Samstag, 11. Mai 2013

Er war ein Fernsehstar mit menschlicher Bodenhaftung ohne Staralüren Am 9. Mai wäre der in Speldorf geborene Wim Thoelke 86 Jahre alt geworden

Es wäre eine Preisfrage für den Großen Preis gewesen: Welcher Show- und Quizmaster wurde in Mülheim geboren? Antwort: Wim Thoelke. Tatsächlich moderierte der am 9. Mai 1927 in Speldorf geborene Thoelke mit dem Großen Preis eine der erfolgreichsten Unterhaltungssendungen des Zweiten Deutschen Fernsehens, das in diesem Jahr seinen 50. Geburtstag feiert . Sie erreichte zwischen 1974 und 1992 nicht nur ein Millionen-Publikum, sondern spielte auch Millionen für die Behindertenhilfe Aktion Mensch ein, die damals noch Aktion Sorgenkind hieß.


Der Mann aus Mülheim gehörte zur Gründergeneration des Mainzer Fernsehsenders. 1963 war er einer der Nachrichtensprecher der Heute-Sendung, ehe er als Moderator zum Aktuellen Sportstudio wechselte und ab 1970 mit der Musikshow Dreimal Neun ins Unterhaltungsprogramm einstieg.

„Wim war ein echter Kumpeltyp, ein netter Kerl, mit dem man sich eigentlich gar nicht streiten konnte“, erinnert sich sein Jugendfreund Theo Münten an die Zeit, als Big Wim in den 30er Jahren noch klein war und mit ihm und anderen Freunden auf den Speldorfer Straßen spielte oder am Blötter Weg den VfB Speldorf anfeuerten. „Wir saßen immer hinter dem gegnerischen Tor, um den Torwart der Gastmannschaft nervös zu machen“, erinnert sich Münten an die Fankurve mit Thoelke und Co. Wenn die eigenen Väter am Sonntag keine Zeit oder keine Lust auf Fußball hatten, ließen sich Theo und Wim kurzerhand von „Leihvätern“ mit ins Stadion nehmen, weil Kinder in Begleitung freien Eintritt hatten und sie so den Groschen für die Karte sparen konnten.

Das unumstrittene Fußballidol, dem Theo und Wim nacheiferten, war der damalige Torwart des VfB Speldorf, Fritz Buchloh, der damals auch das Tor der deutschen Nationalmannschaft hütete. Aus den Zuschauern Münten und Thoelke sollten später Mannschaftskameraden werden: Theo als Linksaußen und Wim als Torwart. Doch weil Thoelke aufgrund der starken Torwart-Konkurrenz beim VfB nie zur Nummer 1 werden konnte, wechselte er später als Torwart zum Kahlenberger Hockeyclub.

Seine ersten Schuljahre verbrachte der Sohn eines Studienrates an einer einklassigen Volksschule am Blötter Weg bei Fräulein Weber, ehe er auf ein Duisburger Gymnasium wechselte und dann in Köln Jura studierte.

Der Krieg trennte die Freunde Theo und Wim. Theo musste zum Reichsarbeitsdienst einrücken. Wim wurde Luftwaffenhelfer. Erst nach dem Krieg gab es ein Wiedersehen. Das war im November 1950, als der Sportreporter Münten über einen Vorbereitungslehrgang der deutschen Nationalmannschaft im Duisburger Wedau-Stadion berichtete und Student Thoelke ihn als Wachmann des DFB in den Innenraum ließ, so dass Münten Fritz Walter und Co. beim Training aus nächster Nähe fotografieren konnte.

Damals war noch nicht abzusehen, dass Thoelke in den 50er Jahren selbst unter die Sportreporter gehen sollte. Zuvor hatte er sich bereits als Geschäftsführer des Deutschen Handballbundes seine ersten Meriten verdient. Wenn Theo Münten Wim Thoelke später wiedersah, dann auf dem Fernsehbildschirm.

„Den kenn ich auch, sagte mein Vater schon mal, wenn wir Donnerstagsabends den Großen Preis sahen. Als Kinder freuten wir uns immer, wenn wir mitraten und mal eine Frage richtig beantworten konnten. Doch der eigentliche Höhepunkt war für uns das Gespräch, das Wim Thoelke mit Wum und Wendelin führte“, erinnert sich Müntens Sohn Thomas , der heute als Reporter für das ZDF-Landesstudio Düsseldorf arbeitet, an die Familien-Fernsehabende.

„Heute ist vieles im Fernsehen schnelllebiger und knalliger geworden, obwohl ich nicht weiß, ob man diesem Trend immer nachgeben sollte. Ich glaube, dass das gelungene Infotainment Wim Thoelkes, also die Mischung aus Information und guter Unterhaltung, auch heute ein Publikum finden würde“, sagt Thomas Münten.

Im Februar 1989 sollte sein Vater Theo seinen Jugendfreund aus dem Fernsehen noch einmal treffen. Denn damals berichtete er über Thoelkes Besuch beim Mülheimer Sportförderkreis. Auf dessen Einladung referierte der Ex-Sportreporter Thoelke in der Sparkasse am Berliner Platz über das Verhältnis von Sport und Fernsehen in Zeiten zunehmender Kommerzialisierung. „Thoelke hat sein Honorar damals dem Mülheimer Sport gestiftet und nach seinem Vortrag haben wir zusammen mit Fritz Buchloh Erinnerungen an unsere Speldorfer Zeit ausgetauscht“, erinnert sich Münten an die Zusammenkunft. Thoelke habe versichert: „Ich fühle mich hier immer noch wie zu Hause.“ Doch seine Wahlheimat war damals Wiesbaden, wo er am 26. November 1995 an den Folgen eines Herzleiden sterben sollte. Ironie des Schicksals. Sein Todestag war der 86. Geburtstag seines alten Torwartidols Fritz Buchloh, der Thoelke noch um drei Jahre überleben sollte.

Ganz persönlich


Seine Speldorfer Kindheit beschreibt Wim Thoelke in seiner Autobiografie „Stars, Kollegen und Ganoven“ als eine glückliche und behütete Zeit. („Über unsere Kindheit können wir uns nicht beklagen.“) Sein Elternhaus stand an der Schumannstraße in unmittelbarer Nähe der St.-Michael-Kirche. Hier wuchs er mit seinen jüngeren Geschwistern Karl und Rosemarie und dem geliebten schlesischen Kindermädchen Agnes auf. („Agnes war das Glück unserer Kindheit. Kein Wort ist groß genug, um zu beschreiben, was wir dieser warmherzigen, schlichten und selbstlosen Frau zu verdanken haben.“)

Den Vater beschreibt Thoelke als streng, aber humorvoll, die Mutter als liebevoll. („Sie haben uns die wahren Werte des Daseins zu schätzen gelehrt.“) Außerdem berichtet er von Familienausflügen, etwa zum Haus Hammerstein im Speldorfer Wald oder zu den Segelfliegern am Auberg. Erwähnung findet auch sein erstes eigenes Geld, das er sich als Erntehelfer beim Bauern Spindeck verdiente. Und seinen Opa Stiepmann, mit dem der kleine Wim spannende Spaziergänge und Ausflüge unternahm, verewigte er als „die Universität meines Lebens.“

So gesehen



Kinder, wie die Zeit vergeht. Ist es wirklich wahr, dass Wim Thoelke (siehe Bericht auf Lokalseite 3) heute schon 86 Jahre alt würde, wenn er noch unter den Lebenden wäre und dass sein letzter Großer Preis schon 21 Jahre zurückliegt. Und nicht nur ich war dabei. Mein Gott, man kommt in die Jahre. Donnerstagsabends, 19.30 Uhr. Das war damals Thoelke-Time. Der Showmaster, der so viele kluge Fragen an so viele kluge Leute stellte, beindruckte mich nachhaltig. Dabei kam mir Big Wim nie wie ein Showmann, sondern eher wie ein bodenständiger Nachbar vor. Dass er tatsächlich ein Nachbar aus Speldorf war, erfuhr ich erst Jahre später, als er in seiner Show um den Großen Preis einen Kandidaten aus Mülheim begrüßte. Auch wenn die Preise, die man heute bei TV-Shows gewinnen kann größer und die Showstars glamouröser geworden sind, würde man sich heute im Fernsehen manchmal etwas mehr Big Wim und etwas weniger Top-Model und „Deutschland sucht den Superstar“ wünschen. Klüger wär’s für uns Zuschauer auf jeden Fall.

Dieser Text erschien am 9. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung



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