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Stefan Karbach: Der Mann, der verbindet

Wenn man sich mit Stefan Karbach unterhält, hat man das Gefühl einem Menschen gegenüberzusitzen, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann. Auch das Zuhören und geduldige Beantworten von Fragen fällt ihm nicht schwer. Damit ist der 37-jährige Diplom-Verwaltungswirt wohl eine Idealbesetzung für die Bürgeragentur. Denn hier hat er es täglich mit Menschen zu tun, die sich über etwas geärgert haben und deshalb in die Bürgeragentur an der Schollenstraße kommen, dort anrufen oder sich per E-Mail melden.
Warum ist der Bauantrag immer noch nicht genehmigt? Warum tut die Stadt nichts gegen Hundehaufen und wilde Müllkippen? Warum machen öffentliche Grünflächen einen so ungepflegten Eindruck? Können Stadt und Polizei an dieser oder jener Ecke nicht etwas gegen Raser tun oder eine Tempo-30-Zone einrichten? Warum ist die defekte Straßenbeleuchtung oder das angefahrene Straßenschild noch nicht repariert? Und könnte man an dieser oder jener Kreuzung mit einer neuen Ampel nicht für mehr Verkehrssicherheit sorgen?

Mit solchen und ähnlichen Fragen wird Karbach täglich konfrontiert. "Man braucht hier schon Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl", sagt Karbach. Gerade wenn besonders erboste Bürger auf ihn zukommen und diese dann im Eifer des Gefechtes auch schon mal etwas lauter werden, lässt er sie erst mal ausreden und bietet ihnen vielleicht auch ein Glas Wasser an, "damit sie herunterkommen können."
Nach sieben Jahren in der Bürgeragentur weiß er, wie wichtig "unsere Arbeit als Bindeglied zwischen Bürgern, Politikern und Verwaltung ist." Denn immer wieder macht er die Erfahrung, "dass auch Bürger, die am Ende mit ihrem Anliegen vielleicht doch nicht zum Zuge kommen, zufrieden nach Hause gehen können, wenn man ihnen erklären kann, warum etwas geht oder nicht geht und sie begreifen, dass sie nicht Opfer irgendeiner Verwaltungswillkür geworden sind."

Gerade der Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen und die Herausforderung, sich jeden Tag von jetzt auf gleich in ganz unterschiedliche Themenfelder hineinversetzen und einarbeiten zu müssen, findet er spannend. Per E-Mail und Telefon macht er den kurzen Dienstweg frei, um Bürgern in ihrem Anliegen weiterhelfen zu können.

Bei Bedarf werden dann auch schon mal Gesprächstermine mit der Oberbürgermeisterin oder den Bezirksbürgermeistern vereinbart, wenn etwas nicht auf dem kurzen Dienstweg und über die Stellungnahme des zuständigen Fachbereichs im Rathaus geklärt werden kann. "Ich versuche, dass jeder Bürger, der sich mit einem Anliegen an mich wendet, innerhalb einer Woche eine konkrete Antwort bekommt", betont Karbach. Auch wenn sich ein Anliegen im Detail als komplexer erweist und vielleicht noch Unterlagen herbeigeschafft werden müssen, sorgt Karbach mit einem kurzen Zwischenstand dafür, dass der Bürger in seiner Angelegenheit auf dem Laufenden bleibt.

Die großformatigen Kunstwerke mit Merksätzen vom Ollen Hansen aus der Feder des Mülheimer Künstlers Peter Torsten Schulz: "Raus mit der Sprache", "Jeder hat eine Aufgabe" und: "Auch du kannst Probleme haben, wenn du nur willst" hat er als ständige Inspirationsquelle vor Augen.

"Früher stand mein Schreibtisch im Rathaus, heute in einem Ladenlokal", sagt Karbach mit einem Augenzwinkern. Das Ladenlokal, in dem jeder und jede mit seinen Anliegen ankommen und angehört werden kann, ohne von einem Amt zum anderen geschickt zu werden, empfindet er als eine "niederschwellige Anlaufstelle, die man erfinden müsste, wenn es sie nicht schon seit 2003 gäbe, weil sie auch zur Akzeptanz und Stabilität unserer Demokratie beiträgt."

Auch wenn sich Karbach und seine Kollegen von verbitterten Bürgern schon mal Sätze, wie: "Ihr Beamte seid ja eh faul und tut nichts", anhören müssen, kann er solche Sätze locker wegstecken, weil die positiven Erlebnisse mit Menschen, "die erkennen, dass wir ihnen hier helfen wollen und sich dafür auch bedanken" überwiegen. Gerne erinnert er sich zum Beispiel daran, dass er einem Mann in Not und einer alleinstehenden alten Dame "wieder mehr Luft zum Atmen" verschaffen konnte, indem er ihnen den Kontakt zur Sozialagentur und zur Seniorenberatung vermittelte.
Und mit einem Augenzwinkern denkt er auch gerne an die Dame zurück, die sich um eine Ziege im Tiergehege Witthausbusch sorgte, weil ihre Euter viel zu lang waren und einen entzündeten Eindruck auf sie machten. "Wir haben dann im Tiergehege nachgefragt und konnten der Dame später mitteilen, dass die betreffende Ziege gesund und munter sei, weil diese Euter ein angeborenes Merkmal ihrer Rasse seien.

Dieser Text erschien am 24. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

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