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Als die Bilder laufen lernten: Ein Besuch in der Camera Obscura

Wie war das, als Bilder laufen lernten, aber die Menschen noch nicht ins Kino gingen oder vorm Fernseher saßen? In einem alten Wasserturm in Mülheim kann man es erleben. Zwischen Laterna Magica, Schattenspiel, Guckkästen, Kaleidoskop und Wunschtrommel können Besucher Bilder in Bewegung bringen und an 16 Nachspielstationen alles anschauen, (fast) alles anfassen oder per Kurbel und Knopfdruck in Gang setzen – ohne Angst zu haben, etwas kaputtzumachen. Doch wirklich spitze ist der 30 Meter hohe Turm, weil er unter seinem Dach die größte Camera obscura der Welt beherbergt.


Camera obscura – was, bitte schön, ist das denn? Es ist der Urahn von Fotoapparat, Videokamera und Fernsehschirm von heute. Durch ein kleines Loch fällt Tageslicht von außen in einen dunklen Raum und projiziert Bilder auf die gegenüberliegende Wand – die Mattscheibe. Im 19. Jahrhundert, lange vor Pocketkamera und Digicam, war die Camera obscura ein Jahrmarktknüller, es gab sie aber auch in Parks und auf Aussichtspunkten.

Auf geht’s: In Mülheim betritt man einen kreisrunden Raum (sensationelle Akustik!), das Kuppeldach erinnert an eine überdimensionierte Salatschüssel. In der Mitte steht eine weiße Holzscheibe von 1,40 Meter Durchmesser – der „Bildschirm“. Aus neun Metern Höhe fällt durch ein kleines Loch das Tageslicht auf eben jene Holzscheibe. Es gibt ein kleines Pult, an dem nur Museumsleiter Kaufhold schalten und walten darf. Per Knopfdruck dreht und kippt Kaufhold einen 30 Zentimeter breiten Spiegel – gebaut einst von Carl Zeiss Jena für ein russisches Weltraumteleskop, aber nun fest auf dem Dach des alten Broicher Wasserturms installiert.

Die Show beginnt: Licht aus und Tageslichtspot an, ein Gefühl wie im Kino. Die Augen müssen sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Doch dann erkennt man auf der Holzscheibe Bilder, gestochen scharf: Spaziergänger auf dem Gartenschaugelände Müga, Autos auf einer Kreuzung, Leute, die auf einen Bus warten. . .

Je nachdem, wie Kaufhold per Knopfdruck die Spiegel auf dem Dach ausrichtet, sieht man wie bei einer Kamerafahrt Bilder aus dem Nah- und Fernbereich des Wasserturmes. Bis zu 30 Kilometer weit kann man schauen. Der Mülheimer Kirchenhügel und der Speldorfer Hafen erscheinen plötzlich zum Greifen nah, ebenso der Gasometer in Oberhausen oder der Landschaftspark Duisburg-Nord, auch, wenn die Sonne mal nicht scheint. Doch wenn sie scheint, wie an diesem Tag, ist der Ausblick besonders beeindruckend. „Die Bilder sind schärfer, als wenn man sie mit einer Videokamera aufgenommen hätte“, staunt Schülerin Nina Schröder, die mit ihrer Tante Heike Tholen eine Vorführung miterlebt hat. Ihre Tante ist überzeugt: „Der Besuch lohnt sich auf jeden Fall. Denn gerade für Jugendliche, die heute nur noch digitale Bilder kennen, ist es interessant, hier zu entdecken, wie die Geschichte der bewegten Bilder begonnen hat“, findet Heike Tholen. Jährlich kommen 20?000 Besucher in den Wasserturm. „Wir sind ein echter Familienmagnet“, sagt Museumschef Kaufhold. Er berichtet, dass es vor allem Kinder sind, die das Museum durch einen Besuch mit Schulklasse oder Kindergartengruppe kennengelernt haben, die hier auch ein zweites und drittes Mal mit ihren Eltern vorbeischauen wollen, um den Erwachsenen dann die Camera obscura zu erklären.

Die Camera ist seit 1992 an ihrem Platz. Die Eröffnung der Gartenschau und eine Spende der Rheinisch-Westfälischen Wasserwerksgesellschaft machten es möglich. Seit dem Jahr 2006 ist auch das Museum zur Vorgeschichte des Films im Wasserturm zu Hause. Auf drei Etagen sind über 1000 Exponate des Sammlers Karl-Heinz Steckelings zu erleben – eben jene eingangs erwähnten Guckkästen und Schattenspiele, toll für Kinder.

Museum und Camera obscura (Am Schloss Broich 42)sind unter 0208/3022605 erreichbar und mittwochs bis sonntags von 10 bis 18 Uhr geöffnet (www.camera-obscura-muelheim.de). Kinder unter 6 Jahren haben freien Eintritt. Kinder über 6 Jahren zahlen 3,50 und Erwachsene 4,50 Euro. Hin kommt man mit dem Auto über die A?40 bis Abfahrt Mülheim-Heißen oder mit der Straßenbahnlinie 102 in Richtung Uhlenhorst bis Haltestelle Schloss Broich.

Dieser Text erschien am 24. August 2013 auf der Landesseite der Neuen Ruhr Zeitung

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