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Wie im Wilden Westen

"Mama sagt: Nun wird es Zeit, du brauchst 'nen Mann. Und zwar noch heut. Nimm gleich den von nebenan, denn der ist bei der Bundesbahn." So sang Gitte Henning 1963, als die Deutsche Bahn noch ein Staatsbetrieb war. Damals war auf die Bundesbahn noch Verlass und die Pünktlichkeit ihrer Züge ein ehernes Gesetz. Mehr als ein halbes Jahrhundert und eine Privatisierung später, ist davon nichts mehr geblieben. Wer als Berufspendler mit der Deutschen Bahn unterwegs sein muss, weiß davon ein Klagelied zu singen. Sicher. Die Bahn kommt. Nur wann? Das ist die Frage, die man sich als Pendler immer wieder stellen muss, während man am Bahnsteig wartet und friert und sich die nächste Entschuldigung für seine Verspätung zurecht legt oder mit sich selbst  verhandelt, ob man im Interesse der Pünktlichkeit auf die teure Mobilitätsalternative Taxi umsteigen soll. Jeder Handwerker, der an seiner Baustelle fuscht, muss mit Lohnabzug oder Regressansprüchen rechnen. Nur die Vorstände der Deutschen Bahn bekommen weiter ihre unverdient hohen Bezüge und die Eisenbahner-Gewerkschaft fordert mit einem Streik auf Kosten ihrer Fahrgäste erst mal einen kräftigen Schluck aus der Lohnpulle, ehe sie auch nur ein Wort darüber verlieren, wie sie die Arbeitsbedingungen und die Dienstleistung der Deutschen Bahn verbessern wollen. Da versteht man, dass Gitte Henning keinen Mann von der Bundesbahn, sondern lieber einen Cowboy haben wollte, der im Zweifel auf sein schnelles Pferd zurückgreifen konnte, um sein Ziel pünktlich zu erreichen und zur Not seinen berechtigten Forderungen mit einem Colt Nachdruck verleihen und Wegelagerern einen Strich durch ihre Rechnung zu machen.
Dieser Text erschien am 11. Dezember 2018 in der NRZ

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