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Was dem Geschäftsführer des Paritätischen Initiative für Arbeit (PIA), Frank Schellberg, zum Tag der Arbeit einfällt

Was können wir am 1. Mai feiern, wenn wir den Tag der Arbeit feiern und wohin geht die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt in Zeiten von Arbeitslosigkeit, Fachkräftemangel, prekären Arbeitsverhältnissen und demografischem Wandel? Darüber sprach ich für die NRZ mit dem Geschäftsführer der Paritätischen Initiative für Arbeit, Frank Schellberg , dessen Arbeit darin besteht, Menschen durch gezielte Förderung wieder in Arbeit zu bringen.

Frage: Warum haben wir Grund, unsere Arbeit zu feiern?

Antwort: Arbeit strukturiert das Leben und ist das wichtigste Moment unserer persönlichen Teilhabe an der Gesellschaft. Menschen haben deshalb ein Recht auf Arbeit, aber auch eine Pflicht zur Arbeit, um sich mit ihren persönlichen Fähigkeiten an den gesellschaftlichen Aufgaben zu beteiligen. Meine Erfahrung ist, dass fast alle Menschen das auch selbst wollen und daraus einen wichtigen Teil ihres Selbstbewusstseins ziehen.

Frage: Viele Arbeitssuchende oder prekär Beschäftigte haben das Gefühl, dass ihre Arbeit immer weniger wert ist.

Antwort: Das hat damit zu tun, dass unser Arbeitsmarkt immer komplexer geworden ist und viele Menschen unter Rahmenbedingungen arbeiten, in denen sie zu wenig Anerkennung für ihre Leistung bekommen und selbst sehen können: Das hast du geschafft. Diese positive Rückmeldung funktioniert in kleinen und mittelständischen Unternehmen oft noch besser als in großen. Menschen brauchen aber Erfolgserlebnisse, um motiviert und leistungsfähig zu sein.

Frage: Macht technischer Fortschritt nicht viele Arbeitsplätze überflüssig?

Antwort: Ich halte es für eine Illusion zu glauben, dass immer mehr Arbeit überflüssig würde und wir uns als Industrieländer nur noch auf Rationalisierung und technologischen Fortschritt konzentrieren bräuchten, während die eigentliche Handarbeit in Billiglohnländern erledigt werden könnte. Die Menschen in den Schwellenländern werden auf Dauer nicht unsere Arbeit machen.

Frage: Wie bekommen wir wieder mehr Menschen in menschenwürdige Arbeit?

Antwort: Wir müssen begreifen, dass jeder Mensch ein Potenzial hat und wir auch im demografischen Wandel alle Menschen brauchen und ihre Potenziale besser ausschöpfen müssen, als wir das bisher getan haben. Dafür brauchen wir mehr Dynamik: Arbeitgeber und Arbeitnehmer müssen sich gemeinsam überlegen: Welcher Mitarbeiter passt zu welcher Aufgabe und wie kann man sein Potenzial im Sinne sozialer Personalentwicklung abrufen und weiterentwickeln? Denn dort, wo mehr Zufriedenheit entsteht, entsteht auch mehr Leistungsfähigkeit.

Frage: Gibt es denn wirklich Arbeit für alle und wer soll das bezahlen?

Antwort: Schon heute spüren wir eine Verknappung der Arbeitskräfte. Langfristig kann man vielleicht sogar das Wort Vollbeschäftigung wieder in den Mund nehmen. Es ist genug Geld da, wenn man sieht, dass die Ausgaben für Arbeit und Soziales die größten Haushaltsposten der öffentlichen Hände darstellen. Wir müssen nur Arbeit finanzieren statt Arbeitslosigkeit. Und auch sinnvolle Arbeit, die in unserer Gesellschaft gemacht werden muss, sehe ich in ausreichendem Maße. Das reicht von der Kindererziehung bis zur Altenpflege und von Technik und Forschung bis zur öffentlichen Grünpflege oder Mobilitätsdienstleistungen für Senioren.

Frage: Wird es aber nicht immer Menschen geben, die man aufgrund ihrer Handicaps nicht in den Arbeitsmarkt integrieren kann?

Antwort: Ich sehe das nicht. Ich meine: Wir haben nur einen Arbeitsmarkt. Und es verbietet sich für unsere Gesellschaft, bestimmte Menschen aufgrund ihrer Handicaps vom Arbeitsmarkt auszuschließen, so wie wir ja jetzt auch in unserem Bildungssystem Inklusion anstreben, also das gemeinsame Lernen von Menschen mit und ohne Handicap. Dort, wo Menschen auf dem gemeinsamen Arbeitsmarkt ihr Potenzial noch nicht voll abrufen können, muss man fragen, welche Unterstützung oder Entlastung brauchen Arbeitnehmer und Arbeitgeber. Und dann kann man dort ganz gezielt und individuell öffentliche Lohn- oder Organisationskostenunterstützung geben, um sinnvolle Arbeit auch wirtschaftlich möglich zu machen.

Der Sozialpädagoge Frank Schellberg (50) arbeitet seit 23 Jahren daran, Menschen mit zum Teil schwierigen Bildungs- und Berufsbiografien in Arbeit zu bringen. Zunächst arbeitete er als stellvertretender Leiter der Berufsbildungswerkstatt, ehe er vor 15 Jahren Geschäftsführer der aus dem Paritätischen Wohlfahrtsverband hervorgegangenen Paritätischen Initiative für Arbeit (PIA) wurde. Im Auftrag der Mülheimer Sozialagentur und der Arbeitsagenturen in Duisburg und Bottrop begleitet und berät die PIA Menschen auf der Suche nach einem Arbeitsplatz. Sie selbst beschäftigt insgesamt 100 Mitarbeiter, davon 50 in sogenannten Stadtdiensten. Dazu gehören zum Beispiel die Radstationen am Hauptbahnhof und am Bahnhof Styrum, der Lieferservice Shop & Go oder das Angebot Komfort, unter dem Haushaltshilfen, sowie EDV- und Telefonservice und haustechnische Dienstleistungen firmieren. Außerdem betreibt PIA im Auftrag des Mülheimer Sportservice (MSS) das Styrumer Naturbad.

Dieser Text erschien am 1. Mai 2013 in der Neuen Ruhr Zeitung

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