Donnerstag, 12. März 2015

Stefan Karbach: Der Mann, der verbindet

Wenn man sich mit Stefan Karbach unterhält, hat man das Gefühl einem Menschen gegenüberzusitzen, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen kann. Auch das Zuhören und geduldige Beantworten von Fragen fällt ihm nicht schwer. Damit ist der 37-jährige Diplom-Verwaltungswirt wohl eine Idealbesetzung für die Bürgeragentur. Denn hier hat er es täglich mit Menschen zu tun, die sich über etwas geärgert haben und deshalb in die Bürgeragentur an der Schollenstraße kommen, dort anrufen oder sich per E-Mail melden.
Warum ist der Bauantrag immer noch nicht genehmigt? Warum tut die Stadt nichts gegen Hundehaufen und wilde Müllkippen? Warum machen öffentliche Grünflächen einen so ungepflegten Eindruck? Können Stadt und Polizei an dieser oder jener Ecke nicht etwas gegen Raser tun oder eine Tempo-30-Zone einrichten? Warum ist die defekte Straßenbeleuchtung oder das angefahrene Straßenschild noch nicht repariert? Und könnte man an dieser oder jener Kreuzung mit einer neuen Ampel nicht für mehr Verkehrssicherheit sorgen?

Mit solchen und ähnlichen Fragen wird Karbach täglich konfrontiert. "Man braucht hier schon Einfühlungsvermögen und Fingerspitzengefühl", sagt Karbach. Gerade wenn besonders erboste Bürger auf ihn zukommen und diese dann im Eifer des Gefechtes auch schon mal etwas lauter werden, lässt er sie erst mal ausreden und bietet ihnen vielleicht auch ein Glas Wasser an, "damit sie herunterkommen können."
Nach sieben Jahren in der Bürgeragentur weiß er, wie wichtig "unsere Arbeit als Bindeglied zwischen Bürgern, Politikern und Verwaltung ist." Denn immer wieder macht er die Erfahrung, "dass auch Bürger, die am Ende mit ihrem Anliegen vielleicht doch nicht zum Zuge kommen, zufrieden nach Hause gehen können, wenn man ihnen erklären kann, warum etwas geht oder nicht geht und sie begreifen, dass sie nicht Opfer irgendeiner Verwaltungswillkür geworden sind."

Gerade der Kontakt mit ganz unterschiedlichen Menschen und die Herausforderung, sich jeden Tag von jetzt auf gleich in ganz unterschiedliche Themenfelder hineinversetzen und einarbeiten zu müssen, findet er spannend. Per E-Mail und Telefon macht er den kurzen Dienstweg frei, um Bürgern in ihrem Anliegen weiterhelfen zu können.

Bei Bedarf werden dann auch schon mal Gesprächstermine mit der Oberbürgermeisterin oder den Bezirksbürgermeistern vereinbart, wenn etwas nicht auf dem kurzen Dienstweg und über die Stellungnahme des zuständigen Fachbereichs im Rathaus geklärt werden kann. "Ich versuche, dass jeder Bürger, der sich mit einem Anliegen an mich wendet, innerhalb einer Woche eine konkrete Antwort bekommt", betont Karbach. Auch wenn sich ein Anliegen im Detail als komplexer erweist und vielleicht noch Unterlagen herbeigeschafft werden müssen, sorgt Karbach mit einem kurzen Zwischenstand dafür, dass der Bürger in seiner Angelegenheit auf dem Laufenden bleibt.

Die großformatigen Kunstwerke mit Merksätzen vom Ollen Hansen aus der Feder des Mülheimer Künstlers Peter Torsten Schulz: "Raus mit der Sprache", "Jeder hat eine Aufgabe" und: "Auch du kannst Probleme haben, wenn du nur willst" hat er als ständige Inspirationsquelle vor Augen.

"Früher stand mein Schreibtisch im Rathaus, heute in einem Ladenlokal", sagt Karbach mit einem Augenzwinkern. Das Ladenlokal, in dem jeder und jede mit seinen Anliegen ankommen und angehört werden kann, ohne von einem Amt zum anderen geschickt zu werden, empfindet er als eine "niederschwellige Anlaufstelle, die man erfinden müsste, wenn es sie nicht schon seit 2003 gäbe, weil sie auch zur Akzeptanz und Stabilität unserer Demokratie beiträgt."

Auch wenn sich Karbach und seine Kollegen von verbitterten Bürgern schon mal Sätze, wie: "Ihr Beamte seid ja eh faul und tut nichts", anhören müssen, kann er solche Sätze locker wegstecken, weil die positiven Erlebnisse mit Menschen, "die erkennen, dass wir ihnen hier helfen wollen und sich dafür auch bedanken" überwiegen. Gerne erinnert er sich zum Beispiel daran, dass er einem Mann in Not und einer alleinstehenden alten Dame "wieder mehr Luft zum Atmen" verschaffen konnte, indem er ihnen den Kontakt zur Sozialagentur und zur Seniorenberatung vermittelte.
Und mit einem Augenzwinkern denkt er auch gerne an die Dame zurück, die sich um eine Ziege im Tiergehege Witthausbusch sorgte, weil ihre Euter viel zu lang waren und einen entzündeten Eindruck auf sie machten. "Wir haben dann im Tiergehege nachgefragt und konnten der Dame später mitteilen, dass die betreffende Ziege gesund und munter sei, weil diese Euter ein angeborenes Merkmal ihrer Rasse seien.

Dieser Text erschien am 24. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 9. März 2015

Ein Stück charmantes Mülheim: Dorothea Schaaf

„Kommen Sie zwischen 13 und 14 Uhr. Dann habe ich am meisten Zeit“, sagt Dorothea Schaaf. Doch Zeit ist für die Zeitungshändlerin relativ. Denn in ihrem Kiosk an der unteren Schloßstraße verkauft sie nicht nur Zeitungen und Zeitschriften, sondern unterhält sich mit ihren Stammkunden auch über Gott und die Welt. Mal dreht sich das Gespräch um Krankheiten. Mal geht es um den letzten Urlaub oder um den Arbeitsalltag. Und dann wieder, das bleibt beim Ausblick auf den leerstehenden Kaufhof nicht aus, redet man auch darüber, dass sich die Innenstadt in den letzten 40 Jahren zu ihrem Nachteil entwickelt hat.

Dorothea Schaaf hat diese 40 Jahre miterlebt. Oft war ihr Kiosk, den sie 1975 von ihren Eltern Gerhard und Agnes Scholl übernahm, Teil einer Baustelle. Mal wurde an der Tiefgarage, mal am U-Bahn-Tunnel, mal an der zentralen Haltestelle gebaut. Letztere will die heute 58-Jährige nicht missen, weil sie ihr, allen Leerständen in der Innenstadt zum Trotz, viele Kunden bringt. „Hier muss jeder vorbei, der mit Bus oder Bahn in die Innenstadt kommt“, freut sich Schaaf.

Noch mehr würde sie sich aber freuen, „wenn es mit meinem Mülheim, das ich über alles liebe und auf das ich nichts kommen lasse, mal wieder aufwärts ginge und mehr Leute in der Innenstadt einkaufen würden statt sie schlecht zu reden und im Internet zu bestellen.“

Natürlich hofft auch Schaaf auf einen sinnvollen Branchenmix, „der uns nicht das fünfte Café und den fünften Brillenladen beschert.“ Doch sie beharrt auch darauf, „dass man in der Innenstadt weiterhin vieles finden und einkaufen kann, wenn man sich als Kunde nicht rausreden will, sondern einfach mal hinschaut und hingeht.“

Und nach wie vor ist sie davon überzeugt, dass ein Kaufhaus, wie der Kaufhof mit dem Geschäftsmodell 1000fach alles unter einem Dach auch heute seine Kunden finden könnte.

Dass demnächst aus dem alten Kaufhof eine Seniorenresidenz mit Gastronomie und Einzelhandel werden soll, sieht sie vorerst mit Skepsis: „Es wird viel geredet und Papier ist geduldig. Ich glaube es erst, wenn ich den ersten Spatenstich sehe“, sagt sie.
Ihre Stammkunden, die sie schon von weiten sieht, halten sich gerne länger als nötig an ihrem Kiosk auf. „Den persönlichen Kontakt, den man hier erlebt, erinnert mich auf angenehme Weise an einen Tante-Emma-Laden. Das ist im vollautomatisierten Smartphone-Zeitalter ein echtes Kleinod“, findet Bürgeramtsleiter Reinhard Kleibrink. Für Rolf Fabri, dem Schaaf die Zeitung seiner Wahl bereits herauslegt, bevor er den Kiosk erreicht hat, ist ihr Tante-Emma-Zeitungsladen „ein charmantes Stück Mülheim.“ Und auch Gymnasiast Jan Hoeppner meint: „Man kennt sich und spricht ein paar Worte miteinander. Das ist einfach nicht so anonym, wie anderswo, wo alles nur wortlos über den Scanner gezogen wird.“

Eigentlich hält es Dorothea Schaaf ja mit ihrem Vater, der die Lizenz für seinen 1949 eröffneten Kiosk noch von der britischen Militärregierung bekommen hat: „Das ist ein Zeitungskiosk und keine Trinkhalle, weil Lebensmittel und Druckerschwärze nicht zusammengehören“, zitiert sie sein Credo. Doch als Vater und Mutter Scholl ihre neun Kinder noch mit einem Zeitungskiosk ernährten, kannte die Welt noch kein Internet und auch das Fernsehen musste erst aus den Kinderschuhen herauswachsen. „Nach dem Krieg war der Informationshunger der Leute sehr groß und es gab sehr viel mehr politische und kirchliche Zeitungen und Zeitschriften als heute“, weiß Schaaf. Inzwischen gibt es eben weniger Leser, die sich mit einem sozialen Milieu oder einer politischen Partei verbunden fühlen und entsprechend informiert werden wollen.
Deshalb verkauft Schaaf seit gut 20 Jahren nicht mehr nur Zeitungen und Zeitschriften, sondern auch Zigaretten, Süßigkeiten, Fahr- und Handykarten. Auch einen Kaffee oder ein alkoholfreies Erfrischungsgetränk kann man bei ihr bekommen.

Allerdings stellt Schaaf auch immer wieder fest, „dass viele Kunden ihre Zeitung nicht missen wollen und Zeitungen vor allem dann verstärkt gekauft werden, wenn etwas in der Welt passiert und die Leute die Fakten noch mal genau nachlesen wollen.“

Dieser Text erschien am 10. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Sonntag, 8. März 2015

Der kreative Kopf: Kiki Paffendorf


„Alleine Erfolg zu haben, macht nicht so viel Spaß, wie gemeinsam ein Ziel zu erreichen und die Freude darüber mit anderen zu teilen,“ sagt Kiki Paffendorf. Eigentlich heißt die 46-jährige Bürokauffrau, die für ein Tochterunternehmen der Sparkasse arbeitet, Christiane. Doch den Spitznamen Kiki hat sie aus ihrer Kindheit mit ins Erwachsenenleben genommen. So viel Narrenfreiheit gönnt sie sich auch im Alltag nach Aschermittwoch. Als Kind schrieb sie Phantasiegeschichten. Heute bringt sie als Trainerin, Choreographin und Kostümschneiderin der Ruhrgarde phantasievolle Tanzshows auf die Bühne. „Ich mache das nicht allein“, betont Paffendorf und weist auf ihre Kolleginnen Silvia Heibel, Gisela Claus und Yvonne Wustlich hin.

Mit ihnen investiert sie nach Feierabend und am Wochenende hunderte Stunden Arbeit, damit die 25 Tänzerinnen der Ruhrgarde gut aussehen. Wie man als Gardetänzerin oder Karnevalsprinzessin auf der Bühne gut aussehen kann, weiß Paffendorf aus eigner Erfahrung. Jetzt arbeitet sie als Trainerin und Kostümschneiderin hinter den Kulissen. „Alles hat seine Zeit“, sagt sie. Auch wenn ihr Hobby viel Zeit kostet, möchte sie es als kreativen Ausgleich zum Beruf nicht missen. „Es fasziniert mich zu sehen, wie aus Stoffbahnen Kostüme werden“, erzählt Paffendorf von der gemeinsamen Arbeit mit Elastanstoffen, Pailletten, Strasssteinen, Federboas und Lackstoff.

Nach der Musikauswahl und der Inspiration durch Fernsehen, Zeitschriften und andere Shows kommt der gemeinsame Stoffeinkauf und die anschließende Arbeit mit Nadel, Nähmaschine und elektrischer Schere. „Dabei nähen wir immer erst einen Prototyp und stellen das Kostüm den Mädchen vor, denn sie müssen es ja auch auf der Bühne anziehen“, berichtet Paffendorf. Und da sich die Damen der Ruhrgarde in einer Show viermal umziehen, müssen für jede Show 100 Kostüme geschneidert werden. Kein Wunder, dass die Ruhrgarde nur alle zwei Jahre eine neue Show auf die Bühne bringt. „Wenn die Leute im Saal dann aber mitgehen, weiß man, dass sich die gemeinsame Arbeit gelohnt hat“, freut sich Paffendorf. Sie ahnt: „Frauen schauen bei einer Show aufs Detail, Männer auf das Gesamtkunstwerk.“

Dieser Text erschien am 21. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Samstag, 7. März 2015

Martina Ising - Die Mutter aller Garden

Das Bild sollte nicht täuschen. Wenn Martina Ising am Stock geht, dann nur zur Show, etwa zuletzt bei der Herrensitzung, als Silver-Girl in den Reihen der Ladykracher. Denn auch wenn die 47-Jährige heute als Trainerin so etwas, wie die Mutter aller Tanzgarden der Roten Funken ist, zieht es sie mit den Ladykrachern auch heute noch auf die Bühne.

„Wenn man einmal damit angefangen hat, kann man damit nicht mehr aufhören“, sagt Martina Ising über das Tanzen im Karneval. Und sie lässt keinen Zweifel daran, dass der Applaus und die Anerkennung, die man mit einer Tanzshow vom geneigten Publikum bekommen kann, „gut für das eigene Selbstbewusstsein sind.“ Die Frau muss es wissen, fing sie doch schon in den 70er Jahren mit dem Karnevalstanz an. Damals ließ sie sich von der Mutter einer Freundin zum Tanztraining des Mülheimer Karnevalsvereins mitnehmen. Später wechselte sie zu den Roten Funken, blieb dem Tanzen aber treu. „Ich habe zwischendurch mal eine Pause eingelegt, als Jungs, Disco und andere Dinge für mich interessanter wurden, als der Karneval“, erinnert sich Ising an ihre Auszeit in den 80er Jahren. Doch als sie dann mal wieder beim Rosenmontagszug vorbeischaute, fiel ihr ein: „Das war doch eigentlich ganz schön. Geh doch mal wieder hin.“ Bei den Roten Funken ist man heilfroh über ihr Comeback.

Wenn man die jungen Damen aus ihren Garden, die sie zweimal pro Woche in der Styrumer Feldmannstiftung trainiert, nach ihrer Trainerin befragt, dann beschreiben sie Martina Ising als eine humor- und verständnisvolle Frau, die mit ihrer markanten Stimme bei Bedarf auch schon mal lauter werden kann. Auch wenn die Trainerin betont, „dass der Karnevalstanz nicht perfekt sein muss, sondern vor allem Spaß machen soll“, lässt sie doch keinen Zweifel daran, dass es ganz ohne Disziplin und Anstrengung vor, auf und hinter der Bühne nun mal nichts geht. Für sie selbst ist „das Gefühl von Zusammengehörigkeit“ und „der Stolz auf das gemeinsam Erreichte“, eine wichtige Inspirationsquelle, aus der Sie auch ihre Tanzgardistinnen schöpfen lässt. Mit einer Tanzgarde, davon ist Ising überzeugt, „kann man Mädchen nicht nur von der Straße holen“, sondern ihnen auch Teamgeist und Durchhalte- vermögen  beibringen. Für die Trainerin ist es auch eine wichtige Lebenserfahrung, „auch dann wieder auf die Bühne zurückzukommen, wenn vielleicht mal etwas schiefgelaufen ist.“

Ising ist immer wieder begeistert, wenn sie im Training Mädchen erlebt, „die sich anfangs sehr schwertun und auch sehr schüchtern sind und dann aber im Laufe der Zeit immer mehr aus sich herausgehen und über sich hinauswachsen.“
Ihr wichtigstes Kapital sieht Martina Ising darin, „dass ich ein fröhliches Gemüt habe und gut auf Menschen zugehen kann.“ Das kommt ihr nicht nur als Gardetrainerin bei den Roten Funken, sondern auch bei ihrer menschlich herausfordernden und anspruchsvollen Arbeit als Pflegekraft im Altenkrankenheim des Evangelischen Krankenhauses zugute. Sowohl in ihrem pflegerischen Berufsleben, als auch in ihrem karnevalistischen Privatleben hat sie eines immer wieder begriffen: „Man muss das Leben nehmen, wie es ist und das Beste daraus machen.“
Dass die Trainerin mit dieser Haltung auf Menschen anziehend wirkt, wird wohl auch daran deutlich, dass ihre Tanzgarden durch Mund-zu-Mund-Propaganda immer wieder neuen Zulauf bekommen, weil eine Tanzgardistin eine Freundin zum Training mitbringt. Und auch die Tatsache, dass sie ihre eigene Tochter Chantal als Gardetänzerin und Co-Trainer hat gewinnen können, spricht für ihre Qualitäten.

Dieser Text erschien am 21. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Donnerstag, 5. März 2015

Erneut deutlich mehr Kirchenaustritte

Die Zahl der Kirchenaustritte ist auch im Jahr 2014 deutlich angestiegen. Das geht aus den Zahlen des Amtsgerichtes und der Stadtkirchen in Mülheim hervor. Danach verließen im vergangenen Jahr 601 Katholiken und 675 Protestanten ihre Kirche. Zum Vergleich: 2013 verzeichnete die katholische Stadtkirche nur 413 und die evangelische Stadtkirche 362 Austritte.

Die Ursachen für den deutlichen Anstieg der Kirchenaustritte seien, so der evangelische Superintendent Helmut Hitzbleck und der katholische Stadtdechant Michael Janßen vor allem finanziell begründet. Die beiden Pfarrer und ihre Dümptener Kollegin Gundula Zühlke aus dem evangelischen Kreissynodalvorstand weisen in diesem Zusammenhang auf die 2013 vom Gesetzgeber novellierte Besteuerung von Kapitalerträgen hin.

Seit Anfang 2014 müssen Banken ihre Kunden darüber informieren, dass der neunprozentige Kirchensteueranteil an ihren Zinseinkünften automatisch an das Finanzamt und von dort an die Kirchen abgeführt wird, wenn sie dieser Praxis nicht ausdrücklich beim Bundeszentralamt für Steuern widersprechen und ihre Kapitalertragssteuern, wie bisher selbstständig im Rahmen ihrer Einkommensteuererklärung angeben. „Viele haben deshalb irrtümlich geglaubt, dass es sich um eine zusätzliche Kirchensteuer handelt, was ja definitiv nicht der Fall ist,“ sagt Janßen. Pfarrerin Zühlke räumt ein: „Da haben wir als Kirche einen Fehler gemacht, weil wir das den Menschen nicht gut genug erklärt haben und sich so viele überfallen fühlten.“

Für die Banken ist das „Mehrarbeit, zu der wir vom Gesetzgeber verpflichtet sind“, betont Sparkassensprecher Frank Hötzel. Er macht aber auch deutlich, dass Kapitalertragssteuern und damit der entsprechende Kirchensteueranteil nur dann fällig werden, wenn Kunden mehr als 801 Euro Zinsen pro Jahr bekommen. Wer weniger Zinseinnahmen hat, muss aber nur dann keine Kapitalertragssteuern zahlen, wenn er über seinen Bankberater einen Freistellungsauftrag erteilt hat.
Hötzel geht davon aus, dass die 75 000 Sparkassenkunden ein Spiegelbild der Mülheimer Stadtgesellschaft darstellen. Von den rund 168 000 Mülheimern sind heute nur noch 49 000 Mitglied der Evangelischen und knapp 52 000 Mitglied der katholischen Kirche. Zwar hat es in den vergangenen Jahren auch Kircheneintritte in Mülheim gegeben, beispielsweise im Jahr 2013 bei den Katholiken 23 und bei den Protestanten 119. Für 2014 liegen derzeit nur Zahlen vom Evangelischen Kirchenkreis vor, der 90 neue Mitglieder aufgenommen hat. Aber diese Zahlen fallen nicht ins Gewicht im Vergleich zu den Austritten. Nur noch gut 60 Prozent der Mülheimer gehören heute einer der beiden großen christlichen Kirchen an.

Dieser Text erschien am 15. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Dienstag, 3. März 2015

Thomas Straßmann: Das närrische Multitalent


Thomas Straßmann
Foto: Privat
„Es ist, wie es ist. Einmal Prinz zu sein, ist das größte als Vollblutkarnevalist.“ So sang Thomas Straßmann, als er in der Session 2001/2002 der Prinz von Mülheim war. Die Charakterisierung als Vollblutkarnevalist sieht er als „liebevolles Kompliment“ und nimmt es gerne an.

Egal, ob man im Karneval einen Stimmungssänger, einen Hoppediz, der in die Bütt steigt, einen Clown für den Kinderkarneval oder einen Sitzungspräsidenten braucht. Thomas Straßmann ist zur Stelle. Nicht nur in seiner eigenen Gesellschaft Blau Weiß, deren Präsident er ist, weiß man das karnevalistische Multitalent zu schätzen. „Im richtigen Leben bin ich ein ruhiger und zurückhaltender Mensch, aber wenn ich auf der Bühne stehe, lege ich den Schalter um und werde zur Rampensau“, beschreibt der 52-Jährige, der bei Daimler in der Karnevalshochburg Düsseldorf arbeitet, die zwei Seiten seines Wesens.

Mit dem Bazillus Carnevalensis ist Straßmann schon als Knirps infiziert worden. Auch Vater Franz zog schon als Sänger und Redner auf die Bühne. Das Idol seiner Kindheit, war der blau-weiße Kinderclown Fipsi, der einst in einem Zelt an der Duisburger Straße den Nachwuchs närrisch machte. Als der kleine Thommy größer geworden war und mit seinen Freunden Ally Hamann, Joachim Pütz und Herbi Hövelmann erst im Musikzug der KG Blau Weiß und später in den Bands Tramp 2000 und Blue Moon den Ton angab, trat er selbst als Kinderclown die Nachfolge seines Vorbildes Fipsi an. „Da habe ich erst mal gemerkt, wie schwer es ist Menschen gut zu unterhalten“, erinnert sich Straßmann an seine ersten Erfahrungen als Entertainer. Doch die Bühnenluft hat ihn süchtig gemacht. „Das tut natürlich auch dem Ego gut, wenn man Leute begeistern kann und Applaus bekommt. Dann sind alle Probleme und jeder Alltagsstress vergessen“, erklärt Straßmann, warum er sich auch heute auf jeden Auftritt freut.

Natürlich macht der Spaß auch Arbeit. „Eigentlich müsste ich schon im Sommer anfangen, aber meistens beginne ich erst im Oktober mit den Sessionsvorbereitungen“, erzählt Straßmann. Dann sieht er sich nach Feierabend immer wieder in sein Musikzimmer zurück und übt einen Karnevalsschlager nach dem anderen oder studiert die Lokalpresse, um Stoff für seine Büttenrede zu finden. Baustellen, Ruhrbania oder der Nahverkehr waren in den letzten Jahren seine Lieblingsthemen. „Die Karnevalsschlager muss man bis zum Umfallen üben, damit man auf der Bühne nicht mehr über den Text nachdenken muss, sondern einfach lossingen und auf die Leute im Saal zugehen kann,“ beschreibt der Vollblutkarnevalist den Fleiß, der vor dem Preis des Applauses kommt. Nur seine selbst geschriebenen Karnevalsschlager, wie etwa „Da ist der Dieter da“ braucht er nicht mehr zu üben.
 
Dieser Text erschien am 21. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Montag, 2. März 2015

Alle Schäfchen im Trockenen? Die Kirche zwischen Steuereinnahmen und Sparzwang: Eine Bestandsaufnahme

Immer weniger Kirchenmitglieder, immer weniger Kirchensteuereinnahmen? Die Antwort scheint logisch ganz klar „Ja“ zu sein. Doch so einfach ist es nicht auf eine Formel zu bringen. Denn: Mit der Zahl der Kirchenmitglieder sinken nicht automatisch auch die Kirchensteuereinnahmen. Die seien nämlich immer auch von der konjunkturellen Entwicklung und den steuerrechtlichen Rahmenbedingungen abhängig. Darauf weisen sowohl die evangelische als auch katholische Kirche hin. Zudem sei auch nicht jedes Kirchenmitglied zugleich ein Kirchensteuerzahler.

Und während man beim Bistum im statistischen Durchschnitt mit 211 Euro Kirchensteuereinnahmen pro Kirchenmitglied rechnet und für das laufende Jahr einen Kirchensteuerrückgang von neun Prozent prognostiziert, verbucht man beim evangelischen Kirchenkreis an der Ruhr dagegen ein Plus – nämlich 2013 (aktuellere Zahlen liegen noch nicht vor) mit 15,55 Millionen Euro ein Kirchensteueraufkommen, das gut eine Million Euro über dem von 2003 lag.

Doch auch wenn die finanzielle Situation der evangelischen Kirche auf den ersten Blick gut aussieht, warnt Superintendent Helmut Hitzbleck vor voreiligen Schlüssen, weil die Lohnkosten, die im Schnitt mehr als 70 Prozent der kirchlichen Haushalte ausmachten, die zwischenzeitlichen Steuergewinne übersteigen und am Ende „unter dem Strich zu einem Minus führen.“ Deshalb sieht er auch für die Zukunft eine Entwicklung die dazu führt, „dass wir als Kirche mit weniger Menschen an weniger Orten, weiterhin die Arbeit leisten, die uns wichtig ist.“ Dazu gehört „neben der Verkündigung des Evangeliums vor allem für die Menschen da zu sein und sie dort, wo sie sozial abgehängt werden, wieder an die Gesellschaft anzukoppeln.“ Nicht ohne Stolz weist Hitzbleck darauf hin, dass man in den vergangenen Jahren trotz Personalabbau niemanden entlassen und sich auch aus keinem Bereich zurückgezogen habe.

Auch für den katholischen Stadtdechanten Michael Janßen steht fest: „Kirche muss weiter im Stadtbild präsent sein und ihre pastorale und soziale Arbeit vor Ort leisten.“ Doch angesichts der Prognose, dass die katholischen Pfarrgemeinden bis 2030 auf 50 Prozent ihrer aktuellen Kirchensteuermittel in Höhe von je 350?000 Euro verzichten müssen, denkt Janßen über kreative Lösungen nach. So kann er sich zum Beispiel vorstellen, aus den drei Pfarrverwaltungen eine zentrale Kirchenverwaltung zu machen und dort, wo das möglich ist, auch Gemeindezentren und Gemeindesäle aufzugeben und stattdessen Kirchen zu erhalten und sie in multifunktionale Gemeinderäume umzugestalten. Denkbar ist für ihn auch, die katholische Heilig-Geist-Kirche in Holthausen künftig ökumenisch zu nutzen. Im Frühjahr beginnen Gespräche zwischen Stadtkirche und Bistumsleitung. Sie sollen bis Ende 2017 zu konkreten Vorschlägen führen.

Doch nicht erst seit gestern passen die Stadtkirchen ihre Strukturen den veränderten demografischen und finanziellen Rahmenbedingungen an. Auf katholischer Seite wurden 2006 aus 15 eigenständigen Pfarrgemeinden drei Großpfarreien mit Gemeinden und Filialkirchen. Auf evangelischer Seite fusionierten die Gemeinden Holthausen, Altstadt und Menden-Raadt zur Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde. Die Gemeinden Broich und Saarn schlossen sich zusammen. Und Styrum, Johannis und Dümpten bildeten die neue Lukaskirchengemeinde. Gleichzeitig wurden im Laufe der letzten Dekade die 12 Gemeindezentren und Kirchen aufgegeben, damit die zuständigen Gemeinden Bauunterhaltungskosten sparen konnten. In einigen Fällen, wie etwa am Schöltges Hof in Dümpten, an der Walkmühlenstraße oder zuletzt im Fall der Friedenskirche am Humboldthain wurden Gemeindeimmobilien verkauft und zum Beispiel für neuen Wohnraum an der Walkmühlenstraße oder eine privat betriebene Urnenbegräbnisstätte am Humboldthain umgewidmet.

Im Mai diesen Jahres steht die Entwidmung der Christuskirche und ihres Gemeindezentrums am Lindenhof in Saarn an. Die katholische Kirche machte im Rahmen ihrer Gemeindeumstrukturierung 2006 aus der damaligen Pfarrkirche Heilig Kreuz eine Urnenkirche, in der aber weiterhin Gottesdienste gefeiert werden. Gleichzeitig wurde die Pfarrkirche St. Raphael an der Hingbergstraße profaniert und fortan als Caritas-Zentrum genutzt.

Erheblich schmerzhafter waren die Schließung des katholischen Jugendamtes und die Streichung der Stelle für Öffentlichkeitsarbeit. Die katholischen Gemeindekindergärten wurden damals in einen Zweckverband des Bistums überführt, während die evangelischen Kitas weiter von den Gemeinden finanziert werden müssen. Wie berichtet sucht die Lukaskirchengemeinde für ihr Haus der kleinen Leute am Klöttschen jetzt einen neuen Träger, um sich finanziell zu entlasten.

Wie sich der Sparzwang auf die kirchlichen Strukturen auswirkt


Die Zahl der Mülheimer Protestanten ist zwischen 2003 und 2013 von rund 60?000 auf rund 51?000 zurückgegangen. Gleichzeitig sank die Zahl der Mülheimer Katholiken von 58 613 auf 51 751. Superintendent Helmut Hitzbleck und Stadtdechant Michael Janßen sind sich darin einig, dass die beiden großen christlichen Kirchen künftig noch mehr auf das ehrenamtliche Engagement ihrer Gemeindemitglieder angewiesen sein werden.

Wie das in der Praxis funktionieren kann, zeigt ein Beispiel aus der katholischen Gemeinde St. Mariae Geburt. Hier wurde eine hauptamtliche Küsterstelle durch eine 450-Euro-Kraft ersetzt, die von 20 ehrenamtlichen Helfern aus der Gemeinde unterstützt wird. Gleichzeitig baute die Gemeinde drei Hausmeisterstellen ab und reduzierte die vierte Hausmeisterstelle von Voll- auf Teilzeit.

Im Bereich der Ev. Stadtkirche wurden in den letzten Jahren drei Pfarrstellen eingespart, weil ein Pfarrer in den Ruhestand und zwei weitere in andere Kirchenkreise gingen und durch drei Mülheimer Pfarrer ersetzt werden konnten, deren bisherige Pfarrstellen im Zuge von Umstrukturierungen und Gemeindefusionen aufgegeben wurden. Aktuell gibt es im evangelischen Kirchenkreis An der Ruhr 26 Gemeinde- und Funktions-Pfarrstellen.

Dieser Text erschien am 28. Januar 2015 in der Neuen Ruhr Zeitung

Schwarzes Gold

  Noch bis zum 1. Dezember kann man im Haus der Stadtgeschichte an der Von-Graefe-Straße in die Geschichte des Mülheimer Bergbaus eintauchen...