Direkt zum Hauptbereich

Erneut deutlich mehr Kirchenaustritte

Die Zahl der Kirchenaustritte ist auch im Jahr 2014 deutlich angestiegen. Das geht aus den Zahlen des Amtsgerichtes und der Stadtkirchen in Mülheim hervor. Danach verließen im vergangenen Jahr 601 Katholiken und 675 Protestanten ihre Kirche. Zum Vergleich: 2013 verzeichnete die katholische Stadtkirche nur 413 und die evangelische Stadtkirche 362 Austritte.

Die Ursachen für den deutlichen Anstieg der Kirchenaustritte seien, so der evangelische Superintendent Helmut Hitzbleck und der katholische Stadtdechant Michael Janßen vor allem finanziell begründet. Die beiden Pfarrer und ihre Dümptener Kollegin Gundula Zühlke aus dem evangelischen Kreissynodalvorstand weisen in diesem Zusammenhang auf die 2013 vom Gesetzgeber novellierte Besteuerung von Kapitalerträgen hin.

Seit Anfang 2014 müssen Banken ihre Kunden darüber informieren, dass der neunprozentige Kirchensteueranteil an ihren Zinseinkünften automatisch an das Finanzamt und von dort an die Kirchen abgeführt wird, wenn sie dieser Praxis nicht ausdrücklich beim Bundeszentralamt für Steuern widersprechen und ihre Kapitalertragssteuern, wie bisher selbstständig im Rahmen ihrer Einkommensteuererklärung angeben. „Viele haben deshalb irrtümlich geglaubt, dass es sich um eine zusätzliche Kirchensteuer handelt, was ja definitiv nicht der Fall ist,“ sagt Janßen. Pfarrerin Zühlke räumt ein: „Da haben wir als Kirche einen Fehler gemacht, weil wir das den Menschen nicht gut genug erklärt haben und sich so viele überfallen fühlten.“

Für die Banken ist das „Mehrarbeit, zu der wir vom Gesetzgeber verpflichtet sind“, betont Sparkassensprecher Frank Hötzel. Er macht aber auch deutlich, dass Kapitalertragssteuern und damit der entsprechende Kirchensteueranteil nur dann fällig werden, wenn Kunden mehr als 801 Euro Zinsen pro Jahr bekommen. Wer weniger Zinseinnahmen hat, muss aber nur dann keine Kapitalertragssteuern zahlen, wenn er über seinen Bankberater einen Freistellungsauftrag erteilt hat.
Hötzel geht davon aus, dass die 75 000 Sparkassenkunden ein Spiegelbild der Mülheimer Stadtgesellschaft darstellen. Von den rund 168 000 Mülheimern sind heute nur noch 49 000 Mitglied der Evangelischen und knapp 52 000 Mitglied der katholischen Kirche. Zwar hat es in den vergangenen Jahren auch Kircheneintritte in Mülheim gegeben, beispielsweise im Jahr 2013 bei den Katholiken 23 und bei den Protestanten 119. Für 2014 liegen derzeit nur Zahlen vom Evangelischen Kirchenkreis vor, der 90 neue Mitglieder aufgenommen hat. Aber diese Zahlen fallen nicht ins Gewicht im Vergleich zu den Austritten. Nur noch gut 60 Prozent der Mülheimer gehören heute einer der beiden großen christlichen Kirchen an.

Dieser Text erschien am 15. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Kommentare

Beliebte Posts aus diesem Blog

Am liebsten hört sie Radio: Margarete Sonnenschein feierte jetzt ihren 100. Geburtstag

"Wie alt bin ich jetzt? 100?!“ fragt Margarete Sonnenschein, während sie mit ihren Mitbewohnerinnen in der Villa Nestor bei Kaffee und Kuchen ihren dreistelligen Geburtstag feiert. 

Seit zehn Jahren lebt sie  in einer Wohngemeinschaft, die von den Pflegepartnern betreut wird. Weil sie aufgrund einer Makuladegeneration nicht mehr sehen kann, hört sie am liebsten Radio. Besonders bedauert sie es, dass ihr Lieblingsmoderator Jürgen Domian nicht mehr auf Sendung ist. Seine seelsorgerischen Gespräche mit Menschen in unterschiedlichsten und schwierigsten Lebenslagen hat die ehemalige Bibliothekarin und Buchhändlern immer besonders gerne gehört. Deshalb freut sich Sonnenschein darüber, dass ihr Pflegedienstleiterin Karin Eberlein und ihre Mitbewohnerinnen eine CD-Sammlung mit Domians besten Gesprächen geschenkt haben.

Schwere Zeiten kennt die Dame, die zweimal verheiratet war und vor 35 Jahren ihren einzigen Sohn begraben musste, nur zu gut.

Noch im Ersten Weltkrieg geboren, musste sie die…

Suchtfaktor Karneval

Sie ist die jüngste der 13 Mülheimer Karnevalsgesellschaften, die KG Aunes Ees. Zwölf Karnevalsfreunde aus der damals aufgelösten KG Düse formierten sich im Juli 2017 zur neuen KG Aunes Ees. „Aunes Ees ist mölmsch Platt und bedeutet anders als, weil wir anders sind als viele andere Karnevalsgesellschaften“, erklärt der Vorsitzende der neuen Gesellschaft Jörg Schwebig die Namenswahl.
Anders als die anderen mölmschen Gesellschaften, gibt es bei Aunes Ees neben einer Aktivengarde auch eine integrative Garde, in der Menschen mit und ohne Handicap ihren Spaß am Tanz gemeinsam auf die Bühne bringen. Dass es dazu kam, hat mit Schwebigs Bruder Frank und seiner Schwägerin Vivian zu tun, Sie sind Eltern einer behinderten Tochter, die in einer integrativen Tanzgarde einer Duisburger Gesellschaft aktiv war. Doch das Mädchen und seine Gardekolleginnen fühlten sich ihrer bisherigen Gesellschaft nicht mehr gut aufgehoben und wechselten deshalb 2017 geschlossen in die neue Mülheimer Karnevalsgesellsch…

Welche Chancen haben Förderschüler auf dem Arbeitsmarkt? Die gute Nachricht lautet: Zeugnisse und Noten sind eben nicht alles, wenn es um den Einstieg in den Beruf geht

„Alles wird gut.“ So steht es auf einer Holzskulptur, die der Geschäftsführer der Berufsbildungswerkstatt (BBWe), Thomas Aring, von Lehrgangsteilnehmern aus dem Berufsfeld Farbe und Raumgestaltung zum Geburtstag geschenkt bekommen hat. Gilt das auch für Förderschüler, wenn sie ihren geschützten Lernraum verlassen und auf dem Arbeitsmarkt einen Ausbildungsplatz suchen? Aring schätzt, dass aktuell rund 20 Prozent seiner insgesamt 500 Lehrgangsteilnehmer von der Förderschule kommen. Sie alle konnten nach der Schule keinen Ausbildungsplatz bekommen und trainieren jetzt im Rahmen eines Berufsvorbereitsungsjahres oder eines Werkstattjahres für den ersten Ausbildungsmarkt.


„Viele, die zu uns kommen, erleben im ersten halben Jahr einen richtigen Entwicklungsschub und sind dann auch besonders motiviert“, berichtet Aring. Wie es im optimalen Fall laufen kann, zeigen die 17-jährige Katharina Schaefer und der 19-jährige Patrick Hoppe. Beide haben eine Mülheimer Förderschule für Lernbehinderte bes…