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Wie geht es an der Bruchstraße weiter? Die Handwerkerschule in Eppinghofen braucht jetzt vor allem eines: Handwerker

Im April schien alles klar. Das Bündnis für Bildung hatte den Bürgerentscheid für den Erhalt des Schulstandortes an der Bruchstraße mit 63:37 Prozent der abgegebenen Stimmen gewonnen. Lehrer, Schüler und Eltern sollten und konnten weitermachen und haben ihre Schule inzwischen zur Handwerkerschule weiterentwickelt. Doch das Geld für überfällige Reparaturarbeiten am Schulgebäude konnte bisher doch nicht fließen.


Denn wie Schuldezernent Ulrich Ernst den betroffenen Schülern im Bildungsausschuss mitteilte, hat die Stadt aufgrund des Schwebezustandes für den Standort und seine Generalüberholung keine Mittel in den laufenden Haushalt eingestellt. Das hat Stadtkämmerer Uwe Bonan jetzt nachgeholt. „Wir haben unsere Hausaufgaben gemacht. Jetzt muss die Politik entscheiden“, sagt er mit Blick auf die 8,6 Millionen Euro, die die Verwaltung für die kommenden Jahre 2013, 2014 und 2015 in den Haushalt eingestellt hat.

Während die SPD erst gestern in einer Pressemitteilung den Chef des städtischen Immobilienservice, Frank Buchwald, aufforderte sofort die Handwerker in Marsch zu setzen, um den akuten Reparaturbedarf schrittweise abzuarbeiten, bleiben bei den Gegnern des Bürgerentscheids (CDU, FDP, Grüne und MBI) Vorbehalte. Die Vorsitzende des Bildungsausschusses, Meike Ostermann (FDP, betont mit Blick auf die Finanzlage der Stadt und die Zukunft des Schulstandortes in Eppinghofen, dass der Bürgerentscheid nur über den Erhalt, aber nicht über finanzielle Verpflichtungen für die dort notwendigen Sanierungsmaßnahmen entschieden habe.

Stadtkämmerer Bonan weist auf die Bestandsaufnahme hin, die während der Sommerferien und unter Beteiligung von Immobilienservice, Schulleitung und Gutachtern allein für das Schulgebäude einen Sanierungsbedarf von 6,2 Millionen Euro festgestellt hatte. Reparaturbedarf gibt es dort offensichtlich von den Fußböden über die Heizung und Fenster bis zum Dach. Zusätzliche Kosten bringen eine notwendige Feuerwehrumfahrung, der Abriss eines maroden Schulpavillons und Neubaumaßnahmen für die Ganztagsbetreuung mit sich.

Würde man auch die alte Turnhalle und das gesamte Schulgelände auf den neuesten Stand der Technik bringen, würde das nach Bonans Einschätzung langfristig bis zu 12,3 Millionen Euro kosten.

Die Kosten für akute Reparaturmaßnahmen kann der Kämmerer nicht beziffern. Aber er gehe davon aus, dass „der Immobilienservice die Verkehrssicherung im Schulgebäude an der Bruchstraße genau im Blick hat und dass Dinge, die sofort repariert werden müssen, auch gemacht werden.“ Die Stadt hat einen Feuerwehrtopf für laufende Reparaturmaßnahmen, in den sie pro Jahr 500.000 Euro einstellt.


Kommentar

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass ausgerechnet eine Handwerkerschule auf überfälligen Reparaturen sitzen bleibt, weil die Stadt das Geld nicht freigibt. Dabei ist es ja noch gar nicht so lange her, dass an der Bruchstraße über den ganz großen Wurf einer Zukunftsschule und ein entsprechendes Investment von 8,4 Millionen Euro nachgedacht wurde, ehe der Schulstandort insgesamt in Zweifel geriet, um dann im Frühjahr durch einen Bürgerentscheid gerettet zu werden.

Das darf man wohl eine schulpolitische Achterbahnfahrt nennen. Dabei könnte dem Aufschwung des gewonnenen Bürgerentscheids jetzt wieder ein Abschwung folgen, wenn überfällige Reparaturmaßnahmen nicht bald angegangen und damit nicht nur der Bürgerwille, sondern auch die anerkannte pädagogische Arbeit an der Bruchstraße konterkariert würde.

Wer das zuließe, bräuchte sich anschließend über Politiker,- Parteien- und Demokratieverdrossenheit nicht mehr zu wundern. In einem Stadtteil, in dem Menschen aus 94 Nationen zusammenleben, ist die Zukunft der berufs- und praxisorientierten Handwerkerschule eine Nagelprobe, ob wir als Stadtgesellschaft nicht nur die Integration von Zuwanderern fordern, sondern das multikulturelle Zusammenleben auf der gemeinsamen Basis von Sprache, Bildung, Frieden, Freiheit und Demokratie auch ganz praktisch fördern. Ein angemessenes Bildungsangebot, das Lebens- und Teilhabechancen eröffnet, ist dafür die Voraussetzung. Wer auch morgen noch im sozialem Frieden leben will, muss heute in Bildung investieren. Dabei beginnt auch hier die längste Reise mit dem ersten Schritt und nicht erst mit der ersten Million.

Diese Texte erschienen am 3. November 2012 in der NRZ

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