Samstag, 31. August 2013

Die Zukunft ist ökumenisch: Die katholische Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt feiert ihren 250. Geburtstag zusammen mit ihren evangelischen Nachbarn auf dem Kirchenhügel

„Das habe ich mir von Papst Franziskus abgeschaut. Auf Menschen zugehen und in einfachen Worten authentisch mit ihnen sprechen“, beschreibt Pfarrer Michael Janßen seine Strategie als Seelsorger. Er ist davon überzeugt, dass seine Gemeinde St. Mariae Geburt, die jetzt ihren 250. Geburtstag feiert, und im Laufe dieser Zeit (1786, 1856-72 und 1928/29) drei Kirchen errichtet hat, nicht nur eine große Vergangenheit, sondern auch eine gute Zukunft haben wird.


„Es gibt eine große Sehnsucht nach Religion. Das spüre ich nicht nur in meinen Gesprächen mit jungen Leuten immer wieder“, betont Janßen. Am Anfang ist das Wort, nicht nur in der Bibel, sondern auch in der alltäglichen Begegnung von Mensch zu Mensch. „Wie gut das tut und wie die gemeinsame Arbeit Freude macht“, erlebt auch die ehrenamtliche Gemeindemitarbeiterin Elke Titze beim Mittagstisch für Bedürftige. Donnerstags um 12 Uhr wird im Jugendheim an der Althofstraße aufgetischt und im besten Sinne des Wortes über Gott und die Welt gesprochen. „Wir feiern hier nicht uns selbst, sondern wir stehen gemeinsam für die Frohe Botschaft Jesu“, sagt die ehrenamtliche Küsterin Annegret Walz mit Blick auf die 17?705 Katholiken der Pfarrgemeinde St. Mariae Geburt und ihre 10?600 evangelischen Glaubensgeschwister von der Vereinten Evangelischen Kirchengemeinde.

„Petri- und Marienkirche sind gerade mal 140 Meter voneinander entfernt. Und hier drängt nicht nur baulich alles zur Ökumene“, unterstreicht der emeritierte Weihbischof Franz Grave, der das katholische Seelsorgeteam seit 2008 verstärkt und den Blick der Gemeinde in die Weltkirche geöffnet hat. „Er hat uns damit richtig angesteckt“, sagt Elke Titze mit Blick auf die von Grave initiierten Lateinamerikawochen der Gemeinde. Auch die Kollekten der Jubiläumsfesttage sollen den Katholiken in Lateinamerika zugute kommen und dort in die Weiterbildung von Laien fließen, die als ehrenamtliche „Delegierte des Wortes Gottes“ die Frohe Botschaft in den Alltag ihrer Nachbarn tragen.

Grave lässt keinen Zweifel daran, dass auch die Katholiken rund um den Kirchenhügel von ihren Glaubensgeschwistern in Lateinamerika lernen können. „Wir müssen als Gemeinde ökumenisch, diakonisch und missionarisch sein“, glaubt er.

Ein ökumenisches Familienzentrum, ökumenische Bibelkreise, ökumenische Wallfahrten, ökumenische Ausflüge, Gemeindefeste und eine gemeinsame christliche Hospizarbeit sehen die vier für die Zukunft als wegweisend. „Wir haben schon viel erreicht, aber wir müssen in Zukunft noch mehr machen“, sagt Janßen nicht nur mit Blick auf die Ökumene, sondern auch auf die Gewinnung ehrenamtlicher Mitarbeiter, die angesichts des Priestermangels und des demografischen und gesellschaftlichen Wandels für den Fortbestand der Kirche immer wichtiger werden.

Janßen schätzt, dass sich zurzeit 350 Gemeindemitglieder ehrenamtlich engagieren, sei es im Küsterdienst, in der Gemeindecaritas, bei Kolping und der KAB oder im Seniorenkreis. Die Zahlen sprechen für sich. 2012 standen in der Gemeinde 88 Taufen und zwei Kircheneintritten 152 Bestattungen und 86 Kirchenaustritte gegenüber. Viel Arbeit im Weinberg des Herrn am Kirchenhügel.

Doch ein Blick in die Geschichte macht Mut, weil er zeigt, dass katholische Christen immer wieder schwierige Herausforderungen der Zeit gemeistert haben. Über 200 Jahre gab es gar kein katholisches Glaubensleben auf dem Kirchenhügel. Die Petrikirche war Mitte des 16. Jahrhunderts protestantisch geworden. Katholisches Leben fand nach der Reformation nur im Kloster Saarn, im Schloss Styrum oder in der Abtei Werden statt, ehe die Jesuiten um 1750 ihre Missionsarbeit auf dem Kirchenhügel begannen und dort eine Volksschule errichteten. Dort sollte dann auch am 23. Oktober 1763 die erste Heilige Messe gefeiert werden.

Damals gehörten etwas mehr als 300 Seelen zur Missionsgemeinde, die vier Jahre nach ihrem ersten Kirchenbau 1790 schon rund 1000 Seelen zählen und zur Pfarrgemeinde erhoben werden sollte. Damals reichte ihr Einzugsgebiet von Kettwig bis Oberhausen. Vor allem die Industrialisierung und der Zuzug katholischer Arbeitskräfte ließ die Zahl der Gemeindemitglieder bis 1900 auf mehr als 10?000 ansteigen. Zu diesem Zeitpunkt hatten sich bereits weitere katholische Gemeinden, wie etwa St. Mariae Rosenkranz in Styrum, St. Joseph in Heißen oder St. Barbara aus der Mutterpfarrei St. Mariae Geburt heraus selbstständig gemacht.

Es war der tatkräftige Pastor Konrad Jakobs, der als Caritasgründer und Erbauer der heutigen Marienkirche dem Gemeindeleben in den 20er Jahren neue Impulse gab, die auch über Diktatur und Krieg hinweghalfen. Dem Wiederauf- und Ausbau folgte ab 2006 der Um- und Rückbau zur Großpfarrei.

Dieser Text erschien am 29. August 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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