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Eine Oase der Menschlichkeit

Beleuchtete Tannenbäume, duftende Leckereien, schöne Handarbeit. Dienstbare Geister mit Nikolausmützen unterhalten sich mit den Besuchern der ersten Waldweihnacht am Worringer Reitweg. Adventsidylle im Uhlenhorst. Doch wer mit den Nikolausmützenträgern ins Gespräch kommt, erfährt, dass dieser idyllische Ort auch schicksalsbeladen ist.

Denn Peter van Eyll und Natascha Wegener leiten hier in einem ehemaligen Landschulheim eine 1999 eröffnete Wohneinrichtung der gemeinnützigen Gesellschaft Regenbogen. Hier betreuen sie zusammen mit 18 Kollegen aus pädagogischen, sozialen und medizinischen Berufen 22 Menschen, die seelisch krank und drogenabhängig sind. "Diese Einrichtung ist ein Segen", sagt ein Vater, der hier regelmäßig seine 26-jährige Tochter besucht, die eine zehnjährige Leidensgeschichte hinter sich hat und in der vom Landschaftsverband Rheinland finanzierten Wohneinrichtung am Worringer Reitweg wieder neuen Halt gefunden hat.

"Wir kümmern uns hier um Menschen, die mit ihrer Doppel-Diagnose oft auf der Straße landen und dort schreckliche Dinge erleben müssen, weil sie mit ihrem doppelten Hilfebedarf oft durch alle therapeutischen Raster fallen", erklärt Einrichtungsleiter van Eyll das Profil seiner offenen Einrichtung, die ihre Bewohner auch dann nicht vor die Tür setzt, wenn sie mit ihrer Drogensucht rückfällig geworden sind. "Die sechs Frauen und 16 Männer zwischen 19 und 60, die bei uns leben, werden hier nicht auf ihre Doppel-Diagnose reduziert. Sie werden einfach als Menschen akzeptiert. Und das hilft ihnen, sich mit ihrer oft traumatischen Leidensgeschichte zu öffnen und sich zu stabilisieren", ergänzt seine Stellvertreterin Natascha Wegener.

In der Wohneinrichtung am Worringer Reitweg erhalten die vom Leben gezeichneten Menschen nicht nur ein Dach über dem Kopf und geregelte Mahlzeiten. Sie werden auch in die hauswirtschaftlichen Dienste der Wohneinrichtung einbezogen. So erhalten sie eine feste Tagesstruktur und werden wieder an selbstverantwortliches Arbeiten herangeführt. Mit ihrer Arbeit verdienen sie sich Pluspunkte, die sie dann in Wohltaten ihrer Wahl investieren können. Das kann ein Theaterbesuch, ein Restaurantbesuch, der Besuch eines Nagelstudios oder einer Cart-Bahn sein. Jeder Drogenkonsum auf dem Gelände wird zur Anzeige gebracht, die oft zu einer Geldstrafe führt. Diese wird dann  ratenweise vom monatlichen Taschengeld (100 Euro) abgezogen.

Dieser Text erschien am 18. Dezember 2018 in NRZ & WAZ



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