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Erich Oesterwind: Der Mann, der sich kümmert

Wenn Erich Oesterwind auf dem Rathausturm seinen Blick über Mülheim schweifen lässt, entdeckt er wohl keinen Flecken, an dem er nicht schon einmal seine Füße stehen hatte. „Er ist schon seit Menschengedenken bei uns“, sagt eine seiner Mitarbeiterinnen beim Ordnungsamt über den Leiter des Zentralen Außendienstes.

„Sie kenne ich doch. Sie sind doch beim Ordnungsamt. Können Sie da nicht mal was machen?“ So wird Oesterwind auch am Wochenende angesprochen, wenn er mit seiner Frau Anja einkaufen oder joggen geht und seine Dienstweste mit der großformatigen Rückenaufschrift „Ordnungsamt“ zu Hause gelassen hat.

Ob in der Dienst- oder in der Freizeit, es sind immer wieder die selben Probleme, die Leute auf die Palme und danach zu Oesterwind bringen. Zugeparkte Einfahrten und Bürgersteige, überquellende Müllcontainer, Grünflächen voller Hundekot, notorische Falschparker und Raser. „Können Sie da nicht mal eine Geschwindigkeitsmessung durchführen lassen.“
Dann notiert sich Oesterwind meist schnell das Anliegen und verspricht: „Ich kümmere mich drum.“ Der Hinweis: „Ich habe jetzt frei und bin nicht zuständig“, käme ihm nie in den Sinn. „Ich kenne viele Leute und viele Leute kennen mich. Und es ist doch auch schön, wenn die Leute auf einen zu kommen, weil sie Vertrauen haben“, sagt Oesterwind. Seiner Frau Anja ist er ausgesprochen dankbar, dass sie seine beiläufigen Dienstgespräche in der Freizeit geduldig erträgt, „weil sie meine Arbeit kennt und schätzt.“

Wenn man sich mit Oesterwind unterhält, spürt man, dass seine gut funktionierende Partnerschaft ein wichtiger Kraftquell ist, der ihm die Ruhe und die Kraft verschafft, die er braucht, um auch in schwierigen Gesprächen die Ruhe zu bewahren.

Wenn sich etwa jemand zu Unrecht mit einem Knöllchen bedacht sieht oder ein Fahrzeug stillgelegt werden muss, weil der Halter seinen Führerschein abgeben musste oder seine KFZ-Steuer nicht gezahlt hat, ist ebenso Ärger angesagt, wie bei Gewerbe,- Geschwindigkeits- oder Alkoholkontrollen.
„Man darf nicht vergessen, dass 95 Prozent der Dinge, mit denen wir auf Menschen zukommen oder mit denen sie auf uns zukommen, eher unangenehm sind und das für jeden Bürger sein Anliegen immer das Wichtigste ist“, beschreibt Oesterwind seine Grundhaltung, mit der er seine tägliche Krisenkommunikation meistert.

„Meine Lebenserfahrung hilft mir, genau einzuschätzen, wie ich auf welche Menschen zugehen muss, um mit ihnen auch in schwierigen Situationen respektvoll und vor allem auf Augenhöhe sprechen zu können“, sagt Oesterwind.

Mit zunehmender Berufs- und Lebenserfahrung hat Oesterwind auch begriffen, „dass wir nicht alle Probleme in unserer Gesellschaft mit Kontrollen oder Bußgeldern regeln können.“
Das wurde ihm zuletzt deutlich, als ihn besorgte Bürger auf Landstreicher aus Südosteuropa hinwiesen, die regelmäßig in der Müga oder unter der Konrad-Adenauer-Brücke kampieren. „Wir haben uns um die Leute gekümmert und festgestellt, dass sie ganz friedlich sind und ihre Sachen sofort zusammenpacken, wenn man sie auffordert, einen Platz zu räumen. Aber leider haben wir es nicht geschafft, diese Menschen über die Wohnungsfachstelle in regulären Wohnungen unterzubringen, weil sie das einfach nicht wollten“, erzählt der Leiter des Zentralen Außendienstes, der nach seinem Geschmack inzwischen zu viel Zeit an seinem Schreibtisch im dritten Stockwerk des Rathauses und zu wenig Zeit im prallen Menschen-Leben auf der Straße zubringt.

„Dass ich an keinem Tag genau weiß, was und wer heute auf mich zukommt, und dass ich mich jeden Tag mit neuen Menschen und Situationen auseinandersetzen muss“, macht seinen Beruf für Oesterwind aber auch nach mehr als 25 Jahren beim Ordnungsamt spannend und befriedigend. „Ich könnte in zwei Jahren in Rente gehen. Aber sich glaube, dass ich noch zwei Jahre dranhängen werde“, sagt er und lächelt.

Dieser Text erschien am 7. März 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

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