet Paffendorf. Und da sich die Damen der Ruhrgarde in einer Show viermal umziehen, müssen für jede Show 100 Kostüme geschneidert werden. Kein Wunder, dass die Ruhrgarde nur alle zwei Jahre eine neue Show auf die Bühne bringt. „Wenn die Leute im Saal dann aber mitgehen, weiß man, dass sich die gemeinsame Arbeit gelohnt hat“, freut sich Paffendorf. Sie ahnt: „Frauen schauen bei einer Show aufs Detail, Männer auf das Gesamtkunstwerk.“
Dieser Text erschien am 21. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
Samstag, 7. März 2015
Martina Ising - Die Mutter aller Garden
Das Bild sollte nicht täuschen. Wenn Martina Ising am Stock geht, dann nur zur Show, etwa zuletzt bei der Herrensitzung, als Silver-Girl in den Reihen der Ladykracher. Denn auch wenn die 47-Jährige heute als Trainerin so etwas, wie die Mutter aller Tanzgarden der Roten Funken ist, zieht es sie mit den Ladykrachern auch heute noch auf die Bühne.
„Wenn man einmal damit angefangen hat, kann man damit nicht mehr aufhören“, sagt Martina Ising über das Tanzen im Karneval. Und sie lässt keinen Zweifel daran, dass der Applaus und die Anerkennung, die man mit einer Tanzshow vom geneigten Publikum bekommen kann, „gut für das eigene Selbstbewusstsein sind.“ Die Frau muss es wissen, fing sie doch schon in den 70er Jahren mit dem Karnevalstanz an. Damals ließ sie sich von der Mutter einer Freundin zum Tanztraining des Mülheimer Karnevalsvereins mitnehmen. Später wechselte sie zu den Roten Funken, blieb dem Tanzen aber treu. „Ich habe zwischendurch mal eine Pause eingelegt, als Jungs, Disco und andere Dinge für mich interessanter wurden, als der Karneval“, erinnert sich Ising an ihre Auszeit in den 80er Jahren. Doch als sie dann mal wieder beim Rosenmontagszug vorbeischaute, fiel ihr ein: „Das war doch eigentlich ganz schön. Geh doch mal wieder hin.“ Bei den Roten Funken ist man heilfroh über ihr Comeback.
Wenn man die jungen Damen aus ihren Garden, die sie zweimal pro Woche in der Styrumer Feldmannstiftung trainiert, nach ihrer Trainerin befragt, dann beschreiben sie Martina Ising als eine humor- und verständnisvolle Frau, die mit ihrer markanten Stimme bei Bedarf auch schon mal lauter werden kann. Auch wenn die Trainerin betont, „dass der Karnevalstanz nicht perfekt sein muss, sondern vor allem Spaß machen soll“, lässt sie doch keinen Zweifel daran, dass es ganz ohne Disziplin und Anstrengung vor, auf und hinter der Bühne nun mal nichts geht. Für sie selbst ist „das Gefühl von Zusammengehörigkeit“ und „der Stolz auf das gemeinsam Erreichte“, eine wichtige Inspirationsquelle, aus der Sie auch ihre Tanzgardistinnen schöpfen lässt. Mit einer Tanzgarde, davon ist Ising überzeugt, „kann man Mädchen nicht nur von der Straße holen“, sondern ihnen auch Teamgeist und Durchhalte- vermögen beibringen. Für die Trainerin ist es auch eine wichtige Lebenserfahrung, „auch dann wieder auf die Bühne zurückzukommen, wenn vielleicht mal etwas schiefgelaufen ist.“
Ising ist immer wieder begeistert, wenn sie im Training Mädchen erlebt, „die sich anfangs sehr schwertun und auch sehr schüchtern sind und dann aber im Laufe der Zeit immer mehr aus sich herausgehen und über sich hinauswachsen.“
Ihr wichtigstes Kapital sieht Martina Ising darin, „dass ich ein fröhliches Gemüt habe und gut auf Menschen zugehen kann.“ Das kommt ihr nicht nur als Gardetrainerin bei den Roten Funken, sondern auch bei ihrer menschlich herausfordernden und anspruchsvollen Arbeit als Pflegekraft im Altenkrankenheim des Evangelischen Krankenhauses zugute. Sowohl in ihrem pflegerischen Berufsleben, als auch in ihrem karnevalistischen Privatleben hat sie eines immer wieder begriffen: „Man muss das Leben nehmen, wie es ist und das Beste daraus machen.“
Dass die Trainerin mit dieser Haltung auf Menschen anziehend wirkt, wird wohl auch daran deutlich, dass ihre Tanzgarden durch Mund-zu-Mund-Propaganda immer wieder neuen Zulauf bekommen, weil eine Tanzgardistin eine Freundin zum Training mitbringt. Und auch die Tatsache, dass sie ihre eigene Tochter Chantal als Gardetänzerin und Co-Trainer hat gewinnen können, spricht für ihre Qualitäten.
Dieser Text erschien am 21. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
„Wenn man einmal damit angefangen hat, kann man damit nicht mehr aufhören“, sagt Martina Ising über das Tanzen im Karneval. Und sie lässt keinen Zweifel daran, dass der Applaus und die Anerkennung, die man mit einer Tanzshow vom geneigten Publikum bekommen kann, „gut für das eigene Selbstbewusstsein sind.“ Die Frau muss es wissen, fing sie doch schon in den 70er Jahren mit dem Karnevalstanz an. Damals ließ sie sich von der Mutter einer Freundin zum Tanztraining des Mülheimer Karnevalsvereins mitnehmen. Später wechselte sie zu den Roten Funken, blieb dem Tanzen aber treu. „Ich habe zwischendurch mal eine Pause eingelegt, als Jungs, Disco und andere Dinge für mich interessanter wurden, als der Karneval“, erinnert sich Ising an ihre Auszeit in den 80er Jahren. Doch als sie dann mal wieder beim Rosenmontagszug vorbeischaute, fiel ihr ein: „Das war doch eigentlich ganz schön. Geh doch mal wieder hin.“ Bei den Roten Funken ist man heilfroh über ihr Comeback.
Wenn man die jungen Damen aus ihren Garden, die sie zweimal pro Woche in der Styrumer Feldmannstiftung trainiert, nach ihrer Trainerin befragt, dann beschreiben sie Martina Ising als eine humor- und verständnisvolle Frau, die mit ihrer markanten Stimme bei Bedarf auch schon mal lauter werden kann. Auch wenn die Trainerin betont, „dass der Karnevalstanz nicht perfekt sein muss, sondern vor allem Spaß machen soll“, lässt sie doch keinen Zweifel daran, dass es ganz ohne Disziplin und Anstrengung vor, auf und hinter der Bühne nun mal nichts geht. Für sie selbst ist „das Gefühl von Zusammengehörigkeit“ und „der Stolz auf das gemeinsam Erreichte“, eine wichtige Inspirationsquelle, aus der Sie auch ihre Tanzgardistinnen schöpfen lässt. Mit einer Tanzgarde, davon ist Ising überzeugt, „kann man Mädchen nicht nur von der Straße holen“, sondern ihnen auch Teamgeist und Durchhalte- vermögen beibringen. Für die Trainerin ist es auch eine wichtige Lebenserfahrung, „auch dann wieder auf die Bühne zurückzukommen, wenn vielleicht mal etwas schiefgelaufen ist.“
Ising ist immer wieder begeistert, wenn sie im Training Mädchen erlebt, „die sich anfangs sehr schwertun und auch sehr schüchtern sind und dann aber im Laufe der Zeit immer mehr aus sich herausgehen und über sich hinauswachsen.“
Ihr wichtigstes Kapital sieht Martina Ising darin, „dass ich ein fröhliches Gemüt habe und gut auf Menschen zugehen kann.“ Das kommt ihr nicht nur als Gardetrainerin bei den Roten Funken, sondern auch bei ihrer menschlich herausfordernden und anspruchsvollen Arbeit als Pflegekraft im Altenkrankenheim des Evangelischen Krankenhauses zugute. Sowohl in ihrem pflegerischen Berufsleben, als auch in ihrem karnevalistischen Privatleben hat sie eines immer wieder begriffen: „Man muss das Leben nehmen, wie es ist und das Beste daraus machen.“
Dass die Trainerin mit dieser Haltung auf Menschen anziehend wirkt, wird wohl auch daran deutlich, dass ihre Tanzgarden durch Mund-zu-Mund-Propaganda immer wieder neuen Zulauf bekommen, weil eine Tanzgardistin eine Freundin zum Training mitbringt. Und auch die Tatsache, dass sie ihre eigene Tochter Chantal als Gardetänzerin und Co-Trainer hat gewinnen können, spricht für ihre Qualitäten.
Dieser Text erschien am 21. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung
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