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Ein Stück charmantes Mülheim: Dorothea Schaaf

„Kommen Sie zwischen 13 und 14 Uhr. Dann habe ich am meisten Zeit“, sagt Dorothea Schaaf. Doch Zeit ist für die Zeitungshändlerin relativ. Denn in ihrem Kiosk an der unteren Schloßstraße verkauft sie nicht nur Zeitungen und Zeitschriften, sondern unterhält sich mit ihren Stammkunden auch über Gott und die Welt. Mal dreht sich das Gespräch um Krankheiten. Mal geht es um den letzten Urlaub oder um den Arbeitsalltag. Und dann wieder, das bleibt beim Ausblick auf den leerstehenden Kaufhof nicht aus, redet man auch darüber, dass sich die Innenstadt in den letzten 40 Jahren zu ihrem Nachteil entwickelt hat.

Dorothea Schaaf hat diese 40 Jahre miterlebt. Oft war ihr Kiosk, den sie 1975 von ihren Eltern Gerhard und Agnes Scholl übernahm, Teil einer Baustelle. Mal wurde an der Tiefgarage, mal am U-Bahn-Tunnel, mal an der zentralen Haltestelle gebaut. Letztere will die heute 58-Jährige nicht missen, weil sie ihr, allen Leerständen in der Innenstadt zum Trotz, viele Kunden bringt. „Hier muss jeder vorbei, der mit Bus oder Bahn in die Innenstadt kommt“, freut sich Schaaf.

Noch mehr würde sie sich aber freuen, „wenn es mit meinem Mülheim, das ich über alles liebe und auf das ich nichts kommen lasse, mal wieder aufwärts ginge und mehr Leute in der Innenstadt einkaufen würden statt sie schlecht zu reden und im Internet zu bestellen.“

Natürlich hofft auch Schaaf auf einen sinnvollen Branchenmix, „der uns nicht das fünfte Café und den fünften Brillenladen beschert.“ Doch sie beharrt auch darauf, „dass man in der Innenstadt weiterhin vieles finden und einkaufen kann, wenn man sich als Kunde nicht rausreden will, sondern einfach mal hinschaut und hingeht.“

Und nach wie vor ist sie davon überzeugt, dass ein Kaufhaus, wie der Kaufhof mit dem Geschäftsmodell 1000fach alles unter einem Dach auch heute seine Kunden finden könnte.

Dass demnächst aus dem alten Kaufhof eine Seniorenresidenz mit Gastronomie und Einzelhandel werden soll, sieht sie vorerst mit Skepsis: „Es wird viel geredet und Papier ist geduldig. Ich glaube es erst, wenn ich den ersten Spatenstich sehe“, sagt sie.
Ihre Stammkunden, die sie schon von weiten sieht, halten sich gerne länger als nötig an ihrem Kiosk auf. „Den persönlichen Kontakt, den man hier erlebt, erinnert mich auf angenehme Weise an einen Tante-Emma-Laden. Das ist im vollautomatisierten Smartphone-Zeitalter ein echtes Kleinod“, findet Bürgeramtsleiter Reinhard Kleibrink. Für Rolf Fabri, dem Schaaf die Zeitung seiner Wahl bereits herauslegt, bevor er den Kiosk erreicht hat, ist ihr Tante-Emma-Zeitungsladen „ein charmantes Stück Mülheim.“ Und auch Gymnasiast Jan Hoeppner meint: „Man kennt sich und spricht ein paar Worte miteinander. Das ist einfach nicht so anonym, wie anderswo, wo alles nur wortlos über den Scanner gezogen wird.“

Eigentlich hält es Dorothea Schaaf ja mit ihrem Vater, der die Lizenz für seinen 1949 eröffneten Kiosk noch von der britischen Militärregierung bekommen hat: „Das ist ein Zeitungskiosk und keine Trinkhalle, weil Lebensmittel und Druckerschwärze nicht zusammengehören“, zitiert sie sein Credo. Doch als Vater und Mutter Scholl ihre neun Kinder noch mit einem Zeitungskiosk ernährten, kannte die Welt noch kein Internet und auch das Fernsehen musste erst aus den Kinderschuhen herauswachsen. „Nach dem Krieg war der Informationshunger der Leute sehr groß und es gab sehr viel mehr politische und kirchliche Zeitungen und Zeitschriften als heute“, weiß Schaaf. Inzwischen gibt es eben weniger Leser, die sich mit einem sozialen Milieu oder einer politischen Partei verbunden fühlen und entsprechend informiert werden wollen.
Deshalb verkauft Schaaf seit gut 20 Jahren nicht mehr nur Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch Zigaretten, Süßigkeiten, Fahr- und Handykarten. Auch einen Kaffee oder ein alkoholfreies Erfrischungsgetränk kann man bei ihr bekommen.

Allerdings stellt Schaaf auch immer wieder fest, „dass viele Kunden ihre Zeitung nicht missen wollen und Zeitungen vor allem dann verstärkt gekauft werden, wenn etwas in der Welt passiert und die Leute die Fakten noch mal genau nachlesen wollen.“

Dieser Text erschien am 10. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

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