Mittwoch, 7. August 2013

Die Sonnen- und Schattenseiten eines Busfahrerlebens: Ein Gespräch mit dem MVG-Fahrer Cemil Ates

Seine Kollegin auf dem Plakat der Fahrerkampagne lächelt. „Für euch stehe ich gerne früh auf“, steht da. Über dieses Motiv kann Cemil Ates nur schmunzeln. „Ich bin ein Nachtmensch. Morgens früh aufzustehen, fällt mir schwer“, sagt der 49-jährige Busfahrer der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG). Deshalb beginnt er seinen Fahrdienst meistens am frühen Nachmittag oder am späten Abend.


Auf den sechs Nachtexpresslinien der MVG fährt Ates am liebsten. „Nachts ist es ruhiger auf den Straßen. Es sind nicht so viele Autos und Menschen unterwegs und viele Ampeln sind abgeschaltet“, beschreibt er die Vorzüge seiner Nachtfahrten.

Doch der gelernte Stahlbetonbauer, der nach der Insolvenz seines früheren Arbeitgebers 2005 auf Busfahrer umschulte, „weil man da mehr mit Menschen zu tun hat“, weiß auch: „Als Busfahrer muss man seine Augen immer überall haben.“ Nachts hat er seine Augen vor allem dort, wo vor allem am Wochenende regelmäßig alkoholisierte Jugendliche an Diskotheken und Kneipen einsteigen. „Wenn sie zwei oder drei Bier getrunken haben, fühlen sie sich besonders stark und sind so respektlos, dass man sich nur darüber wundern kann“, sagt der Vater von drei inzwischen erwachsenen Kindern.

Mit welchen Beschimpfungen er und auch mancher Fahrgast nachts manchmal traktiert wird, möchte er nicht weiter ausführen. Doch Ates lässt keinen Zweifel daran, dass er die in vielen Elternhäusern offensichtlich immer öfter fehlende Erziehung für die zunehmende Respektlosigkeit verantwortlich macht. „Ob diese Jugendlichen sich zu Hause auch das erlauben, was sie sich manchmal erlauben, wenn sie nachts mit Bus oder Bahn unterwegs sind?“ fragt er sich nachdenklich.

Keinen Zweifel lässt Aset auch daran, dass sich die Situation auf der früher sehr heißen Nachtexpress-Linie 9, die zwischen dem Duisburger Hauptbahnhof und dem Rhein-Ruhr-Zentrum pendelt, erheblich entspannt hat, seit zwei Sicherheitsleute mitfahren. „Allein die Optik ihrer körperlichen Präsens macht schon viel aus“, findet Aset und würde deshalb auch den anderen Nachtexpresslinien einen solchen Begleitschutz wünschen, auch wenn es dort meistens deutlich ruhiger zugeht.

Bevor die Sicherheitsleute vor zwei Jahren auf der Nachtexpresslinie 9 einstiegen, sah sich Ates dort regelmäßig mit Rangeleien konfrontiert. Was macht man als Busfahrer, wenn man gerade keine Sicherheitsleute an Bord hat und alkoholisierte Fahrgäste herumpöbeln? Die Antwort verblüfft: „Ich bin extrem höflich und mache deutlich, dass noch andere Fahrgäste im Bus sind, die sicher ans Ziel kommen wollen“, sagt Ates und lächelt. „Denn“, so erklärt er seine Deeskalationsstrategie: „wenn ich auf aggressives Verhalten selbst aggressiv reagieren würde, würden die ohnehin schon extrem aggressiven Fahrgäste nur noch aggressiver.“

Wenn Ates Charmeoffensive aber partout nicht verfangen will, macht er nur noch eines, nämlich über Funk in der Leitstelle Polizei oder Sicherheitsleute anzufordern.“ Er selbst, da klopft Aset auf Holz, war bisher noch keiner körperlichen Gewalt ausgesetzt. Aber er hat auch schon von Kollegen gehört, die während ihres Dienstes geschlagen worden sind. Der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende Uwe Klusmann erinnert sich in diesem Zusammenhang daran, dass einem Busfahrer der MVG vor einigen Jahren durch den Faustschlag eines Fahrgastes der Kiefer gebrochen wurde. „Man hat als Busfahrer auch mit vielen netten Leuten zu tun, die sich bedanken, wenn man ihnen hilft, ihren Rollator oder ihren Kinderwagen in den Bus zu hieven oder einen Kollegen anfunkt, damit sie ihren Anschluss bekommen“, versichert Ates.

Was will die Fahrerkampagne der VIA erreichen?

Mehr Verständnis und einen freundlicheren Ton in Bussen und Bahnen, der auch den Nachwuchs motiviert: Das wünscht sich der stellvertretende Betriebsratsvorsitzende der Mülheimer Verkehrsgesellschaft (MVG), Uwe Klusmann. Er weist darauf hin, dass die 837 Busfahrer und 638 Straßenbahnfahrer im Via-Verbund der örtlichen Verkehrsgesellschaften von Mülheim, Essen und Duisburg täglich eine halbe Million Fahrgäste befördern, angesichts der zunehmenden Taktverdichtung unter einem starken Zeitdruck stehen und in ihren 8,5 Stunden-Schichten immer weniger Zeit für kleine Pausen haben. Laut Tarifvertrag bekommen Busfahrer, je nach Dienstalter, ein monatliches Bruttogehalt zwischen 2100 und 2300 Euro.

Dieser Text erschien am 25. Juli 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen